Warum ich dann doch lieber konservativ bleibe – Offener Brief an Lale Akgün

Liebe Frau Akgün,

ich verstehe mich selbst als Verfechter liberaler Ideen und als interessierter Beobachter und teilweise auch als Rezipient reformorientierter Ansätze in der islamischen Theologie. Doch wenn ich Ihre Plädoyers für einen liberalen Islam (zuletzt im Deutschlandfunk am 15. Mai 2015) lese, möchte ich laut ausrufen: „Ich bin konservativ und stolz darauf!“, so sehr irritieren und verärgern mich Ihr Plädoyers für das, was Sie als „liberalen Islam“ bezeichnen. Lassen Sie mich meinen Gemütszustand anhand zweier Ihrer Thesen exemplarisch erklären, nämlich zum einen anhand Ihrer Verwendung des Schariabegriffs und zum anderen an der von Ihnen vermuteten zentralen Rolle der Methode der Koranauslegung für das Leben der Muslime. Weil es einfacher ist, verwende ich im Folgenden auch die Begriffe liberal und konservativ, wenn auch in kritischer Absicht.

Zunächst also zu Ihrer Verwendung des Begriffs Scharia, also des islamischen Rechts. Laut Ihrer Aussage hat die Scharia für liberale Muslime gar keine Bedeutung, da wir ja in einem Rechtsstaat leben und dieser keine parallele Rechtssprechung zulasse. Das klingt so plausibel, dass Ihnen der breite Zuspruch gewiss ist. Und genau das verärgert mich: Sie reproduzieren hier ein grundsätzliches Missverständnis in islamischen Begrifflichkeiten und stehen damit in bester Tradition anderer Autoren wie Necla Kelek und Bassam Tibi. Dabei ist Scharia bzw. islamisches Recht im begriffsgeschichtlichen Sinn nur zu wohl definierten Teilen mit dem modernen säkularen Recht überhaupt erst vergleichbar, sodass auch Konflikte nur in diesem klar definierten Teilbereich auftreten können. Zur Klärung sollten wir ferner festhalten: Wir reden hier nicht über das angeblich islamische Recht sogenannter islamischer Länder und auch nicht über die Meinung des einen oder anderen Gelehrten, sondern um ein umfassendes theologisches Konzept mit einer sehr vielfältigen und teils auch in sich widersprüchlichen Geschichte.

Dieses allgemeine islamische Recht, also die Scharia meint in allen theologischen Traditionen des Islam die theoretische Systematisierung islamischer Glaubens- und Handlungsnormen, weit über das im engeren Sinne Juristische hinaus. Demnach gehören der Glaube an Gott und die Propheten, sowie die Huldigung von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ebenso zur Scharia wie die Systematisierung der Praxis des rituellen Gebets, des Fastens und der Armensteuer. Und mehr noch: das Schweinefleisch- und Alkoholverbot, Hygiene- und Toleranzgebote gehören auch zum klassischen Verständnis von Scharia, sowie im engeren Sinne rechtliche Fragen aus Bereichen wie dem Handels- und Eherecht. All das wird von Ihnen pauschal als verwerflich zurückgewiesen, obwohl nur letztere Bereiche für die ja durchaus wichtige Rechtsstaatsthematik und für teils doch sinnvolle und wichtige Neubetrachtungen wirklich von Relevanz sind. Vor allem bei den Gottesdiensten, einem der beiden zentralen Säulen des praktische Teils der Scharia, stellt sich mir jedoch die Frage, was so erhaben an „gar keiner Bedeutung für liberale Muslime“ sein soll. Weiterlesen

Das Muslimische Forum Deutschland – Interview mit Erdal Toprakyaran (1)

Toprakyaran

Jun.-Prof. Dr. Erdal Toprakyaran (Foto: Hochschulkommunikation Uni Tübingen)

Die Gründung des Muslimischen Forums Deutschland im April 2015 als neuer Ansprechpartner für die Politik und als Stimme für eine laut eigener Angabe “Mehrzahl der in Deutschland lebenden und bisher nicht vertretenen Muslime” rief geteilte Reaktionen hervor. Neben lobenden Worten für diese neue Alternative zu den “konservativen Verbänden” auf der einen Seite war auch eine Reihe von Kritiken und Bedenken insbesondere von muslimischen Stimmen zu hören. Ich selbst konnte mich einer Reihe von Fragen wie der nach der Rolle der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung bei der Gründung und Finanzierung des Forums anschließen. Der eigentliche Grund meines Interesses an der Thematik lag jedoch an der Beteiligung zweier Direktoren der noch sehr neuen universitären Zentren für Islamische Theologie in Deutschland. Angesichts der zu erwartenden politischen Brisanz des Forums schien mir das als bedenklich für den Ruf der jungen Islamischen Theologie in Deutschland, sowohl in akademischer Hinsicht, als auch hinsichtlich eines möglichen Vertrauensverlustes seitens der muslimischen Community.

Dankenswerterweise meldete sich bald darauf der Direktor des Zentrums an der Uni Tübingen Herr Jun.-Prof. Dr. Erdal Toprakyaran, der zu den fünfzehn Gründungsmitgliedern des Forums zählt, bei mir und bot mir ein Interview zu den kritischen Fragen an. Ich willigte sehr gerne zu und veröffentliche hiermit für alle Leser, die sich für die Debatte um das Forum und überhaupt für den nicht unproblematischen öffentlichen Islamdiskurs in Deutschland interessieren, erstmals dieses umfangreiche Interview, in dem ich eine Reihe der virulenten Fragen stellen konnte und viele weiterführende Antworten erhielt. Das Interview ist in drei Leitfragen untergliedert: Versteht sich das Forum als liberalen Gegenentwurf den den “konservativen” Verbänden, wie in den Medien zu lesen war? Wie genau sieht die Beteiligung der Konrad-Adenauer-Stiftung aus? Welche Rolle spielen die Direktoren der Zentren für Islamische Theologie und die nichtmuslimischen Gründungsmitglieder? Herr Toprakyaran gab mir hierzu sehr ausführliche Antworten, die in Anbetracht der heftigen Kritiken Beachtung verdienen.

Ist das Muslimische Forum Deutschland ein liberaler Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“?

Hakan Turan: Die Teilnehmer Ihres am 11. April 2015 geründeten Forums möchten laut Gründungserklärung „der Mehrzahl der in Deutschland lebenden und bisher nicht vertretenen Muslime Gehör verschaffen“ . In einem Artikel auf Welt online war dazu nun eine ganze Reihe weiterer Statements zu lesen. Zum einen hieß es darin, dass das Muslimische Forum Deutschland keine Konkurrenz zu den traditionellen Verbänden sein soll und auch kein Ersatz, sondern vielmehr eine Ergänzung. Zugleich wurde das Forum im Artikel aber auch als „Gegenentwurf zu den konservativen Verbänden“ bezeichnet. Darum meine Frage: Ist Ihr Forum ein Gegenentwurf zu den Verbänden, weil diese Ihnen zu konservativ sind?

Erdal Toprakyaran: Dazu kann man erst einmal sagen, dass jetzt schon in den Medien viel geschrieben wurde, was missverständlich ist.  Wir haben den Text der Gründungserklärung gemeinsam diskutiert und verfasst und am Ende einstimmig gebilligt. Es ist nicht alles zu hundert Prozent die Meinung jedes Einzelnen von uns, aber es ist der Text, auf den wir uns geeinigt haben und mit dem wir alle leben können, und hinter dem wir auch stehen. Weiterlesen