Was tun bei S-Bahn-Prügeleien zwischen Punks und Kanaken? (Für Fortgeschrittene)

Neulich stieg Arif an einem Freitag Abend in die Stuttgarter S-Bahn und ärgerte sich über laute Jugendliche, die sich in der Bahn mit diversen Alkoholika vollaufen ließen – trotz des ausgeschriebenen Verbots von Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln. In seinem Rucksack schleppte er schon den ganzen Tag ein Buch über kulturelle Identität und seinen Laptop mit sich herum, auf dem er in freien Minuten Texte über Identitätsfragen schrieb. Nach dem Umsteigen stand er am Ende eines vollen S-Bahn-Wagens. Auf den einander zugewandten Sitzmöglichkeiten auf der linken und rechten Seite des Zuges wechselten sich von Haltestelle zu Haltestelle junge Fahrgäste ab.

Zuletzt hatte sich ein korpulenter Punk mit zwei Mädchen auf die linke Bankreihe gesetzt. Arif dachte sich, dieser Punk hätte gut als Ausstellungsstück in die aktuelle Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie über Menschenbilder aus verschiedenen den Jahrhunderten gepasst. Interessiert zählte er seine Gesichtspiercings und studierte seinen ehrwürdigen, in Violett- und Rosatönen schillernden Irokesenschnitt. Auf seinem Rücken prangte ein großer Aufnäher, auf dem ein Hakenkreuz abgebildet war, das in einen Mülleimer geworfen wurde. Der Punk hieß Marcel – und war betrunken genug, dass ihm nicht auffiel, dass Arif ihn von der Seite musterte.

Beim nächsten Halt sollte sich die gegenüberliegende Bankreihe ebenfalls füllen. Herein kamen drei junge Südländer mit Halsketten und sportlichem Outift und. Erst dachte Arif, das sind bestimmt Türken, bis er bei zweien, nämlich Özgür und Murat, Halskettenanhänger mit Kurdistanumrissen erblickte. Aha. Kurden waren das also. Sie konnten aber sicher auch Türkisch. Der dritte der Runde hieß Zamir und hatte kurzes blondes Haar. Weiter hinten saß noch ein Italiener names Alfonso, der später noch eine Rolle spielen wird. Özgür und Zamir setzten sich auf die rechte Bankreihe.

Und was tat Murat?

Na, was wohl!

Er stellte sich genau in die Mitte des Wagens, griff nach zwei Halteschlaufen an der Decke – und begann Klimmzüge zu machen. Eins, und zwei, und drei, und vier… Marcel und die beiden Mädchen auf der einen, Zamir und Özgür auf der anderen Seite sahen dem Treiben zu. „Ein Überzeugungskanake durch und durch – wenn das mal gut geht“, dachte sich Arif.

Endlich hatte Murat einen Stehplatz zwischen Özgür und Marcel eingenommen, und Arif war froh, dass die ihm doch irgendwie peinliche Szene vorbei war. Derweil laß er auf seinem Handy Zeitung und amüsierte sich über die kuriosen Debatten zwischen den liberalen, kemalistischen und konservativen türkischen Kolumnisten. Dabei merkte er, dass sich Marcel mit den Südländern zu unterhalten begann.

Arif meinte zu sich: „Wie schön, ein interkultureller Dialog!“. Davon konnte man bestimmt etwas lernen. Also hörte Arif genauer hin.

Özgür:     „Hast du deine Haare selber so gemacht?“

Marcel:    „Ja, klar.“

Özgür:     „Ich dachte so etwas machen nur Mädchen.“

Marcel:    „Schau dich doch mal an. Du siehst selber aus wie ein Mädchen!“

Özgür:     „Hey, pass bloß auf, du Pisser.“

Vorsichtig bewegte sich Arif in Richtung der Bänke, auf denen es zu brodeln begann. Doch Klimmzug-Murat, der immer noch stand, blockierte den Durchgang. Außerdem roch hier irgendwie jeder nach Bier, auch wenn Arif keine Flaschen sehen konnte. Mit einem Arm stütze sich Murat an der Wand neben Marcel ab, mit dem anderen hielt er sich an der Schlaufe an der Decke fest. Offensichtlich wollte er, dass Marcel und Özgür in Ruhe ihrer interkulturellen Unterredung nachgehen konnten.

So beugte Arif sich über Murats Arm und just in dem Moment flog schon auch die erste miserabel fokussierte Spuckesalve aus Özgürs Mund in Richtung von Marcel. Dass einige Blindgängertröpfchen ihn und Arif leicht trafen, lag weniger an Murats Zielgenauigkeit, sondern viel mehr an dem breiten Raumbereich, in den Özgür wie ein Schrotflinte hineingespuckt hatte.

Marcel ließ das nicht auf sich sitzen und feuerte zurück – zwar nach einer strategischen Denkpause, aber dafür deutlich virtuoser als Özgür. Wenn Özgür eine Schrotflinte war, dann war Marcel eine Präzisionswaffe. Das um weiß Gott welche Getränkreste angereicherte und gut zusammenhängende Spuckkonglomerat flog aus Marcels von Piercingen umgebenen Mund, legte eine schulbuchreife Parabelflugbahn zurück und landete schließlich mitten im Gesicht von Özgür. Das war der Gong für die zweite Runde.

Özgür:     „Hey, ich mach dich fertig!“

Marcel:    „Du hast doch angefangen!“

Özgür:     „Ich schwöre, ich mach dich fertig!“

Marcel:    „Dann komm doch her! Meinst du, ich habe Angst vor dir?“

Özgür bebte vor Wut und Zamir brachte sich auch schon im Kampfstellung. Arif bat Murat in ruhigem Ton seinen Arm wegzuziehen, da er durchwollte: Es war an der Zeit einzugreifen.

Arif:         „Hey Jungs, hört doch auf damit! Das kann doch wohl nicht euer Ernst sein!“

Während die beiden etwas verwirrt auf ihn schauten,  schob er sich mit seinem großen Rucksack  zwischen die beiden Streithähne, drehte sich zu Marcel und unterhielt sich mit ihm. Damit war die Sichtlinie zwischen den beiden unterbrochen und Arif konnte versuchen die jäh verloren gegangene S-Bahn-Idylle wiederherzustellen.

Arif:        „Hey, machst du eigentlich Musik?“

Marcel:    „Ja, ich spiele Schlagzeug.“

Arif:        „Ach was? Ich habe auch mal Schlagzeug gespielt. In welcher Band spielst du denn?“

Marcel erklärte Arif, wo er mit seiner Band auftrat und nannte ihm den Namen der Band. Derweil waren Özgürs immer deftigere Ausdrücke nicht mehr zu überhören.

Arif:        „Reagiere bitte nicht darauf. Einfach nicht provozieren lassen.“

Doch dann kam der Brüller des Abends.

Özgür:    „Du Scheißnazi!“

Zamir:    „Hitler war nicht einmal Deutscher!“

Das war selbst für den betrunkenen Marcel zu viel des Guten. Wütend stand auf und zeigte drohend auf Özgür.

Marcel:   „Mann, ich bin kein Scheißnazi! Ich bin gegen Nazis!“

Eilig drehte sich Arif zu den beiden Provokateuren und versuchte heftig gestikulierend ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Arif:       „Leute, das ist ein Punk, kein Nazi! Punks sind gegen Nazis. Das heißt, Leute wie der sind gegen Ausländerfeinde. Also bitte, lasst den Unsinn endlich!“

Schließlich ging er zum angespuckten Özgür und versuchte es nochmals auf türkisch. Wenn er seinen Türkenbonus nicht hier und jetzt einsetzen sollte, wann dann?

Arif:         „Kommst du aus der Türkei?“

Özgür:     „Ja, ich bin Kurde.“

Arif:         „Dann weißt du, was es heißt zu einer Minderheit zu gehören. Wenn ihr euch hier drin so aufführt, dann verstehen das die Leute hier im Zug falsch. Sie beziehen dies dann auf eure und damit auch meine Kultur und ihr verstärkt damit nur ihre Vorurteile. Sie werden dann sagen: Was sind das nur für Menschen?“

Özgür:      „Der Typ hat mir ins Gesicht gespuckt!“

Arif:         „Bist du ein Moslem?“

Özgür:      „Ja.“

Arif:         „Kennst du die Sure Fussilet aus dem Koran? Da gibt es einen Vers, der besagt, dass man Schlechtes mit Gutem vergelten soll. Komm schon, lass uns doch danach handeln. Das ist unsere Moral. Vergiss den betrunkenen Mann einfach.“

Özgür schaute etwas perplex und gab vorerst Ruhe. Als nächstes war Zamir an der Reihe, diesmal auf Deutsch.

Arif:        „Was hast du für eine Nationalität?“

Zamir:     „Ich komme aus Albanien.“

Arif lächelte, als säße man hier bei einem Çay mit Börek zusammen und meinte:

„Ah, wir Türken sagen dazu Arnavutluk, echt interessant.“

Währenddessen hatte Özgür wieder mit dem Spucken angefangen. Hier schenkte man offensichtlich nicht einmal der Sure Fussilet Gehör, warum sollte da jemand auf Arif hören? Auch Marcel spuckte wieder siegessicher zurück. Nun griff sich Zamir wutentbrannt an den Gürtel und Arif fürchtete schon, dass jetzt die Messer gezogen würden. Aber Zamir zog sich glücklicherweise „nur“ den Gürtel aus den Hosenschlaufen, mit dem er offensichtlich den Punk peitschen wollte. Murat wartete auch schon ungeduldig auf seinen Einsatz.

Die wollten allen Ernstes zu dritt diesen Punk verprügeln.

Und Arif war kurz davor deftige ara dayağı (türkisch: Zwischenprügel) einzukassieren.

Arif spürte nur noch Adrenalin und ebenfalls eine hochkochende Wut.

Was war das nur für eine Scheiße hier, heute Abend in der S-Bahn!

Was tun? Polizei rufen? Würde jetzt nichts nützen. Sein Buch über Identität auspacken und Zamir überziehen? Das war nicht Arifs Art, abgesehen davon, dass er ihn wohl eh nicht treffen würde. Das Buch dem Punk als Schutzschild geben? Würde zu lange dauern. Was also tun?

Arif begann wütend aus vollem Leib zu brüllen:

„Hört endlich auf mit dem verdammten Scheißdreck hier!!“

Nun mischte sich auch Alfonso ein, der sich zwischen die Streitenden stellte. Für einen Moment beruhigte sich die Lage auch tatsächlich. Fast war dieser seltsame Haufen an der nächsten Haltestelle angekommen, da gingen die drei Raudis auch schon langsam in Richtung Ausgang. Und baten Arif darum sich zu setzen.

Wie freundlich. Wollten die nicht eben noch den Zug auseinander nehmen?

Nur: Warum wollten sie, dass Arif sich setzt?

Aha: Zamir hatte immer noch den Gürtel in der Hand. Offensichtlich wollten sie dem Punk vor dem Rausgehen nochmal eins überziehen.

Arif:        „Nein, ich bleibe hier stehen.“

Zamir:     „Wir werden schon nichts machen. Setz dich einfach.“

Arif:        „Nein, ich bleibe hier stehen. Ich bitte euch, kümmert euch um eure Bildung und euer Leben und lasst diesen Scheiß. Ihr könnte doch nicht zu dritt einen betrunkenen Punk verprügeln. Das entspricht doch nicht euren Werten.“

Arif versuchte es erneut anders und fragte Murat:

„Bist du ein Moslem?“

Murat:     „Ich bin Alevit.“

Arif:        „Dann kennst du das Prinzip „eline, diline, beline hakim ol“ – Hüte deine Hand, deine Zunge und deine Scham. Was du hier machst, entspricht nicht unseren Werten.“

Natürlich war Arif klar, dass es nichts nützen würde an das Gewissen von aktivierten Testosteronbullen zu appellieren. Aber sie sollten wissen, dass niemand ihnen Respekt für diese Show zollen würde, und dass sie auch von Seiten muslimischer Bürger mit Widerstand zu rechnen hatten, wenn sie sich so aufführten. Außerdem übte Arifs Umgangston offensichtlich eine zumindest hemmende Wirkung auf den Zorn dieser Jugendlichen aus.

Beim Rausgehen verpasste Özgür dem gewichtigen Marcel dann doch noch einen Tritt, der lediglich einige mittelstarke Oberflächenschwingungen bei Marcel auslöste. Marcel stand wütend auf und lief auf die drei zu. Aber er war zu betrunken, als dass er bei einer Schlägerei hätte mithalten können. Ihm folgte Alfonso, der viel flinker und schneller war. Unter Tritten, Gebrüll und Geschubse wurden die drei Chaoten, die ohnehin im Begriffe waren zu gehen, aus der Bahn verabschiedet.

Nachdem dieser Sturm an Arif vorbeigerollt war, hatte er unerklärlicherweise Bier an den Händen.

Regnete es das eklige Zeug nun etwa schon?

Die Türe schloss sich. Erleichterung machte sich breit.

Marcel bedankte sich bei Arif. Die halbe Zugfahrerschaft starrte ihn nun an.

Die Sachlage war eindeutig: Wenn das eben die Prügelkanaken waren, dann war Arif der Integrationskanake.

Das schrie nach einem würdigen Abschluss, nach einem Wort zum Freitag. So meinte Arif etwas ratlos zu den Umstehenden:

„Ich bin auch ein Türke und Moslem. Ich stehe zu meinen Wurzeln und meinen Werten, und ich fühle mich sehr wohl in Deutschland. Was diese Idioten hier gerade abgezogen haben, hat nichts mit unseren Werten oder Glaubensvorstellungen zu tun. Das sind halbstarke Jugendliche mit zu wenig Selbstbewusstsein, die bei jedem Anlass unter Beweis stellen wollen, dass sie in Wirklichkeit harte Kerle sind. Die sind für uns und ihre Familien genauso ein Problem wie für euch.“

Marcel:     „Betest du eigentlich fünf mal am Tag?“

Arif:         „Naja, ich versuch‘s. Wenn es nicht fünf werden, dann werden es halt drei oder vier.“

Für diese Antwort streckte Marcel Arif freundschaftlich seine Faust entgegen und er durfte abschlagen.

Nun beschloss auch Alfonso mitzuphilosophieren:

            „Ich bin Italiener. Weißt du, wir Deutschen haben kein Problem mit normalen Türken. Aber die Kurden, die sind eine viel schlimmere Rasse als die Türken.“

Alfonso war ein guter Raufer, seinem Sachverstand konnte Arif jedoch nicht beipflichten:

„Moment mal, das kannst du nicht einfach so verallgemeinern. Es gibt überall Idioten. Ich kenne eine Menge Kurden, denen das Verhalten dieser Chaoten ebenso peinlich gewesen wäre wie mir. Ich habe mich hier eingesetzt, weil die drei eindeutig im Unrecht waren. Wenn sie angegriffen worden wären, hätte ich mich ebenso für sie eingesetzt. Das hat für mich nichts mit Kurden, Türken oder Deutschen zu tun.“

In Richtung von Marcel und den beiden Mädchen meinte Arif:

„Ich hatte früher auch Vorurteile gegen Punks. Nachdem ich aber zu meinen Bandzeiten eine Menge Punks kennengelernt habe, habe ich gesehen, dass das ganz nette Leute sind.“

Alfonso:  „Ja, die Punks sind allgemein eine völlig friedliche Rasse. Keiner würde jemals eine Schlägerei anfangen.“

Arif:       „Naja, ich würde mal sagen: Es gibt solche und solche.“

Marcel:   „Ich glaube, ich weiß, warum die mich für einen Nazi gehalten haben. Die haben beim Reinkommen das Hakenkreuz auf meiner Jacke gesehen. Wahrscheinlich haben die nicht geblickt, dass das Hakenkreuz in einem Mülleimer landet.“

Endlich gab es wieder was zu lachen. Und Arif konnte bei der nächsten Haltestelle aussteigen.

(nach einer wahren Begebenheit – die Namen sind erfunden)


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