Exegetischer Umgang mit Schöpfungsversen

Ansätze für den Vergleich von Koran und Naturwissenschaft

Es gab in der islamischen Geschichte immer wieder Versuche Koranverse über die Schöpfung vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften, zu interpretieren um ihn als vereinbar mit dem Stand der Wissenschaft zu verstehen, Zweifel an seinem göttlichen Ursprung zu beseitigen oder – gerade in der Neuzeit –seinen Wundercharakter zu beweisen. Der Begriff tafsīr ʿilmī fasst diese Strömungen als eigene Richtung unter dem Begriff der (überwiegend natur-)wissenschaftlichen Koranexegese (d. h. Koranauslegung) zusammen.[1] Diese Versuche haben in religiösen Kreisen zu einem besonderen Interesse an manchen Ergebnissen der Naturwissenschaften geführt. Zugleich zog sich diese Art der Koranexegese auch immer wieder Kritiken verschiedener Art zu – so hielt schon aš-Šāṭibī (gest. 790 n. H. / 1388 n. Chr.) den Vertretern dieser Richtung vor, dass es nicht gestattet sei dem Koran Aussagen zu unterstellen, die nicht zwingend aus ihm folgen. Andere Kritiken, vor allem in der Neuzeit, betreffen die Tatsache, dass sich der Kenntnisstand der Wissenschaften ständig wandelt, und dass es daher verheerend wäre die Koranexegese auf den aktuellen Stand der Naturwissenschaften festzulegen. Beide Arten der Kritik sind ernst zu nehmen, da die Geschichte der Koranexgese durchaus Beispiele von Koranauslegungen kennt, die z. B. astronomische Weltbilder ihrer eigenen Zeit in den Koran hineinlasen und meinten, der Koran hätte sich genau für dieses Modell ausgesprochen.

Es ist denkbar, dass diese Kritiken berechtigt sind, dass es aber dennoch eine moderatere Form eines tafsīr ʿilmī geben kann, die im Unterschied zu seinen populären Varianten keine Eindeutigkeit und Notwendigkeit ihrer Auslegungen postuliert, sondern Auslegungsalternativen untersucht und diese anschließend mit den ebenfalls oft vielfältigen Modellen z. B. in der Naturwissenschaft vergleicht. Ein solches Vorgehen wird eher über die Schwierigkeiten der eigenen Auslegungsvorschläge reflektieren, als zu versuchen aus momentanen Auslegungsideen unmittelbar neue koranische Wunder abzulesen.

Man könnte auch so sagen: Ein reflektierter tafsīr ʿilmī verpflichtet sich sowohl einer methodisch fundierten Koranauslegungspraxis, als auch zu einem wissenschaftstheoretisch haltbaren Verständnis von Naturwissenschaft. So gesehen kann der Mehrwert von tafsīr ʿilmī nur der sein zwei sehr verschiedene Arten von Erkenntnisgewinnung miteinander in Dialog zu bringen und nach Möglichkeiten gemeinsamer Räume von Wirklichkeit zu suchen. Das setzt natürlich voraus, dass aus dem Korantext überhaupt beschreibende Informationen über die Natur abgeleitet werden können, die auch ohne unmittelbaren theologischen oder historischen Kontext mit den säkular kodierten und an Objektivität orientierten Modellen der Naturwissenschaften verglichen werden können.

Diese hermeneutische Position (1) geht von einer auch deskriptiven Funktion koranischer Sprache aus, (2) nimmt die Existenz einer von uns unabhängigen, aber uns nicht völlig verschlossenen Außenwelt an und (3) akzeptiert die Möglichkeit einer Annäherung an Wahrheit durch Beobachtung (bei Textauslegungen auch durch Textstudium), kritische Verstandesschlüsse sowie Vergleiche mit Ergebnissen aus anderen Domänen der Erkenntnissuche. Eine solche Position ist durchaus voraussetzungsreich und umstritten.[2] Aber sie erweist sich meines Erachtens als tragfähig und transparent genug, dass sie auch bei unserem Thema angewendet werden soll, was auch als Test ihrer Leistungsfähigkeit verstanden werden darf.

Einen Unterschied zu diesem eher deskriptiv orientierten Zugang markieren literaturwissenschaftliche sowie geistes- und sozialwissenschaftlich geprägte Ansätze, die den Korantext in erster Linie im historischen Kontext analysieren und seinen deskriptiven Gehalt primär auf die Geisteswelt der Offenbarungszeit beschränken wollen. Nun steht die Wichtigkeit des historischen Kontextes des Korans und die hermeneutische Bedeutung der Verstehenswelt der Erstadressaten außer Frage – jedoch gibt es keinen Grund anzunehmen, dass der Koran dabei nicht auch auf deskriptive und epistemisch gehaltvolle Elemente hin untersucht werden kann, die über den Offenbarungskontext hinaus Geltungsanspruch erheben und somit in Harmonie oder Konflikt mit anderen Weisen der Erkenntnisgewinnung stehen können. Eben das ist die Frage, die mich interessiert. Darum sollen hier zunächst literaturwissenschaftliche Ansatz außer Acht bleiben und erst im Epilog wieder diskutier werden.

Methodik

Unsere Eingangsthese lautet:

(1) Die Koranexegese und die Naturwissenschaft thematisieren zumindest teilweise dieselbe physikalische Wirklichkeit.

Unter dieser Annahme stellt sich nicht mehr die Frage, ob koranische Aussagen über Himmel und Erde mit naturwissenschaftlichen Thesen vergleichbar sind, sondern nur, in welchem Ausmaß dies möglich ist. An dieser Stelle muss jedoch auch gleich eine Einschränkung vorgenommen werden:

(2) Bedeutungen des Korans werden über vier Stufen erkannt, und zwar ausgehend

(a) vom Koran an sich,

(b) über unseren Eindruck vom Wortlaut ausgewählter Passagen,  aus denen jeweils

(c) eine erste Bedeutung gewonnen wird, die schließlich

(d) im Lichte eines umfassenderen Verstehenskontextes bzw. Theorierahmens eingeordnet und hier erst als verstanden bzw. sinnhaft eingeordnet gedacht werden können.

Nichts anderem sind die vielen klassischen Teildisziplinen der Koranexegese verpflichtet. Aber auch die eher pragmatischen zeitgenössischen Zugänge zum Koran verfahren grundsätzlich ähnlich. So vertreten heute viele Muslime die Meinung, der (a) Koran anerkenne eine universelle individuelle Glaubensfreheit. Dies begründen sie oft mit dem Vers 2:256, dem eine Schlüsselrolle zum Thema zugesprochen wird, die sich wiederum zunächst (b) aus dem Wortlaut „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ ableitet, der verstanden wird (c) als ein Verbot von Zwangsausübungen in Glaubensdingen. Sobald diese Aussage dann in einen universellen und zeitgenössisch relevanten Kontext gestellt wird, was ja durchaus im Wortlaut motiviert zu sein scheint, gelangt man zum Ergebnis aus dem Koran eine Aussage zu universeller Glaubensfreiheit abgeleitet zu haben. Zu dieser Universalisierung reicht aber der Wortlaut nicht, sondern es ist (d) das leitende theoretische Konzept des Auslegers von individueller Entscheidungsfreiheit, das ihn diese Zusammenhänge erst sehen lässt. Lehnt der Ausleger dieses Konzept ab, oder ist er sich der Bedeutung eines solchen Konzepts nicht bewusst, wird er in allen Schritten eher andere Entscheidungen treffen bzw. zu anderen Ergebnissen kommen.

Das bedeutet aber nicht, dass nun jeder in den Koran alles hineinlesen kann, oder dass alle Theoriekonzepte, mit denen auf Stufe (d) die größeren und letztlich entscheidenden Zusammenhänge hergestellt werden, gleichermaßen gut oder schlecht seien: Dasjenige Theoriensystem, das kohärenter ist, dass also den Koran umfassender und zusammenhängender verständlich machen kann und dabei mit weniger dem Text völlig fremden Zusatzannehmen auskommt, wird das bessere sein. Nimmt man noch regulierende Prinzipien wie Vernünftigkeit, Vereinbarkeit mit der Beobachtung, mit ethischen Grundprinzipien, aber auch theologische Axiome wie die Einzigkeit und Allmacht Gottes an, oder auch pragmatische Leitlinien, wie die Idee, dass die Gelehrtentradition den Koran in zumindest manchen Punkten am besten verstanden haben muss, verengt sich der Interpretationsspielraum nochmals erheblich. Wenn wir also auch keinen direkten objektiven Zugriff auf alle Intentionen des Koranurhebers haben, so haben wir doch eine Reihe von Werkzeugen, die uns näher an diese heranbringen und uns zumindest helfen können Irrtümer oder Willkür zu erkennen. Testen können wir diese Nähe durch Vergleich verschiedener Auslegungsangebote anhand der genannten Prinzipien, die ihrerseits nur rational begründet werden können. Mehr kann Exegese nicht. Mehr muss sie auch nicht können.

Ähnlich verhält es sich mit den Naturwissenschaften, oder mit methodologisch begründeter Wissenschaft überhaupt:

(3) Wahrheit über die Natur wird über vier Stufen erkannt, und es wird ausgehend

(a) von der Natur an sich,

(b) über unseren Eindruck von einzelnen empirisch, d. h. der Erfahrung zugänglichen Phänomenen

(c) ein erstes Bild von empirischen Fakten gewonnen, die

(d) im Lichte eines umfassenderen Theorierahmens eingeordnet und hier erst als verstanden bzw. sinnhaft eingeordnet gedacht werden können.

So wird (b) eine bestimmte tägliche Lichterscheinung am Horizont als (c) Aufgang der Sonne verstanden, die wiederum (d) im Kontext des heliozentrischen Modells vom Sonnensystem als physikalische Erscheinung in Folge der Rotation der Erde um eine räumlich statische Drehachse ausgelegt wird.

Nimmt man nun (2) und (3) zusammen, so folgt für den Vergleich von Naturwissenschaft und Koran:

(4) Es ist kein unmittelbarer Vergleich von Koran und Naturwissenschaft möglich, sondern nur einer von Ergebnissen der Koranexegese bzw. der Naturwissenschaft auf der Erkenntnisstufe (d).

Das heißt: Wir können – aufgrund der nicht direkt zugänglichen Intention des Koranurhebers und der nicht direkt zugänglichen Wahrheit über die Natur – nur die Produkte unserer Auslegung vergleichen, d. h. die Ergebnisse von systematischer und in einen Theoriekontext eingeordneter Koranexegese und die Ergebnisse von systematischer und in einen Theoriekontext eingeordneter Naturwissenschaft. Es stehen sich somit gegenüber:

  • Koran und Natur
  • Erschlossener Wortlaut von Koranversen und isolierte Beobachtungen in der Natur
  • Bedeutungsgefüge der Koranexegese, in deren Licht koranische Einzelaussagen verstanden und interpretiert werden, sowie Bedeutungsgefüge der Naturwissenschaften, in deren Licht empirische Befunde verstanden und interpretiert werden.

Jegliche Behauptung unmittelbar den Koran so zu nehmen, wie er ist, oder die Natur so zu erkennen, wie sie ist, verschleiert die Tatsache, dass der Koranausleger oder Naturforscher immer Entscheidungen auf allen Ebenen trifft, dass also jegliche Beobachtung oder Textinterpretation theoriegetränkt und vorbelastet ist. Unsere Aufgabe als kritische Forscher ist es uns diese Entscheidungen bzw. Vorbelastungen und impliziter Theorierahmen bewusst und transparent zu machen, um sie diskutieren, beurteilen und korrigieren zu können.

Im Folgenden wird unser Augenmerk auf der Seite der Koranexegese liegen. Bei Fragen zur Naturwissenschaft werden wir uns aus pragmatischen Gründen vorerst mit einem einzigen Modell – dem gängigen Standardmodell der Kosmologie – begnügen.

Kommen wir also zum Koran und zur Exegese. Der Koran ist nach Auffassung der islamischen Theologie ein historisch tradierter Text mit göttlichem Ursprung, der zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft mit bestimmten Zielsetzungen verkündet wurde. Seine Botschaft ist universell, doch ist die Wahl seiner Sprache unzweifelhaft den Bedürfnissen seiner Erstadressaten angepasst. Auch greift der Koran nicht in einen primär naturphilosophischen Diskurs ein, sondern in einen ethischen, theologischen und politischen. Aber wie eingangs erörtert: Unsere Annahme lautet, dass dem Koran auch deskriptive Aussagen über die empirisch zugängliche physikalische Wirklichkeit entnommen werden können, auch wenn dies mit Sicherheit zu den untergeordneten Themen des Korans gehört. Die Übernahme der Symbole und Motive seiner Zeit verhindert wiederum nicht, dass diese mit neuen Inhalten gefüllt oder von bisherigen Kontexten gelöst oder gar abgegrenzt werden.

Für unser Thema ist es wegweisend zu untersuchen, wie die betreffenden Koranverse in den ersten Jahrhunderten des Korans ausgelegt wurden, und welche philologischen, textuellen, traditionalistischen und rationalen Argumente hierzu vorgebracht wurden. Ferner ist es notwendig hierbei weg von einer atomistischen zu einer gesamtheitlichen Koranauslegung zu kommen, die nicht jeden Vers isoliert für sich auslegt, sondern in einen Sinnzusammenhang zu allen anderen betreffenden Versen setzt.

Diese Untersuchung folgt ferner der Annahme, dass insbesondere die Koranverse zur Schöpfung eine Vielfalt von Auslegungen zulassen, dass der Koran also mutašābihāt in der Bedeutung von vieldeutigen Versen enthält, die ihrerseits einem begründeten taʾwīl, d. h. einer Interpretation jenseits des Wortlautes etwa im metaphorischen Sinn offenstehen. Diese Vielfalt heißt jedoch keineswegs Beliebigkeit, wie wir gleich sehen werden. Denn jede Auslegung muss sich vor den anderen Quellen, aber auch vor rationalen Prinzipien wie Sparsamkeit der Annahmen, Widerspruchsfreiheit und Kohärenz rechtfertigen können. Geht man ferner noch einige Schritte weiter von der Einheit des Wissens und dem Offenbarungsanspruch des Korans aus, dann müssen Auslegungen sich – zumindest in unserem Ansatz der deskriptiven Sprache des Korans – auch vor unstrittigen empirischen Fakten rechtfertigen können. Letzter Punkt ist dabei ein unter den wissenschaftlich anspruchsvolleren Gelehrten des Islams bzw. der Koranexegese schon klassisches Thema, wie man etwa im Vorwort von Abū Ḥāmid al-Ġazzālīs (gest. 1111 n. Chr.) oder in der Koranexegese der Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209 n. Chr.), auf den wir häufig zurückgreifen werden, sehen kann.

Naturgemäß weist ein solcher eher rationaler und der Empirie offener Ansatz im Bezug auf die Schöpfungsverse eher Anküpfungspunkte in der ebenfalls eher an Vernunft und Erfahrung orientierten exegetischen Richtung des tafsīr bi-l-raʾy als zum an Überlieferungen orientierten tafsīr bi-l-maʾṯūr auf, was nicht bedeutet, dass in der rationalen Richtung die Überlieferung gänzlich ignoriert werden muss oder kann.

Ferner muss ein taʾwīl vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Thesen stets als Möglichkeit der Auslegung deklariert werden, die zudem nicht nur einen Vers, sondern stets den Koran als Ganzes berücksichtigen muss. Es geht also sowohl darum koraninterne Kohärenz zu wahren, und darüber hinaus – in unserem Ansatz – nach Möglichkeiten der Kohärenz und Kompatibilität zu naturwissenschaftlichen Theorien zu fragen. Kompatibilität heißt dabei nicht Kongruenz oder Identität: Die Frage lautet nicht, welche naturwissenschaftlichen Theorien auch im Koran „stehen“, sondern welche naturwissenschaftlichen Theorien mit welchen Auslegungen bestimmter Aussagen des Korans vereinbar, d. h. kompatibel wären, das heißt, sich nicht widersprechen und somit einen Raum gemeinsamer Wirklichkeit denkbar machen.

Manchmal wird aber auch folgende Situation auftreten: Hat man sich auf einen Satz alternativer Auslegungsmöglichkeiten zu einem Schöpfungsvers geeinigt, dann kann man untersuchen, welche von diesen am ehesten mit der aktuell wahrscheinlichsten naturwissenschaftlichen Hypothese zum gleichen Thema harmoniert. Hierbei kann es Unvereinbarkeiten, partielle Schwierigkeiten, triviale Vereinbarkeiten und passgenaue Vereinbarkeiten geben. Der verbreitete Versuch durch einen oberflächlichen Vergleich von naturwissenschaftlichen „Fakten“ und einer relativ willkürlichen Koranauslegung unumstößliche Koranwunder auszumachen ist im Grunde eine übereilte und methodisch oft unreflektierte Popularisierung einer solchen passgenauen Vergleichbarkeit unter Unterschlagung von Schwierigkeiten und Alternativen in der Auslegung. Ein solcher Zugang schadet langfristig der Idee einer möglichen Kompatibilität von koranexegetischen und naturwissenschaftlichen Ergebnissen.

Die Feststellung der Harmonie einer taʾwīl-Möglichkeit eines Schöpfungsverses mit einer im Moment bewährten naturwissenschaftlichen Hypothese erfordert also sowohl fundierte Kenntnisse des tafsīr, als auch der Naturwissenschaft, aber  auch der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Aufgabe des tafsīr ʿilmī kann es also nur sein den Raum der taʾwīl-Möglichkeiten zu untersuchen, wobei Kenntnisse über naturwissenschaftliche Modelle einen Anlass dazu bilden bestimmte Möglichkeiten besonders gründlich zu untersuchen und sich dabei nicht auf den historisch tradierten tafsīr eines Verses zu beschränken.

Aus muslimischer Sicht kann man hier freilich die Frage aufwerfen, ob ein solcher Umgang mit dem Koran sich nicht gänzlich einem empirisch verhafteten Positivismus unterwirft, der blind ist für die eigentlichen theologischen und ethischen Intentionen des Islams und der Vernunft und Wissenschaft an die Stelle von Spiritualität und Gottesdienerschaft stellt. Ist dieser Ansatz hier nicht viel zu kopflastig und fern von den Dimensionen des Herzen? Das kann leicht beantwortet werden: Wir befassen uns hier mit einer Detailfrage in einem thematisch sehr eng gehaltenen Rahmen, deren Bearbeitung für die theologische und praktische Essenz des Islams keine Rolle spielt. Wir klären hier keine metaphysischen Fragen und formulieren auch kein neue theologische Position, sondern kratzen nur ganz leicht an der Oberfläche einiger empirischer Fragestellungen, zu denen der Koran beiläufig womöglich auch etwas gesagt haben könnte. Dies wollen wir geduldig erkunden. Diese Art des Umgangs und der Reflexion kann – auch unabhängig vom konkreten Ergebnis – in ergänzender Funktion zu den bewährten Zugängen zum Islam neue Perspektiven in der Frage nach der Vereinbarkeit von Glaube und Naturwissenschaft eröffnen und zumindest Mut machen sich nicht nur auf eine, sondern auf beide dieser großartigen Domänen der menschlichen Existenz einzulassen.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier „Koranische Kosmologie“.

Anmerkungen

[1] Für diesen Abschnitt vgl. Ismail Cerrahoğlu, Tefsir Usûlü, Ankara 2012, S. 303 ff.

[2] Eine vergleichbare Position findet sich in der modernen Wissenschaftstheorie etwa in Popper, Karl: Theorie der Objektiven Erkenntnis, Hamburg 1973, S. 172 ff. Dort kritisiert Popper Wilhelm Diltheys (gest. 1911 n. Chr.) These einer grundsätzlichen Unterscheidbarkeit von Naturwissenschaften, denen es um das Erklären ginge, und Geisteswissenschaften, die um Verstehen bemüht seien. Sein eigener Vorschlag geht dahin anzunehmen, dass wir uns jeglichen empirisch zugänglichen Erkenntnisbereichen mit vorläufigen Theorien bzw. Hypothesen annähern, die im Zuge der Erfahrung mit dem Objekt korrigiert werden müssen, was deren Wahrheitsähnlichkeit zu erhöhen vermag, aber zugleich auch neue Problemstellungen erzeugt. Ein solches an Falsifizierbarkeit, d. h. Widerlegbarkeit der eigenen Theorien bzw. Auslegungen orientierte Vorgehen ist durchaus auch auf Fragen der Textauslegung anwendbar.