Was tun mit dem Koranvers 9:5 und anderen koranischen Tötungsaufforderungen?

Im Deutschlandfunk ist ein lesenswertes Interview mit dem Islamwissenschaftler und Juristen Mathias Rohe erschienen (hier), in dem eine „Islambilanz“ 2016 gezogen wird. Darin wird Rohe folgende Frage gestellt:

„Bei uns geht viel Post zum Thema Islam ein und meistens negative. Ich habe einige Hörer, die uns – dem Deutschlandfunk – eine zu islamfreundliche Berichterstattung vorbeworfen haben, darum gebeten, mir Fragen zu schicken, die ich Ihnen dann stelle. Ein Hörer bezieht sich auf Sure 9 Vers 5, darin heißt es: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf.“ Jetzt fragt dieser Hörer: Woher nehmen Islamwissenschaftler die Vollmacht, die aktuelle Gültigkeit dieser und anderer zum Töten auffordernder Suren für obsolet zu erklären und woher nehmen Sie die Überzeugung, dass diese Beurteilung als allgemein verbindlich im Islam auch umgesetzt wird – einschließlich des Handeln der Akteure? Darin steckt wohl der Vorwurf, dass Sie da was schön reden.“

Rohe verweist in seiner Antwort zum einen darauf, dass es wichtig ist zu schauen, wie die „allermeisten Muslime“ heute diesen Vers verstehen. Mein Tipp: Wer es genau wissen will, kann sich in der nach wie vor maßgeblichen Linksammlung von Serdar Güneş darüber informieren, wie sich das erdrückende Gros der Muslime gegen die pseudo-theologischen Verrenkungen des internationalen Terrorismus positioniert hat. Zum anderen erklärt Rohe, dass die meisten Muslime heute Verse wie 9:5 in einen gut rekonstruierbaren historischen Kontext stellen und somit nicht universalisiert lesen.

Ich finde Rohes Antworten wichtig, und möchte sie gerne ergänzen um ein einfaches, aber aus meiner Sicht mindestens so wichtiges Argument, nämlich das des textuellen Zusammenhangs, der deutlich macht, dass 9:5 nie eine universelle Norm intendierte, sondern von einem defensiven Kontext ausgeht, also dem selben wie praktisch alle Kriegspassagen im Koran. Darum gibt es hier keinen Freibrief zum Töten zu holen, ebensowenig einen Nachweis für eine kategorische Gewaltbereitschaft des Islam. Und dies gilt trotz der Tatsache, dass Sure 9 die am spätesten verkündeten und zugleich wohl auch deutlichsten Kriegspassagen des Korans enthält.

Eine solche in sich kontextualisierende Lesart des Korans ist kein Notbehelf von Muslimen der Gegenwart, sondern hat einen festen Platz auch in der klassischen Koranhermeneutik. Für meine unten vorgetragenen Argumente braucht man also nicht einmal einen wirklich neuen hermeneutischen Zugang zum Koran. Man muss einfach nur einige Konzepte der exegetischen Tradition konsequent anwenden, was hinsichtlich unseres Themas leider nicht allen Korankommentatoren gelang. Klassische Stichworte lauten hier beispielsweise „Auslegung des Korans durch den Koran“ und „Spezifizierung universeller Wortlaute durch einschränkende andere Passagen“ (zu den technischen Details vielleicht später mehr).

Konkret auf Sure 9 angewandt:

  1. Gleich im Folgevers 9:6 heißt es: „Und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, dann gewähre ihm Schutz, bis er Gottes Worte (also die Botschaft des Koran) vernehmen kann; hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen. Dies (soll so sein), weil sie ein unwissendes Volk sind.“ Einem absoluten Tötungsgebot würde sicher nicht ein solcher Vers folgen, der jedem Götzendiener ein Asyl mit Rückkehrgarantie zusichert. Also ist 9:5 nicht absolut gemeint.
  2. In 9:10 heißt es von den Gegners aus 9:5: „Sie beachten gegenüber einem Gläubigen weder Verwandtschaftsbande noch (Schutz)vertrag.“ Offensichtlich geht die gesamte Passage also davon aus, dass eine (historische) Gegenseite einen Friedensvertrag mit den Muslimen brach.
  3. Dies wird in 9:13 noch deutlicher, da dort die gemeinten Gegner konkretisiert werden als jene, „die ihre Eide gebrochen haben und vor hatten, den Gesandten zu vertreiben, wobei sie zuerst gegen euch (mit Feindseligkeiten) anfingen.“ (9:13). Kriegsgrund ist demnach also weder der Götzendienst des Gegners, noch religiös aufgeladene Kriegslust, sondern ein klar artikulierter Kriegsbeginn durch den Gegner.
  4. In 9:36 heißt es unser Defensivszenario nochmals bestätigend: „Und bekämpft die Götzendiener allesamt, wie sie euch allesamt bekämpfen.“ Sure 9 geht also von einem Situationskontext aus, in dem eine Gruppe von Götzendienern als Gesamtheit gegen die Muslime zu Felde zieht, also als ein koordinierter Bund, auf den der Prophet und seine Gemeinde wiederum im Bund reagieren sollen. Die exegetische Literatur hält in der Tat Berichte über ein solches Ereignis im 9. Jahr nach der Hedschra parat, in dem von einem gleichzeitigen Friedensvertragsbruch einiger heidnischer Stämme auf der arabischen Halbinsel berichtet wird, während Medina ungeschützt war.

Diese wenigen Punkte genügen als Beleg dafür, dass selbst die drastisch anmutenden Kriegsaufmunterungen aus der oft zitierten Sure 9 in einem defensiven Kontext, was auch die Möglichkeit eines Reagierens auf eine Kriegserklärung des Gegenübers einschließt. Dass sich manche Gelehrte einst und einige Terrorprediger heute über diesen Zusammenhang hinweggesetzt haben, ist nicht primär das Problem des zeitgenössischen friedliebenden Muslims heute, meine ich.

Dass ferner manche Stimmen aus der Vergangenheit und Gegenwart Passagen wie 9:5 als Abrogation (d. h. normative Aufhebung) von mäßigenden und defensiv ausgerichteten Koranversen zuvor zu Gunsten einer totalen Kriegstheorie verstanden haben, gehört für meinen Geschmack zu den größten Skandalen der Tradition der Rechtsgelehrten, auch wenn dies weder die einstimmige Meinung war, noch von ihren Vertretern so drastisch ausgelegt wurde, wie es die Theoretiker des Terrors heute gerne hätten (viele Gelehrte bezogen 9:5 nur auf die arabischen Götzendiener).

Nur wenige Irrtümer von Islamgelehrten wurden begeisterter von der Islamkritik aufgegriffen, zigfach unreflektiert wiederholt und – seit 9/11 auch im Kommentarbereich von Nachrichtenseiten – fatansievoll weiter gesponnen wie das der angeblichen und nie bewiesenen Aufhebung der koranischen Friedens- und Toleranzverse (die es entgegen einem weit verbreiteten Irrtum selbstverständlich auch in der medinensischen Phase gab, z. B. 2:256, 8:61, 60:7-9).

Wie man oben sieht, gibt es koranintern keinen überzeugenden Anlass für die Annahme einer solchen Aufhebung der mäßigenden Kriegspassagen durch 9:5, da Sure 9 selbst ja von einem defensiven Kontext ausgeht, wie die oben zitierten Hinweise aus 9:10, 9:13, 9:36 deutlich machen. Um Abrogation vermuten zu können, dürfte man also in Sure 9 nur Verse wie 9:5 ernst nehmen. Ein solches selektives Lesen widerspricht jedoch jedem elementaren Leseverstehen im Zeichen des hermeneutischen Zirkels (hier: „Auslegung des Korans durch den Koran“).

Ich streite hier keineswegs die Brisanz des Wortlautes von Versen wie 9:5 ab, sondern nur, dass man solche Verse auch ohne konsequente Berücksichtigung des größeren textuellen Zusammenhangs richtig verstehen könnte, wie es die populäre Islamdebatte oft nahelegt.

Ich gebe jedoch zu, dass die Struktur von Sure 9 diesen defensiven Kriegszusammenhang mühsamer zu erkennen macht als die meisten anderen thematisch verwandten Koranpassagen. Dies lässt sich dadurch erklären, dass sich Sure 9 intensiver als die meisten anderen Suren mit konkreten Problemstellungen auf der arabischen Halbinsel zu Zeiten des Propheten befasst, die eine ernst zu nehmende Existenzgefährdung für die junge Gemeinde darstellten. Es verkennt eine der wichtigsten Funktionen des Korans, nämlich die erfolgreiche Führung der Gemeinde des Propheten durch die politisch und emotional höchst brisante Geburtssituation einer neuen Religion,  wenn man seine Passagen zu kontextlos zu verstehenden Handlungsanweisungen erklärt. Kein Koranexeget hat den Koran je als eine Sammlung kontextloser und begingungsloser Normen definiert. Und kein vernünftiger Muslim liest den Koran als Sammlung direkter Handlungsanweisungen, die auslegungsfrei zu verstehen wären.

Aus der Komplexität von Sure 9 folgt jedoch nicht, dass eine Schlampigkeit bei der Erschließung und Benennung von Kontexten und Bedingungsstrukturen in Sure 9 durch radikale Islamisten, durch Islamgegner und durch manche unqualifizierte Publizisten in den Medien entschuldigt oder relativiert werden könnte.

Und um das Argument abzuschließen: Neben dem textuell gegebenen Bedindungszusammenhang ist auch die sehr enge historische Gebundenheit des Wortlautes von Sure unmittelbar aus der Sure ersichtlich. Denn in 9:13 heißt es von den arabisch-heidnischen Gegnern, um die es in 9:5 und den umliegenden Versen geht, dass sie „vor hatten den Gesandten zu vertreiben“. Da der Gesandte Gottes vor fast 14 Jahrhunderten gestorben ist, ist auch der in 9:5 intendierte Gegner und die angesprochene Gruppe der Muslime den Gesetzen der Logik zufolge ebenfalls der damaligen Zeit zuzurechnen. Jegliche normative Verallgemeinerung von Aussagen aus diesen Passagen über diesen historischen Kontext hinaus ist nur unter strenger Berücksichtigung dieser Bedingungsstruktur und der restlichen Aussagen des Korans möglich.

Und da bleibt nichts mehr für aggressive Kriegstreiberei, für Terrorismus und kategorische militärische Expansionslust übrig.

Die Gesamtheit der hier genannten Argumente spricht für die Richtigkeit der Koranlesart eines rein aus der militärischen Defensivperspektive legitimierten Krieges und für die Falschheit der Lesart eines totalen Kriegs – auch im Hinblick auf Sure 9. Man beachte, dass ich hierzu nur die älteste, historisch zuverlässigste und autoritativ bedeutendste islamische Quelle verwendet habe, nämlich den Koran selbst, und dass ich mich methodisch primär am Postulat der logischen Konsistenz und Kohärenz bei der Auslegung eines zusammenhängenden Textstücks orientiert habe.

Und das ist bei der hier betrachteten Frage – gilt 9:5 immer und überall? – wirklich nicht so schwierig. All dies ist zudem so elementar, dass es nicht einmal von der Frage abhängt, ob man den Koran als Wort Gottes ansieht, oder nicht.

Als Fazit können wir als festhalten: Der Satz „Tötet sie, wo immer ihr sie findet“ aus 9:5 bezieht sich vom Gültigkeitskontext her auf eine Situation in einem laufenden Kriegszustand gegen einen vertragsbrüchig gewordenen militärischen Gegner, der „vor hatte den Gesandten zu vertreiben“ und seinerseits den Krieg suchte (9:13). Vom intendierten Inhalt her transportiert er trotz seines Wortlautes keinen kategorischen Tötungsausfruf, auch nicht gegen den besagten historischen Gegner, wie sich schon aus dem Folgevers 9:6 zum befristeten Asyl für die heidnischen Feinde des Propheten ergibt. Entsprechend ist aus der Prophetenzeit auch kein Gemetzel an Götzendienern im Zuge von 9:5 überliefert, wie man eigentlich eigentlich erwarten müsste, wenn man sich am Wortlaut eines Satzes von 9:5 aufhält. Wenn selbst dieser Vers im Kontext verstanden also deutlich an Brisanz verliert, dann erst recht die anderen Koranpassagen zum Krieg. Nicht nur Sure 9, sondern alle Koranpassagen besitzen klärende textuelle und historische Kontexte, ohne die eine korangerechte Auslegung unmöglich ist.

Und was bedeutet das alles nun für uns und die gegenwärtige Debatte? Der friedliebende Muslim kann – außer dem Aufgebot von Problembewusstsein – nicht viel mehr tun, als die Instrumentalisierung des Korans durch islamistische Terroristen hier und durch hysterische Islamfeinde dort dezidiert zurückzuweisen und sie alle zur Vernunft einzuladen:

Der im eigenen Kontext verstandene Koran ist weder eine notwendige, noch eine hinreichende Ursache des internationalen Terrorismus, und eignet sich auch nicht als Legitimation desselben!

Punkt!

(Hinweis: Ich werde in meinem Koranblog noch ausführlicher auf Sure 9 eingehen).


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