Lasset uns in shâ’a Allâh… eine Theorie der Quantengravitation finden!

“Lasset uns in shâ’a Allâh eine konsistente und renormierbare Theorie der Quantengravitation finden.”
 
-“In shâ’a Allâh, akhî! Die Brüder und Schwestern der Ansâr al Khilâfa al Islâmîya al fannîya (Helfer der islamischen naturwissenschaftlichen Nachfolgeschaft) arbeiten schon seit Jahren daran. Sie haben dazu eine neue mathematische Theorie entwickelt.”
 
“Mâ shâ’a Allâh! Kommt sie ohne die kompaktifizierten Raum-Zeit-Dimensionen der Stringgtheorie aus?”
 
-“Al hamdulillâh, das tut sie. Die Brüder und Schwestern haben in der Nacht der Geburt unseres geliebten Propheten Muhammad ‘alayhissalâtu wassalâm eine neue nicht-abelsche Symmetriegruppe auf einem quaternionischen Isospinraum mit gebrochener Dimension entdeckt, die den Gruppentheoretikern der jüdischen und christlichen ahl al-kitâb entgangen sein muss.”
 
“Sie haben den erhabenen Qur’an offensichtlich sehr ernst genommen. Denn er sagte doch noch in Medina zu den Juden, Christen und Muslimen: “Eifert untereinander um das Gute.” Aber wir genau ist dies ihnen gelungen?”
 
– “Sie haben Tag und Nacht gearbeitet, jede freien Minute zwischen Büchern und Zeitschriften und im Disput verbracht. Ich dachte schon, sie hätten den Verstand verloren. Aber es war viel mehr so, dass sie viel tiefer und klarer in die Nacht des Quantenvakuums blickten, als es mir je möglich war. Nie traf ich sie an, ohne dass sie etwas schrieben, lasen, heiter disputierten oder in Gedanken versunken waren. Wann immer ich ihnen begegnete, forschten sie entweder an ihrer Theorie weiter, programmierten sie numerische Näherungen ihrer analytischen Theorie, oder sie standen beim Gebet, oder gingen wie einst Abu Ali Ibn Sina in die Moschee um dort den Schöpfer des Alls um Inspiration anzuflehen für die Lösung ihrer Integralgleichungssysteme, nachdem sie eine großzügige Sadaqa gespendet hatten.”
 
“Mâ shâ’a Allâh! Und Allah (swt) spendet seine erhabene Sakîna in die Herzen genau solcher feinen Geister. Wie könnte je Kufr und Shirk in solche Herzen dringen? Noch eine Frage: Liefert die Theorie empirisch validierbare Ergebnisse?”
 
-“Bei Allah, und ob sie das tut! Das Gewebe der Raumzeit samt den konstitutiven Quantenfeldern der Schöpfung erhebt sich daraus wie die Sonne nach dem Fajr-Gebet an einem klaren Sommertag. Ich habe es selbst siebenmal in allen Einzelheiten nachgerechnet. Wallâhi, es war jedes Mal wie eine Tawâf beim Hajj in Mekka.”
 
“Subhânalllâh! Du hast von gebrochener Dimension des Isospinraums gesprochen. Ich hätte nie gedacht, dass die Dimension eines Isospinraums gebrochen sein könnte. Das gab es bislang nur in der dimensionalen Regularisierung als störungstheoretische Zwischenstufe. Wird die Theorie dadurch nicht unschön?”
 
-“Unser Prophet, sallallâhu ‘alayhi wasallam, hat gesagt: “Allâhu subhânahu wa ta’âlâ ist schön und er liebt das Schöne.” Ist es denkbar, dass eine Theorie, die die Schöpfung Allahs erfolgreich beschreibt, hässlich ist?”
 
“Bei Allah, nein! Erhaben ist er über das, was die Mushrikûn ihm beigesellen. Sein sind die schönsten Namen und Gleichungen, und ihn preist, was in den Himmeln und auf der Erde ist!”
 
-“Sadaqta, akhî! Unseren Brüdern und Schwestern ist es gelungen eine Quantenfeldtheorie in Non-standard-Analysis zu formulieren, deren Anfang eine algebraische Basmala, deren Mitte ein kosmischer Tasbîh und deren Ende die ‘ibâda von Vernunft und Herz ist.”
 
“Das erinnert mich an die Âya “Wir werden ihnen an den Horizonten und in ihren Herzen unsere Zeichen zeigen, auf dass sie erkennen, dass es die Wahrheit ist.” Mâ shâ’a Allâh! Allah ‘azza wa jalla bezeichnet die wahren Mu’minîn im erhabenen Qur’ân in einer anderen ehrwürdigen âya der Sura Âl-i Imrân als jene, die im Sitzen, Liegen und Stehen Dhikrullâh machen und über die Erschaffung der Himmel und Erde nachdenken.”
 
– “Subhânallâh, sie sind Hoffnung für die Umma des Islam und der anderen Religionen und Weltanschauungen. Sie werden den Tawhîd, der in der Natur manifest ist, für jeden sichtbar machen, in shâ’a Allâh. Die Baraka dieser Tat wird die Welt für immer erleuchten. Allah (swt) möge ihren Verstand erleuchten und uns alle zur Wahrheit führen.”
 
“In shâ’a Allâh, Bruder. Was planen sie danach?”
 
– “Eine Schwester meinte, das sie gemeinsam mit einigen Freunden von den Yahûd und den Nassâra an einem Mittel gegen den Krebs forschten und schon große Fortschritte darin gemacht haben. Sie wird die bisherigen Ergebnisse nächste Woche auf einem Wissenschaftscamp in Sham in Syrien vorstellen.”
 
“Subhânallâh! Wie es in einem ehrwürdigen Hadith heißt: “Die Engel senken ihre Flügel vor den Suchern des Wissens”. Und im heiligen Qur’an heißt es, dass das Retten des Lebens eines Menschen dem Retten der Menschheit gleichkommt.”
 
– “Das ist noch nicht alles. Der Arbeitskreis der sunnitisch-schiitischen Ansâr Dâr as-Salâm wiederum hat ein hoch effizientes globales Netzwerk gegründet, das quer durch alle Ideologien der Welt verläuft, und mit dem sie glauben das Blutvergießen auf der Erde stoppen zu können. Sie nennen dies den Bund der Vernünftigen. Dieser Bund besteht aus autonomen Arbeitsgruppen aller Weltanschauungen in allen Regionen der Welt, die sich im Wunsch vereinen, wie sie sagen, die Welt aus den Händen der Irren aller Religionen und Ideologien zu retten.”
 
“Ich kenne interreligiöse Dialoge und Friedensmärsche. Aber wie bei Allah soll das hier funktionieren?”
 
– “Sie sagen, die Anhänger jeder Ideologie kennen die Irren und Gestörten aus ihren Kreisen am besten und sind damit auch ihre wirksamsten Feinde. Sie sagen, entweder gehen wir alle gemeinsam zugrunde, oder wir befreien uns alle gemeinsam von unseren Irren. Sie sagen, eine Welt, die von Kapitalisten, Nationalisten, Faschisten, Psychopaten und Glaubensfanatikern aller Kulturen zugrunde gerichtet wird, kann nur durch einen Schulterschluss der Vernünftigen aus all diesen Kreisen gerettet werden. Ihr Kommunikationssystem ist ähnlich komplex wie die bisherigen quantenmechanischen Rechnungen der Ansâr al Khilâfa al Islâmâya al Fannîya. Das Organigramm sieht aus wie ein neuronales Netzwerk. So etwas habe ich noch nie gesehen.”
 
“Wallâhi, das klingt noch viel schwieriger als die Suche nach einer konsistenten Theorie der Quantengravitation.”
 
– “Ja. Sie sagen aber, dies erfolgreich durchzuführen sei ‘ibada und unabweisbare Pflicht, da die Engel ja einst als Bedenken gegen die Erschaffung der Menschen vor ihrem Schöpfer vorgebracht hatten, dass diese im Unterschied zu den Engel für Blutvergießen sorgen könnten. Sie sagen nun, es ist die oberste Pflicht für die wahren Muslime sei diese Bedenken zu widerlegen, da diese Zweifel in den letzten Jahre wieder lauter geworden seien. Da es auch einige fehlgeleitete Muslime waren, deren verwerfliche Gewalt an Unschuldigen mit zu dieser neuen religionsfeindlichen Stimmung beitrug, fühlten sich unsere Brüder und Schwestern besonders beleidigt und provoziert. Sie wollen sich nun für diese Beleidigung der Ehre des Islam an jenen irregeleiteten Muslimen rächen, die die Zeichen Gottes für einen geringen Preis verkauft haben. Und an all ihren Gleichgesinnten weltweit. Mit einer noch nie dagewesenen Offensive für den Weltfrieden.”
 
“Ist das dein Ernst?”
 
– “Ja, Bruder. Ich sah noch nie so einen Ernst in den Augen dieser jungen Leute, die selbst alle Kinder von Krieg und Verfolgung sind.”
 
“Yâ Rabbanâ! Gib du ihren und unseren Herzen Kraft um sie erfolgreich zu machen in der dunya und in der akhira!”
 
-“Âmîn!”
 
(ein Dialog, inspiriert durch den Buchtitel “Lasset uns in sha’a Allah ein Plan machen” von Michael Kiefer et al. über einen Whatsapp-Chat von IS-Jüngern während einer Terroranschlagsplanung.
 
Ich finde meinen Dialog WESENTLICH islamischer, Subhânallâh!)

Der Koran und die IS-Ideologie

Ein aufmerksamer Leser stellte mir folgende Frage:

“Und kann es Deiner Meinung nach (rein hypothetisch) Sätze [im Koran] geben, die selbst im Falle einer berechtigten Verteidigung gegen einen ungerechten Angriffskrieg eher unpassend sind, weil sie über das Ziel hinausschießen, das Töten und Getötet-Werden zu sehr verherrlichen, den Feind zu sehr dämonisieren?”

Ja, das kann es durchaus – sofern “unpassend” heißt “unpassend als verallgemeinerte Norm”.

Da der Koran aber (meist in den selben Suren noch) auch Passagen hat, die ohne solche Zuspitzung auskommen (vgl. 9:5 und 9:6 als besonders dramatisches Beispiel) gehe ich davon aus, dass dies dem Koranurheber bewusst war. Entweder

(a) Steinbruchtheorie: hat der Koran lauter Widersprüche, die zu einer beliebigen Auslegbarkeit führen, oder

(b) Kuscheltheorie: der Islam ist in Wirklichkeit purer “Frieden”, man muss nur die Kriegsverse abdecken, oder

(c) Schwerttheorie: der Islam ist pure “Gewalt”, man muss nur die Friedensverse bzw. die Kriegsbedingungen abdecken, oder

(d) Bedingtheitstheorie: die politisch signifikanten Passagen des Korans erfüllten im Offenbarungskontext eine bestimmte lokale Funktion, die nicht vom singulären Wortlaut her universalisierbar ist, sondern nur im Rahmen eines größeren Bedingungsgeflechts ihre Bedeutung haben (so ähnlich sahen das auch viele klassische Gelehrte). Dieses Geflecht ist zunächst auf der Ebene des Wortlautes zu analysieren und danach erst in Bezug zu den historischen und psychologischen Gegegebenheiten der Offenbarungszeit zu setzen (“danach”, da der Wortlaut empirisch gegeben, der historische Kontext aber oft ungenau oder gar spekulativ ist), unter denen der Koran bestimmte Ziele – einschließlich der Bezwingung der Widersacher des Propheten aus einer Situation der anfänglichen zahlenmäßigen, politischen, militärischen und psychologischen Unterlegenheit heraus – erreichen wollte.

Der Koran war neben vielen anderen Dingen stets auch Trost und Aufmunterung für die politisch und militärisch eingeschüchterte Gemeinde des Propheten – darum scheinen manche Koranpassagen heute eher verwirrend und deplatziert als tröstend oder orientierend: Weil man den Koran nicht als das liest, als das er sich sah – eine Kombination aus Lebens- und Überlebenshilfe für die islamische Urgemeinde einerseits und als Manifest universeller islamischer Prinzipien andererseits. Dieses Geflecht zu entwirren ist eine der sträflichst vernachlässigten Hausaufgaben zeitgenössischer muslimischer Gelehrter und Islamwissenschaftler. Die ganzen pauschalen Modelle, die hierzu im Umlauf sind, halte ich für wenig befriedigend. Ich will gerne den ganzen Koran verstehen – nicht nur die Stellen, die keiner großen Erklärung bedürfen.

“Kontextualität” ist hier also das Stichwort (was weit mehr ist als der Vers davor und danach – die Erstadressatenorientierung ist ein essenzieller Bestandteil). Und immanenter Anlass für eine Kontext-Reflexion dazu sind die ganz anders als kriegslüstern klingenden Koranpassagen, auch aus den späten medinensischen Passagen, die der Koranurheber hätte vermeiden müssen, wenn der IS Recht gehabt hätte (Lieblingsstelle hierzu: 60:7-9, aber auch 5:48 – bitte nicht als Einladung zu Suren-Pingpong missverstehen)

(d) ist ungefähr meine Position. Eine Theorie lässt sich nur auf die Gesamtheit von Phänomenen (hier: Koranverse) anwenden. Darum kann man mit singulären Koranzitaten allein noch keine allgemeinen Theorien zum Koran beweisen (darum sind (b) und (c) unbefriedigend). Der bloße Verweis auf scheinbare Widersprüchlichkeit hingegen erweist sich aus meiner Sicht als Theoriearmut und Denkfaulheit. Darum ist auch (a) eine unverhältnismäßig geistschonende und anspruchslose Position.

Kurz: Wenn der Koran in manchen Passagen deftig gegen die “kāfirīn” polemisiert, oder zum Krieg gegen diese aufruft, dann sind damit nicht automatisch schon alle Nichtmuslime als “Kollektiv” gemeint, sondern bestimmte Adressaten aus einem raumzeitlich lokalisierbaren Kontext. Die klassische Exegese spricht hier davon, dass eine Quelle “ḫāṣṣ” sei, also “speziell”, auch wenn der Wortlaut auf den ersten Blick “ʿāmm”, also allgemein ist. Schon Imam Schafii hat darauf hingewiesen, dass koranische Aussagen wie “die Menschen haben sich gegen euch versammelt” nicht bedeutet, dass sich alle Menschen gegen die Muslime versammelt hätten.

Eine “eigentlich” islamische Position ergibt sich erst aus einer gesamtheitlichen Betrachtung aller Passagen. (Ich behaupte nicht diese im Detail zu kennen – ich habe nur Vermutungen, die ich versuche durch den Vergleich mit Expertenmeinungen zu prüfen)

Meine zentrale inhaltliche These lautet nun: Es sprechen über ein dutzend Koranpassagen dafür, dass die späteren Kriegsverse des Korans von äußeren Bedingungen abhängig gemacht wurden (z. B. 2:190, 8:61, 9:13), und dass die allgemeineren Friedens- und Toleranzverse aus der frühen (z. B. 10:99) UND späteren Phase (z. B. 2:256, 5:5, 5:48, 60:7-9) keinesfalls als aufgehoben oder eingeschränkt betrachtet werden könnten. Das ist aber kein Thema für einen kurzen Text, sondern ein umfangreicheres Geschäft, das von Muslimen schon seit Jahrhunderten immer wieder angegangen wird. Insofern ist mein Gedanke hier weder neu, noch originell.

Aber ich möchte ehrlich sein: Meiner Meinung muss man den Koran im Lichte von reflektierender Vernunft und Moral lesen, um aus der Möglichkeit und Plausibilität einer friedensorientierten Lesart eine Position der Gewissheit zu machen. Nicht der Koran, oder die Religion allein macht schon den guten Menschen, sondern erst der potenziell gute Mensch kann in ein fruchtbares Verhältnis zur Religion treten. Ich denke, dass diese “Apriorizität” von ethischem Bewusstsein und Vernunft des “Lesers” auch vom Koran selbst vorausgesetzt wird.

Der Koran versteht sich nicht umsonst als Wegweiser für die “Gottesfürchtigen” (2:2) und nicht für entmoralisierte Hohlbirnen. Im Hadith heißt es wiederum, dass der Prophet kam um die Moral/den Charakter zu perfektionieren – d. h. es gibt schon einer vorreligiöse Moral und Ethik, an die “wahrer Islam” anknüpft. Ohne diese vorreligiöse Ethik ist auch keine islamische Ethik möglich.

Die ash’aritisch vorgeprägte Doktrin einer Nichterkenntbarkeit des Guten durch die Vernunft hat heute leider viele ideologische Muslime blind für diesen Zusammenhang gemacht (auch wenn das vielleicht nicht das Ziel der Ash’ariten war). Diese ungesunde Zuspitzung kann aber sogar schon traditionsimmanent korrigiert werden, z. B. durch die ebenso sunnitische, aber wesentlich “rationaler” orientierte Theologie des Maturidi, die das Gute sehr wohl in den Erkenntnisbereich der Vernunft rückt und somit ethische Diskurse auch ohne permanenten Fatwa-Zwang ermöglicht.

Der juristische Reduktionismus von islamischer Normativität, wie ihn viele Islamisten der Neuzeit vertreten, war wohl eben doch ein Irrtum. Die juristische Dimension ersetzt nie und nimmer die Ethik. Darum läuft eine rein formale Anwendung des klassischen islamischen Rechts stets Gefahr zu Ungerechtigkeiten zu führen, da viele Menschen glauben, “islamische” (d. h. von islamischen Gelehrten hergeleitete und formulierte) Rechtsurteile seien per se schon moralisch.

Oder schärfer: Die Beschränkung von islamischer Moral auf juristische Rechtsurteile gibt den im Namen von Religion herrschenden Klassen das gesamte Gewalt- und Deutungsmonopol in die Hand und treibt den durch Gott von menschlicher Willkür emanzipierten und für sich selbst verantwortlichen Gläubigen zurück in den blinden Gehorsam gegenüber Pharaonen, Patriarchen und Priestern vorislamischer Finsternis…

(man sehe mir den Pathos nach – die ganze IS-Kacke hat mich richtig wütend gemacht…)

Muslimische Stellungnahmen zu IS und islamistischem Terror (von Serdar Güneş)

Frage: “Warum höre ich nie etwas von Muslimen, wenn im Namen des Islam gemordet wird?”
 
Antwort: “Weil du die umfangreiche Linksammlung von Serdar Günes mit Stellungnahmen, Fatwas, Arikeln und Büchern in drei Sprachen nicht kennst!”
 
Pflichtlink hier – bitte verbreiten.
 
Quelle: https://serdargunes.wordpress.com/2014/09/22/muslimische-quellen-gegen-den-terrorismus/
Ich bin mal so frei und paste mal Serdars Artikel zur schnelleren Orientierung hier rein:

Meinungen, Statements, Publikationen (Bücher und Artikel), Fatwas, Linksammlungen und Verlautbarungen sollen hier dokumentiert werden. Hinweise auf weitere Quellen sind erwünscht (→ Kontaktformular):

1. Fatwa, Lectures, Books:

a. Fatwa

b. Books

2. Texts:

German:

Turkish:

English:

 

Wer muss nach den Anschlägen in Paris handeln?

Eine der Hauptursachen vieler problematischer Analyseversuche von muslimischer wie nicht muslimischer Seite nach solchen grausigen Ereignisse wie gestern Nacht liegt meiner Meinung nach in folgender falschen Annahme:

“Muslime weltweit bilden ein Kollektiv, das nach lokalen identitätsrelevanten Ereignissen auch nur als Kollektiv analysiert werden kann.”
Und:

“Der ‘Westen’ bildet ein Kollektiv, das nach identitätsrelevanten Ereignissen auch nur als Kollektiv analysiert werden kann.”

Dabei wurde Paris aus dem selben Grund angegriffen wie kürzlich Ankara. Wer das Problem dahinter verstehen will, wird nach den Gemeinsamkeiten dieser Anschläge suchen.

Sie führen alle geradeaus zum IS und seinen sozialen Strukturen und Netzwerken.

Die wichtige Frage lautet: Wie können Muslime und Nichtmuslime gemeinsam den IS und seinen Einfluss- und Operationsmöglichkeiten einschränken, oder langfristig gar beseitigen?

Wenn das Ziel Beseitigung der Gefahr lautet, dann muss die konkrete Operations- und Agitationsstruktur des IS analysiert werden.

Acht Terroristen mit Hintergrundlogistik waren hier am Werk. Das gilt es erst einmal nachzuvollziehen, bevor nach den richtigen weiteren Schritten gesucht wird.

Es sind hier vor allem Politik, Staatssicherheit und Geheimdienste gefordert. Und zwar nicht nur “westliche”, sondern auch “muslimische”.

Einen anderen, nicht minder wichtigen Zweck übernehmen z. B. die vielen guten islamisch-theologischen Widerlegungen des perversen “IS-Islam”, ebenso Solidaritätsbekundungen und Forderungen nach einem sachlichen Diskurs – nämlich den Erhalt der Stabilität unserer Gesellschaften, ggf. auch Prävention.

Aber: Wenn es um die Beiseitigung oder gar Vernichtung des IS geht, werden mit solchen eher intellektuellen, verbalen und humanen Argumenten IS-sozialisierte Menschen nicht zu überzeugen sein.

Eine einmal ins Rollen gekommene Lawine lässt sich nicht mit Argumenten allein stoppen. Hier bedarf es auch physischer und struktureller Bollwerke auf verschiedenen Ebenen.

Dazu muss aber das Problem erst einmal klar lokalisiert werden. Das ist eine der größten Schwächen in der gesamten Debatte, da kaum jemand Einblick hat in das, was da passiert.

Hier ist es dann leicht irgendwelche linearen Zusammenhänge oder Kollektivverantwortungen zu fingieren – aber solange Strukturen wie IS “nur” wirksam und taktisch intelligent sind, aber keine quantitativ wesentlichen Gruppe unter 1,5 Milliarden Muslimen darstellen, sind “Islam-Analysen” um das Problem zu verstehen oder zu lösen höchstens nur einer von vielen Teilen des Puzzles.

Ich halte die IS-Theologie auch für eine Gefahr.

Sie alleine erklärt aber noch nicht viel, da Menschen nicht mechanisch nach irgendwelchen theologischen Meinungen handeln, die jemand ihnen verklickert hat.

Wichtiger ist darum, dass jetzt die richtigen Instanzen die Hauptverantwortung für das weitere Vorgehen übernehmen – der notwendige Dialog ist hier der Dialog zwischen z. B. Behörden und Geheimdiensten von Ländern, die in unterschiedlichem Ausmaß von der IS-Thematik betroffen sind.

Muslime wie Nichtmuslime müssen hier also kooperieren – vor allem auf dieser politisch relevanten Ebene. Diese Ebene wird für uns kaum sichtbar sein. Ich vermute, dass dieser Bereich sträflichst vernachlässigt wird.

Wenn der Feind jedoch offensichtlich gemeinsam ist, dann muss er auch gemeinsam bekämpft werden. Und zwar innerhalb der Kategorien, in denen der Feind agiert. Diese physisch wirksamen Kategorien sind primär logistischer, militärischer und angstpsychologischer Art. Die theologische Dimension ist auch relevant. Aber sie ist hier kein unabhänger Akteuer. Darum sind rein theologisierende oder ideologisierende Ansätze nicht Teil der Lösung, sondern ein Aufgehen der Strategie des IS.

Ankara blutet

Mein tiefstes Beileid gilt den Angehörigen der fast 100 Opfer des aktuell noch namenlosen Terrors mitten in Ankara, der Hauptstadt der Türkei. Es ist der bislang größte Terroranschlag in der Geschichte der türkischen Republik.

Es ist etwas Böses und Neuartiges in die Türkei gedrungen – dieses etwas trägt entgegen den zahllosen vorlauten Hetzern weder die Handschrift der PKK, noch der AKP-Regierung.

Es ist an der Zeit die innertürkischen Spannungen beiseite zu legen und die gesellschaftlichen Kluften gegen diese neue Bedrohung so weit wie möglich zu schließen.

Nicht nur in der Türkei, sondern auch hier in Deutschland.

Das hat aktuell und auch für die absehbare Zukunft aus meiner Sicht oberste Priorität, lange vor der Frage, wer formal regiert.

Liebe Türkeiverbunde,

lasst uns endlich den blinden Hass aufeinander beiseite legen und an einer Welt arbeiten, die wir unseren Kindern guten Gewissens zumuten können.

Das schließt neben vielem anderen auch die Arbeit an einer stabilen und gut funktionierenden Türkei, sowie einen innertürkischen Dialog ein, von dem wir heute leider weiter denn je entfernt sind. Weiterlesen