Wie aus großen Schülern große Lehrer wurden (SWR Aktuell)

Im goldenen Zeitalter des Islams waren die Muslime für mehrere Jahrhunderte führend in Medizin, Naturwissenschaft und Philosophie. Dem folgte ein dramatischer Niedergang, der bis heute nachwirkt. Doch was war damals anders? Betrachten wir dazu folgendes Zitat:

“Ich aber widmete mich dem Studium der Bücher, der Grundtexte wie der Kommentare, aus den Gebieten der Naturwissenschaften und der Metaphysik, und die Tore der Wissenschaft taten sich vor mir auf.”

So beschreibt vor gut tausend Jahren der muslimische Universalgelehrte Avicenna aus Buchara im heutigen Usbekistan seinen grandiosen Bildungsweg als hochbegabter Jugendlicher. Dank der Förderung der Wissenschaft an den Höfen im Abbasidenreich wurde er zu einem der einflussreichsten Philosophen des Islams. Er schuf eine Synthese aus den Lehren des Korans und der aristotelischen Philosophie. Und er veränderte trotz zahlreicher Widerstände die Geisteswelt der Muslime bis weit nach dem 15. Jahrhundert. Sein ins Lateinische übersetzter „Kanon der Medizin“ wiederum war bis ins 16. Jahrhundert in Europa ein Standardlehrwerk der Medizin. Avicenna wurde so auch ein Lehrer des christlichen Europas.

Dennoch wirken die Erinnerungen an das goldene Zeitalter des Islams, in dem Avicenna gewirkt hat, irgendwie surreal. Seit über zweihundert Jahren zerbrechen sich muslimische Intellektuelle den Kopf über die Ursachen des kulturellen Niedergangs der islamischen Welt und suchen Auswege. Lösungsversuche in Form von autoritärer Säkularisierung oder autoritärer Islamisierung sind gescheitert. Ich denke, dass folgende Merkmale des goldenen Zeitalters des Islams auch ohne jede Verklärung bessere Lösungswege nahelegen:

1) Sowohl die Kalifen des Abbasidenreiches, als auch Eliten verschiedenster Bevölkerungsgruppen Bagdads, investierten vom 8. bis zum 10. Jahrhundert viel Geld und Mühe in Übersetzungen von Werken aus der griechischen Antike, aber auch der persischen und indischen Welt ins Arabische. Die Wissenschaften der Muslime erblühten auf dieser Basis, entwickelten eigene Profile und erbrachten schließlich eigene Erfolge.

2) An all dem hatten religiöse wie weniger religiöse Muslime ebenso Anteil wie Juden und Christen.

3) Die Abbasiden waren zudem keine arabischen Nationalisten, sondern sahen sich auch als Träger der reichen persischen Kultur.

4) Bibliotheken und das Beschäftigen hochkarätiger Wissenschaftler waren selbst in Kriegszeiten Statussymbole.

5) Muslimische Emire ließen sich an ihren Höfen abends die Philosophie des Aristoteles erklären und diskutierten diese.

Das produktive Gemenge vom 8. bis zum 10. Jahrhundert war also interkulturell, interreligiös und vom gemeinsamen Bildungsinteresse vieler Bevölkerungsgruppen zugleich getragen. Insbesondere war das damalige Bildungsideal über weite Strecken relativ frei von staatlicher Zensur und Repression.

Das ist die historische Erfahrung des Islams: Lange bevor die Muslime zu großen Lehrern Europas und anderer Kulturen wurden, waren sie selbst großartige Schüler eben dieser Kulturen. Diese Haltung verdient es heute mehr denn je von der islamischen Welt wiederentdeckt und aktualisiert zu werden.

(Mein aktueller Beitrag für Islam in Deutschland auf SWR Aktuell)


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