Vom Opferfest und Menschenopfern (auf SWRinfo)

Letzte Woche feierten eineinhalb Milliarden Muslime weltweit das islamische Opferfest, das zugleich das Ende der jährlichen Pilgerfahrt in Mekka markiert. Doch diesmal war ich zwischen Freude und vielen düsteren Gedanken hin und hergerissen. Während Millionen Muslime ihre Pilgerpflichten in Mekka abschlossen, standen weitere Millionen Muslime vor allem aus Syrien als Flüchtlinge an den Toren Europas. Die meisten von ihnen sind Kinder und Jugendliche.

Es ist kaum abzuschätzen, in wie vielen Festtagspredigten folgender Koranvers zitiert wurde: „Die Gläubigen sind doch Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren beiden Brüdern.“ (Sure 49, Vers 10). Doch den mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen wurde diese Brüderlichkeit im entscheidenden Moment vorenthalten – sowohl in ihrer Heimat, als auch durch die reichen muslimischen Golfmonarchien, die sich trotz Spendebereitschaft zu fein waren um gerade jetzt Flüchtlinge aufzunehmen.

Das Ergebnis verstört und verletzt mich: Syrische Muslime flüchten in alle Welt bis nach Mitteleuropa. Sie flüchten vor anderen Muslimen, insbesondere vor der Brutalität Asads und dem Terror des sogenannten Islamischen Staates. Dieses Ergebnis ist das genaue Gegenteil dessen, was zahlreiche muslimische Ideologen seit Jahrzehnten ihren Jüngern als Endziel versprochen hatten. Sie haben also schlichtweg gelogen – oder einfach nur fantasiert.

Anders lassen sich die makaberen Zuspitzungen heute kaum erklären. So riss ein Jünger des IS ausgerechnet beim Festtagsgebet dreißig Betende in einer schiitischen Moschee im Jemen mit sich selbst in den Tod. Eine Nachricht, die parallel zu der zu hören war, dass siebenhundert Pilger in Mekka in einer Massenpanik starben. Diese hätte ebenso wie das ebenfalls tödliche Kranunglück kurz zuvor mit etwas mehr planerischer Sorgfalt womöglich verhindert werden können. Solche Sorgfalt findet sich jedoch nur, wenn der mögliche oder reale Tod eines Menschen nicht nur rhetorisch, sondern auch im Herzen wie der Tod der gesamten Menschheit empfunden wird, wie es in Sure 5, Vers 32 heißt.

„Die Gläubigen sind doch Brüder“ – mehr Koranverse bedarf es nicht um das aktuelle moralische Versagen der politischen Ideologien in der islamischen Welt vor Augen zu führen.

Die Bereitschaft des großen Propheten Abraham seinen geliebten Sohn für Gott zu opfern wurde damit entlohnt, dass nicht mehr der Mensch, sondern ein Schlachttier geopfert werde sollte. In der islamischen Praxis wird daraus der Auftrag das Fleisch des Opfertieres mit den Armen zu teilen, also in den Dienst von Mensch und Gesellschaft zu stellen und somit Verantwortung zu übernehmen.

Solange der blinde Wille zur politischen Macht nicht durch eine Ethik der Verantwortung ersetzt wird, solange also leblose Körper ertrunkener Flüchtlingskinder aus islamischen Ländern an Touristenstrände gespült werden und keiner sich dafür verantwortlich fühlt, muss die Botschaft des Opferfestes als vorerst nicht in der islamischen Welt angekommen gelten.

(Mein aktueller Beitrag für „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo)


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