Zuversicht statt Resignation

2014 war ein emotional schwieriges Jahr für uns Muslime in Deutschland. Neben den üblichen Islamdebatten, neuen Anti-Islam-Demos und Bildern von humanitären Katastrophen in der islamischen Welt wurden wir auch Zeugen einer gestiegenen Anzahl von Anschlägen auf Moscheen in Europa und dem medialen Großauftritt der Terrormiliz „Islamischer Staat“, die offensichtlich aller Welt bleibende Angst vor unserer Religion einjagen möchte. Bei all diesen schlimmen Entwicklungen, möchte man als Muslim manchmal einfach nur noch resignieren und sich eine Decke über den Kopf ziehen.

Dies wäre zwar menschlich nachvollziehbar, aber heute es ist der falsche Moment um sich allzu menschlich zum inneren Rückzug zu entschließen. Vielmehr meine ich, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist, sich seiner selbst zu ermächtigen und dem grassierendenIrrsinn eine vernünftige, selbstbewusste und zuversichtliche Haltung entgegenzusetzen. Das heißt: Farbe zu bekennen hinsichtlich seiner Wurzeln, seiner Identität als Muslim und zugleich hinsichtlich seines Lebens als Bürger dieses wunderbaren Landes. Das heißt ferner: noch deutlicher als bisher zugleich zu seinen muslimischen wie auch nichtmuslimischen Mitbürgern zu stehen, während andere auf Entfremdung und Eskalation hoffen.

Das setzt voraus, dass wir keine Opferhaltung einnehmen, sondern erkennen, dass unsere selbstbewusste Anwesenheit in der Gesellschaft heute mehr denn je gebraucht wird. Und es setzt voraus, dass wir uns immer wieder bewusst machen, dass das Positive um uns nach wie vor bei weitem überwiegt. Also dass uns und unseren Familien so wie allen Menschen in diesem Land von Gott ein Leben in Frieden und Wohlstand ermöglicht wurde.

Heute ist ein guter Anlass für ein solches Motto. Denn heute ist nach dem islamischen Kalender der Geburtstag des Propheten Muhammad, auf dem Friede und Segen sei. Viele von uns kennen die Sure 93 „ad-Duhâ“, die der Prophet nach einer für ihn belastenden Zeit, in der die Offenbarungserlebnisse ausblieben, empfing. Diese beginnt mit einem Schwur auf den helllichten Tag und auf die dunkle Nacht, wenn sie ihren stillsten Moment erreicht. Und wie eine Vorwegnahme des nächsten Sonnenaufgangs, dessen Keim im dunkelsten Moment der Nacht verborgen liegt, fährt die Sure fort mit tröstenden Worten der Zuwendung Gottes zum Propheten, mit der Verheißung einer besseren Zukunft und einer Erinnerung an die Gaben Gottes. Als Fazit folgen ein Aufruf zum sozialen Handeln und die abschließenden Worte: „Und was die Wohltaten deines Herren anlangt, sprich von ihnen.“

Demnach ist es also prophetischer Geist, auch in schwierigen Zeiten nicht zu resignieren, sondern das Gute und Positive um sich herum zum Gegenstand der eigenen Gedanken und Worte zu machen. Ein solcher nüchterner Blick auf das viele Gute kann uns auch dann Kraft geben, wenn andere schon längst aufgegeben haben. Eben dies könnte doch ein Motto für 2015 sein: Seinen Mitmenschen Kraft und Zuversicht geben, indem wir selbst diese tagtäglich leben und vorleben.

(Mein Beitrag vom 10.10.2014 in „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo)