Wer ist auf dem richtigeren Weg? (Teil 1: shākila)

Führt der gemeinsame Glaube an ein heiliges Buch nicht zwangsweise dazu, dass sich eine Gruppe von Heilswächtern über die Gemeinschaft erhebt und beansprucht objektive Kriterien für die einzig wahre Weise diesen Glauben zu verstehen zu formulieren?

Aus einer soziologischen Sicht mag diese Konsequenz sowohl in Geschichte, als auch in Gegenwart sehr häufig anzutreffen sein, wenn auch oft in abgemildeter Form.

Aus der Perspektive des islamischen Glaubens, wie ich ihn verstanden habe, steht jedoch selbst beim Vorliegen scheinbar eindeutiger Merkmale für die Abweichung einer Position von einer gottgewollten und somit goldrichtigen ein solches endgültiges Urteil einzig und alleine Gott zu.

Der Koranvers, der mich hierzu immer begleitet hat und mir sowohl den Mut gab eigene Wege im und zum Glauben zu suchen und dabei von meinen eigenen Lebensumständen und nicht von den Gegebenheiten anderer Leuten unter anderen Umständen oder an anderen Orten und Zeiten auszugehen, lautet in etwa so:

“Sprich: Jeder handelt nach seiner Weise – und dein Herr weiß am besten, wer eher rechtgeleitet ist.” (17:84)

Dieser kurze Vers besteht aus zwei Teilen und ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.

Der erste Teil (kullun ya’malu ‘alâ shâkilatihî) stellt die vermeintlich triviale Tatsache fest, dass jeder Mensch nach seiner Weise (shâkila) handelt. Das bedeutet:

(1) Der Mensch ist in seinen Entscheidungen bei weitem nicht so frei, wie er dies vielleicht manchmal meint. Vielmehr ist seine Handlung eine Folge seiner allgemeinen shâkila. Daraus folgt zunächst, dass man die Handlungen eines Menschen in erster Linie als Ausdruck einer eigenen, höchst individuellen und die momentane Situation überdauernden Verfasstheit verstehen muss und nur vor dem Hintergrund dieser Kontextkenntnisse wirklich verstehen kann. Dies gilt insbesondere auch für unsere eigenen Handlungen. Diese Einsicht kann somit zu einer gewissen Gelassenheit und Toleranz gegenüber Handlungen anderer oder unserer selbst führen, die an sich nicht nach vernünftiger Wahl aussehen. Daraus folgt noch nicht die Richtigkeit der Handlungen, jedoch in vielen Fällen eine Verstehbarkeit bzw. Nachvollziehbarkeit derselben. Es ist die allgemeine Verfasstheit, oder shâkila eines Menschen, die aus potenziell unendlich vielen Handlungsalternativen ein paar wenige übrig lässt, und selbst unter diesen meist schon eine bestimmte davon bevorzugt. Doch worin besteht diese shâkila?

(2) Dieses Wort kommt nur an dieser einzigen Stelle im Koran vor und umfasst ein breites Bedeutungsspektrum. So beinhaltet es die Bedeutungen Art und Weise (Hans Wehr), aber auch Natur (ar-Râzî), Religion oder Absicht (at-Tabarî), Charakter oder Gefühlslage (Hamdi Yazir). In jedem Fall wird hier die Individualität der Handlungsvoraussetzungen eines Menschen verdeutlicht – es spricht nichts dafür, dass das seltene Wort shâkilaeine Synonym für die Religion (nach einem Vorschlag at-Tabarîs) des Individuums darstellt, für das es ja eigene Bezeichnungen gibt (z. B. ad-dîn). Darum ist es naheliegend darin eben doch eine zur Religionszugehörigkeit hinzukommende Struktur des Individuums zu verstehen – seine persönliche Art und Weise, seinen Charakter, oder eben seine Absicht. Für letzteres spricht auch der Hadîs “Die Handlungen werden nach den Absichten beurteilt” (inna mâ al-a’mâl bi-n-niya). Aber da es im Vers nicht nur um die göttliche Beurteilungsgrundlage geht, kann hier auch darüber hinaus die gesamte individuelle innere wie äußere Bedingungsstruktur eines Menschen verstanden werden, wie im Folgenden erläutert wird.

(3) Eine wichtige Facette der shâkila eines Menschen sind also ohne Zweifel auch seine Lebensumstände, mithin die spezielle Lebenssituation, in der er sich befindet, und die ihm einen reduzierten Handlungsspielraum lässt und auch gewisse Entscheidungen abnimmt. Denn die Handlungsweise eines Menschen kann niemals entkoppelt von den sehr speziellen Lebensumständen eines Menschen betrachtet werden. Zu diesen gehören alle biografischen Prägungen eines Menschen: sein familiäres und gesellschaftliches Umfeld, seine Lebensperspektiven, seine Bildungsmöglichkeiten und der Platz in der Gesellschaft, an dem er sich wiederfindet. All dies sind Dinge, die ein Mensch nur zu geringen Anteilen nachträglich ändern kann.

Nun haben wir der radikalen Individualität der handlungsbestimmenden shâkila eines Menschen und somit der Relativität der Handlungsperspektiven das Wort geredet.

Aber der Koran ist nun mal kein subjektives Gefühl, sondern liegt einheitlich und in objektivierter Form vor. Damit – so könnte man meinen – hat man doch einen klaren Maßstab dafür, welche shâkila aus islamischer Sicht islamkonform ist, und welche nicht.

Wenn dies stimmt, so besteht das islamische Denken und Handeln im Wesentlichen darin seine eigene shâkila zu erkennen und an dem objektiven Maßstab religiöser Quellen bzw. der Auslegung einer (aus welchen Gründen auch immer) vertrauenswürdigen religiösen Autorität zu messen und zu korrigieren.

Nun, ich selbst sehe den Islam in der Tat auch nicht als einen “Gemüseladen, aus dem sich jeder mitnehmen kann, was ihm gefällt” (Zitat eines muslimischen Bekannten bei einer hitzigen Diskussion über Toleranz). Auch ich versuche meine shâkila zu durchschauen und mein nafs (Seele) zu erziehen (was mir nicht besonders leicht fällt). Und der Islam ist dabei ein wichtiges Kriterium für mich. So gebe ich mir Mühe zu verstehen, was Gott als weiser und barmherziger Schöpfer, der aber zugleich auch Herr ist und meine seelische Reifung wünscht, von mir wollen würde. Soweit stimme also der Gemüseladentheorie meines Bekannten (der sich tierisch über meine Vernunftthemen ärgert) vorbehaltlos zu.

Aber: Ich lehne die Vorstellung ab, dass ein Hakan-normal-Muslim wie ich auch nur im entferntesten über verlässliche Maßstäbe verfügt darüber zu urteilen, welcher Einzelfall nun vor dem Angesicht Gottesgerechtfertigt ist, und welcher nicht.

Das heißt: Die radikale Individualität der shâkila eines jeden Menschen bringt es aufgrund der Gerechtigkeit und Allwissenheit Gottes zwangsläufig mit sich, dass einzig und allein Gott darüber urteilen darf, wer in letzter Instanz, d. h. vor Gott auf dem rechten Weg ist, und wer nicht. Denn nur er kennt unsere individuellen Absichten, Gedanken- und Gefühlsstrukturen, und unsere einzigartigen Lebensumständen und darf darüber urteilen, wer im Rahmen seiner Möglichkeiten die irdischen Prüfungen besteht, und wer nicht.

Beweis gefällig? Hier habt ihr den Beweis, nämlich in Form des zweiten Teils des obigen Verses: “…und dein Herr weiß am besten, wer eher rechtgeleitet ist.” (oder genauer: dein Herr weiß am besten, wer hinsichtlich des Weges rechtgeleiteter ist).

Was folgt nun hieraus im Einzelnen? Ich meine, Folgendes:

(4) Der Vers lehrt den Muslim eine Bescheidenheit im Urteilen über andere. Denn nicht er, sondern einzig Gott weiß, wer letztlich auf dem richtigeren (man beachte den Komparativ!) Weg ist. Es geht hier also darum, dass es auf dem richtigen Weg Abstufungen geben kann, und dass wir nicht immer wissen können, wie diese aus der Perspektive Gottes untereinander und im Einzelfall zu beurteilen sind. Das ergibt auch Sinn: Denn einzig Gott weiß, mit welchen Absichten ein Mensch wie handelt, sprich, was in den Brüsten (bzw. Herzen) der Menschen ist (letzter Satz in 3:154).

(5) Die in der islamischen Praxis verbreitete, auch im Koran anzutreffende und in jedem juristischen System notwendige Methode Menschen nach ihren “messbaren” Aussagen oder Handlungen zu beurteilen, ist eine nur für praktische Zwecke legitimierbare Umgangsform. Sie ist als Grundlage für ein unkompliziertes Handeln und eine für das Subjekt verstehbare soziale Sphäre wichtig, sinnvoll und meistens auch notwendig.

Jedoch ist diese Methode (also das Urteil nach dem Sichtbaren, dem Zâhir) weder ein verlässliches Kriterium für das jenseitige Urteil Gottes, noch für alle Situationen uneingeschränkt verallgemeinerbar. Die klassischen islamischen Rechtsgelehrten waren sich dessen bewusst und wiesen daher sowohl auf den praktisch unvermeidbaren, aber letztlich doch relativen Status des rein Sichtbaren hin (Form und Absicht sind zweierlei Dinge), und formulierten für fast jede islamische Regelung auch Ausnahmefälle (schon der Koran erwähnt z. B. Ausnahmen vom Schweinefleischverbot in Notsituationen, vgl. 2:173).

Von daher ist das Urteil nach dem rein Sichtbaren vergleichbar mit der Rolle von Schulnoten: Noten sind “objektiviert”, in Form von Zahlen – und sie sagen durchaus etwas über die Leistung eines Schülers oder Studenten aus, nämlich den Grad der Passung von Prüfungsfragen und den in diesem Moment gegebenen Antworten.

Jedoch ist diese Zahl niemals ein umfassendes oder unumstößliches Urteil darüber, wie intelligent, mathematisch begabt, bemüht oder reif der geprüfte Mensch wirklich ist, oder ob er wirklich begriffen hat, was er da geschrieben hat. Einzig ein Blick aus einer quasi-göttlichen Perspektive in diesen Menschen würde ein Urteil darüber erlauben, wie dieser Mensch wirklich ist. Dazu müsste man aber die gesamte individuelle shâkila dieses Menschen kennen, also seine persönliche Verfasstheit samt individuellen und äußeren Bedingungen. Da dies nicht geht, greift man trotz allen Problemen auf Schulnoten zurück. Denn man sucht nach einem realistisch umsetzbaren und möglichst allgemeinen Verfahren der Prüfung – ganz ähnlich wie die Systematisierungsversuche von Islamgelehrten auf der Basis vieldeutiger Quellen.

Eine Betrachtung der Nachteile des Notengebungsverfahrens ist möglich, wird auch heute durchgeführt, bleibt jedoch für die etablierte Noten-Praxis in Deutschland meist folgenlos. Aber nur, weil man sich hierzulande auf das Notensystem geeinigt hat, folgt daraus nicht, dass seine “Urteile” in einem höheren Sinne wahre Aussagen liefern, oder dass kein anderes, unter manchen Umständen sogar besseres Beurteilungssystem denkbar wäre.

Wir sind heute auf das Notensystem angewiesen, schreiben ihm jedoch keinen im metaphysischen Sinne endgültigen Verbindlichkeitsgehalt zu. Ebenso verhält es sich mit den universalisierten Ableitungen der islamischen Rechtsgelehrten aus den primären Quellen des Islams. Wären Koran, oder die überlieferten Hadîse als abgeschlossene, streng zusammenhängende und unzweideutige Gesetzbücher ohne Kontexte formuliert – weit davon sind Koran und Hadîs jedoch entfernt – dann könnte ich freilich nicht so argumentieren. Wortlaut, Bedeutung und Verbindlichkeit wären dann eins.

Aber wir müssen uns damit abfinden, dass der Koran vor allem Grundsätze, Richtungen, allgemeine Kriterien und das grobe Raster vorgibt. Die letztlichen Auslegungen sind menschliche Festsetzungen, denen wir aus welchen Gründen auch immer Respekt zollen – diese Auslegungen sind nicht heilig, aber auch nicht vermeidbar, sobald wir in einem sozialen Kontext agieren. Sie sind nicht beliebig, erfordern Wissen, Traditionskenntnisse und Methode – aber sie sind auch nicht deutungsfrei, geschweige denn nur im Sinne von dieser oder jener Rechtsschule zu verstehen. Die Gelehrtentradition ist eine bewährte Umgangsform damit – aber sie ist weder einheitlich, noch durchgehend überzeugend, noch die einzig islamisch denkbare. Wir brauchen sie als Grundlage für Argumentationen, jedoch geben sie nicht auch schon die Grenzen des islamisch Denkbaren vor.

Ich frage nun: Wer könnte sich vor dem Hintergrund der nur für Gott transparenten indivuellen Handlungsstruktur und der realen inneren Absichten eines Menschen in Abwesenheit von Propheten anmaßen in letzter Instanz darüber zu urteilen, wie Gott über diesen oder jenen Menschen real urteilt? Oder wie der Koran zu Muhammad hinsichtlich der jenseitigen Abrechnung spricht: “Dir obliegt in keiner Weise, sie zur Rechenschaft zu ziehen, und ihnen obliegt in keiner Weise, dich zur Rechenschaft zu ziehen.” (6:52)

Niemand außer Gott selbst, der die shâkila der Menschen am besten kennt, und daher auch als einziger wirklich weiß, warum sich ein Mensch so oder so entschieden hat, darf sich anmaßen ein Urteil über den jenseitigen Status eines Menschen auszusprechen.

Und noch ein Schritt radikaler: Jeder Versuch über den jenseitigen Status eines Menschen zu urteilen kommt einer Selbstgleichsetzung mit Gott nahe. Der Koran hat nicht gerade freundliche Worte für eine solche Haltung übrig (21:29).

Doch was bedeutet das nun für den Wahrheitsanspruch des Islams? Ich will dies in zwei Schritten erläutern.

(6) An der Idee der Wahrheit und Rechtleitung, wie der Koran sie thematisiert, ändert sich natürlich nichts. Ich plädiere hier also ausdrücklich nicht für einen Wahrheitsrelativismus, der letztlich aussagt, dass alle Aussagen und Meinungen gleichermaßen wahr oder falsch (oder nichts davon) sind, oder das jeder sich eine Wahrheit hindefinieren kann, die diesen Namen noch verdient. Das heißt: Jeder Mensch kann auch in meiner Lesart objektiv sowohl rechtgeleitet sein, als auch in die Irre gehen. Und es ist nicht der Mensch, der von sich aus definieren kann, was aus einer vom Menschen unabhängigen Perspektive wahr und was falsch ist.

Diese Definitionshoheit überantworte ich an die von uns unabhängige Außenwelt, deren höchte Instanz aus meiner gläubigen Sicht der göttliche Wille ist. Insofern gibt es fundamentale Wahrheiten, die nicht kontextabhängig sind. Vernunft und Koran sind für mich selbst dabei zentrale Kriterien. Aber…

(7) … wir können auch mit dem Vertrauen in heilige Schriften, Propheten und Gelehrte niemals die unüberbrückbare Wissenskluft zwischen unserem Eindruck von einer Person und ihren Absichten, und ihrer wahren shâkila überbrücken, die es uns erlauben würde ein objektives Urteil darüber zu fällen, wer vor dem Angesicht Gottes – und nicht nur nach unseren formalisierten, aus den Quellen abgeleiteten Kriterien – der Gnade Gottes oder seines Zornes würdig geworden ist. Eine Ausnahme stellen sicherlich offensichtliche Verbrechen und Vergehen an Mitmenschen dar, die man – sofern sie nicht Ausdruck geistiger Störung sind – nicht relativieren kann. Aber: Selbst in solchen Fällen können wir nicht immer ausschließen, ob ein solcher Mensch später nicht bereut und sich bessert.

(8) Im Fall der innerislamischen Vergleiche folgt daraus: Trotz aller traditionell-islamischen Konventionen, die sich historisch durchgesetzt haben, können auch die Meinungen von uns fremden Rechtsschulen, aber auch nicht konventionelle Meinungen und Entscheidungen von Muslimen vor Gott gerechtfertigt sein, sofern diese auf der Basis aufrichtiger Anstrengung und Bemühung unter Einbezug der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten entstanden sind. Sie müssen nicht einmal immer wahr sein – die aufrichtige Bemühung um Wahrheit ist in der nachprophetischen Zeit entscheidender. Alles andere regelt Gott: “Er wird euch darüber aufklären, worüber ihr uneins wart.” (5:48)

Denn einzig Gott weiß, was in uns und mit uns los ist, und ob unsere Entscheidungen der Situation und den letztlichen Intentionen Gottes angemessen sind.

Darum ist Gott der einzige, um dessen Wohlgefallen der Muslim sich in letzter Instanz sorgen sollte. Und jeder sollte sich in erster Linie um sich selbst kümmern und auch deutlich abweichende Meinungen nicht zur Bedrohung erklären.

Ein praktisches Fazit hieraus wäre: Ignoriere die Menschen und ihre seltsamen Auffassungen – und kümmere dich um dein eigenes Verhältnis zu deinem Schöpfer: “Ihr seid nur für euch selbst verantwortlich. Wer irrt, kann euch nicht schaden, solange ihr rechtgeleitet seid” (5:105).

Man bedenke, dass nach dem Zâhir (sichtbare Zeichen)-Kriterium der islamischen Rechtsgelehrten ein absoluter Heuchler (munâfiq) durch geschickten Betrug juristisch einen größeren Vorteil erlangen kann als ein gottesfürchtiger Muslim, der jedoch aufgrund seiner Naivität in Konflikt mit den zufälligen Regelungen einer Rechtsschule gerät.

Gott wird als gerechter, weiser und allwissender Herr den Menschen jedoch nicht in erster Linie nach dem juristischen Kriterium des Zâhir – dieser erfüllt nur für uns wichtige praktische Zwecke –,sondern nach seinen Absichten beurteilen. Alles andere ist diesen nachgeordnet. Und diese Absichten können wir Normalsterbliche nicht messen und sollten uns genau aus diesem Grund vor einer Verurteilung zurückhalten.

Wir können daher sagen: Meinung x oder Handlung y sind nach unserem (Islam-)verständnis nicht richtig oder verwerflich.

Wir können und sollten bei Bedarf auch für unsere Position und gegen andere argumentieren – d. h.: wir müssen nicht jede Position als gleichermaßen wahr wie unsere eigene anerkennen (jedoch freilich durchaus als gleichermaßen legitim und tolerabel!).

Wir können jedoch nicht sagen: Jemand, der die Meinung x formuliert, kommt in die Hölle. Oder: Jemand, der y tut, wird von Gott auf jeden Fall bestraft werden. Nur wenn Meinung x, oder die Handlung y aus der Perspektive Gottes vor dem Hintergrund der Absichten der Person, seiner unverschuldeten Sozialisation und seiner speziellen Lebenssituation verwerflich sind, dann führen sie zu göttlicher Verurteilung. Da wir diese Bereiche nicht kennen, enthalten wir uns lieber eines Urteils über den jenseitigen Status von Personen, deren Meinungen oder Taten aus unserer Sicht nicht korrekt sind. Denn: “Verteilen sie etwa die Barmherzigkeit deines Herrn?” (43:32)

Zurück zur individuellen Lebenspraxis. Für diese bedeutet dies, dass das persönliche und reine Gewissenin vielen schwierigen und vieldeutigen Situationen die vielleicht wichtigste Entscheidungsinstanz zwischen beiderseits nicht unproblematischen Handlungsalternativen darstellt. Unser Leben in der heutigen Zeit ist voll von solchen zweideutigen Situationen. Natürlich ist die Berufung auf das Gewissen auf Aufrichtigkeit und ein entsprechendes Maß an Fähigkeit zur Selbstkritik angewiesen, wenn sie denn islamisch sein soll. Modellhaft ist hier etwa 2:286, wo es heißt: “Unser Herr, strafe uns nicht für Vergesslichkeit und Fehler… Unser Herr, lass uns nicht tragen, wozu unsere Kraft nicht ausreicht… Du bist unser Beschützer…”.

Denn die ganze obige Argumentation gilt auch in die umgekehrte Richtung: Wie wir am Beispiel des Heuchlers sahen, ist das letztliche Ziel des muslimischen Handelns nicht die formale Übereinstimmung mit dieser oder jener Auslegung, sondern einzig und ausschließlich das Erlangen des göttlichen Wohlgefallens. Auslegungen des Korans dienen als Mittel hierzu und sind kein Selbstzweck. Eine solche Orientierung an Gott allein setzt freilich ein intensives Glaubensleben voraus, dessen Ziel es eben nicht nur ist, sich von den Erwartungen des Umfeldes zu emanzipieren, sondern den bisweilen mühevollen Weg zu Gott zu suchen, nicht nur einmal, sondern jeden Tag, mehrmals: “Leite uns den rechten Pfad…” (1:6) Für Heuchelei ist hier kein Platz.

Wer sich vom Islam trennen will, sollte daher nicht so argumentieren, wie ich es hier getan habe. Denn ich setze als Gläubiger die Wahrheit der Prophetenschaft Muhammads voraus. So habe ich auch hier aus der Sicht des Gläubigen argumentiert – also solcher geht es mir nicht um eine Emanzipation von Muslimen von ihrem eigenen Glauben im Namen ihres Glaubens (das wäre ein Widerspruch in sich), sondern um die unschätzbar schöne innere Befreiung vom Druck genauso so sein und reden zu müssen, wie die Umwelt es aus Gründen der Gewohnheit, Tradition oder Unwissenheit manchmal möchte. Nicht die kritiklose Anpassung an die Masse, aber auch nicht die inszenierte Absonderung, sondern der in reinster Absicht und Freiheit begangene Weg soll mein Ziel sein…

“Sprich: Jeder handelt nach seiner Weise – und dein Herr weiß am besten, wer eher rechtgeleitet ist.”(17:84)

“Unser Herr, strafe uns nicht für Vergesslichkeit und Fehler.” (2:286)