Von Kirche, Koran und Orgelmusik

Gerade kam ich aus einer Veranstaltung an der Uni Tübingen und lief an der Stiftskirche vorbei, da musste ich ruckartig umdrehen und direkt in die Kirche hineinlaufen, und zwar zwischen die Bänke genau in ihre Mitte. Ich warf meinen Rucksack hin, schloss die Augen und ließ mich elektrisieren. Jemand spielte hier Orgel, aber nicht von der fröhlich in Dur trällernden Sorte, sondern, wie soll ich sagen, düster, erhaben, und majestätisch, in jedem Fall so, dass die tiefen Basstöne die Bauchregionen zum Beben bringen. Da wusste ich, ich muss jetzt sofort diesen Text schreiben. So griff der für mich unsichtbare Orgelspieler in seine Tasten, während ich auf der anderen dem mit einem Eindreschen in die Tasten meines Laptops antwortete. Dies Musik war in jedem Fall laut – aber die Lautstärke war der Wucht der Musik angemessen.

Ich war praktisch alleine hier, alleine mit dieser genialen Musik und dem klanglich perfekt dazupassenden Raum. Muslime sagen Kirchen nach, sie seien kalt und düster. Das trifft für den ersten Eindruck von dieser Kirche sicherlich zu. Doch schätze ich nicht nur die Atmosphäre von Geborgenheit und Demut, wie man sie in unseren Moscheen vorfindet, sondern auch diese eher dunkle Atmosphäre. Ja, sie ist kühl, aber gerade in Verbindung mit dieser Musik ist sie mir alles andere als unsympathisch. Sie transportiert nichts Bösartiges, sondern weckt in mir tiefe Ehrfurcht vor etwas Verborgenem und Allgegenwärtigen. Die bombastischen Orgeltöne verschwimmen manchmal ineinander, sodass das ungeübte Ohr Disharmonien vermutet, wo in Wirklichkeit verschiedene Melodiebögen zu einer gewalten Welle zusammenschmelzen um dann mit großer Wucht auf das Ufer einstürzen. Solche Orgelmusik ist religiöser Heavy-Metal.

So ähnlich stelle ich mir auch das Universum vor: wie ein großes Konzert, das in allen Tonlagen singt und faucht, aber dabei nie seine mathematische Harmonie verliert. Zwischendurch wird es still, verstummt aber nie ganz. Ein Wechsel von bedachten und stürmischen Zeiten, von Höhen und Tiefen, von Glück und Leid, von Vergänglichkeit und Wiederkehr. Ein Konzert, das von Erhabenheit, Größe und dem Mysterium handelt. Dieses Mysterium ist mir nur zu kleinen Teilen verständlich – zu seinen anderen Teilen erzwingt es meine Demut, eine Demut, mit der ich meinen Frieden gemacht habe und die den Kern meiner Religiösität ausmacht. Sie vergegenwärtigt mir täglich meine Rolle als sterblicher Winzling in dieser Welt, und dass das kosmische Konzert auch dann ertönt, wenn wir nicht da sind – und dass ich großen Gewinn habe, wenn ich davon koste, solange es mir möglich ist.

Genau in so einem Moment möchte ich das ganze Universum über mir sehen, und ich möchte mich wie auf einem Gebetsteppich zu Boden werfen vor der Macht, die die physikalische Welt webt und formt. Mich ganz klein machen und mir dabei die Größe des Meisters der Schöpfung vorstellen. Des Schöpfers und Erhalters der kleinsten und größten Dinge. Nur vor diesem werfe ich mich nieder – und tanke dabei Kraft, um mich vor nichts anderem niederwerfen zu müssen. Triebfeder sind in solchen großartigen Momenten nicht das, was die Menschen sehen wollen oder sollen, auch nicht Angst oder Verzweiflung, sondern Liebe und Leidenschaft, die Sehnsucht des Tropfens nach dem Ozean, eine Sehnsucht, die tief in mir steckt, und deren Ausbildung und Entwicklung ich als Zweck des Glaubens vermute. So möchte ich gerne werden und bleiben: suchend und flehend, betrachtend und genießend, heiter und von Freude erfüllt, selbst wenn die Entropie täglich an mir nagt, selbst in Momenten finsterster Dunkelheit. Gebt nie die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit auf, heißt es im Koran.

Und wenn ich die wuchtigen Klängen durch den Raum schallen hören, meine ich zu verstehen, was in den heiligen Büchern gemeint ist, wenn sie berichten, wie Himmel und Erde Gott lobpreisen. So möchte eine Stimme in mir rufen: Sterne, Bäume, Wälder, Seen – lasst mich teilhaben an eurem Lobgesang! Ich möchte in euren Chor einstimmen, wie die Berge Davids es taten. Ich möchte den Götzen in mir bezwingen, dem närrischen Tanz um das goldene Kalb in mir ein Ende bereiten, um Raum zu machen für den Einen. Und wenn ich dabei immer wieder scheitere: Ihr seid meine Zeugen, dass ich eifersüchtig auf euren Lobgesang war! Aber selbst der schwachen Seele ist Barmherzigkeit in Aussicht gestellt.

So stehe ich inmitten dieser Kirche und staune darüber, wie gut man religiöse und spirituelle Gefühle auch ohne Worte und Symbole transportieren kann. Ein Blick auf die Symbole hier würde mich vielleicht irrtieren, oder gar ablenken. Denn ich verstehe sie nicht, auch wenn ich sie gut kenne und ein Stück weit erklären könnte. Sie bleiben mir dennoch fremd. Ich respektiere die Wege der anderen. Aber ich gehe meinen eigenen Weg.

Eben dies verstehe ich unter Toleranz: etwas Anderes, mir gar Fremdes wohlwollend zuzulassen, die Aufrichtigkeit seiner Anhänger zu würdigen, und der Sache selbst Achtung entgegenbringen, wo der Koran ja selbst untersagte die Götzen des Götzendieners zu schmähen. Ja, ich will die aufrichtige Sache der anderen achten – auch wenn ich sie nicht verstehe, oder mir aneignen will. Wozu auch verstehen wollen, ist dies doch meist nur eine Strategie sich das andere durch scheinbares Verstehen Untertan zu machen – entweder durch arrogante Vereinnahmung, oder durch von Halbbildung getriebene Ablehnung.

Ich glaube, dass von den verschiedenen koranischen Ansätzen hierzu der universellste Satz jener ist, der aussagt, dass Gott, wenn er es gewollt hätte, nur eine einzige religiöse Gemeinschaft zugelassen hätte, und dass er selbst die Menschen über ihre Uneinigkeiten aufklären wird, die bis zur Begegnung mit ihrem Herren untereinander im Guten wetteifern sollen, statt dämlich und besserwisserisch miteinander zu streiten. Warum sollte ich da vorschnell eingreifen wollen durch ein von meinen Vorurteilen und meinem Unwissen geleiteten „Verstehen“ als Außenstehender, statt einfach meinen von mir bevorzugten Weg weiterzugehen?

So gehe ich also meinen Weg, begegne jedoch am Wegrand immer wieder Dingen der anderen, die ich gerne in meine eigenen Schatzkammern aufnehme. Ich verstehe mir als Sammler, der täglich eingeladen ist zu großem Mahle bei Westen wie Osten. Und ich weiß, ich spreche nur für mich, wenn ich frage: Kann es irgendetwas Besseres als das auf dieser Welt geben?

Ich suche dabei sowohl Momente der rationalen Erkenntnis, aber auch der Entzückung und spirituellen Erfüllung. Und ich setze diese Fundstücke um den Kern meines Glaubens zu einem großen Ganzen zusammen.

Zeigt mir einen Weg, der für mich besser ist als dieser, und ich will ihn gehen!

Und sie passen zusammen, diese Teile, ja mehr noch: Sie berichten mir von der selben Geschichte. Zumindest glaube ich, dass es so ist. Und es ist ein Glaube, der mich weit getragen hat.

Stringtheoretiker veranschaulichen ihr Modell von der physikalischen Welt manchmal mit einer vielsaitigen Gittare. Die Welt entsteht und erwacht zu Leben, sobald Gott deren Saiten zum Erklingen bringt und sie weiter tönen lässt.

Von wegen, die Naturgesetze seien kalt und unpersönlich! Und von wegen, die Welt erscheine umso absurder, je besser wir sie verstehen!

Im Gegenteil: Die verblüffende Verstehbarkeit bzw. Beschreibbarkeit so vieler Sachverhalte in der physikalischen Welt, die nichts mir unserem biologischen Überleben zu tun haben – von Quantenfeldern bis zur kosmischen Hintergrundstrahlung – ist eine entscheidende Berechtigung für mich diese Welt als Schleier von etwas Erhabenem dahinter aufzufassen. Von etwas, das irgendetwas mit uns zu tun hat. Es ist zwar nicht Mensch, aber auch nicht allein unpersönliches Ding. Vielmehr vermute ich dahinter die Wurzel aller Dinge, unbeschränkt und erhaben, mit der man über verborgene innere Wege in Verbindung treten kann. Erlebnisse, die mal mehr, mal weniger von intensiven Emotionen begleitet sein können.

Und diesmal ist mir das in einer Kirche widerfahren – ausgerechnet, als ich gerade auf dem Weg in eine Moschee war!

Der Koran sagt: Wenn Gott Aggressoren keinen Einhalt geboten hätte, dann wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Gottes Name häufig genannt wird, bestimmt zerstört worden. Ist es vielleicht dieser Moment, von dem diese koranische Aussage handelt? Und ein Hadith lehrt mich, dass die gesamte Schöpfung ein einziges Gotteshaus, ein einziger Tempel des Einen ist. Der Islam hat mich entbunden von der Anbetung von Orten und Dingen. Er hat meine Aufmerksamkeit auf Himmel und Erde gelenkt. Und mich gelehrt, dass der Gottesdienstwillige nicht Sonne und Mond, sondern einzig deren Schöpfer, also die fundamentalste aller Ursachen verehren und anbeten soll. Diese so beschriebene Welt ist gut und sie ist voller natürlicher Gebetsnischen – Nischen, die in meiner Welt nicht nur die Form von gebetstauglichen Orten, sondern auch von ergreifender Musik, oder spirituellen Momenten annehmen können.

Und ja: Es muss die selbe Welt sein, von der die mathematischen Modelle der theoretischen Physik, die gewaltige Orgel hier und die koranische Besingung des Einen, der uns näher als unsere Halsschlagader ist, letztlich handeln! Meine Sehnsucht gilt der Schauung dieser Einheit. Diese Schauung erfolgt aber nicht allein durch Vernunft. Nein, Vernunft hat hier höchstens vorbereitenden Charakter, der die Wellen bis zum Ufer treibt und dann das Aufschlagen dem unabwendbaren Lauf der Dinge überlässt – ein Ereignis, das verkannt würde, wenn es einfach nur „begriffen“ wird. Also weg mit den Griffeln! Vernunftlose Erkenntnis nannte Tolstoi dieses Erleben – etwas, das er nach vielen Jahren der Glaubensskepsis und Depression als Wiedererwachen seines Kindheitsglaubens erfuhr. Dieser lange absente Glaube war zu ihm in fortgeschrittenem Alter in gereifter Form wiedergekehrt – und er wandte sich der Theologie und der Traditionskritik zu. Aber was die ungebändigte Freude am Glauben anbelangt, war er wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

Von vernunftloser Erkenntnis sprach Tolstoi also – vernunftlos bedeutet hier jedoch nicht etwa vernunftwidrig, oder von einer Art, dass man sich einbildet etwas zu sehen, oder zu hören, was nicht da ist. Vielmehr ist damit ein höchst subjektiver, spontaner und intimer Moment gemeint, in dem sich das Verhältnis des Endlichen und Kleinen zum Unermesslichen zeigt, also ein Moment, in dem man Zeuge der Einbettung des Vergänglichen in das Unvergängliche zu werden scheint.

Ja, es ist ein schwer fassbarer Eindruck, es ist subjektiv, aber zeigt sich mir und anderen als nicht minder real und beständig als andere alltägliche Erfahrungen. Eben eine solche Qualität kann jedoch nur erlebt, und nicht berechnet werden. Ist sie vielleicht ein Nachhall der tief irgendwo in unsere Seele (was immer das auch ist) eingravierten Begegnung mit unserem Schöpfer vor unserem irdischen Dasein, in der Gott zu den Seelen sprach Bin ich nicht euer Herr, worauf diese antworteten Ja, das bist du.Ich weiß freilich nicht, ob es eine solche Erinnerung ist, wie Mystiker vielleicht vermuten würden. Aber ich weiß, dass das, was manche als Ehrfurcht vor dem Leben und andere als Ehrfurcht vor dem Menschen bezeichnen, in meiner Welt ihre Wurzel in der Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat. Liebe zu den Geschöpfen um deren Schöpfer willen – so umschreiben es die anatolischen Mystiker.

Die ersten Teilnehmer des Abendgottesdienstes treffen ein. Ich verlasse diese Kirche, dankbar für diese unglaubliche halbe Stunde, und gehe erfüllt und zufrieden meinen eigenen Weg…