Wasser als kosmischer Urstoff?

Die These, dass über den Weg von Überlieferungen von sehr unterschiedlicher Autorität auch zahlreiche mythologische Elemente Einzug in die islamische Kosmologie fanden, lässt sich auch an folgenden nur schwer haltbaren Darstellungen in Überlieferungen demonstrieren: So finden wir neben dem kosmischen Wal auch Hinweise auf einen die Himmelssphären umspannenden Himmelsozean,[1] wie er vom altorientalischen Weltbild bekannt ist. Auch die These, dass das uns bekannte Wasser nicht nur wie laut Koran 21:30 Urstoff aller Lebewesen, sondern nunmehr Urstoff aller Dinge sei (obwohl 41:11 von Rauch berichtet), zählt zum außerkoranischen Bestand [2]. Hier reicht es wohl nicht die Überlieferung einfach nur als Erläuterung des Korans zu verstehen – Koran und Überlieferung beschreiben hier zwei unterschiedliche physikalische Weltbilder.

Diesen Überlieferungen gegenüber aufgeschlossene Theologen wie Celâl Yeniçeri stellen bisweilen Überlegungen an, ob hier nicht doch physikalische Wirklichkeit beschrieben sein könnte, halten es aber auch für möglich, dass es sich hierbei doch nur um Metaphern vor dem Hintergrund des damaligen Weltbildes handelt [3]. Es wäre jedenfalls interessant von den sehr eng an den Überlieferungen orientierten Autoren zu erfahren, wie ein in alle Richtungen mit Überlichtgeschwindigkeit expandierendes Universum (sofern das stimmt) weiterhin als von einem (wörtlich gemeinten) Himmelsozean jenseits der sieben Himmel umspannt gedacht werden soll, oder wie das in der kosmischen Geschichte erst einige Milliarden Jahre nach dem Urknall, d. h. erst nach dem Tod der ersten Sternengenerationen chemisch realisierbare Wasser [4] der primordiale Urstoff aller Dinge sein kann. Nur durch eine radikal metaphorische Umdeutung kann diesem eine kosmologisch haltbarer Inhalt zugesprochen werden, wenn man nicht gänzlich die bekannten und bewährten Naturgesetze aufgeben möchte um die Überlieferungen zu physikalischer Wahrheit zu erheben (was logisch möglich, aber rational nicht plausibel wäre).

In der Regel bauen die Überlieferungsbestände, die vom Urwasser berichten, wie so oft auf knappen koranischen Vorgaben auf, die dann in alle Richtungen erweitert werden. Betrachten wir hier diejenige koranische Passage, die als einzige von einem Wasser vor der Schöpfung spricht. In 11:7 heißt es über diese Zeit: „… und sein Thron war auf dem Wasser“. Diesem Wasser wird im Koran jedoch keine kosmologische Bedeutung oder physikalische Wirkung zugewiesen und es ist auch nicht die Rede davon, dass es sich dabei um einen Urozean handelte, aus dem später (laut Überlieferungen) etwa eine Erdscheibe emporstieg, oder aus dem konkrete Dinge wie der Rauch in 41:11 geschaffen wurden.

Gegen allzu plastische Deutungen des Wassers spricht hier auch der Thron: Wenn das im Koran erwähnte Erheben Gottes über den Thron (z. B. in 7:54) allegorisch als Herrschaft über die Welt zu verstehen ist (so etwa im Kommentar von ar-Rāzī zu 7:54), dann ist eventuell auch der Thron selbst und damit auch das darunter befindliche Wasser, das ja im Koran keine aktive Rolle hat, in 11:7 allegorisch zu verstehen. So gab es durchaus einige Gelehrte, die den Thron nicht als einen Gegenstand, oder als eine eigene Welt, sondern in so einem allegorischen Sinn verstanden [5]. Vielleicht greift der Koran hier ein bekanntes Motiv seines Offenbarungsumfeldes auf und verwendet es zur Darstellung seiner eigenen theologischen Konzeption, etwa im Sinne einer uneingeschränkten Erhabenheit Allahs über alle aus den Schöpfungsmythen bekannten Motive. Die Idee vom Urozean war im Orient immerhin seit Jahrtausenden schon geläufig.

Doch unabhängig von der Herkunft des Motivs: Welche Rolle könnte dieses koranisch verbriefte Wasser im engeren Rahmen der koranischen Kosmologie spielen? Hier bleibt Raum für Spekulationen: Das Wasser könnte beispielsweise ein Symbol für die Möglichkeit von künftigen Lebewesen sein, da Wasser im Koran häufig als Urstoff von solchen erwähnt wird (21:30, 24:45).

Dass das Urwasser in 11:7 keineswegs das uns geläufige Wasser sein muss, kann man daraus folgern, dass es in keiner Schöpfungspassage erwähnt wird – lediglich in 79:31 heißt es, dass zu einem späteren Zeitpunkt in der Schöpfung das Wasser der Erde hervorgebracht wurde, offensichtlich ohne jeglichen Bezug auf ein Urwasser. Wahrscheinlich ist es dem Versuch einer erzählerischen Fruchtbarmachung des Wassers aus 11:7 geschuldet, dass in manchen Überlieferungen (etwa in der obigen mit dem Wal) der Rauch aus 41:11 als aus dem Urwasser aufgestiegen dargestellt wird, ähnlich wie der kontextlose Buchstabe n aus 68:1 als kosmischer Wal fruchtbar gemacht wurde.

Aber zurück zur Möglichkeit, dass das Wasser aus 11:7 ein Symbol für die Möglichkeit von künftigem Leben sein könnte: In der modernen Physik lässt sich zeigen, dass die Existenz von Leben im Kosmos sehr empfindlich von den physikalischen Anfangsbedingungen des gesamten Kosmos abhängt [6]. Mit diesem Vorwissen könnte man 11:7 so verstehen, dass sich Gottes Thron bzw. Herrschaft vor der Erschaffung der Welt auf die Möglichkeit zur Hervorbringung von Leben richtete – eine Herrschaft, die nach dem sechsten Tag mit der Erschaffung von Wesen wie dem Menschen und dem Prophetenamt seine vorläufige Vollendung fand, dem allegorisch die Erhebung Allahs über dem Thron entsprechen könnte (7:54). Thron und Wasser aus 11:7 (und evtl. aus einigen Überlieferungen) wären dann immer noch real, aber deutlich abstrakter und nicht dinglich in einem physikalischen Sinn zu denken. Es bleiben hier natürlich auch andere Interpretationen möglich. In jedem Fall muss 11:7 trotz zahlreicher Überlieferungen und Meinungen, die es nahelegen würden, nicht physikalisch verstanden werden.

Und Allah weiß es am besten.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.

Anmerkungen

[1] Vgl. Celâl Yeniçeri, Uzay Âyetleri, Istanbul 1995, S. 97f.

[2] Vgl. ebd., S. 50ff.

[3] Vgl. ebd., S. 53.

[4] Der Sauerstoff, der den größten Massenanteil von Wasser ausmacht, ist ein nukleares Fusionsprodukt aus dem Inneren von Sternen und konnte somit erst als Ergebnis der ersten Sternengeneration nach dem Urknall entstehen. Über Supernovaexplosionen wurde er dann zusammen mit den anderen schweren Elemente der Periodensystems freigegeben, sodass er in Verbindung mit dem schon kurz nach dem Urknall entstandenen Wasserstoff nun in H2O-Verbindungen auftreten konnte.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. John D. Barrow / Frank J. Tipler: The Anthropic Cosmological Principle, New York 1986, S. 367ff.