Von Erdoğan, Satire und den Folgen für viele türkische Jugendliche

Man muss Erdoğan nicht mögen

um zu erkennen,

dass das aktuell ausufernde Erdoğan-Bashing jenseits der analytischen Kritik

verheerende Auswirkungen

auf das Bild vieler junger Türkischsstämmiger von Deutschland hat und haben wird –

zum einen, weil viele auf der Suche nach einer starken Identifikationsfigur Erdoğan idealisieren und seinen Authentizität vor allem daran messen, wie groß der Hass ist, der ihm von Seiten seiner Gegner (zu der die meisten Deutschstämmigen und auch viele Türkischstämmige zählen) entgegen schlägt,

zum anderen, weil viele von ihnen das Erdoğan-Bashing persönlich nehmen, selbst wenn ihnen manches Verhalten von ihm auch peinlich ist.

Der Streit um Erdoğan

ist für viele ein Stellvertreterkampf

um die Frage

wie Türken in Deutschland von der Mehrheitsgesellschaft gesehen werden.

Es tut mir Leid, hier nichts Besseres berichten zu können.

Aber so schlimm (und noch schlimmer) ist das, was die aktuelle “Debatte” mit ihrer wenig appetitlichen Zuspitzung unter Jan Böhmermann, mit den jungen Leuten anrichtet.

Sie ist nicht die ersten Debatte.

Sie kehrt ständig wieder und ist im Grunde ein asymmetrischer Machtkampf zwischen sozialen Milieus, der mit den Mitteln der Ideologisierung und Zuspitzung nie lösbar war und auch nie lösbar sein wird..

Für die verheerenden Auswirkungen auf viele nach einer legitimen Identität durstenden jungen Türken ist es dabei völlig unerheblich, wer letztlich alles schuld an der Zuspitzung ist, und wie der intellektuelle Diskurs die Beiträge dazu kontextualisiert.

Man beachte das kleine Erdoğan-Bildchen und die riesige Türkeiflagge im Hintergrund von Böhmermann. Dies passt gut zu dem, wie viele jungen Türken eine solche Situation wahrnehmen – dargestellt im Öffentlich-Rechtlichen.

Für viele Türken gerade aus traditionelleren Haushalten ist dies einmal mehr der Beweis dafür,

wie sehr die Deutschen die Türken verachten,

und wie sehr sie “uns” hassen.

Woher ich mit so großer Gewissheit sagen kann, was diese Jugendlichen denken?

Aus zahllosen Gesprächen während und nach solchen “Debatten”: Ich habe sie immer wieder und wieder befragt und sehr oft ähnliche Antworten erhalten.

Selbst, wenn sie Fehler auf der türkischen Seite einsehen, überwiegt dann doch der Verteidigungsreflex und das Umdeuten zu einem kollektiv gemeinten Kulturkampf, den “wir” nur verlieren können und daher noch mehr “zusammenhalten” müssen.

Und warum mich das kindische Gezanke der “Erwachsenen” dabei langsam so tierisch nervt, auch wenn sie zig Gründe für ihre harte Haltung gegenüber Erdoğan nennen können?

Weil Leute wie ich, die vermitteln wollen, diesen jungen Leuten gegenüber, die genau auf solche Diskurse übersensibilisiert sind, jedes Mal in Erklärungsnot darüber geraten, was das alles zu bedeuten hat, und dass alles ganz anders ist, als es scheint, und als es von z. B. türkischen Medien interpretiert wird, die spätestens hier eine alternative Identität stiftende Wirkung entfalten, die nicht in eine zukunftsfähige Richtung weist.

Fazit: Der Aufbau und die Erhaltung einer positiven Identität ist die emotional wichtigste Baustelle der meisten türkischstämmigen Jugendlichen. Das einzige pädagogisch legitime Ziel kann es aus meiner Sicht daher sein ihnen Wege zu gemischten kulturellen Identitäten zu zeigen, sodass sie sich eben nicht für “eine” von “zwei Lagern” entscheiden müssen.

Aber dazu bedarf es glaubwürdiger Deutungen unserer sozialen und medialen Wirklichkeit in Deutschland, die die Möglichkeit, Würde und Anerkennung dieser gemischt kulturellen Identitäten aufzeigt.

Deutungen, die es schaffen so etwas wie die aktuelle Erdoğan-Debatte weitgehend zu entschärfen und irrelevant für die weitere Identitätskonstruktion zu machen.

Genau an dieser Stelle erweist uns das erstaunliche Engagement der Beteiligten in der aktuellen Erdoğan-Krise jedoch einen Bärendienst…

Schade…


Kommentare

Von Erdoğan, Satire und den Folgen für viele türkische Jugendliche — 1 Kommentar

  1. Ist es das nicht die deutsche Schizophrenie, die Churchill schon beschreibt

    “Man hat sie (die Deutschen) entweder an der Gurgel oder zu Füßen.” – Winston Churchill

    Mein persönlicher Eindruck ist einfach, dass sich die “deutschen Deutschen” einfach nicht entscheiden können, ob sie die Deutschtürken bewundern, Familienzusammenhalt, Rückhalt in der Tradition, Zusammengehörigkeitsgefühl oder als altmodisch und tribal verachten sollen.

    Und in dieser Situation sind die Medien eben das Zünglein an der Waage, das die Stimmung in die eine oder andere Richtung kippen lassen kann. Geschickter Weise spielen meiner Ansicht nach die Medien ein doppeltes Spiel, einerseits gibt es Islam-Bashing und andererseits wird gegen einzelne tatsächliche Intensivtäter Zurückhaltung geübt.

    Wie siehst du das ? Versuchen deiner Ansicht nach, die Medien in Deutschland alles um die türkisch-stämmige Bevölkerung auf den Zehenspitzen zu halten und sich so alle Optionen zu wahren ?

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