Über die deutsche Identität angesichts Kölner Zustände

Ich habe eine Vermutung: Kann es sein, dass in den Milieus von manchen der Köln-Grapscher (mal ganz unabhängig von deren erhöhten Alkohol- und Testosteronwerten) das Gerücht kursiert, dass man mit den Frauen in Deutschland alles machen kann, weil hier zinâ (außerehelicher Geschlechtsverkehr) nicht als harâm (religiös untersagt) deklariert ist?

Kann es sein, dass man in manchen Milieus glaubt, Frauen in Deutschland, die nachts auf die Straße gehen, seien im Grunde interessiert daran angemacht und begrapscht zu werden, weil ihnen jemand genau ein solches Bild von der Frau in Deutschland vermittelt hat?

Kann es sein, dass manche aus der Abwesenheit „strenger Brüder“ bei vielen Frauen und dem Fehlen eines Jungfräulichkeitsideals in Deutschland folgern, dass damit auch eine Abwesenheit von Sexualmoral einherginge?

(Ferner: Kann es sein, dass man in manchen (irgendwie als muslimisch geltenden) Milieus glaubt, islamische Sexualmoral gelte nur für die Schwester, wobei der Koran doch Keuschheit für Mann und Frau zugleich fordert und den Männern gebietet allgemein ihre Blicke zu senken, d. h. das andere Geschlecht nicht einmal mit Blicken zu belästigen?)

Kann es sein, dass manche glauben, dass weil hier in Deutschland nicht die islamische Sexualmoral die Regel darstellt, es hier praktisch gar keine Sexualmoral gibt?

Wenn ja, dann ist die Vermittlung von fundierten kulturellen Kenntnissen an die Neuankömmlinge von essenzieller Bedeutung – und zwar in einer Sprache, die diese gut verstehen. Und die nicht darauf abzielt damit zu protzen, wie aufgeklärt, weltoffen und liberal ein jeder deutsche Bundesbürger ist (was eine Übertreibung wäre).

Hilfreich wären konkrete Benimmdichregeln mit einer gut nachvollziehbaren Erklärung von typischen Verhaltensweisen der Leute hier bei uns statt abstrakter Werte- und Grundsatzhuberei.

Konkrete sinnvolle Vorgaben statt symbolischer Gesten der Verachtung gegenüber vermuteten Kollektiven.

Und wichtig: Eine klare Darstellung, dass die Deutschen keine kulturell homogene Masse bilden.

Je mehr ich die Leute hier kenne, umso deutlicher wird mir, der ich mich eigentlich als „Deutschenkenner“ verstehe, wie extrem verschieden Deutsche sein können.

Diese Feststellung ist zwar trivial – aber im interkulturellen Kontext ist sie ausgesprochen selten und lebenswichtig, hier also keineswegs trivial!

(Wir Muslime können einen langen und traurigen Blues über den Irrglauben der Außenstehenden an unsere innere Homogenität singen…)

Das vermittelte Wissen über den Deutschen muss also dem Neuling bei der Orientierung nützen. Alles andere ist Zeitverschwendung.

Aus vielen Gesprächen mit jungen Muslimen weiß ich, dass teils auch nach Jahrzehnten so manchem nicht Deutschstämmigen völlig schleierhaft ist, nach welchen moralischen Grundsätzen viele Menschen hierzulande eigentlich leben.

Insofern wäre es vielleicht an der Zeit einige Missverständnisse über die angestammt deutsche Mehrheitskultur anzupacken und sich für eine besseres Verständnis der deutschen Lebensweise(n) einzusetzen.

(bescheurte Zeitschriftencover und Nacktdemos anlässlich von Köln sind letztlich reine Selbstbeweihräucherung und bewirken mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit in den problematischen Milieus genau das Gegenteil von mehr „kulturellem Verständnis“)

Bereits eine kleine Umfrage unter ein paar jungen Muslimen (vor allem, wenn diese privat wenig im Kontakt zu Deutschen stehen) über ihr Bild vom Lebensinhalt der angestammten, säkular oder christlich geprägten Deutschen könnte für echte Überraschungen sorgen.

Mich würde es nicht wundern, wenn heraus käme, dass in der Wahrnehmung vieler muslimischer Jugendlicher „wahre deutsche Kultur“ vor allem Nationalismus, Materialismus, Religionsfreindlichkeit, Kleinlichkeit auch bei den sinnlosesten Regeln und vor allem: grenzenlose Triebbefriedigung bedeuten würde.

Gerade das oft vermutete „deutsche Ideal“ von grenzenloser Triebbefriedigung stellt oft die größte Identifikationshürde gegenüber „deutscher Kultur“ dar.

(Ich weiß, dass das mit der „Triebbefriedigung als kulturelle Maxime“, aber auch mit der krassen „Religionsfeindlichkeit“ so nicht zutrifft – ich weiß das aber nur aufgrund zahlreicher persönlicher Erfahrungen, trotz der medial inszenierten Popkultur und der öffentlichen Selbstdarstellung von deutschen und verhindert-deutschen „Patrioten“. Je mehr Muslime privaten Kontakt zu Nichtmuslimen haben, umso realistischer und differenzierter wird ihr Bild vom „Deutschen“)

Wie ich auf so eine krasse Einschätzung komme?

Nun, es ist nur ein Verdacht, der sich aus der Summe von vielen voneinander unabhängigen Gesprächen und innertürkischen sowie innerislamischen Diskursen speist.

Ich bin jetzt einfach mal so mutig und äußere diesen Verdacht – wenn er zutrifft, dann bedeutet das, dass dringend mehr Aufklärung über deutsche Kultur nötig wäre…

Integrationsprobleme haben oft auch etwas von falschen Vorstellungen von der Mehrheitskultur zu tun.

Das Problem daran ist freilich: Sind sich denn die Deutschstämmigen überhaupt so im Klaren darüber, wonach sie leben?

Können sie über ihre Praxis realistisch theoretisieren?

Wir nicht deutschstämmigen Muslime tun uns da unglaublich schwer. Wenn man uns etwas über Leben im Islam frägt, dann tendieren wir dazu nicht einfach das zu erzählen, was wir leben und erleben, sondern wir versuchen unser (meist zudem nicht einmal fundiertes) Idealbild vom islamischen Leben zu vermitteln, womit wir Missverständnisse nur verstärken.

(generell lässt sich selbst erprobter „Habitus“ nur schwer für Außenstehende verständlich in Worte fassen, da Habitus gerade ein Nicht-in-Worte-Gefasstes ist und einer praktischen Logik nach ihren eigenen Gesetzen folgt)

Wenn ich auf die völlig abstrakten und weltfremden Grundsatzdebatten schauen, die viele Deutsche im Moment der Verunsicherung durch ihr-wisst-schon-was fordern oder forcieren, dann komme ich zum Ergebnis, dass der öffentliche deutsche Diskurs über das Deutsche zu sehr auf Extreme setzt (z. B. extreme Toleranz vs. extreme Islamfeindlichkeit) und sich daher nicht eignet ein realistisches Bild vom Deutschen in der Mitte zu gewinnen.

Das wiederum bedeutet, dass wir einen grundsätzlich anderen Diskurs über das Deutsche bräuchten. Die Denk-, Handlungs- und Interpretationsgewohnheiten der Deutschen (unter Berücksichtigung der inneren Vielfalt und vor allem: Widersprüchlichkeit) zu kennen ist für eine gelingende Integration der „anderen“ viel entscheidender als abstrakte Grundsatzdebatten, die vor allem der Selbstbestätigung dienen sollen…

In diesem Sinne: Wer erklärt uns in verständlichen Worten, was hier in Deutschland gelebt, gedacht und gefühlt wird?


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.