Wer muss nach den Anschlägen in Paris handeln?

Eine der Hauptursachen vieler problematischer Analyseversuche von muslimischer wie nicht muslimischer Seite nach solchen grausigen Ereignisse wie gestern Nacht liegt meiner Meinung nach in folgender falschen Annahme:

„Muslime weltweit bilden ein Kollektiv, das nach lokalen identitätsrelevanten Ereignissen auch nur als Kollektiv analysiert werden kann.“
Und:

„Der ‚Westen‘ bildet ein Kollektiv, das nach identitätsrelevanten Ereignissen auch nur als Kollektiv analysiert werden kann.“

Dabei wurde Paris aus dem selben Grund angegriffen wie kürzlich Ankara. Wer das Problem dahinter verstehen will, wird nach den Gemeinsamkeiten dieser Anschläge suchen.

Sie führen alle geradeaus zum IS und seinen sozialen Strukturen und Netzwerken.

Die wichtige Frage lautet: Wie können Muslime und Nichtmuslime gemeinsam den IS und seinen Einfluss- und Operationsmöglichkeiten einschränken, oder langfristig gar beseitigen?

Wenn das Ziel Beseitigung der Gefahr lautet, dann muss die konkrete Operations- und Agitationsstruktur des IS analysiert werden.

Acht Terroristen mit Hintergrundlogistik waren hier am Werk. Das gilt es erst einmal nachzuvollziehen, bevor nach den richtigen weiteren Schritten gesucht wird.

Es sind hier vor allem Politik, Staatssicherheit und Geheimdienste gefordert. Und zwar nicht nur „westliche“, sondern auch „muslimische“.

Einen anderen, nicht minder wichtigen Zweck übernehmen z. B. die vielen guten islamisch-theologischen Widerlegungen des perversen „IS-Islam“, ebenso Solidaritätsbekundungen und Forderungen nach einem sachlichen Diskurs – nämlich den Erhalt der Stabilität unserer Gesellschaften, ggf. auch Prävention.

Aber: Wenn es um die Beiseitigung oder gar Vernichtung des IS geht, werden mit solchen eher intellektuellen, verbalen und humanen Argumenten IS-sozialisierte Menschen nicht zu überzeugen sein.

Eine einmal ins Rollen gekommene Lawine lässt sich nicht mit Argumenten allein stoppen. Hier bedarf es auch physischer und struktureller Bollwerke auf verschiedenen Ebenen.

Dazu muss aber das Problem erst einmal klar lokalisiert werden. Das ist eine der größten Schwächen in der gesamten Debatte, da kaum jemand Einblick hat in das, was da passiert.

Hier ist es dann leicht irgendwelche linearen Zusammenhänge oder Kollektivverantwortungen zu fingieren – aber solange Strukturen wie IS „nur“ wirksam und taktisch intelligent sind, aber keine quantitativ wesentlichen Gruppe unter 1,5 Milliarden Muslimen darstellen, sind „Islam-Analysen“ um das Problem zu verstehen oder zu lösen höchstens nur einer von vielen Teilen des Puzzles.

Ich halte die IS-Theologie auch für eine Gefahr.

Sie alleine erklärt aber noch nicht viel, da Menschen nicht mechanisch nach irgendwelchen theologischen Meinungen handeln, die jemand ihnen verklickert hat.

Wichtiger ist darum, dass jetzt die richtigen Instanzen die Hauptverantwortung für das weitere Vorgehen übernehmen – der notwendige Dialog ist hier der Dialog zwischen z. B. Behörden und Geheimdiensten von Ländern, die in unterschiedlichem Ausmaß von der IS-Thematik betroffen sind.

Muslime wie Nichtmuslime müssen hier also kooperieren – vor allem auf dieser politisch relevanten Ebene. Diese Ebene wird für uns kaum sichtbar sein. Ich vermute, dass dieser Bereich sträflichst vernachlässigt wird.

Wenn der Feind jedoch offensichtlich gemeinsam ist, dann muss er auch gemeinsam bekämpft werden. Und zwar innerhalb der Kategorien, in denen der Feind agiert. Diese physisch wirksamen Kategorien sind primär logistischer, militärischer und angstpsychologischer Art. Die theologische Dimension ist auch relevant. Aber sie ist hier kein unabhänger Akteuer. Darum sind rein theologisierende oder ideologisierende Ansätze nicht Teil der Lösung, sondern ein Aufgehen der Strategie des IS.


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