Meine Rezension zu R. Vaas: “Vom Gottesteilchen zur Weltformel” (Universitas, März 2015)

Der renommierte Wissenschaftsjournalist und Philosoph Rüdiger Vaas gibt mit seinem umfangreichen Werk “Von Gottesteilchen zur Weltformel – Urknall, Higgs, Antimaterie und die rätselhafte Schattenwelt” rund um die Entdeckung des Higgs-Teilchens einen ebenso breiten wie tiefen Einblick in den Stand der Grundlagenforschung der modernen Kosmologie und Elementarteilchenphysik. Das Buch ist dabei in fünf umfangreiche Kapitel gegliedert, wobei das erste einen Steilkurs in das Nachdenken über Teilchen und Kräfte von der Antike bis zur moderne Teilchenphysik darstellt und zugleich in die Erfolgsgeschichte des Standardmodells der Elementarteilchen einführt. In diesem war das Higgs-Teilchen bis vor kurzem der letzte empirisch noch nicht bestätigte Baustein. Im zweiten Kapitel werden die Umstände der Vorhersage und Entdeckung des Higgs-Bosons geschildert (oder im Buch genauer erklärt: eines „neuen Teilchens“, das sehr gut mit der Vorhersage des Standardmodells vereinbar ist) – und es wird geklärt, nach welchen Zerfallsprozessen genau die Forscher eigentlich Ausschau halten, die das Standardmodell für das extrem kurzlebige Higgs-Teilchen vorhersagt. Dem folgt ein umfangreiches Kapitel mit einem systematischen Rundumschlag zur Geschichte und zum aktuellen Forschungsstand zur Antimaterie, ein Kapitel über dunkle Materie und mögliche Teilchen-Kandidaten dafür und schließlich ein weiterer Steilkurs in die Suche nach der Weltformel, wobei diese Suche letztlich den roten Faden des Buches darstellt.

Das hier mühsam zusammengetragene Spezialwissen aus den verwinkeltesten Ecken der Küche der modernen Physik ist schlichtweg begeisternd. Die Wahl der Inhalte verdeutlicht zudem ebenso wie der Titel des Buches, dass die Higgs-Thematik hier im Dienste eines größeren Szenarios steht, nämlich der Suche nach einer umfassenden physikalischen Theorie von (möglichst) allem, wie sie unter anderem auch vom theoretischen Physiker Steven Weinberg, der maßgeblich zum Standardmodell beitrug und für seine Leistungen in der Theorie der Elementarteilchen 1979 den Nobelpreis erhielt, mit dem stimmungsvollen Buchtitel „Dream of a Final Theory“ auf den Punkt gebracht wurde. Vaas Werk kann sowohl als eine aktuelle (und durchaus prunkvolle) Bestandaufnahme dieses Traumes gelesen werden, als auch als Plädoyer für die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit weiterhin keine experimentellen und theoretischen Mühen auf diesem Weg zu scheuen. In dieser durchaus nicht nur naturwissenschaftlichen, sondern auch philosophischen Perspektive auf eine im Grunde einheitliche Natur spielen die Eigenschaften der Elementarteilchen, ihre Wechselwirkungen auf fundamentaler Ebene und die Einbettung derselben in Raum und Zeit die entscheidende Rolle. Die betrachteten Gesetze sollen dabei so allgemein und so einfach wie möglich sein, wobei „einfach“ hier freilich ein „einfach“ auf hohem mathematischem Niveau bedeutet. Weiterlesen