Was tun mit dem Koranvers 9:5 und anderen koranischen Tötungsaufforderungen?

Im Deutschlandfunk ist ein lesenswertes Interview mit dem Islamwissenschaftler und Juristen Mathias Rohe erschienen (hier), in dem eine “Islambilanz” 2016 gezogen wird. Darin wird Rohe folgende Frage gestellt:

“Bei uns geht viel Post zum Thema Islam ein und meistens negative. Ich habe einige Hörer, die uns – dem Deutschlandfunk – eine zu islamfreundliche Berichterstattung vorbeworfen haben, darum gebeten, mir Fragen zu schicken, die ich Ihnen dann stelle. Ein Hörer bezieht sich auf Sure 9 Vers 5, darin heißt es: “Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf.” Jetzt fragt dieser Hörer: Woher nehmen Islamwissenschaftler die Vollmacht, die aktuelle Gültigkeit dieser und anderer zum Töten auffordernder Suren für obsolet zu erklären und woher nehmen Sie die Überzeugung, dass diese Beurteilung als allgemein verbindlich im Islam auch umgesetzt wird – einschließlich des Handeln der Akteure? Darin steckt wohl der Vorwurf, dass Sie da was schön reden.”

Rohe verweist in seiner Antwort zum einen darauf, dass es wichtig ist zu schauen, wie die “allermeisten Muslime” heute diesen Vers verstehen. Mein Tipp: Wer es genau wissen will, kann sich in der nach wie vor maßgeblichen Linksammlung von Serdar Güneş darüber informieren, wie sich das erdrückende Gros der Muslime gegen die pseudo-theologischen Verrenkungen des internationalen Terrorismus positioniert hat. Zum anderen erklärt Rohe, dass die meisten Muslime heute Verse wie 9:5 in einen gut rekonstruierbaren historischen Kontext stellen und somit nicht universalisiert lesen.

Ich finde Rohes Antworten wichtig, und möchte sie gerne ergänzen um ein einfaches, aber aus meiner Sicht mindestens so wichtiges Argument, nämlich das des textuellen Zusammenhangs, der deutlich macht, dass 9:5 nie eine universelle Norm intendierte, sondern von einem defensiven Kontext ausgeht, also dem selben wie praktisch alle Kriegspassagen im Koran. Darum gibt es hier keinen Freibrief zum Töten zu holen, ebensowenig einen Nachweis für eine kategorische Gewaltbereitschaft des Islam. Und dies gilt trotz der Tatsache, dass Sure 9 die am spätesten verkündeten und zugleich wohl auch deutlichsten Kriegspassagen des Korans enthält.

Eine solche in sich kontextualisierende Lesart des Korans ist kein Notbehelf von Muslimen der Gegenwart, sondern hat einen festen Platz auch in der klassischen Koranhermeneutik. Für meine unten vorgetragenen Argumente braucht man also nicht einmal einen wirklich neuen hermeneutischen Zugang zum Koran. Man muss einfach nur einige Konzepte der exegetischen Tradition konsequent anwenden, was hinsichtlich unseres Themas leider nicht allen Korankommentatoren gelang. Klassische Stichworte lauten hier beispielsweise “Auslegung des Korans durch den Koran” und “Spezifizierung universeller Wortlaute durch einschränkende andere Passagen” (zu den technischen Details vielleicht später mehr).

Konkret auf Sure 9 angewandt:

  1. Gleich im Folgevers 9:6 heißt es: „Und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, dann gewähre ihm Schutz, bis er Gottes Worte (also die Botschaft des Koran) vernehmen kann; hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen. Dies (soll so sein), weil sie ein unwissendes Volk sind.“ Einem absoluten Tötungsgebot würde sicher nicht ein solcher Vers folgen, der jedem Götzendiener ein Asyl mit Rückkehrgarantie zusichert. Also ist 9:5 nicht absolut gemeint.
  2. In 9:10 heißt es von den Gegners aus 9:5: “Sie beachten gegenüber einem Gläubigen weder Verwandtschaftsbande noch (Schutz)vertrag.” Offensichtlich geht die gesamte Passage also davon aus, dass eine (historische) Gegenseite einen Friedensvertrag mit den Muslimen brach.
  3. Dies wird in 9:13 noch deutlicher, da dort die gemeinten Gegner konkretisiert werden als jene, „die ihre Eide gebrochen haben und vor hatten, den Gesandten zu vertreiben, wobei sie zuerst gegen euch (mit Feindseligkeiten) anfingen.“ (9:13). Kriegsgrund ist demnach also weder der Götzendienst des Gegners, noch religiös aufgeladene Kriegslust, sondern ein klar artikulierter Kriegsbeginn durch den Gegner.
  4. In 9:36 heißt es unser Defensivszenario nochmals bestätigend: “Und bekämpft die Götzendiener allesamt, wie sie euch allesamt bekämpfen.” Sure 9 geht also von einem Situationskontext aus, in dem eine Gruppe von Götzendienern als Gesamtheit gegen die Muslime zu Felde zieht, also als ein koordinierter Bund, auf den der Prophet und seine Gemeinde wiederum im Bund reagieren sollen. Die exegetische Literatur hält in der Tat Berichte über ein solches Ereignis im 9. Jahr nach der Hedschra parat, in dem von einem gleichzeitigen Friedensvertragsbruch einiger heidnischer Stämme auf der arabischen Halbinsel berichtet wird, während Medina ungeschützt war.

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Von Kirche, Koran und Orgelmusik

Gerade kam ich aus einer Veranstaltung an der Uni Tübingen und lief an der Stiftskirche vorbei, da musste ich ruckartig umdrehen und direkt in die Kirche hineinlaufen, und zwar zwischen die Bänke genau in ihre Mitte. Ich warf meinen Rucksack hin, schloss die Augen und ließ mich elektrisieren. Jemand spielte hier Orgel, aber nicht von der fröhlich in Dur trällernden Sorte, sondern, wie soll ich sagen, düster, erhaben, und majestätisch, in jedem Fall so, dass die tiefen Basstöne die Bauchregionen zum Beben bringen. Da wusste ich, ich muss jetzt sofort diesen Text schreiben. So griff der für mich unsichtbare Orgelspieler in seine Tasten, während ich auf der anderen dem mit einem Eindreschen in die Tasten meines Laptops antwortete. Dies Musik war in jedem Fall laut – aber die Lautstärke war der Wucht der Musik angemessen.

Ich war praktisch alleine hier, alleine mit dieser genialen Musik und dem klanglich perfekt dazupassenden Raum. Muslime sagen Kirchen nach, sie seien kalt und düster. Das trifft für den ersten Eindruck von dieser Kirche sicherlich zu. Doch schätze ich nicht nur die Atmosphäre von Geborgenheit und Demut, wie man sie in unseren Moscheen vorfindet, sondern auch diese eher dunkle Atmosphäre. Ja, sie ist kühl, aber gerade in Verbindung mit dieser Musik ist sie mir alles andere als unsympathisch. Sie transportiert nichts Bösartiges, sondern weckt in mir tiefe Ehrfurcht vor etwas Verborgenem und Allgegenwärtigen. Die bombastischen Orgeltöne verschwimmen manchmal ineinander, sodass das ungeübte Ohr Disharmonien vermutet, wo in Wirklichkeit verschiedene Melodiebögen zu einer gewalten Welle zusammenschmelzen um dann mit großer Wucht auf das Ufer einstürzen. Solche Orgelmusik ist religiöser Heavy-Metal.

So ähnlich stelle ich mir auch das Universum vor: wie ein großes Konzert, das in allen Tonlagen singt und faucht, aber dabei nie seine mathematische Harmonie verliert. Zwischendurch wird es still, verstummt aber nie ganz. Ein Wechsel von bedachten und stürmischen Zeiten, von Höhen und Tiefen, von Glück und Leid, von Vergänglichkeit und Wiederkehr. Ein Konzert, das von Erhabenheit, Größe und dem Mysterium handelt. Dieses Mysterium ist mir nur zu kleinen Teilen verständlich – zu seinen anderen Teilen erzwingt es meine Demut, eine Demut, mit der ich meinen Frieden gemacht habe und die den Kern meiner Religiösität ausmacht. Sie vergegenwärtigt mir täglich meine Rolle als sterblicher Winzling in dieser Welt, und dass das kosmische Konzert auch dann ertönt, wenn wir nicht da sind – und dass ich großen Gewinn habe, wenn ich davon koste, solange es mir möglich ist.

Genau in so einem Moment möchte ich das ganze Universum über mir sehen, und ich möchte mich wie auf einem Gebetsteppich zu Boden werfen vor der Macht, die die physikalische Welt webt und formt. Mich ganz klein machen und mir dabei die Größe des Meisters der Schöpfung vorstellen. Des Schöpfers und Erhalters der kleinsten und größten Dinge. Nur vor diesem werfe ich mich nieder – und tanke dabei Kraft, um mich vor nichts anderem niederwerfen zu müssen. Triebfeder sind in solchen großartigen Momenten nicht das, was die Menschen sehen wollen oder sollen, auch nicht Angst oder Verzweiflung, sondern Liebe und Leidenschaft, die Sehnsucht des Tropfens nach dem Ozean, eine Sehnsucht, die tief in mir steckt, und deren Ausbildung und Entwicklung ich als Zweck des Glaubens vermute. So möchte ich gerne werden und bleiben: suchend und flehend, betrachtend und genießend, heiter und von Freude erfüllt, selbst wenn die Entropie täglich an mir nagt, selbst in Momenten finsterster Dunkelheit. Gebt nie die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit auf, heißt es im Koran.

Und wenn ich die wuchtigen Klängen durch den Raum schallen hören, meine ich zu verstehen, was in den heiligen Büchern gemeint ist, wenn sie berichten, wie Himmel und Erde Gott lobpreisen. So möchte eine Stimme in mir rufen: Sterne, Bäume, Wälder, Seen – lasst mich teilhaben an eurem Lobgesang! Ich möchte in euren Chor einstimmen, wie die Berge Davids es taten. Ich möchte den Götzen in mir bezwingen, dem närrischen Tanz um das goldene Kalb in mir ein Ende bereiten, um Raum zu machen für den Einen. Und wenn ich dabei immer wieder scheitere: Ihr seid meine Zeugen, dass ich eifersüchtig auf euren Lobgesang war! Aber selbst der schwachen Seele ist Barmherzigkeit in Aussicht gestellt.

So stehe ich inmitten dieser Kirche und staune darüber, wie gut man religiöse und spirituelle Gefühle auch ohne Worte und Symbole transportieren kann. Ein Blick auf die Symbole hier würde mich vielleicht irrtieren, oder gar ablenken. Denn ich verstehe sie nicht, auch wenn ich sie gut kenne und ein Stück weit erklären könnte. Sie bleiben mir dennoch fremd. Ich respektiere die Wege der anderen. Aber ich gehe meinen eigenen Weg.

Eben dies verstehe ich unter Toleranz: etwas Anderes, mir gar Fremdes wohlwollend zuzulassen, die Aufrichtigkeit seiner Anhänger zu würdigen, und der Sache selbst Achtung entgegenbringen, wo der Koran ja selbst untersagte die Götzen des Götzendieners zu schmähen. Ja, ich will die aufrichtige Sache der anderen achten – auch wenn ich sie nicht verstehe, oder mir aneignen will. Wozu auch verstehen wollen, ist dies doch meist nur eine Strategie sich das andere durch scheinbares Verstehen Untertan zu machen – entweder durch arrogante Vereinnahmung, oder durch von Halbbildung getriebene Ablehnung.

Ich glaube, dass von den verschiedenen koranischen Ansätzen hierzu der universellste Satz jener ist, der aussagt, dass Gott, wenn er es gewollt hätte, nur eine einzige religiöse Gemeinschaft zugelassen hätte, und dass er selbst die Menschen über ihre Uneinigkeiten aufklären wird, die bis zur Begegnung mit ihrem Herren untereinander im Guten wetteifern sollen, statt dämlich und besserwisserisch miteinander zu streiten. Warum sollte ich da vorschnell eingreifen wollen durch ein von meinen Vorurteilen und meinem Unwissen geleiteten „Verstehen“ als Außenstehender, statt einfach meinen von mir bevorzugten Weg weiterzugehen?

So gehe ich also meinen Weg, begegne jedoch am Wegrand immer wieder Dingen der anderen, die ich gerne in meine eigenen Schatzkammern aufnehme. Ich verstehe mir als Sammler, der täglich eingeladen ist zu großem Mahle bei Westen wie Osten. Und ich weiß, ich spreche nur für mich, wenn ich frage: Kann es irgendetwas Besseres als das auf dieser Welt geben?

Ich suche dabei sowohl Momente der rationalen Erkenntnis, aber auch der Entzückung und spirituellen Erfüllung. Und ich setze diese Fundstücke um den Kern meines Glaubens zu einem großen Ganzen zusammen.

Zeigt mir einen Weg, der für mich besser ist als dieser, und ich will ihn gehen!

Und sie passen zusammen, diese Teile, ja mehr noch: Sie berichten mir von der selben Geschichte. Zumindest glaube ich, dass es so ist. Und es ist ein Glaube, der mich weit getragen hat.

Stringtheoretiker veranschaulichen ihr Modell von der physikalischen Welt manchmal mit einer vielsaitigen Gittare. Die Welt entsteht und erwacht zu Leben, sobald Gott deren Saiten zum Erklingen bringt und sie weiter tönen lässt.

Von wegen, die Naturgesetze seien kalt und unpersönlich! Und von wegen, die Welt erscheine umso absurder, je besser wir sie verstehen!

Im Gegenteil: Die verblüffende Verstehbarkeit bzw. Beschreibbarkeit so vieler Sachverhalte in der physikalischen Welt, die nichts mir unserem biologischen Überleben zu tun haben – von Quantenfeldern bis zur kosmischen Hintergrundstrahlung – ist eine entscheidende Berechtigung für mich diese Welt als Schleier von etwas Erhabenem dahinter aufzufassen. Von etwas, das irgendetwas mit uns zu tun hat. Es ist zwar nicht Mensch, aber auch nicht allein unpersönliches Ding. Vielmehr vermute ich dahinter die Wurzel aller Dinge, unbeschränkt und erhaben, mit der man über verborgene innere Wege in Verbindung treten kann. Erlebnisse, die mal mehr, mal weniger von intensiven Emotionen begleitet sein können.

Und diesmal ist mir das in einer Kirche widerfahren – ausgerechnet, als ich gerade auf dem Weg in eine Moschee war!

Der Koran sagt: Wenn Gott Aggressoren keinen Einhalt geboten hätte, dann wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen Gottes Name häufig genannt wird, bestimmt zerstört worden. Ist es vielleicht dieser Moment, von dem diese koranische Aussage handelt? Und ein Hadith lehrt mich, dass die gesamte Schöpfung ein einziges Gotteshaus, ein einziger Tempel des Einen ist. Der Islam hat mich entbunden von der Anbetung von Orten und Dingen. Er hat meine Aufmerksamkeit auf Himmel und Erde gelenkt. Und mich gelehrt, dass der Gottesdienstwillige nicht Sonne und Mond, sondern einzig deren Schöpfer, also die fundamentalste aller Ursachen verehren und anbeten soll. Diese so beschriebene Welt ist gut und sie ist voller natürlicher Gebetsnischen – Nischen, die in meiner Welt nicht nur die Form von gebetstauglichen Orten, sondern auch von ergreifender Musik, oder spirituellen Momenten annehmen können.

Und ja: Es muss die selbe Welt sein, von der die mathematischen Modelle der theoretischen Physik, die gewaltige Orgel hier und die koranische Besingung des Einen, der uns näher als unsere Halsschlagader ist, letztlich handeln! Meine Sehnsucht gilt der Schauung dieser Einheit. Diese Schauung erfolgt aber nicht allein durch Vernunft. Nein, Vernunft hat hier höchstens vorbereitenden Charakter, der die Wellen bis zum Ufer treibt und dann das Aufschlagen dem unabwendbaren Lauf der Dinge überlässt – ein Ereignis, das verkannt würde, wenn es einfach nur „begriffen“ wird. Also weg mit den Griffeln! Vernunftlose Erkenntnis nannte Tolstoi dieses Erleben – etwas, das er nach vielen Jahren der Glaubensskepsis und Depression als Wiedererwachen seines Kindheitsglaubens erfuhr. Dieser lange absente Glaube war zu ihm in fortgeschrittenem Alter in gereifter Form wiedergekehrt – und er wandte sich der Theologie und der Traditionskritik zu. Aber was die ungebändigte Freude am Glauben anbelangt, war er wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.

Von vernunftloser Erkenntnis sprach Tolstoi also – vernunftlos bedeutet hier jedoch nicht etwa vernunftwidrig, oder von einer Art, dass man sich einbildet etwas zu sehen, oder zu hören, was nicht da ist. Vielmehr ist damit ein höchst subjektiver, spontaner und intimer Moment gemeint, in dem sich das Verhältnis des Endlichen und Kleinen zum Unermesslichen zeigt, also ein Moment, in dem man Zeuge der Einbettung des Vergänglichen in das Unvergängliche zu werden scheint.

Ja, es ist ein schwer fassbarer Eindruck, es ist subjektiv, aber zeigt sich mir und anderen als nicht minder real und beständig als andere alltägliche Erfahrungen. Eben eine solche Qualität kann jedoch nur erlebt, und nicht berechnet werden. Ist sie vielleicht ein Nachhall der tief irgendwo in unsere Seele (was immer das auch ist) eingravierten Begegnung mit unserem Schöpfer vor unserem irdischen Dasein, in der Gott zu den Seelen sprach Bin ich nicht euer Herr, worauf diese antworteten Ja, das bist du.Ich weiß freilich nicht, ob es eine solche Erinnerung ist, wie Mystiker vielleicht vermuten würden. Aber ich weiß, dass das, was manche als Ehrfurcht vor dem Leben und andere als Ehrfurcht vor dem Menschen bezeichnen, in meiner Welt ihre Wurzel in der Ehrfurcht vor dem Schöpfer hat. Liebe zu den Geschöpfen um deren Schöpfer willen – so umschreiben es die anatolischen Mystiker.

Die ersten Teilnehmer des Abendgottesdienstes treffen ein. Ich verlasse diese Kirche, dankbar für diese unglaubliche halbe Stunde, und gehe erfüllt und zufrieden meinen eigenen Weg…

Die große Erzählung

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Ramadan. Der Ramadan gilt Muslimen als Monat des Korans – ganz in diesem Sinne möchte ich dies zum Anlass nehmen hier in den nächsten Tagen mit euch einige Koranverse zu teilen, die mich selbst schon immer sehr inspiriert haben, und deren Gesamtschau meinen Blick auf den Koran und meine Art von ihm zu profitieren ausmacht.

Mir ist heute wieder bewusst geworden, wie entscheidend sich die Perspektive auf ein Werk wie den Koran oder die Bibel verändert, wenn man an dieses Buch glaubt. Nun wissen meine Leserinnen und Leser, dass ich den Koran gerne analytisch angehe, den Wortlaut vor dem Hintergrund exegetischer Überlegungen untersuche, historische und textuelle Kontexte für entscheidend halte und die These für plausibel erachte, dass man oft hinter den Wortlaut blicken und nach den höheren Zwecken von Aussagen Ausschau halten muss um zu verstehen, was der Koranautor mit einer Passage eigentlich intendiert.

Aber all diese vielleicht als kritisch-islamisch bezeichenbaren Reflexionen ändern nichts an der Tatsache, dass der Koran für mich Wort Gottes ist und bleibt.

So habe ich ihn lieben, manchmal an ihm verzweifeln und ihn von einer höheren Warte aus erneut lieben gelernt.

Und es ist mir eine große Freude zu sehen, dass ich den Koran sowohl als Wort Gottes ehren und im Geiste des Gottedieners rezitieren, als auch ihn analytisch mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen kann. Beides – der religiöse und der wissenschaftliche Ansatz – sind unterschiedliche Perspektiven, die ihren eigenen Regeln gehorchen, sich gegenseitig ergänzen, und manchmal auch im Spannungsfeld zueinander stehen.

Eben vor diesem Spannungsfeld haben Gläubige großen Respekt – oft wird dieser Respekt so groß, dass sie sich scheuen sich überhaupt noch auf dieses Spannungsfeld einzulassen.

Aber ich meine, dass die Intention des Koranautors die ist, dass sich Gläubige eben auf beiden Wegen mit dem Koran befasst. Natürlich ist es ein inneres Ziel des Gläubigen beide Ebenen – Glaube und Vernunft – in Gleichtakt zu bringen, bisweilen sogar zur teilweisen oder vollständigen Übereinstimmung.

Aber für einen solchen Erfolg gibt es weder ein schnelles Patentrezept, noch eine Gewissheit, dass man ihn erreicht.

Denn sobald die Vernunft ins Spiel kommt, belasten wir unser Verhältnis zum Koran mit unserer eigenen gewaltigen Historizität und können gar nicht mehr anders als uns selbst im Koran zu suchen und Schatten unserer selbst wiederzufinden – und da wir alle sehr unterschiedliche Geschichten mitbringen, ist auch die Übereinstimmung von Vernunft und Glaube nichts, was sich allgemeinverbindlich in Form von Thesen fixieren ließe, sondern stets eine einmalige großartige Erzählung unseres eigenen Verhältnisses zu Gott, zur Welt und zur Religion.

Eben diese Erzählung ist es, für die ich mich hier interessiere – mein persönlicher Weg mit dem Koran und der Vernunft.

Ja, Koran und Vernunft sind meine beiden Maßstäbe, an denen ich mein religiöses Ich messe.

Alles andere sind wichtige, aber untergeordnete Details, mit denen ich diese knappe Auflistung nicht aufblähen muss.

Ist ein solches religiöses Weltbild tragfähig, dass sich aus zwei so verschiedenen Dingen speist?

Und verspotte ich nicht den Ernst und die Komplexität jeglicher fundierter Beschäftigung mit religiösen Texten und rationaler Wissenschaft, wenn ich diese hier schlagwortartig en passant zu meinen Leitmotiven erkläre?

Nun – ich formuliere hier im Moment kein wissenschaftliches System, sondern suche nach der großen Erzählung, als deren Teil ich mich sehe. Ich übe mich also im Mut zur großen Erzählung. Dieser Mut ist eine der größten Geschenke, die die Religion dem Menschen machen kann.

Dabei ist jede große Erzählung jedoch stets meine eigene und ganz persönliche Geschichte, die ich nicht verleugnen kann, und erst recht gar nicht will.

Und vielleicht reizt dies ja den einen oder anderen dazu sich selbst Gedanken über seine eigene große Erzählung zu machen, ohne unter die Last einer untragbaren Beweispflicht, oder der Verpflichtung zu Vollständigkeit und Gründlichkeit zu versinken. Vielleicht – oder gar mit Sicherheit? – treffen wir uns ja an einigen wichtigen Wegmarken.

Es ist das Spiel mit Motiven und Kontrasten, und die Beobachtung unserer eigenen Reaktionen darauf, das uns deutlich werden lässt, wo wir wirklich stehen.

Was wir den Leuten hinterher erzählen ist jedoch meist derart analytisch verfremdet und dem allgemeinen Diskurs angepasst, dass es alles Mögliche ist, außer die große Erzählung, der wir lauschen, wenn wir alleine sind – der Erzählung, an die wir in letzter Konsequenz glauben, wenn keine Instanz uns mehr zur Zensur nötigt, keine Rechenschaft vor Geschöpfen gefordert ist und nur noch eine angenehm erschaudernde Ahnung von dem Höchsten und Absoluten bleibt, das sich uns in seiner stillen und erhabenen Gegenwart offenbart…

In diesem Sinne…

Nein zu den von Viren zersetzten Raubkopien des Islam: IS, Taliban, Boko Haram

Ich muss im Folgenden etwas persönlich werden und hoffe dabei auf eure Nachsicht…
 
Paris, Istanbul, Belgien, Bagdad und nun Lahore in Pakistan… Über sechzig Tote, ermordet von den Taliban, darunter viele Frauen und Kinder, die Zeit in einem Park verbrachten, viele Muslime und auch Christen, die dort wohl Osterfeierlichkeiten begehen wollten.
 
Wen auch immer dieser Terror trifft: Allah! Gnade ihrer Seelen! Wenn Du Ihnen vergibst, dann ist dies ein Zeichen deiner Weisheit und Macht…
 
Und verdamme die Seelen derer, die solche Massaker begehen, und die Seelen ihrer Gleichgesinnten, Hintermänner und Förderer weltweit.
 
Im Koran heißt es von manchen Arabern, die vor dem Islam aus selbstsüchtigen Gründen ihre eigenen Kinder töteten:
 
“Und ihre Götzen habe viele ihrer Anbeter dazu verlockt, ihre Kinder zu töten, um sie zu verderben und ihren Glauben zu verdunkeln…” (6:137)
 
Genau das sehe ich auch im IS und all seinen Seelenverwandten, zu denen auch die Taliban gehören, die für den Mord in Lahore verantwortlich sind: Religiöse Verführung bis zur Bereitschaft selbst die Unschuldigsten zu ermorden, mit dem Ergebnis, dass die Mörder sich selbst dem seelischen Verderben preisgeben und ihr letztes bisschen Glauben in ewige Dunkelheit hüllen.

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Was tun bei Konflikten zwischen Wissenschaft und Offenbarung? (Imam Ġazālī)

Sie ist eine der theologischen Grundfragen aller Schriftreligionen: Was bedeutet es, wenn der Wortlaut heiliger Texte, die von der Natur handeln, im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erklärungen geraten, für die es überzeugende Belege gibt?
 

Eine sehr differenzierte und weiterführende Antwort aus klassisch-sunnitischer Perspektive habe ich bei Imam Ġazālī (gest. 1111 n. Chr.) gefunden. Es folgt nun mein Versuch einer Übersetzung einer der interessantesten Passagen aus seiner berühmter Philosophiekritik, in der er genau auf dieses Problem eingeht und versucht es einzuordnen und zu lösen. Zugleich wirft die Passage ein Licht auf das offensichtlich angespannte Verhältnis von Vernunft und Überlieferung vor gut 1000 Jahren in der islamischen Welt. An der Aktualität der Frage, aber auch der Antworten Gazalis hat sich wenig Grundlegendes geändert. Bei Gelegenheit schreibe ich noch einen wissenschaftstheoretischen Kommentar dazu. Here we go:

Aus dem zweiten Vorwort von Abū Ḥāmid al-Ġazālīs „Tahāfut al-Falāsifa“ (Die Inkohärenz der Philosophen)

1. Die geometrische Erklärung von Mond- und Sonnenfinsternis durch die Philosophen

 “Der zweite Teil [der Uneinigkeiten zwischen den islamischen Philosophen und den anderen islamischen Gruppen] beinhaltet Angelegenheiten, die nicht den Grundlagen der Religion widersprechen. Ihre Annahme oder Zurückweisung berührt nicht die Frage der Bestätigung der Propheten und Gesandten, der Segen Allahs sei mit ihnen.
 
So sagen sie beispielsweise bei der Erklärung der Mondfinsternis, dass das Licht des Mondes erlischt, sobald sich die Erde zwischen Sonne und Mond befindet. Denn die Erde erhält ihr Licht von der Sonne. Sie ist kugelförmig und der Himmel umgibt sie von allen Seiten. Wenn der Mond sich im Schatten der Erde befindet, dann erreicht sie das Licht der Sonne nicht mehr.
Bei der Erklärung der Sonnenfinsternis sagen sie, dass diese eintritt, wenn der Mond sich zwischen die Sonne und dem, der die Sonne anschaut, schiebt. Dies passiert, wenn sich Sonne und Mond [vom Beobachter aus] in der gleichen Position [am Himmel] befinden.
 
2. Es ist töricht wissenschaftlichen Beweisen im Namen der Religion zu widersprechen
 
Wir werden auch hier nicht versuchen eine solche Auffassung zu widerlegen. Wir sind nicht der Meinung, dass dies nützlich ist. Wer glaubt, dass die Zurückweisung einer solchen [naturwissenschaftlichen] Ansicht [zu den Finsternissen] in religiöser Hinsicht eine Verpflichtung ist, verschuldigt sich an der Religion (faqad ǧanā ʿala-d-dīn) und schwächt ihre Sache. Zum Beweis solcher Angelegenheiten gibt es geometrische und mathematische Beweise, die keinen Zweifel lassen.
 
Wenn man zu jemandem, der diese Wissenschaft kennt und infolge eines Studiums ihrer Beweise die Zeiten, die Stärke und die Dauer beider Finsternisse vorhersagt, sagt: „Das widerspricht der Religion!“, dann zweifelt er nicht an der Sache, sondern an der Religion.
 
Der Schaden, den die Religion von demjenigen erfährt, der der Religion auf einem Weg außerhalb der Religion hilft, ist größer als der Schaden durch den, der die Religion auf einem Weg innerhalb ihrer angreift. Er ist wie der, von dem es heißt: „Eine vernünftiger Feind ist besser als ein unwissender Freund.
 
3. Islamische Quellen, die Themen der Naturwissenschaft berühren
 
Und wenn gesagt wird: „Der Gesandte Gottes, Allah segne ihn und schenke im Frieden, sagt: ‚Die Sonne und der Mond sind zwei Zeichen unter den Zeichen Allahs. Sie verfinstern sich nicht durch den Tod oder das Leben von jemandem. Wenn ihr solches [eine Finsternis] seht, dann nehmt Zuflucht zum Gedenken Gottes und zum Gebet.‘ Wie passt das zu dem, was sie [die Philosophen] gesagt haben?“
 
Dann sagen wir: Hierin gibt es nichts, was dem widerspricht, was sie gesagt haben. Darin [im Hadith] wird nur ausgesagt, dass es zur Finsternis nicht durch den Tod oder das Leben von jemandem kommt.
 
Und dazu, dass darin zum Gebet [bei einer Finsternis] aufgerufen wird: Es ist die Religion, die zum Gebet am Mittag, bei Sonnenuntergang und zu Sonnenaufgang aufrufen. Warum sollte es da fernliegen, dass sie es gebietet bei der Finsternis mit dem Gebet Folge zu leisten?
 
4. Was tun, wenn der Wortlaut von Quellen wissenschaftlichen Beweisen widerspricht?
 
Und wenn gesagt wird: „Es wurde überliefert, dass er [der Prophet] am Ende des Hadith gesagt hat: ‚Wenn Gott in einem Ding erscheint, dann unterwirft es sich ihm‘. Das zeigt, dass die Finsternis ihre Ursache in der Unterwerfung hat.“,
dann sagen wir: Dies ist eine Hinzufügung. Es ist nicht richtig dies zu überliefern. Man muss den Überlieferer der Lüge bezichtigen. Das, was [wirklich] überliefert ist, ist das, was wir genannt haben.
 
Doch was wäre, wenn sie [d. h. die Hinzufügung] authentisch wäre? Dann wäre ihre Interpretation (taʾwīl) [also die der Hinzufügung] leichter/naheliegender (ahwan) als die Überheblichkeit gegen gesicherte Angelegenheiten (ʾumur qaṭʿīya). Und es gibt viele Wortlaute (ẓawāhir) [in anderen Quellen], die mit rationalen Beweisen (ebenfalls) interpretiert wurden, die aber hinsichtlich ihrer Deutlichkeit nicht an diese Grenze [wie bei der geometrischen Erklärung der Finsternisse] heranreichen.
 

Und am meisten profitieren die Ketzer/Gottlosen (malāḥida) davon, wenn der Helfer der Religion erklärt, dass dies und ähnliches [an wissenschaftlich Gesichertem] der Religion widerspricht. Und er erleichtert ihm [dem Gottlosen] den Weg zur Widerlegung der Religion (ibṭāl aš-šarʿ), wenn sie [d. h. ihre Wahrheit] von Bedingungen wie dieser abhängig gemacht wird.

5. Worauf es bei der theologischen Untersuchung ankommt

Dies[e Argumentation gilt], weil es in der Untersuchung [der Theologen und der Philosophen] über die [physikalische] Welt darum geht, ob ihr Sein [im Sinne einer creatio ex nihilo] geschaffen ist oder seit Ewigkeiten gegeben ist.

Nachdem ihre Erschaffenheit bewiesen ist, ist es gleichgültig, ob sie eine Kugel oder flach ist, oder ob sie sechseckig oder achteckig ist. Und es ist gleichgültig, ob die Himmel und das unter ihnen dreizehn Schichten sind, wie sie gesagt haben, oder weniger oder mehr. Das Verhältnis des Nachdenkens darüber zur theologischen Untersuchung (al-bahṯ al-ilāhī) ist wie das Verhältnis des Nachdenkens über die Schichten der Zwiebel und ihre Anzahl, und über die Anzahl der Kerne des Granatapfels [zur theologischen Untersuchung].
 
Der Zweck ist [zu zeigen], dass seine Existenz [d. h. die der Welt] zum Tun Allahs allein gehört, wie immer es auch [im Einzelnen] existieren mag (fa-l-maqṣūd kawnuhū min fiʿl-Allāh faqaṭ kayfamā kān).”
 
[Übersetzt aus: Abū Ḫāmid al-Ġazālī / Abū Sulaymān Dunyā (Hg.), Tahāfut al-Falāsifa, Kairo 1980, S. 80–81. Die Überschriften und Klammereinfügungen stammen von mir. Für kritische Hinweise zu meiner Übersetzung bin ich dankbar.]

Der Koran und die IS-Ideologie

Ein aufmerksamer Leser stellte mir folgende Frage:

“Und kann es Deiner Meinung nach (rein hypothetisch) Sätze [im Koran] geben, die selbst im Falle einer berechtigten Verteidigung gegen einen ungerechten Angriffskrieg eher unpassend sind, weil sie über das Ziel hinausschießen, das Töten und Getötet-Werden zu sehr verherrlichen, den Feind zu sehr dämonisieren?”

Ja, das kann es durchaus – sofern “unpassend” heißt “unpassend als verallgemeinerte Norm”.

Da der Koran aber (meist in den selben Suren noch) auch Passagen hat, die ohne solche Zuspitzung auskommen (vgl. 9:5 und 9:6 als besonders dramatisches Beispiel) gehe ich davon aus, dass dies dem Koranurheber bewusst war. Entweder

(a) Steinbruchtheorie: hat der Koran lauter Widersprüche, die zu einer beliebigen Auslegbarkeit führen, oder

(b) Kuscheltheorie: der Islam ist in Wirklichkeit purer “Frieden”, man muss nur die Kriegsverse abdecken, oder

(c) Schwerttheorie: der Islam ist pure “Gewalt”, man muss nur die Friedensverse bzw. die Kriegsbedingungen abdecken, oder

(d) Bedingtheitstheorie: die politisch signifikanten Passagen des Korans erfüllten im Offenbarungskontext eine bestimmte lokale Funktion, die nicht vom singulären Wortlaut her universalisierbar ist, sondern nur im Rahmen eines größeren Bedingungsgeflechts ihre Bedeutung haben (so ähnlich sahen das auch viele klassische Gelehrte). Dieses Geflecht ist zunächst auf der Ebene des Wortlautes zu analysieren und danach erst in Bezug zu den historischen und psychologischen Gegegebenheiten der Offenbarungszeit zu setzen (“danach”, da der Wortlaut empirisch gegeben, der historische Kontext aber oft ungenau oder gar spekulativ ist), unter denen der Koran bestimmte Ziele – einschließlich der Bezwingung der Widersacher des Propheten aus einer Situation der anfänglichen zahlenmäßigen, politischen, militärischen und psychologischen Unterlegenheit heraus – erreichen wollte.

Der Koran war neben vielen anderen Dingen stets auch Trost und Aufmunterung für die politisch und militärisch eingeschüchterte Gemeinde des Propheten – darum scheinen manche Koranpassagen heute eher verwirrend und deplatziert als tröstend oder orientierend: Weil man den Koran nicht als das liest, als das er sich sah – eine Kombination aus Lebens- und Überlebenshilfe für die islamische Urgemeinde einerseits und als Manifest universeller islamischer Prinzipien andererseits. Dieses Geflecht zu entwirren ist eine der sträflichst vernachlässigten Hausaufgaben zeitgenössischer muslimischer Gelehrter und Islamwissenschaftler. Die ganzen pauschalen Modelle, die hierzu im Umlauf sind, halte ich für wenig befriedigend. Ich will gerne den ganzen Koran verstehen – nicht nur die Stellen, die keiner großen Erklärung bedürfen.

“Kontextualität” ist hier also das Stichwort (was weit mehr ist als der Vers davor und danach – die Erstadressatenorientierung ist ein essenzieller Bestandteil). Und immanenter Anlass für eine Kontext-Reflexion dazu sind die ganz anders als kriegslüstern klingenden Koranpassagen, auch aus den späten medinensischen Passagen, die der Koranurheber hätte vermeiden müssen, wenn der IS Recht gehabt hätte (Lieblingsstelle hierzu: 60:7-9, aber auch 5:48 – bitte nicht als Einladung zu Suren-Pingpong missverstehen)

(d) ist ungefähr meine Position. Eine Theorie lässt sich nur auf die Gesamtheit von Phänomenen (hier: Koranverse) anwenden. Darum kann man mit singulären Koranzitaten allein noch keine allgemeinen Theorien zum Koran beweisen (darum sind (b) und (c) unbefriedigend). Der bloße Verweis auf scheinbare Widersprüchlichkeit hingegen erweist sich aus meiner Sicht als Theoriearmut und Denkfaulheit. Darum ist auch (a) eine unverhältnismäßig geistschonende und anspruchslose Position.

Kurz: Wenn der Koran in manchen Passagen deftig gegen die “kāfirīn” polemisiert, oder zum Krieg gegen diese aufruft, dann sind damit nicht automatisch schon alle Nichtmuslime als “Kollektiv” gemeint, sondern bestimmte Adressaten aus einem raumzeitlich lokalisierbaren Kontext. Die klassische Exegese spricht hier davon, dass eine Quelle “ḫāṣṣ” sei, also “speziell”, auch wenn der Wortlaut auf den ersten Blick “ʿāmm”, also allgemein ist. Schon Imam Schafii hat darauf hingewiesen, dass koranische Aussagen wie “die Menschen haben sich gegen euch versammelt” nicht bedeutet, dass sich alle Menschen gegen die Muslime versammelt hätten.

Eine “eigentlich” islamische Position ergibt sich erst aus einer gesamtheitlichen Betrachtung aller Passagen. (Ich behaupte nicht diese im Detail zu kennen – ich habe nur Vermutungen, die ich versuche durch den Vergleich mit Expertenmeinungen zu prüfen)

Meine zentrale inhaltliche These lautet nun: Es sprechen über ein dutzend Koranpassagen dafür, dass die späteren Kriegsverse des Korans von äußeren Bedingungen abhängig gemacht wurden (z. B. 2:190, 8:61, 9:13), und dass die allgemeineren Friedens- und Toleranzverse aus der frühen (z. B. 10:99) UND späteren Phase (z. B. 2:256, 5:5, 5:48, 60:7-9) keinesfalls als aufgehoben oder eingeschränkt betrachtet werden könnten. Das ist aber kein Thema für einen kurzen Text, sondern ein umfangreicheres Geschäft, das von Muslimen schon seit Jahrhunderten immer wieder angegangen wird. Insofern ist mein Gedanke hier weder neu, noch originell.

Aber ich möchte ehrlich sein: Meiner Meinung muss man den Koran im Lichte von reflektierender Vernunft und Moral lesen, um aus der Möglichkeit und Plausibilität einer friedensorientierten Lesart eine Position der Gewissheit zu machen. Nicht der Koran, oder die Religion allein macht schon den guten Menschen, sondern erst der potenziell gute Mensch kann in ein fruchtbares Verhältnis zur Religion treten. Ich denke, dass diese “Apriorizität” von ethischem Bewusstsein und Vernunft des “Lesers” auch vom Koran selbst vorausgesetzt wird.

Der Koran versteht sich nicht umsonst als Wegweiser für die “Gottesfürchtigen” (2:2) und nicht für entmoralisierte Hohlbirnen. Im Hadith heißt es wiederum, dass der Prophet kam um die Moral/den Charakter zu perfektionieren – d. h. es gibt schon einer vorreligiöse Moral und Ethik, an die “wahrer Islam” anknüpft. Ohne diese vorreligiöse Ethik ist auch keine islamische Ethik möglich.

Die ash’aritisch vorgeprägte Doktrin einer Nichterkenntbarkeit des Guten durch die Vernunft hat heute leider viele ideologische Muslime blind für diesen Zusammenhang gemacht (auch wenn das vielleicht nicht das Ziel der Ash’ariten war). Diese ungesunde Zuspitzung kann aber sogar schon traditionsimmanent korrigiert werden, z. B. durch die ebenso sunnitische, aber wesentlich “rationaler” orientierte Theologie des Maturidi, die das Gute sehr wohl in den Erkenntnisbereich der Vernunft rückt und somit ethische Diskurse auch ohne permanenten Fatwa-Zwang ermöglicht.

Der juristische Reduktionismus von islamischer Normativität, wie ihn viele Islamisten der Neuzeit vertreten, war wohl eben doch ein Irrtum. Die juristische Dimension ersetzt nie und nimmer die Ethik. Darum läuft eine rein formale Anwendung des klassischen islamischen Rechts stets Gefahr zu Ungerechtigkeiten zu führen, da viele Menschen glauben, “islamische” (d. h. von islamischen Gelehrten hergeleitete und formulierte) Rechtsurteile seien per se schon moralisch.

Oder schärfer: Die Beschränkung von islamischer Moral auf juristische Rechtsurteile gibt den im Namen von Religion herrschenden Klassen das gesamte Gewalt- und Deutungsmonopol in die Hand und treibt den durch Gott von menschlicher Willkür emanzipierten und für sich selbst verantwortlichen Gläubigen zurück in den blinden Gehorsam gegenüber Pharaonen, Patriarchen und Priestern vorislamischer Finsternis…

(man sehe mir den Pathos nach – die ganze IS-Kacke hat mich richtig wütend gemacht…)

Die 6-Tage-Schöpfung in der koranischen Kosmologie

Es ist endlich vollbracht! Meine Studie zur 6-Tage-Schöpfung ist endlich abgeschlossen und hat 13 Texte als Produkt abgeworfen, in denen ich der allgemeinen Frage nach der Vergleichbarkeit von Koran und Naturwissenschaft überhaupt nachgehe und anschließend einen Auslegungsvorschlag zu 41:11 mache und diesen versuche exegetisch zu begründen, wobei besonders Fakhruddîn ar-Râzî (gest. 1209 n. Chr.) für mich mit zwei für mich zentralen Thesen zu 41:9-12 in seinem Tafsîr-Werk Mafâtîh al-Gayb von großer Bedeutung war.

Wer nicht gleich mit harter Theorie einsteigen will, kann auch mit meiner persönlichen Anekdote zur gesamten Thematik beginnen (der letzte Text in der Reihe). Nachdem ich mir aber in den letzten Wochen schon die Finger wund geschrieben habe, möchte ich hier nicht auch noch einen ganzen Artikel schreiben und verbleibe daher mit den Links zu den zwei Gruppen, in die ich die Texte eingeteilt habe. Ich freue mich auf kritisches und weiterführendes Feedback!

Zu den allgemeinen exegetischen und hermeneutischen Grundlagen:

Und hier die eigentlichen Texte mit einer Reihe vertiefter Analysen speziell zu Sure 41, Verse 9-12:

Auf meinem Blog sind diese Texte als mein erstes Dossier auch über den neuen Menüpunkt “Koranische Kosmologie” in der obigen Leiste zu erreichen.

Das Schema ganz unten veranschaulicht übrigens die hier von mir vertretene Lesart von Sure 41:9-12 (untere Hälfte) und vergleicht diese mit einigen wichtigen Eckdaten des Standardmodells der modernen Kosmologie (obere Hälfte, Stand: September 2015). Wie man sehen kann, ist der Entstehungszeitpunkt unserer Erde samt Sonnensystem aus einem rauchförmigen Himmel bzw. einem interstellaren Nebel sowohl in der hier vorgestellten Lesart der koranischen, als auch in der physikalischen Kosmologie jeweils der Beginn des letzen Drittels des Alters des Universums.

A propos Kosmologie: Ein besonders kosmologischer Dank gilt meiner lieben Frau Asiye, ohne deren Unterstützung und Verständnis in den letzten Wochen diese Textreihe gefühlt nicht vor der nächsten Supernova zustande gekommen wäre.

Sağ olasın, bitanem!

6-Tage-Schema