Wilhelm von Humboldts Bildungsbegriff

Ich gestehe: Ich bin ein großer Bewunderer der von Wilhelm Dilthey als “Deutsche Bewegung” bezeichneten Periode, die manche von 1781 (Erscheinungsjahr von Kants Kritik der reinen Vernunft) bis 1831 (das Todesjahr Hegels) datieren. Was diese Periode rückblickend so großartig macht, ist die Dichte und Intensität, mit der gedichtet, philosophiert, gestritten und über die rechte Erziehung und Bildung des Menschen nachgedacht wurde (“Bildung” ist übrigens im modernen Sinne ein genuin “deutsches” Konzept, das kaum adäquat übersetzbar ist). Zugleich wurden Toleranz und Weltoffenheit zu zentralen Themen, was zeigt, dass in dieser Phase eigentlich das (bis heute unverwirklichte, und eher in das Gegenteil verkehrte) Potenzial lag den gerade sprießenden Nationalismus langfristig obsolet zu machen und zu überwinden.

Einer der für mich prägendsten Namen aus dieser Periode ist Wilhelm von Humboldt, dem wir letztlich das heutige Gymnasium und zahlreiche Impulse zum Konzept der Allgemeinbildung des Menschen verdanken. Was ihn mir zusätzlich sympathisch macht, ist sein teilweise schon fast spirituell anmutendes Bildungskonzept fernab von jeglicher industriellen Instrumentalisierbarkeit und sein Interesse an anderen Sprachen, die für ihn Weisen der Welterschließung darstellen. Im folgenden Zitat definiert er nicht nur einen geradezu metaphysisch anmutenden Bildungsbegriff, der mich an das in der islamischen Mystik anzutreffende Bild vom perfekten Menschen als harmonischsten Erscheinungsort aller Namen Gottes erinnert – sondern er mahnt auch dazu, dass Bildung nur in Auseinandersetzung mit einer “Mannigfaltigkeit der Situationen” möglich ist, also mit Vielfalt, insbesondere in der in Menschen verwirklichten Form. Klasse!

“Der wahre Zweck des Menschen – nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt – ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwickelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng Verbundenes: Mannigfaltigkeit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus.” (Aus: W. v. Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.