Vom Toleranzpotenzial des Islam

Was gibt es Einfacheres und Schöneres auf dieser Welt als tolerant zu sein! Dazu ignoriert man einfach alles Andersartige und Fremde, oder man verkehrt die meiste Zeit nur mit Seinesgleichen. Mit Toleranz haben solche Haltungen wenig zu tun. Denn Toleranz bedeutet, dass man sich und seinem  Gegenüber gleichberechtigt aus freien Stücken ermöglicht, offen und angstfrei unterschiedliche Positionen und Lebensweisen zu vertreten.

Dies erfordert nicht, dass man die Position des Gegenübers gut finden, oder gar bejahen muss. Der Gottgläubige und der Atheist beispielsweise müssen nicht erst die Gottesfrage klären, um friedlich zusammenzuleben, zu kooperieren, oder gar gute Freunde zu werden. Eben dies ist ein großer Segen der säkularen, pluralistischen Demokratie.

Eine solche freiheitliche Position kann meiner Meinung nach auch islamisch legitimiert und vertreten werden, auch wenn die Praxis in manchen sogenannten islamischen Ländern und manche Gelehrtenmeinungen davon weit entfernt sind. Ich selbst bin mit den meisten Muslimen Deutschlands überzeugt davon, dass das Toleranzpotenzial des Islams heute bei weitem nicht ausschöpft wird.

Und damit meine ich viel mehr als den Koran-Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ Sure 2, Vers 256. Es gehört zu den Aufgaben einer zeitgenössischen islamischen Theologie, eben hier eine grundlegende islamisch begründete Theorie der Toleranz unter den Bedingungen der Moderne zu entwickeln.

Hierbei liefert schon die Erfahrung vieler religiöser Muslime in der Begegnung mit Nichtmuslimen hierzulande wichtige Einsichten und relativiert Vorurteile. So muss man beispielsweise nicht selbst unehelich leben, um zu erkennen, dass viele Paare auch ohne Trauschein im Geiste einer Ehe verantwortlich und treu verbunden sind. Ebenso bestätigen mir viele Nichtmuslime, dass man nicht erst ein Muslim sein muss, um zu sehen, dass der islamische Glaube auch für gut integrierte Frauen und Männer eine große Quelle von Kraft und innerer Befreiung darstellt.

Eine Schwierigkeit in Sachen Toleranz zeigt sich meines Erachtens beim Streit-Thema Kopftuch. Denn obgleich immer mehr bedeckte Musliminnen zu selbstbewussten und engagierten Bildungsbürgerinnen werden, bleiben  ihnen trotz Qualifikation Berufe wie das Lehramt an staatlichen Schulen verschlossen. In den Begründungen werden dem Kopftuch dabei oft undifferenziert negative Bedeutungen zugeschrieben, die meist einen politischen Hintergrund haben.

Mit Toleranz haben solche  Pauschalurteile sicher kaum etwas gemein. Es wäre daher an der Zeit einmal mehr zu überlegen, ob das Kopftuch-Verbot mit der Toleranzidee zu vereinbaren ist, für die das öffentliche Leben in Deutschland sonst ein großes Beispiel ist.

(Mein Beitrag vom  6.12.2013 auf SWRinfo im Programm “Der Islam in Deutschland”)