Über das Verhältnis von Islam und Grundgesetz

Jeglicher Versuch einer Reform islamischer Praxis, und sei sie noch so gut begründet, ist stets begleitet von einer Reihe weiterer Diskussionen. Eine davon hat ihre Wurzeln in muslimischen Kreisen – sie artikuliert die Befürchtung, dass jede emanzipatorische Neubestimmung islamischer Praxis letztlich auf eine völlig Angleichung an die westliche Moderne hinausläuft. Die andere Diskussion hat ihre Wurzeln in der Integrationsdebatte – sie fordert, dass die islamische Theologie in gewisser Weise nach Maßgabe des Grundgesetzes umgeschrieben werden muss. Im Folgenden möchte ich in wenigen Sätzen zeigen, dass diese Diskussionen beiderseits oft am eigentlichen Kern der Sache vorbeigehen. Genaugenommen will ich die Themen hier nur kurz anschneiden.

Assimilation des Islams an die Moderne?

Aus einer emanzipatorisch ausgerichteten Lesart des Korans folgt nicht, dass aufgrund seiner Nähe zu anderen modernen Konzepten von Emanzipation nun auch einer vorbehaltlosen Übernahme aller anderer Normen der westlich geprägten Moderne das Wort geredet worden wäre. So ist z. B. die Sexualethik ein Bereich, in der jeder einzelne Vorschlag der Moderne durchaus angehört werden muss. Jedoch dürfen Phänomene wie die ungebremste Sexualisierung der Öffentlichkeit, oder der soziale Druck auf Frauen einem unerreichbaren Schönheitsideal entsprechen zu müssen ebensowenig unkritisch hingenommen werden wie das von mir kritisierte Patriarchat in traditionellen Kreisen.

Muslimisch reflektierte Alternativen wiederum sollten so formuliert werden, dass auch Nichtmuslime von diesen profitieren können ohne den Islam als Ganzes annehmen zu müssen. Denn zahlreiche Unarten der kapitalistischen und vulgären Konsumkultur verstören nicht nur viele Muslime, sondern auch ebensoviele Christen und Nichtreligiöse. Muslime wären ziemlich geizig, wenn sie den Islam nur zum Freund ihrer selbst erklären würden.

Der Islam und der säkulare Staat

Überdies: Wenn manche Muslime bewusst außerhalb islamischer Wertvorstellungen leben wollen, so sollen sie die Freiheit dazu haben – auch ohne, dass sie hierzu erst islamische Rechtsmeinungen bemühen müssten. Diese heute an erster Stelle vom säkularen Staat gewährleistete Freiheit ist eine Herausforderung für das klassisch-islamische Rechtsverständnis, aber womöglich auch eine Chance zur Neuorientierung, für viele Muslime jedenfalls sicher ein Segen: die Freiheit auch als Muslim nein sagen zu können zum Religionsverständnis des eigenen Umfeldes und trotzdem ein normales Leben führen zu können.

Auch wenn diese Freiheit im klassischen islamischen Denken keine Rolle spielt – im Code der Moderne ist sie ein unverzichtbarer Garant dafür, dass ich meinen Glauben wirklich freiwillig leben kann. Die Freiheit nein zu sagen und die islamische Praxis verlassen zu können, kann man zugleich als Maßstab für die Aufrichtigkeit des eigenen Glaubens verstehen. Denn wenn ich dem Islam trotz der Möglichkeit ihn zu verlassen treu bleibe, dann weiß ich: Dies kann nur wahre Liebe sein!

Darum ist mir der säkulare Staat, in dem Interessen stets unter Wahrung religionsunabhängiger Menschenrechte durchgesetzt werden müssen, geheuerer und lieber als ein vermeintlich islamischer, in dem eine Minderheit versucht der Mehrheit ihr Islamverständnis aufzuzwingen und ihr zugleich diktieren will, was sie zu glauben und zu leben hat.

Aber nochmals zur Kritik an der Moderne: Islamische Theologie wird nicht nur gegenüber traditionellen Lesarten des Islams, sondern auch gegenüber moralischen Konzepten der Moderne kritisch bleiben müssen. Es müssen zwar gemeinsame Lebenspraxen garantiert werden – jedoch müssen nicht zwischen allen Weltanschauungen und Wahrheitsansprüchen in unserer Gesellschaft große Synthesen möglich sein. Denn: Dieses Aushalten von Unvereinbarkeiten gehört zur Toleranz und insbesondere zu modernen Gesellschaften essenziell und unwiderruflich dazu.

Sind wir alle bereit dies auszuhalten?

Freilich sollten diese Unvereinbarkeiten nicht den praktisch relevanten Bereich der gesellschaftlichen Grundsätze, also bei uns insbesondere das deutsche Grundgesetz als höchste Instanz für Rechtsprechung und letzte Konfliktentscheidungsgrundlage in Frage stellen. Das selbe gilt auch hinsichtlich der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ja: Islamische Theologie soll auch in Deutschland völlig unabhängig von Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft bleiben können – jedoch unter dem selbstverständlichen Vorbehalt, dass sie explizit auf praktische Ansprüche verzichtet, die in Konkurrenz zum Grundgesetz treten. Unter dieser Bedingung ist sie frei klassisches islamisches Recht als tradierte Theorie zu erforschen und zu lehren, da ohnehin nur auf dieser Grundlage überzeugende, auch praktisch relevante modernere Islamkonzepte abgleitet werden können. Muslime wiederum sind frei sich unter Wahrung der genannten Bedingungen aus diesem Theorieangebot so zu bedienen, wie es ihnen beliebt. Die Umsetzungspragmatik gehorcht dabei völlig anderen Regeln als die Dogmatik der Theorie. Beide sind wichtig und brauchen einander, verhalten sich aber auf ihre Weise autonom zueinander. Darum sollte niemand dem verbreiteten Irrtum frönen, dass eine gelingende Integration vor allem eine Frage der „richtigen“ Theologie wäre.

Dennoch ist es aus meiner Sicht ein besonders reizvolles und ehrgeiziges Ziel auszuloten, inwieweit Muslime nicht nur aus ihrer Lebenspraxis heraus, sondern auch auf der Basis einer systematischen Aktualisierung islamischer Theologie eine Vereinbarkeit zwischen Islam als systematische Rechtstheorie und Grundgesetz erreichen können. Meine bescheidene Textreihe zu 4:34 kann als ein solcher Auslotungsversuch verstanden werden, der meiner Meinung nach ein positives Ergebnis liefert.

Mein Argument für eine auch theoretisch-systematische Vereinbarkeit von Islam und Grundgesetz ist ganz einfach: Sowohl im Islam, als auch im Grundgesetz manifestiert sich auf unterschiedliche Weise eine universelle Vernunft, wenn auch aus zwei völlig verschiedenen Perspektiven und unter völlig anderen Vorzeichen. Darum ist es für mich nicht abwegig, wenn beide in gewissen Grundfragen konvergieren können. Ferner bedeutet weder „Islam“ das Islamverständnis dieses oder jenes Gelehrten, noch bedeutet Grundgesetz diese oder jene konkrete Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft. Um konkreter zu werden hier noch einige Anmerkungen.

Zum Islam: Der „wahre“, d. h. theologisch essenzielle Islam ist das, was wir in der Theorie suchen – unsere so entstehenden Islamverständnisse sind jedoch nicht zwingend wahr oder endültig. Sie bleiben wandlungsfähig, fehleranfällig und immer auch ein Ausdruck unserer eigenen Verfasstheit und Erwartung. Das typisch Muslimische ist nun nicht die Überzeugung, das es nur eine Islaminterpretation gegen sollte, sondern dass alle Islaminterpretationen um eine maximale Annäherung an Wahrheit bemüht sein müssen, die laut der klassischen islamischen Kalâm-Theologie ihre Quellen nicht nur in der Offenbarung, sondern auch in der Sinneserfahrung und der Vernunft hat. Aufgrund dieser Prozessstruktur kann man meiner Meinung nach als Muslim auch von unterschiedlichen Islamzugängen zugleich profitieren – so wie heutige Muslime auch klassische und moderne Auslegungen meist völlig unbewusst miteinander verbinden und so neue Synthesen schaffen. Es muss zur Aufgabe islamischer Bildung werden junge Muslime eben genau hierfür zu qualifizieren.

Ein als in stetiger Entwicklung verstandenes Islamkonzept setzt jedoch fundierte und auch ungemütliche Diskurse voraus, befreit dafür aber von Dogmatismus und Denktabus. Darum entmutigt es mich nicht zu sehen, dass manche tradierten Islamverständnisse mit auch erfreulichen Aspekten der Moderne im offenen Konflikt stehen. Diese Konflikte sind für mich nicht das Ende der Debatte, sondern der wichtigste Anlass erst damit anzufangen. Ziel dabei ist wie eingangs erläutert keine einseitige Assimilation des Islams an die Moderne, sondern ein selbstkritischer und differenzierter Diskurs, der uns Klarheit über das verschaffen soll, was Gott hier und heute wirklich von uns möchte, und was er uns überlässt.

Zum Grundgesetz: Das Grundgesetz umschreibt vor allem die Rechte von Minderheiten und Schwachen und garantiert individuelle und kollektive Freiheiten, Demokratie und Menschenwürde. Es ist der Rahmen, auf den sich jedes Mitglied unserer Gesellschaft berufen kann um sich maximale Freiheit und Unversehrtheit zuzusichern. Der säkulare Argumentationsrahmen des Grundgesetzes schreibt nicht vor, wie wir konkret leben sollen – sondern er setzt Staat und Gesellschaft Grenzen für die Beschränkung und Eingriffe in meine individuellen Freiheiten. Das Grundgesetz ist die Garantie dafür, dass ich selbst entscheiden kann, wie ich leben möchte, und z. B. welches Religionsverständnis ich in meinem Leben als für mich verbindlich ansehen will. Und zugleich schafft es die nötigen Vorkehrungen dafür, dass ich mein persönliches Verständnis niemand anderem aufzwingen kann. Umgekehrt ist es die Garantie dafür, dass ich religiöse oder weltanschauliche Wahrheitsansprüche erheben und für diese stehen darf. Ich muss dazu nicht alle anderen Meinungen als ebenso wahr anerkennen wie die meinige – nur darf ich ihre Existenzberechtigung nicht grundsätzlich in Frage stellen. Eine Meinung muss hier also nicht erst wahr oder gut sein, um Legitimität beanspruchen zu können. All dies sind Grundsätze, zu deren Realisierung meiner Meinung nach auch der Koran das Potenzial gehabt hätte. Die Muslime haben in der Neuzeit diese Chance jedoch grandios verspielt. Darum bin ich der westlichen Welt dankbar, dass sie nach all dem Gräuel der Weltkriege, für das sie maßgeblich mitverantwortlich ist, nicht diese oder jene Lebensweise oder Religion, sondern universelle Menschenrechte zum neuen Maßstab politischen Handelns erhoben haben. Ich weiß, dass die westliche Welt diesem theoretischen Anspruch nie voll genügen konnte, ja oft genug offensichtlich das Gegenteil von dem tat (und tut), was sie versprach. Aber das schmälert weder den Wert der universellen Grundsätze, noch die Tatsache, dass in Ländern wie Deutschland der größte Teile dieser Versprechungen eingehalten wird – Versprechungen, von denen wir alle tagtäglich profitieren.

Es sind insofern zwei Bestandteile, die mich zum Optimisten in der Vereinbarkeit von islamischer und westlich-rechtsstaatlicher Theorie in praktischen Fragen machen. Zum einen ist es meine Überzeugung, dass der Islam in vielen Punkten liberaler, demokratischer und rationaler ausgelegt werden kann, als es in manchen Teilen der klassisch-islamischen Gelehrsamkeit der Fall war und stellenweise ist. Zum anderen ist es meine Überzeugung, dass die im Westen formulierten Menschenrechte, wie sie auch im Grundgesetz ihren Niederschlag finden, weitsichtig und allgemein genug sind, dass sich auch ein Muslim mit ihnen identifizieren kann. Während eine praktische Vereinbarkeit leicht herzustellen ist, erfordert die Vereinbarkeit (wohl zu unterscheiden von Identität) der zugrundeliegenden theoretischen Konzepte noch viel theoretische Arbeit – Arbeit, die den Durchschnittsmuslim überfordert, und die für eine gelingende Integration ohnehin keine Voraussetzung ist.

Und was machen wir mit eventuell nicht vereinbaren Anteilen zwischen islamischer Theorie und dem Grundgesetz? Islamisch begründete Ansprüche müssen sich, sobald sie gesellschaftliche Forderungen stellen, vor dem Grundgesetz verantworten können. Wenn dies nicht geht – und es gibt wenige Fragen, in denen das nicht gehen könnte – dann ist selbstverständlich das Votum des säkularen Rechts ausschlaggebend. Das ist der Rahmen, in dem der Islam zu einem integralen Bestandteil Deutschlands werden kann – und das ist ein sehr großer und großzügiger Rahmen. Viel größer, als es sich die meisten Islamgegner in Deutschland, aber auch viele ahnungslose Islamisten eingestehen würden.

Und ich sage es nochmals um nicht missverstanden zu werden: Muslime müssen nicht die schwierigeren Teile des rein theoretischen islamischen Rechts grundgesetzkonform umschreiben, oder sich von angeblich problematischen Koranstellen distanzieren, wie manche populistische Eiferer fordern, sondern sie müssen nur ihr Verständnis von Islam und Kultur grundgesetzkonform leben – so wie die Mehrheit der Muslime dies ja tut. Mehr ist aus juristischer Sicht nicht nötig. Der Rest ist ein Thema für inhaltliche Diskussionen und Debatten, mit denen man nur diejenigen Muslime behelligen sollte, die ein Interesse an solchen Debatten haben und sich ihnen gewachsen fühlen. Und das sind im Moment wenige. Alle anderen Mulisme besitzen in Deutschland das grundlegende Recht ihre Vorstellungen von Glaube und Moral frei und unbeschwert zu leben ohne irgendjemandem irgendwas erklären zu müssen – so wie die Anhänger aller anderer Religionen und Weltanschauungen. Diese Freiheit wiederum wird durch nichts anderes gewährleistet als durch das Grundgesetz. Und niemand darf sich anmaßen den Muslimen oder anderen Minderheiten dieses Recht abzusprechen.

Aber dennoch: Richtig kohärent und theoretisch befriedigend wird es aus meiner Sicht erst, wenn man die Vereinbarkeit des Grundgesetzes und des Islams als systematischer Lehre eben auch theoretisch unterfüttern könnte. Manche meinen, dies sei schon getan, andere meinen, das wäre völlig ausgeschlossen, und wieder andere glauben, dass dies nur teilweise getan ist und dass die Theorie der Gelehrten unserer grundgesetzverträglichen und selbstverständlich gewordenen Praxis des muslimischen Alltags weit hinterherhinkt und dringend nachziehen muss. Ich zähle mich zur dritten der genannten Gruppen. Solange die oben fett gedruckte Bedingung erfüllt ist, ist es vom juristischen Standpunkt aus gleichgültig, welche der drei Gruppen Recht hat…