Warum ich dann doch lieber konservativ bleibe – Offener Brief an Lale Akgün

Liebe Frau Akgün,

ich verstehe mich selbst als Verfechter liberaler Ideen und als interessierter Beobachter und teilweise auch als Rezipient reformorientierter Ansätze in der islamischen Theologie. Doch wenn ich Ihre Plädoyers für einen liberalen Islam (zuletzt im Deutschlandfunk am 15. Mai 2015) lese, möchte ich laut ausrufen: „Ich bin konservativ und stolz darauf!“, so sehr irritieren und verärgern mich Ihr Plädoyers für das, was Sie als „liberalen Islam“ bezeichnen. Lassen Sie mich meinen Gemütszustand anhand zweier Ihrer Thesen exemplarisch erklären, nämlich zum einen anhand Ihrer Verwendung des Schariabegriffs und zum anderen an der von Ihnen vermuteten zentralen Rolle der Methode der Koranauslegung für das Leben der Muslime. Weil es einfacher ist, verwende ich im Folgenden auch die Begriffe liberal und konservativ, wenn auch in kritischer Absicht.

Zunächst also zu Ihrer Verwendung des Begriffs Scharia, also des islamischen Rechts. Laut Ihrer Aussage hat die Scharia für liberale Muslime gar keine Bedeutung, da wir ja in einem Rechtsstaat leben und dieser keine parallele Rechtssprechung zulasse. Das klingt so plausibel, dass Ihnen der breite Zuspruch gewiss ist. Und genau das verärgert mich: Sie reproduzieren hier ein grundsätzliches Missverständnis in islamischen Begrifflichkeiten und stehen damit in bester Tradition anderer Autoren wie Necla Kelek und Bassam Tibi. Dabei ist Scharia bzw. islamisches Recht im begriffsgeschichtlichen Sinn nur zu wohl definierten Teilen mit dem modernen säkularen Recht überhaupt erst vergleichbar, sodass auch Konflikte nur in diesem klar definierten Teilbereich auftreten können. Zur Klärung sollten wir ferner festhalten: Wir reden hier nicht über das angeblich islamische Recht sogenannter islamischer Länder und auch nicht über die Meinung des einen oder anderen Gelehrten, sondern um ein umfassendes theologisches Konzept mit einer sehr vielfältigen und teils auch in sich widersprüchlichen Geschichte.

Dieses allgemeine islamische Recht, also die Scharia meint in allen theologischen Traditionen des Islam die theoretische Systematisierung islamischer Glaubens- und Handlungsnormen, weit über das im engeren Sinne Juristische hinaus. Demnach gehören der Glaube an Gott und die Propheten, sowie die Huldigung von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ebenso zur Scharia wie die Systematisierung der Praxis des rituellen Gebets, des Fastens und der Armensteuer. Und mehr noch: das Schweinefleisch- und Alkoholverbot, Hygiene- und Toleranzgebote gehören auch zum klassischen Verständnis von Scharia, sowie im engeren Sinne rechtliche Fragen aus Bereichen wie dem Handels- und Eherecht. All das wird von Ihnen pauschal als verwerflich zurückgewiesen, obwohl nur letztere Bereiche für die ja durchaus wichtige Rechtsstaatsthematik und für teils doch sinnvolle und wichtige Neubetrachtungen wirklich von Relevanz sind. Vor allem bei den Gottesdiensten, einem der beiden zentralen Säulen des praktische Teils der Scharia, stellt sich mir jedoch die Frage, was so erhaben an „gar keiner Bedeutung für liberale Muslime“ sein soll.

Zur Bestätigung dieser Definition genügt ein Blick in irgendeine profunde Einführung in die islamische Theologie. Oder man lässt sich mal den arabischen Schriftzug am Eingang eines der von Ihnen genannten Zentren für Islamische Theologie übersetzen, deren bestimmte Leiter Sie als Vertreter des liberalen Islams in Ihrem Sinne benannt haben. Dort steht in verschiedenen Sprachen die Übersetzung von „Zentrum für Islamische Theologie“. Auf Arabisch liest man „Ma’had al-ulûm al-shar’îya al-islâmîya“, wörtlich in etwa „Institut für die islamischen Schariawissenschaften“. Schariawissenschaften bedeutet hier Theologie in ihrem umfassendsten Sinn – eine Bedeutung mit Jahrhunderte alter Tradition.

Man könnte auch einen Blick in eines der zentralen Werke des berühmten andalusischen Philosophen Ibn Rushd alias Averroes werfen – es handelt vom Verhältnis zwischen Offenbarung und Vernunft trägt den Titel: „Die entscheidende Abhandlung und die Urteilsfällung über das Verhältnis von Scharia und Philosophie“. Scharia meint hier geoffenbartes Wissen vor allem in metaphysischen und physikalischen Fragen – und nicht die von Ihnen beschworene Konkurrenz zum Rechtsstaat. (Im Übrigen war Averroes nicht nur Aristoteliker, sondern auch islamischer Richter und Rechtsgelehrter, aber das ist ein anderes Thema). Warum sollte diese Scharia für liberale Muslime “gar keine Rolle” spielen?

Der Verstümmelung durch neuzeitliche islamistische Ideologen und der Inkompetenz weiter (aber zum Glück nicht aller) Teile des öffentlichen Islamdiskurses in Deutschland, die durch Ihren Einsatz leider nicht korrigiert werden, ist es zu verdanken, dass ein so zentraler Begriff des Islams schon fast zu einem Tabu-Wort geworden ist, was freilich jede differenzierte Diskussion zur einem einzigen Fettnäpfchenlauf macht. So ist aber kein „innerislamischer Diskurs“, den Sie ja genauso wie ich und andere wollen, möglich.

Auch die neueren und an der Moderne orientierten Ansätze in der islamischen Theologie kommen ohne eine gründliche Aufarbeitung, Präzisierung und Fortführung der Scharia als theologisches System nicht aus. Auch reformorientierte Autoren sprechen von den ethischen Zwecken der Scharia, verweisen auf den pragmatischen und in sich pluralen Charakter der Scharia, oder machen sich Gedanken über historisch bedingte Teile der Scharia in Unterscheidung von den universellen Teilen. Mit Ihrem pauschalen Ansatz hingegen werden auch all diese Diskurse diskreditiert. Dabei ist das Diskursfeld groß genug für alle und noch bei Weitem nicht annähernd ausgereizt. Und es bleibt auch im konservativen Paradigma viel Raum für methodologisch reflektierte Interpretation. Denn alle seriösen muslimischen Theologen, auch die der Verbände, sind sich darüber im Klaren, dass der Weg von der zunächst unerschlossenen abstrakten Scharia zur konkreten Norm über Interpretation von Texten und der differenzierten Rezeption von Tradition läuft und alles andere als trivial ist.

Für Eindeutigkeitsfetischisten ist in der islamischen Theologie kein Platz.

Für Beliebigkeitsapostel jedoch auch nicht.

Wer also heute problematisch gewordene Aspekte und Einzelmeinungen innerhalb der Scharia, wie sie etwa im abscheulichsten aller islamistischen Konstrukte, nämlich dem sogenannten „Islamischen Staat“, aufgreifen und vom Innern des Islams her auf theoretischem Wege hinterfragen und entschärfen möchte, der wird nicht die Scharia als Ganzes verwerfen und dabei einen Kategorienfehler nach dem anderen begehen, sondern zu einem differenzierten, wissenschaftlich fundierten und durchaus auch kritischen Umgang mit den tradierten und neueren Zugängen zur Scharia ermutigen.

Wer jedoch, wie Sie es freimütig tun, behauptet, die Scharia hätte für liberale Muslime gar keine Bedeutung, behauptet letztlich entweder, dass liberale Muslime mit klassisch-islamischen Glaubens- und Handlungsnormen nicht im entferntesten etwas zu tun haben (und bestätigen damit viele meines Erachtens unbegründete Unterstellungen muslimischer Kritiker). Oder Sie unterstützen ohne es zu merken die ohnehin frappierende öffentliche Begriffskonfusion zum Islam, indem Sie sich nicht am wissenschaftlich geläuterten Sprachgebrauch, dem Sie sich als muslimische Intellektuelle eigentlich verpflichtet fühlen sollten, sondern am vulgarisierten Islamdiskurs der Öffentlichkeit orientieren. Die Folgen: Sie stellen alle Muslime, die sich aus guten Gründen nicht pauschal von der Scharia (im obigen Sinne) distanzieren völlig zu Unrecht unter Generalverdacht, genauso wie es Necla Kelek und andere Jahre lange getan haben. Und Sie unterstützen unfreiwillig die Propaganda islamistischer Ideologen, die mit ihrem verstümmelten Schariakonzept essenziell auf die absolute Unvereinbarkeit freiheitlicher Demokratie und der Scharia angewiesen sind, die auch Sie so naiv und unreflektiert behaupten. Damit wiederum leisten Sie allen an Vermittlung zwischen den Fronten interessierten Muslimen wie mir einen Bärendienst, für den ich nicht dankbar sein, sondern über den ich mich nur ärgern kann.

Nun habe ich oben für eine differenziertes und wissenschaftlich fundiertes Verständnis der Scharia geworben, aber damit zugleich ungewollt womöglich ein weiteres von Ihnen forciertes Missverständnis unterstützt, nämlich dass alle Probleme im Kontext des Islams vor allem eine Frage der Koranauslegung seien. Dieses Missverständnis ist im Grunde noch viel attraktiver und weitreichender als obiges, da es so simpel ist und für den unkundigen Leser so überzeugend wirkt, dass man kaum wagt dem zu widersprechen. Darum will ich als zweiten Kritikpunkt gerne auch dazu etwas schreiben.

Zunächst: Die Lebenspraxis der meisten Muslime folgt wie die Praxis der meisten Menschen nicht einer systematischen Textinterpretation – gleichgültig wie heilig ihnen der Koran ist –, sondern der Sozialisation in Praktiken, Normen und Werte sozialer Milieus, die auch bei hoher Religiosität oftmals weit von echter Quellenarbeit, sei es liberaler oder konservativer Prägung, entfernt sind. Doch in Ihrem Bild vom gläubigen Muslim konservativer Prägung ist dieser ein willenloser Befolger des Wortlautes der heiligen Schrift der Muslime und damit stets auch im Konflikt mit Grundgesetz und Menschenrechten. Darum besteht aus Ihrer Sicht die Lösung diverser Integrationsprobleme darin, dass Muslime sich den Mut nehmen zu sagen: „Diese Sure ist heute nicht mehr gültig.“

Dies ist ein sehr naiver, um nicht zu sagen mechanistischer Ansatz. Weder entstehen soziale Probleme dadurch, dass jemand sagt: „Diese Sure ist auch heute gültig“, noch werden sie dadurch gelöst, dass man sagt „Diese Sure ist heute nicht mehr gültig.“ Denn die Logik der Praxis, also auch der muslimischen, folgt so gut wie nie einem so engen textgebunden-ideologischen Schema, sodass auch der von Ihnen konstruierte Widerspruch zwischen dem Grundgesetz und dem konservativen Islamverständnis zunächst einmal nur auf einer theoretischen Ebene existiert. Dort muss er wahrgenommen und auch bearbeitet werden – das streite ich nicht ab. Im Gegenteil: Ich engagiere mich selbst dafür, da ich Theorie für wichtig halte, und da ich durchaus sehe, dass es Fälle gibt, wo aus problematischer Theorie groteske Wirklichkeit werden kann.

Aber: In der Praxis hier und jetzt können Sie Menschen nur für die konkrete Inanspruchnahme problematischer Praktiken kritisieren, nicht jedoch für Praktiken, die diese theoretisch nach Ihrer Logik aus ihrem konservativen Glaubenssystem ableiten und für sich einfordern müssten, oder für Gedanken, die diese Menschen Ihrer Mutmaßung nach denken müssten. Die Vorstellung, dass man aus ein paar allgemeinen Bekenntnissen von Muslimen zur Heiligkeit des Korans zugleich die Gedanken und Praxiswünsche eines gesamten muslimischen Kollektivs ableiten kann, ist ein arroganter, naiver und fataler Wesenszug fast der gesamten sogenannten Islamkritik, die Sie ja offensichtlich für lebenswichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft halten.

Ihren Druck auf Muslime zu den Liberalen zu konvertieren oder sich zurückzuziehen können Sie nur aufrecht halten, weil sie parallel dazu eben dieses Gau-Szenario konstruieren, das jedoch auf die meisten der konservativen Muslime in Deutschland selbstverständlich nicht zutrifft. Um das zu erkennen, müssen Sie sich freilich dem empirischen individuellen Menschen widmen, den realen Muslim also in seiner Vielfalt aufsuchen und entdecken, und gleichzeitig auf ein kollektives und mit ideologischer Deduktion begründetes Bashing gegen vermutete konservative Monolithe wie Verbände o. ä. verzichten.

Dann würden Sie auch erkennen, dass die von Ihnen geforderten Diskurse auch im konservativen Milieu seit Jahren schon kontrovers geführt werden, und dass das konservative Milieu auch im Umfeld der Verbände sehr vielfältig und selbstverständlich grundgesetztreu ist. Ja: Um grundgesetztreu zu sein muss man sich nicht der von Ihnen beschrieben liberalen Einfalt anschließen (was nicht bedeutet, dass jedes liberale Konzept einfältig sein muss).

Niemand im konservativen Paradigma muss aus dem Koran für die Praxis das ableiten, was aus Ihrer Sicht als Außenstehende logisch zwingend scheint, etwa eine kategorische Unterordnung der Frau unter den Mann. Überhaupt sind unsere grundsätzlichen praktischen Fragen und Probleme in Deutschland keine der korrekten Textauslegungstechnik, sondern der Kompromisse zwischen teilweise konfligierenden Praxislinien mit Eigenleben auch jenseits aller Texte und der Suche nach dauerhaften pragmatischen Vereinbarungsstrategien, die nicht nur Ihren Werten, sondern der Würde aller Beteiligten Respekt zollen. In Ihrem Ansatz sehe ich Letzteres leider noch nicht gegeben. Darum kritisiere ich ihn.

Aus diesen Gründen spreche ich mich auch klar für eine differenzierte und an der realen individuellen und empirisch zu erschließenden Lebenspraxis orientierten Auseinandersetzung mit konservativen Muslimen aus und lehne die durch fragliche ideologische Gedankenspiele von Außenstehenden konstruierten Kollektivszenarien ab.

Liberale Muslime sind nicht automatisch aufgeklärter, toleranter oder gesetzestreuer als konservative Muslime.

Wenn wir uns darauf einigen können, dann bin ich bereit über alles Weitere zu diskutieren.

Denn auch, wenn ich selbst am liberalen Ende eines Spektrums sitze – nach der Lektüre Ihrer Plädoyers wird mir bewusst, dass es wohl doch ein konservatives Spektrum ist.


Kommentare

Warum ich dann doch lieber konservativ bleibe – Offener Brief an Lale Akgün — 9 Kommentare

  1. Sehr geehrter Verfasser/sehr geehrte Verfasserin diese Blogs!

    mit grossem Interesse habe ich ihren offenen Brief an Frau Akgün zu deren Beitrag im Deutschlandfunk vom 15. 5. 2015 über den “liberalen Islam “gelesen. Ich kan verstehen , daß Sie das, was Sie als den “Druck auf Muslime , zu den Liberalen zu konvertieren” als Zumutung empfinden und das, was Sie als “das konservative Milieu” bezeichnen gegen den “Generalverdacht” in Schutz nehmen mit dem Grundgesetz nicht vereinbar zu sein. Sie fordern , man müsse sich “dem empirisch individuellen Menschen widmen… und auf ein kollektives … Bashing gegen vermutete konservative Monolithe wie Verbände o.ä. verzichten.” Dem kann ich mich nur voll und ganz anschliesssen.
    Darf ich mir aber erlauben, Sie an einen erschreckenden Vorfall , in Frankfurt vor genau einem Jahr , im Mai 2014, im Jugendhaus des Stadtteils Gallus hinzuweisen? Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, haben dort einige junge Besucher, nach einem Konflikt mit den Sozialarbeitern , einen solchen Druck auf diese Personen ausgeübt, dass die Einrichtung für mehrere Wochen geschlossen wurde. Anlass für den Konflikt waren anscheinend nicht erfüllte Forderungen der jungen Männer, die wohl dem radikalen salafistischen Milieu zuzurechnen sind, nach eigenen Räume innerhalb des Jugendhauses . Diesr Konflikt eskalierte , als die jungen Männer gewisse religiös motivierte Forderungen an eine weibliche Person des Sozialbetreuungsteams bezüglich ihrer “unzüchtigen” Bekleidung stellten . Dem folgte ein Hausverbot gegen diese Männer und die vorübergehende Schließung der Einrichtung. Ich war damals erschrocken , daß ein solcher Konflikt dermassen eskalieren konnte, und frage mich, was zu tun wäre, daß so etwas nicht wieder passiert. Diese Frage richte ich sowohl an die für die Leitung des Jugendhauses, die städtischen Behörden und insbesondere an den “Rat der Religionen” in der Stadt Frankfurt. Auf meine Anfrage an den “Rat der Religionen”, was dieser zur Lösung des Konflikt beitragen könnte, bekam ich nur ausweichende Antworten mit dem Verweis auf die Nichtzuständigkeit dieses Gremiums. Ich frage mich, ob diese Reaktion angemessen war und ob nicht jeder Bürger dieser Stadt, mich selbst eingeschlossen, sich überlegen sollte, worin sein oder ihr Beitrag bestehen könnte, zu verhindern, daß Konflikte dieser Art dermassen eskalieren.
    Für diesbezügliche Anregungen von Ihrer Seite wäre ich Ihnen dankbar. Hochachtungsvoll, F. W. Höper

  2. Danke für Ihr Feedback, Herr Höper – zum Vorfall in Frankfurt: Das ist bestürzend. Den Ansatz von Fatih Dogan würde ich auf jeden Fall mal weiterverfolgen, wenn er einen Draht zu den Leuten aufbauen kann. Andererseits gibt es eine bestimmte Klasse von Problemen, zu denen das von Ihnen zitierte zu gehören scheint, die sich schon in einer fortgeschrittenen Phase befinden. Man muss manchmal auch einfach geschlossen ein gut begründetes Machtwort sprechen, gerade gegen solchen Raudis, was nicht heißt, dass man nicht parallel nach sozialen Hintergründen und Einflüssen suchen sollte. Ein “Rat der Religionen” kann hier wohl wenig ausrichten, da diese Jugendlichen gerade auf einen solchen “Rat” nicht hören würden, abgesehen davon, dass dem Rat womöglich komplett der Einblick und die Kompetenz für solche soziale Strukturen fehlt. Auch wird es dem Rat kaum möglich sein die Sphären, unter deren Einfluss solche Jugendliche stehen, zum Dialog zu bewegen. Es ist ja gerade die demonstrative Distanzierung von öffentlich anerkannten Kreisen, die diese Anti-Identität (die überdies nicht viele Jahre anhält) ausmacht. Wäre es ein rationales Problem, könnte man darauf hoffen, dass die Jungs auf Argumente hören. Aber solange es hier um Identität, Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen und Testosteron geht – alles schön verpackt in ein demonstrativ-“religiöses” Gewand – kommt man ohne die Erfahrung professioneller Sozialarbeiter am besten in Zusammenarbeit mit möglichen kompetenten Vertrauenspersonen aus muslimischen Kreisen wohl kaum aus. Ansonsten fehlt mir selbst die Erfahrung mit Halbstarken dieses Typs um einen konkreteren Rat abgeben zu können. Die Probleme um mich herum in Stuttgart sind nicht von dieser Art, die hoffentlich nicht weiter Schule macht.

  3. Pingback: Liberaler Islam vs. Konservativer Islam Debatte – Dokumentation | Serdargunes' Blog

  4. Ich verstehe nicht, warum man Lale Akgün solch große Aufmerksamkeit schenkt. Jeder, der auch nur etwas über den Islam Bescheid weiß, sollte erkannt haben, daß diese Frau in Sachen Islam inkompetent ist. Nach Meinung eines anderen deutschen Muslims hat sie nicht nur nicht verstanden, was der Islam, sondern was Religion überhaupt ist. Lale Akgün beruft sich bei ihren Kenntnissen des Islams häufig auf ihren Großvater, und ihren Schilderungen zu entnehmen, hatte bereits dieser den Islam nicht richtig verstanden. Nur weil jemand einen türkischen Namen hat und seine Vorfahren Muslime waren, bedeutet das noch lange nicht, daß auch dieser Mensch seine ererbte Religion richtig kennt. Man sollte sich nicht scheuen, das offen auszusprechen.
    Nach den Aussagen des Korans und vor allem dem sogenannten „Gabriel-Hadith“, ist der Islam auf fünf Grundbestandteilen oder Säulen aufgebaut. Nach übereinstimmender Meinung der früheren und späteren Gelehrten sind sie das Grundgerüst des Islams, ohne die er nicht als Islam bestehen kann. Als äußere Hülle des Islams sind sie auch das Gerüst der Schari´a. Einen Islam ohne Schari´a gibt es somit laut Selbstdefinition nicht! Wenn Leute, wie die Aleviten, behaupten, sie hätten einen „Islam ohne Schari´a“, dann ist das etwas, was es gar nicht geben kann. Vielmehr bilden sie eine eigene Religionsgemeinschaft, die zwar einige Gemeinsamkeiten mit dem Islam hat, aber nicht Islam ist. In der BRD haben wir Religionsfreiheit, und wir können niemanden daran hindern, eine neue Religion zu begründen. Wenn Frau Akgün eine neue Religion kreieren möchte, kann man sie nicht daran hindern, doch sollte man es nicht zulassen, daß sie diese dann „Islam“ nennt, da dieser Name bereits vergeben ist.

    • Vielen Dank für Ihren Besuch bei mir, Herr Bubenheim, und für Ihre Hinweise.

      Trotz allem würde ich das Alevitentum nicht pauschal in diese Debatte hineinziehen wollen – dazu ist das Phänomen zu vielfältig und verbindliche Stellungnahmen von alevitischer Seite zu selten.

      Bei Frau Akgün beschränke ich mich darauf ihre Thesen immanent und auf der Basis des bekannten Wissens zu kritisieren. Es sind ihre persönlichen Meinungen und ich glaube nicht, dass es ganze Kollektive gibt, die sich durch sie vertreten fühlen.

      Un noch eine Ergänzung zu meinen Begrifflichkeiten: Jemand, der sich als Muslim bezeichnet, ist für mich ein Muslim. Natürlich auch Frau Akgün. Über alles andere pflege ich auf einer nicht persönlichen Ebene zu diskutieren.

      • Wir sind dazu angehalten, über keinen anderen Muslime leichtfertig den Takfīr auszusprechen, d. h. von keinem anderen Muslim zu behaupten, er sei kein Muslim oder stehe außerhalb des Islams. Allerdings gibt es verschiedene Muslime, von denen Äußerungen ausgehen, die islamisch nicht vertretbar sind. In solchen Fällen ist es angebracht, nur ihre Äußerungen als Kufr (Unglauben) zu bezeichnen, solange uns nicht die Umstände bekannt sind, die dazu geführt haben, da sie irgendeinen Entschuldigungsgrund für ihre Äußerungen haben können, wie Unwissen, Zustand psychischer Erregung oder dergl. Daher spreche ich auch nicht über Frau Lale Akgün den Takfīr aus, sondern beschuldige sie nur, in Unwissen über das Wesen der Religion und in Unkenntnis des Begriffes „Schari´a“ über den Islam zu sprechen. Sollte diese Beschuldigung zutreffen, so disqualifiziert sie dies zumindest als Informationsquelle über den Islam. Den Verantwortlichen in der SPD, die sie als Sachverständige in Sachen Islam genommen hatten, und den Medienvertretern, die sie über ihre Meinung zu Dingen der islamischen Religion befragen, kann ich jedoch nicht den Vorwurf ersparen, damit bewußt oder unbewußt die Öffentlichkeit in die Irre zu führen.
        Bei Personen, die nach eingehender Prüfung von qualifizierten Gelehrten oder offiziellen Stellen für außerhalb des Islams stehend befunden worden sind, wie der verstorbene Nasr Hamid Abu Zaid, halte ich es für zulässig, sie als Kāfir oder Apostaten zu bezeichnen. Necla Kelek hatte während der Verleihung der Mercator-Professur an sie im Jahre 2006 erklärt, sie glaube nicht, daß der Koran Gottes Wort sei. Ihre bisherigen Äußerungen und Verhaltensweisen deuten nicht darauf hin, daß sie diese Aussage widerrufen hat. Daher besteht bei ihr der dringende Verdacht, keine Muslima zu sein.
        Es genügt nicht, wenn jemand von sich selbst behauptet, Muslim zu sein, jedoch Äußerungen von sich gibt oder Dinge tut, die mit grundlegenden Lehren des Islams unvereinbar sind, wie im Falle von Frau Kelek. Dann steht eine solche Person zumindest im Verdacht, außerhalb des Islams zu stehen, solange für sie keine akzeptable Entschuldigung beigebracht ist.

  5. Es ist erschreckend und beängstigend feststellen zu müssen, wie desinformiert die meisten westlichen Nichtmuslime über den Islam sind, wenn sie den Begriff „Schari´a“ auf das Strafrecht reduzieren, das in der ganzen islamischen Schari´a nur einen verschwindend geringen Platz einnimmt. Davon sind nicht einmal führende Politiker ausgenommen, und für jemanden, der weiß, daß die Schari´a gewissermaßen der äußere Rahmen der ganzen islamischen Religion ist, hört sich die Forderung des Bundesinnenmnisters, die Muslime sollten auf die Schari´a verzichten, so an, als forderte er, ganz auf den Islam zu verzichten. Auch denjenigen Ignoranten, die eine „Einführung“ der Schari´a in Deutschland verhindern wollen, scheint nicht bekannt zu sein, daß der größte Teil der islamischen Schari´a sich auf die gottesdienstlichen Handlungen bezieht, und daß im Rahmen der grundgesetzlich verankerten Religionsfreiheit mit den Gebeten, dem Fasten usw. der Muslime bereits ein Großteil der Schari´a praktiziert wird. Ist denn niemand da und niemand imstande, diese unwissenden und desinformierten Politiker und Medienvertreter aufzuklären?
    Meist versucht man eine angebliche Unvereinbarkeit der „Schari´a“ mit dem Grundgesetz und den anderen in BRD geltenden Gesetzen zu beschwören, obwohl bspw. das bürgerliche Recht der islamischen Schari´a in Fragen von Kaufverträgen, Schadensersatz und dergl. sich kaum vom bürgerlichen Recht der BRD unterscheidet. Vielmehr konzentriert man sich in der öffentlichen Debatte nur auf die wenigen Fälle, in denen sich die islamische Schari´a von in der BRD geltendem Recht unterscheidet, um dann der Bevölkerungsmehrheit zu suggerieren, die Schari´a als Ganzes sei mit dem bundesdeutschen Rechtssystem völlig inkompatibel.

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