Zwölf Reflexionen am symbolischen Übergangspunkt der Welten in Istanbul

Nach getaner Arbeit in Istanbul bin ich gegen Abend ungeduldig mit Cem Karacas Song „Ich bin ein Nussbaum im Gülhane-Park“ in den Ohren in den Gülhane-Park gelaufen um gänzlich in der Atmosphäre Istanbuls aufzugehen und um meinen Gedanken, die mich seit Tagen begleiten, freien Lauf zu lassen. Herausgekommen sind Sammlungen von Eindrücken und Reflexionen über Fragen, die mich sehr bewegen. Fragen, deren Antworten irgendwo in meinen fragmentarischen Eindrücken von Istanbul verborgen zu liegen scheinen. Antworten, die ich entschlüsseln muss, in der Hoffnung, dass es praktikable Antworten darauf gibt. Das ist mein skizzenhaftes Ergebnis, mein vorläufiges Bosporus-Manifest auf dem Weg vom konkreten Ereignis zur grundsätzlichen Idee:

1. Fasten als kollektives Erlebnis

… fastende Menschen aller Couleur, die sich brüderlich auf dem Sultan-Ahmet Platz versammeln, es sich auf dem Boden gemütlich machen und auf das Fastenbrechen warten, und dabei so wirken, als sei der ganze Platz ein Teil ihrer Wohnung und alle Menschen um sie herum ein Teil ihrer Familie; diese unkomplizierte Haltung imponiert mir: die ganze Welt als eine gemeinsame Wohnung; dann der Sonnenuntergang, die traditionelle Kanonenkugel wird abgefeuert, der Fastentag ist beendet; die Stadt erlebt ihren zweiten Morgen…

2. Mottovorschlag

… „Wenn diese verdammte Welt ihre Tatsachen hat, so haben wir unsere Ideale.“ (D. Cündioğlu)

3. Toleranz statt totalitärer Fantasien

… ein friedliches Nebeneinander von fastenden und nicht fastenden Bürgern, von jungen kuschelnden Pärchen im Gülhane-Park mit hochreligiösen und weltlichen Erscheinungsbildern – ohne grimmig dreinblickende Kulturwächter oder Sittenpolizei; Freiheit und Romantik, wohin das Auge reicht; unbeschwert, und doch irgendwie rücksichtsvoll und dezent… Dies scheint mir als Zukunftsperspektive denkbar: nicht als homogenisierte Zombie-Gesellschaft, sondern als Menschen, die Verschiedenheit aushalten, weil sie selbst Teil davon sind, weil sie damit groß geworden sind und erlebt haben, dass dies die einzige gangbare Lösung für eine in sich widersprüchliche Menschheit ist – wenn alle es schaffen den Diktator in sich zu besiegen, den eigenen Minderwertigkeitskomplex daran zu hindern in Größenwahsinn umzuschlagen; wenn alle sich selbst über eigene positive Werte definieren und auf natürlich Weise zu ihrer Identität zu stehen; statt der Krankheit zu erliegen sich selbst nur dann zu spüren, wenn es Menschen gibt, die sie verachten und demütigen können; wenn alle darauf verzichten, sich über einen aktuellen Feind zu definieren – als Schatten, der seine Urform überbieten will, aber im Grunde sich dazu verdammt dessen uneingestandener und ewiger Sklave zu bleiben; sein ewiges Abbild, als maximale Selbstaufgabe ohne klärendes Bewusstsein; was ich daraus lerne: Sei kein Schatten. Sei Akteur, tritt heraus aus dem Dunkeln. Hier ist alles komplizierter als in deiner Schattenwelt, aber auch besser und beständiger. Und hier dreht sich nicht mehr alles um dich, sondern hier ereignet sich kollektive wechselseitige Welt.

4. Sich für die Rechte der anderen engagieren

… Gespräche mit Konservativen, Liberalen, Deutschen, Türken, Kurden und Aleviten… die bedrückende Erkenntnis, dass im Hintergrund des Friedens die Ideologen verbissen versuchen die Gesellschaften auseinander zu reißen, dass viele Kurden und Aleviten sich weiterhin unverstanden und unerwünscht in der Türkei fühlen, dass dieses Fremdheitsgefühl womöglich aber auch zu einem Teil ihrer Identität geworden ist… Während Himmel, Erde, Wind und Wasser mir hier von grenzenloser Freiheit berichten, liegen unsichtbare schwere Ketten an den Menschen aus den Minderheiten an… aber siehe da: die Mehrheitsvertreter hier reden ähnlich; auch sie fühlen sich unverstanden von der Welt, verachtet, gedemütigt, in eine Ecke gedrängt; und damit herausgefordert zu noch mehr Stolz, zu noch mehr Selbstbeweihräucherung, zu noch mehr Selbstüberhöhung; aber wie dem auch sei: Prinzipiell obliegt es zunächst der Mehrheit sich um die Wahrung der Rechte der ohnehin schwächeren Minderheiten zu kümmern; sich für seine eigenen Rechte einzusetzen ist Klugheit; zur Tugend und religiös interessant wird es aber erst, wenn man sich gerade für die Rechte anderer, für die „outgropus“ einsetzt; bei all dem gilt aber auch: Wir können uns nicht alleine gegen den Rest der Welt befreien; entweder befreien wir uns alle gemeinsam gegen die destruktiven Kräfte, die in unserem eigenen Gedärm nächtigen – oder wir gehen alle eines Tages gemeinsam qualvoll unter, jeder den anderen beschuldigend das Schiff zum Kentern gebracht zu haben; eine dritte Option gibt es nicht…

5. Pluralismus und Bildung statt ideologisierte Verblödung

… Kopftücher, sommerliche Kleidungen, Natürlichkeit, ein harmonisches Nebeneinander; besser als in allen Theorien von Vulgär-Säkularisten, selbsternannten Kulturrettern und totalitären Religionsideologen; Keimzellen gesellschaftlicher Freiheit, wie sie dem uneinheitlichen Menschen entspricht, wie sie allen Adamskindern zusteht… Keimzellen, denen totalitäre Geister als erklärte Gegner gegenüberstehen… Es ist noch nicht absehbar, wer stärker sein wird… aber es ist absehbar, dass der Konflikt an allen Fronten weitergehen wird, und dass die Freunde der Freiheit, wie ich sie hier meine, sich besser bilden, organisieren und motivieren müssen, um den selbsternannten Eskalationspropheten etwas Dauerhaftes entgegenzusetzen; nicht etwa im Sinne von noch mehr Konflikt und Zusammenprall (das sollen die Kulturkämpfer machen, da sie ja sonst nichts können), sondern etwas, das den Zusammenprall umgehbar macht; gelebte Menschlichkeit und wahre Menschenbildung, „höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte des Menschen zu einem Ganzen“ (W. v. Humboldt)…

6. Wissenschaftsgeschichte als Anklage an die Gegenwart

… Fuat Sezgins Museum der islamischen Wissenschaftsgeschichte, ebenfalls im Gülhane-Park, reich an Dokumenten einstiger Kreativität, Genialität und hartem Arbeitseifer; je nach Geschmack ist dieses Museum eine Sammlung interessanter Kuriositäten, ein Beleg für die einstige Vorreiterrolle der Muslime in den Wissenschaften oder ein Grund stolz auf eine Vergangenheit zu sein, von der uns Jahrhunderte tiefe und unüberbrückbare Gräben trennen; für mich ist es in erster Linie eine Anklage an unsere heutige geistige Verfasstheit, ein vorerst abschließendes und vernichtendes Urteil über die zeitgenössische islamische Zivilisation; und ein guter Grund um mehr zu arbeiten, zu zweifeln, zu lesen, und nachzudenken als es die Alltagspflichten je fordern könnten

7. Stolz und Demut

… die gewaltige Bosporus-Brücke, die ich hier vom Cafe aus sehen kann, eine Brücke, die Asien und Europa verbindet; zwei hohe Pylone, die die Brücke mittels Stahlseilen tragen und die stolz in den Himmel ragen, aber doch nur scheinbar prahlend und überheblich… denn es sind zugleich Pylone, deren Fundamente tief in die Erde getaucht sind… dort, wo sie sich in höchster Bescheidenheit üben, wo sie sich nicht zu vornehm sind im schlammigen Erdreich zu versinken, um hieraus jene gewaltige Kraft zu schöpfen um den Menschen unbedacht ihrer Identität, Absicht oder Tat zu dienen, sie sicher zu führen zwischen den Kontinenten und den Welten, während sie Sturm und Wasser friedlich abfangen bei Tag und Nacht… Lasst uns Pylone sein…

8. Kulturen fortführen oder vernichten?

… Hagia Sophia, einstiges Wahrzeichen des byzantinischen Reiches, altehrwürdiges Prachtstück Istanbuls; erobert durch die Osmanen wurde sie in eine Moschee umfunktioniert; die christlichen Mosaiken und Fresken wurden vorsichtig mit Putz bedeckt, um dem islamischen Ritus zu genügen; heute sind die christlichen Motive zu wichtigen Teilen wieder freigelegt; sie machen mir auf eine schwer umschreibbare Weise Mut; die Osmanen zeigten einen bemerkenswerten Respekt vor dem, was sie vorfanden; der osmanische Baustil ist über mehrere Jahrhunderte eine Auf- und Übernahme christlich-byzantinischer Baukunst, die säuberlich weiterentwickelt wurde; nicht Vernichtung, sondern Fortführung und Überbietung war hier offensichtlich das Motto; das Ergebnis spricht für sich; der Vergleich mit den IS-Satanisten zeigt den Unterschied zwischen islamischer Hochkultur mit Geschichtsbewusstsein und identitätslosen Religionsräubern… erstere schufen Zivilisation, letztere vernichten sie… das ist ein rationaler Grund um erstere zu schätzen und letztere zu verachten… Es ist noch nicht entschieden, welcher Geist das Gesicht des Islams in den nächsten Jahrzehnten bestimmten wird… Was ich daraus lerne: bleibe nicht neutral, ergreife begründet Partei. Nicht um die Öffentlichkeit zu unterhalten, sondern für deine eigene Lebensplanung.

9. Blinde Flecken des Kalifats vor seinem Untergang

… Istanbul, Stadt der Sultane und Kalifen… Kalifen, die im 19. Jahrhundert Porträts malten und Klavier spielten… Kalifen, die mit deutschen Kaisern befreundet waren, die mit diesen Waffenbrüderschaft schlossen, gemeinsam in den 1. Weltkrieg zogen und gemeinsam den Kürzeren ziehen mussten… Kalifen, die auf bizarre Weise dem Barock verfallen waren… Kalifen, die ihre neue Residenz im19. Jahrhundert von armenischen Architekten entwerfen lassen mussten – weil sie ihre eigene türkische Gefolgschaft kulturell und technisch schon weit hinter den Möglichkeiten ihrer Zeit gelassen hatten… ein Rückfall, der bis heute nicht aufzuholen ist … ein derart hartnäckiger Rückfall, der selbst vielleicht die Hauptursache des heutigen Unvermögens ist eben diesen Rückfall überhaupt zu bemerken und zu benennen…

10 Aneignung und Überwindung von Geschichte

… Menschen, Kulturen, Geschichte – Geschichte muss angeeignet werden, damit sie verstanden und überwunden werden kann… Damit sie Platz für neue Zukunft und Geschichte macht… Damit sie uns von ihren Ketten lösen kann, im Zutrauen, dass wir sie nicht zerstören, sondern sie annehmen und zu besserer Zukunft zurücklassen wollen…

11. Das Verhältnis von Geschichte und Idee

… Aneignung von Geschichte setzt Mut zur Enttäuschung, zum Zweifel und zu neuer Selbstbekehrung voraus; dafür verspricht sie Erkenntnisse und Einsicht auch an entlegeneren Stellen; der größte Fehler dabei ist, dass Geschichte oft mit Idee verwechselt wird; aus aktueller Armut an Geist und Idee versucht man Geschichte zu wahrer und ursprünglicher Idee zu erklären; so erfindet und lügt man sich eine Geschichte und Tradition zusammen, die hier und heute Identität bekräftigen und Idee ersetzen soll; Idee kann jedoch nur treibende Kraft werden, wenn sie trotz aller Abhängigkeit ein Stück weit von Geschichte losgelöst gedacht wird; sonst wird Geschichte zur lediglichen Reproduktion des Weltbildes der aktuellen Kräfte, also der unbeglaubigten Führungselite mit fraglicher Absicht; wahre Idee kommt aus der Geschichte, überschreitet sie aber auch zugleich in das Reich der Möglichkeiten und Ideale hinein; Idee kann Attraktor und Führer durch das Dunkel sein; ohne dieses Reich der Ideen können wir nicht leben – zumindest nicht als Menschen, die mehr sind als nur Materie und Gegenwart…

12. Nationalismus und islamisch verschleierte Selbstvergottung

… Nationalismus, Gift des politischen Verstandes; Totalitarismus, krankhafte Ausgeburt des sich selbst verabsolutierenden Menschen; während der Koran selbst in der Begegnung mit Juden und Christen das Prinzip formuliert, dass keine Seite sich die jeweils andere zum Gott nehmen soll (Sure 3, Vers 64), erheben sich angeblich muslimische Interessengruppen heute zum Gott für alle – teils offen, teils womöglich auch verschlüsselt; große Teile vorgeblich islamischer Ideologie in der Moderne zeigen sich bei näherem Hinsehen als ein Versuch zu äußerlich und rhetorisch islamisierter Selbstvergottung, also zum maximal denkbaren Selbstwiderspruch, der nur durch eine totale Vergewaltigung der Vernunft ausgehalten werden kann; wer aber keine Vernunft hat, hat auch keine Religion und scheitert so schon an der ersten Hürde zum Islam; was danach folgt ist vielleicht genau aus diesem Grund nur eine Karikatur des Islam; der maximale Selbstwiderspruch, der in islamisierten Selbstvergottungsversuchen liegt, ist nur durch einen radikalen Akt der Selbstüberwindung, durch in gottesdienstlichem Ernst durchgeführte Selbstkritik auflösbar; die andere Alternative ist die Selbstzerstörung – also genau das, was wir heute in großen Dimensionen in der sogenannten islamischen Welt tagtäglich bezeugen müssen; Selbstüberwindung ist Selbstrücknahme, damit Geist und Gewissen in den Vordergrund treten und die Führung übernehmen können; Selbstzerstörung hingegen ist die unvermeidbare Konsequenz, wenn islamischer Geist beginnt sich zum gottgleichen Wesen zu erheben, seine eigenen Götzenbilder zu schaffen und vor diesen zu knien – weil der weltanschauliche Gegner ihn nicht ehrt und ihm so einen ersten Schritt zur Selbstverehrung zeigt; Selbstzerstörung ist dort auch für die Außenwelt verheerend, wo geschändet, gemordet und vergewaltigt wird, aber nicht im Namen des eigenen verächtlich gewordenen Ungeistes – das wäre wenigstens ehrlich –, sondern im Namen der eigenen Fundamente, auf denen man zusammen mit vielen anderen steht, Fundamente, denen man vorgeblich Treue geschworen hat, die nicht ersetzbar sind, und die so in kürzester Zeit aufgezehrt werden; dies ist der größte Verrat am Glauben; denn der einfache Sünder ist ehrlich und schadet zunächst einmal höchstens sich selbst; der islamische Selbstvergotter hingegen verschleiert systematisch seine Selbstvergötzung hinter professioneller Islam-Rhetorik und tötet dabei genau die Idee, als deren größter Diener er sich ausgibt; darum ist der muslimische Selbstvergotter im Vergleich zum muslimischen Sünder das wesentlich größere und gefährlichere Problem für den zeitgenössischen islamischen Geist…


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