Vorwort zu meinem “Crashkurs Evolution”

Ich habe mich in diesem Jahr viel mit der Evolutionstheorie und allem Möglichen drumherum, und dabei insbesondere mit islamischen Verhältnisbestimmungen dazu, befasst und möchte ab jetzt immer wieder mal gebündelt meiner Erträge hierzu hier veröffentlichen. Natürlich geht es mir persönlich als gläubigem Muslim vor allem um Fragen nach Vereinbarkeitsbedingungen mit meinem Glauben – aber wer mich kennt, weiß, dass es mir bei solchen Studien mindestens so sehr auch um die naturwissenschaftliche Theorie selbst und ein möglichst differenziertes, präzises, interessiertes und liebevolles (ohne Witz) Hineinhorchen in die Welt der Forschung geht. Die eigentliche Vermittlungsarbeit findet gemäß meiner Baustellenplanung in der “Mitte” statt, also im Bereich von rationaler Theologie und Wissenschaftstheorie (also Philosophie). Aber diese Mitte kann nur “arbeiten”, wenn die beiden Ränder hinreichend entwickelt sind, also: (1) fundierte Aufarbeitung islamisch-theologischer Perspektiven von den Primärquellen über exegetische bis hin zu hermeneutischen Fragestellungen und (2) fundierte Aufarbeitung der Evolutionstheorie, wie sie “wirklich” von Experten betrieben und diskutiert wird, und was davon letztlich empirisch bestätigt ist.

Und ich schwör’ euch, Alter, es gibt wenig auf der Welt, was mir auf der Welt mehr Nervenkitzel und geistige Befriedigung verschafft als ein solches nach Kohärenzmöglichkeiten fragendes Abarbeiten an (1) islamischer Theologie, (2) Naturwissenschaft und (3) die vermittelnde Vernunft dazwischen.

Sowas macht nicht reicher, nicht schöner.

Aber bescheidener und vielleicht weiser.

Ich werde das ganze Großprojekt vielleicht mal als Dossier ablegen. Bis dahin poste ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder kleinere Bausteine meiner Studien. Zum Einstieg gibt es heute etwas zum Punkt (2), nämlich zum naturwissenschaftlichen Kenntnisstand, auf dem Niveau eines bisschen anspruchsvolleren, aber extrem kompakten Crashkurses mit Literaturhinweisen. Bereits schon diese kleine Übersicht zeigt, dass die Evolutionstheorie heute viel komplexer ist als das landläufig verbreitete Bild einer einheitlichen und auf puren Zufallsmutationen beruhenden Theorie.

Und natürlich ist Evolution nur eines der Themen, zu denen ich hier Fragmente meiner Studien posten möchte.

Ach ja, und noch was: Wie man vielleicht herauslesen kann, bin ich ein Anhänger der Vereinbarkeitsposition: Die Evolutionstheorie lässt sich nicht nur als materialistische Theorie verstehen, wie oft behauptet wird, sondern ist auch mit anderen Metaphysiken vereinbar (und ja: Der Materialismus ist natürlich auch eine Metaphysik, also eine Lehre vom So-Sein des empirisch nicht mehr zugänglichen Letztgültigen bzw. Ersten).

Insbesondere kann Evolution nach meinem eigenen Erkenntnisstand auch als Beschreibung eines evolutionären Schöpfungswirkens Allahs interpretiert werden.

Natürlich wirft dies etlich viele Fragen auf. Hier kurz ein paar Positionen dazu:

  1. Ich gehöre nicht zu den einen Nervensägen, die Menschen, die die Evolutionstheorie ablehnen, als “Gefahr” sehen, oder sie beleidigen. Mir ist klar, dass eine Akzeptanz einer so folgenreichen Theorie nicht einfach nur vom naturwissenschaftlichen Forschungsstand abhängt, sondern auch von der subjektiven Synthesekraft einer Person diese Theorie mit der sonstigen eigenen – womöglich traditionell-religiösen – Weltsicht auf Kohärenz zu bringen. Die subjektive Synthesekraft wiederum ist eine Frage der individuellen Spezialbildung zu theologischen, exegetischen, metaphysischen, wissenschaftstheoretischen und naturwissenschaftlich-empirischen Fragestellungen. Das kann je nach Vorprägung sehr viel Zeit benötigen, oder auch ganz ausbleiben. Hier kann nichts erboxt werden. Aber: Die Türen der Wissenschaft sollten stets für eine kritischen Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie offen stehen. Einem dezidierten Evolutionsgegner würde ich persönlich höchstens attestieren, dass er nicht einfach nur irgendeine “Theorie”, sondern ein gut bewährtes und entwickeltes Rationalitätsangebot der Naturwissenschaft verwirft – was wie jede andere persönliche Meinung legitim ist. Wenn die Evolutionstheorie “gut” ist, dann braucht sie aber keine Wächter (und schon gar nicht solche, die sich gar nicht mit der Theorie befassen). Kümmert euch lieber um eine plausible Vermittlung der Theorie statt um arrogantes Labeling!

  2. Gleichzeitig schlage ich vor die populären Evolutionsgegner ebenfalls nicht einfach nur zu denunzieren (zumal es oft das Gegenteil des Gewünschten bewirkt), sondern ihre Argumente zum Anlass zu nehmen darzustellen, wie der Forschungsstand dazu wirklich ist. Eine gute Theorie braucht keine Diskurszensur. Gerade im innerreligiösen Diskurs halte ich es für sehr sinnvoll evolutionäre und nicht evolutionäre Schöpfungsmodelle bis in die Details hinein mit all ihren – auch religiösen – Pros und Contras zu diskutieren. Denn beide Seiten haben in religiösen Milieus viele Anhänger, auch wenn sich in der Öffentlichkeit oft überwiegend nur die eine Seite zu Wort meldet, abhängig von den lokalen Herrschaftsverhältnissen (was für jeden Wahrheitssucher ein ätzender Zustand ist). Wem das zu komplex oder “riskant” erscheint: Wie sonst wollen wir Aufklärung und Bildung bewirken, wenn wir nicht erlauben, dass die fest eingravierten Präkonzepte der Menschen sichtbar werden? Das Gefühl aufgrund des Einklangs eines hegemonialen Diskurses “Recht” zu haben ist hochgradig irreführend – und macht die stillen Gräben nur tiefer.

  3. Ich gehöre auch nicht zu den anderen Nervensägen, die die
    Evolutionstheorie gleichsetzen mit Atheismus und Materialismus und glauben, dass man die Menschheit davor “retten” müsse. Vielmehr plädiere ich für eine analytische Trennung der empirischen und metaphysischen Aspekte von “Evolutionstheorie”, mit dem Anspruch, dass die selbe biologische Empirie mit unterschiedlichen Metaphysiken – insbesondere auch mit theistischen – vereinbart werden kann. Freilich gibt es das nicht kostenlos. Ferner ist nicht jede Metaphysik mit der Evolutionstheorie vereinbar. Und insbesondere ist meine Wertschätzung für eine rationale Metaphysik (von wegen Kant oder die Moderne hätte sie überflüssig gemacht!) kein Plädoyer dafür, dass jedes metaphysische Modell gleichermaßen gut mit der Evolutionstheorie vereinbar ist. Auf der anderen Seite bedeutet dies auch: Habe Mut dich den realen empirischen Forschungsstand zur Evolutionstheorie auf der Basis des realen naturwissenschaftlichen Diskurses anhand von Texten “echter” Biologen, die auf diesen Gebieten forschen, zu stellen. Wahrheit sollte nicht vor Wissenschaft davonlaufen müssen um wahr zu bleiben!

  4. Ich gehöre zu jenen, die Naturwissenschaft als ein Rationalitätsangebot sehen, das nicht aufgezwungen werden kann oder darf, das aber von Seiten der entsprechenden Fachleute und Fachlehrer den Menschen auf plausible Weise nahegebracht werden sollte. Der Job der Theologen sollte darin bestehen auf einem anspruchsvollen Niveau den Vereinbarkeitsfragen nachzugehen und hierzu verschiedene Modelle zu formulieren und zur Abwägung vorzuschlagen. Diese müssen nicht den Biologen nachgeplappert sein, da diese nicht per se auch theologische oder wissenschaftstheoretische Kompetenzen mitbringen. Viele gläubige Menschen lehnen die Evolutionstheorie nur ab, weil sich die “Gebildeten” aus allen Fachrichtungen (vor allem auch Theologen) einfach zu vornehm sind ihnen Vereinbarkeitsmodelle vorzustellen, ja geschweige denn sich mal gründlich mit den Theorien, die sie eventuell ablehnen, zu befassen.

  5. Ich gehöre eher nicht zu den NOMA (“nonoverlapping magisteria”)-Vertretern, die aus irgendeiner apriorischen Gewissheit heraus meinen, Evolution und Religion könnten sich gar nicht widersprechen, da sie von zwei völlig verschiedenen und scharf voneinander getrennten Dingen handelten. Sie können sich sehr wohl widersprechen und dieser Widerspruch ist alles andere als trivial. Darum muss hier insbesondere der integrative Theist, wie ich es bin, hart arbeiten.

  6. Insbesondere gehöre ich auch nicht zu jenen, für die die Evolutionstheorie “bloß” eine Theorie ist. Richtig ist: Die Evolutionstheorie ist eine höchst respektable, wenn auch sehr vieldeutige und spekulative Theorie. Und: Eine “Theorie” hat nichts mit der Frage nach Bewiesenheit oder Unbewiesenheit zu tun. Vielmehr ist eine naturwissenschaftliche Theorie mit einer der höchst entwickeltesten Formen der Gesamtschau zu einem Teilbereich der Wirklichkeit, also insbesondere weit mehr als ein paar verrückte Hypothesen, und natürlich immer wenigstens zum Teil empirisch prüfbar oder gar geprüft. Genauso so etwas ist laut meinen Studien die Evolutionstheorie und für mich daher nicht weniger ernst zu nehmen als beispielsweise die Urknalltheorie.

  7. Natürlich gehöre ich auch nicht zu jenen Zeitgenossen, die Evolution lapidar für ein “Faktum” und die Evolutionstheorie für die Erklärung dieses “Faktums” halten. Richtig ist: Das “Faktum” Evolution wird selbst nur in einem sehr anspruchsvollen theoretischen Rahmen sichtbar, der erheblich vielfältiger und von Interpretationen durchsetzter ist als die noch so sauber zusammengetragenen empirischen Einzelbefunde. Ein Umdichten von Evolution in ein “Faktum” statt einer guten Theorie bzw. Theoriebestandteils lässt sich meiner (natürlich völlig irrelevanten) Meinung zufolge auch nicht durch das von manchen Biologen oft vorgebrachte Argument entschuldigen, dass der Begriff “Theorie” in weiten Teilen der Gesellschaft fälschlicherweise mit “unbewiesener Hypothese” gleichgesetzt werde, sodass man lieber nicht von Theorie, sondern von einem “Faktum” sprechen sollte. (Es wird von den “Faktum”-Rhetorikern überdies zugestanden, dass Theorie ursprünglich schon eine teils natürlich auch empirisch gestützten Gesamtschau auf ein komplexes Themengebiet meint.) So ist doch auch die kosmische Hintergrundstrahlung zwar ein gemessener Befund, macht aber noch nicht den Urknall zum “Faktum”. Richtig ist: Die kosmische Hintergrundstrahlung wird elegant – und vielleicht sogar am elegantesten – von der Urknalltheorie erklärt und integriert. Eben dies bekräftigt die Urknalltheorie, macht sie aber nicht zum objektiv zwingenden oder unmittelbar greifbaren “Faktum” (obwohl sie nach meinem Dafürhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit wahr ist). Ebenso verhält es sich mit den voneinander klar separierten empirischen Befunden (Fossilien, DNA-Analysen, Altersbestimmungen) der Paläobiologie und ihrer Synthese zum Modell der Evolution im Rahmen der Evolutionstheorie. Man beachte hier vor allem, dass sowohl die Evolutions-, als auch die Urknalltheorien an sich historische Theorien sind, die die gegenwärtige Empirie benutzen müssen, um begründete Vermutungen über den Zustand und die Entwicklung der Welt und des Weltganzen bis in vielen Milliarden Jahren zurückliegender Vergangenheit aufzustellen. Das ist höchst respektabel und lädt mich zu weitgehender Zustimmung ein – aber es ist eben kein Aufdecken von objektiv zwingenden “Fakten”.

Das Thema ist soo schön und ergiebig, aber ich mache jetzt mal Schluss. Meine forschungslastigen Sommerferien sind vorbei und ich möchte morgen ausgeschlafen auf der Matte stehen 🙂