Evolution und Hominisation – ein Crashkurs zum empirischen Forschungsstand

(Hier geht es zu einem kleinen Vorwort).

Crashkurs Teil 1: Wesentlicher Gehalt der Evolutionstheorie

Der studierte Theologe und Naturforscher Charles Darwin (gest. 1882) ist der Begründer der modernen Evolutionstheorie, die hier kurz skizziert werden soll [1]. Sie ist wie jede andere naturwissenschaftliche Theorie ein auf Empirie gestützter Versuch einen bestimmten Wirklichkeitsausschnitt – hier: alles Leben auf Erden – auf systematische Weise in einen großen vereinheitlichenden Zusammenhang zu stellen. Die Empirie zur Vergangenheit des Lebens stützt sich unter anderem auf die Analyse von Fossilfunden und auf molekulargenetische Vergleiche aktuell lebender Organismen. Die Evolutionstheorie ist eine empirisch sehr erfolgreiche Theorie mit großer Erklärungskraft hinsichtlich der Vielfalt des Lebens. Sie beantwortet viele Fragen auf elegante Weise. Und sie lässt viele Fragen offen – teils, weil historische Wissenschaft immer große spekulative Anteile hat, und teils, weil ihr Gegenstandsbereich auf die empirische Welt der Lebewesen beschränkt ist. 

Eine ihrer zentralen Säulen ist die Deszendenztheorie, die besagt, dass alle heutigen Lebensformen Nachfahren von gemeinsamen Urahnen sind, die umso einfacher werden, je weiter man in der Zeit zurückgeht. Heute geht man davon aus, dass es sich bei diesen Urahnen um primitive Einzeller handelt, die als Prokaryoten bezeichnet werden und die vor ca. 3,8 Millarden Jahren in den heißen Urmeeren der Erde als Produkt einer vorausgegangenen chemischen Evolution entstanden sind. Der unterozeanische Grund im Umfeld von Tiefseevulkanen und andere lichtnahe Unterwasseroberflächen werden heute als wichtige Kandidaten für die damaligen Umbildungsorte von anorganischen in die relevanten organischen Moleküle diskutiert [2]. Diese in Wasser getauchten Flächen sind ihrerseits Ergebnisse der Abkühlung der einst glühenden Erde mit folgendem Abregnen immenser Wassermassen.  

Weitere markante Säulen der heutigen Evolutionstheorie bilden die Theorie der Variation durch Mutation und die Theorie der natürlichen Selektion. Demnach verfügen manche der Nachkommen eines Lebewesens über ein geringfügig mutiertes Erbgut, dessen Entfaltung manchmal von dramatischem Vorteil für das Überleben und die Populationsrate der mutierten Nachkommen sein kann. Wenn so neue Varianten oder gar Arten enstehen, die den sich wandelnden Umweltbedingungen besser angepasst sind, und andere aussterben oder verdrängt werden, dann spricht man von natürlicher Selektion. Von 1930 bis 1950 wurden Wissenschaften wie Genetik und Paläontologie in die Evolutionstheorie integriert und führten zur synthetischen Evolutionstheorie [3]. Ein wichtiges Merkmal der synthetischen Evolutionstheorie ist die Annahme, dass die Mutation des Erbguts ungerichtet bzw “zufällig” verläuft. Georg Toepfer konrektisiert in seiner philosophischen Analyse dazu: “Die Zufälligkeit besteht… darin, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Variation unabhängig von ihrer Zweckmäßigkeit ist; nicht gemeint ist damit, dass die Variation gar keine Ursache habe.“ [4]

Momentan befindet sich die Evolutionstheorie selbst in einer Phase der „Evolution“ zu einer „erweiterten synthetischen Evolutionstheorie“, da in den letzten Jahrzehnten potenzielle Evolutionsmechanismen entdeckt wurden, die über das einfache Schema der rein zufälligen (bzw. ungerichteten) Mutation und Selektion hinausgehen. Die Evolutionsforscherinnen Eva Jablonka und Marion Lamb schreiben dazu: „Die Annahme, dass sämtliche erbliche Variabilität aus zufälligen genetischen Abänderungen resultiere, unbeeinflusst von den umwelt- und entwicklungsspezifischen Bedingungen, ist heute nicht mehr haltbar.“ [5] So werden heute neben den die DNA betreffenden Replikationsprozessen weitere zellinterne epigenetische Vererbungssysteme erforscht, die mittels komplizierter chemischer Prozesse auch Aspekte des „Verhaltens“ der biologischen „Eltern“ partiell weitervererben, beispielsweise indem sie veränderte zellspezifische Aktivitätsmuster des ansonsten identischen Genoms weitergeben. Diskutiert wird aktuell, inwieweit solche gerichteten Variationen des „Epigenoms“ (als Begleiter des „Genoms“) über mehrere Generationen stabil vererbt werden und somit langfristig evolutionsrelevant werden können [6].

Das ist bedeutsam, denn: „Epigenetische Variationen entstehen mit höherer Rate als genetische.[7] Letztlich folgt daraus, „… dass Anpassung durch Selektion epigenetischer Varianten erheblich schneller erfolgen kann als auf genetischem Weg.[8] Wenn sich dieser Ansatz bewährt, dann könnte er auch ein neues Licht auf Phänomene wie rasch auftretende Evolutionssprünge und die evolutionäre Entstehung neuer Arten werfen, die seit jeher zu den schwierigsten Fragen der Evolutionstheorie gehören [9]. Zugleich betonen Vertreter dieser erweiterten Evolutionsansätze, dass die neuen Perspektiven „nichts an [der]… naturalistischen Basis[10]. der Evolutionstheorie, also an ihrer naturgesetzesartigen Struktur ändern. In welchem Sinn die Evolutionstheorie dabei nicht nur methodologisch, sondern auch in ontologischer Hinsicht als „naturalistisch“ verstanden werden muss, ist ein primär metaphysische Frage, die letztlich auch die Fundamente islamischer Theologie berührt und daher erhöhte Aufmerksamkeit verdient.

Crashkurs Teil 2: Geschichte des Menschen und Hominisation

Die Theorie von der Evolution des Menschen von affenähnlichen Vorfahren zum anatomisch modernen Menschen wird als Hominisation bezeichnet. Ihr liegt eine Empirie zugrunde, die heutzutage jedes Modell von der Entstehung des Menschen – ob naturwissenschaftlicher oder theologischer Art – berücksichtigen bzw. integrieren muss. Dies sind fünf relevante Eckpfeiler:

  • Aktuelle Parallelen zwischen Mensch und Affe: Der Schimpanse ist das Lebewesen mit der größten genetischen Ähnlichkeit zum modernen Menschen: Über 98% der Gene beider Spezies sind auf molekularer Ebene identisch. Und anatomisch gibt es nur graduelle Unterschiede [11].

  • Fossilfunde führen nach Afrika: Es gibt weltweit zahlreiche Funde menschlicher und menschenähnlicher Fossilien aus prähistorischer Zeit, deren älteste bekannte aus Afrika stammen. Diese lassen sich teilweise bis zu einigen Millionen Jahren zurückdatieren. Damit gibt es eine zwar unvollständige, aber dennoch relevante Empirie der Vergangenheit des Menschen [12].

  • Zahlreiche ausgestorbene Menschenarten: Es zeigt sich, dass es neben und vor dem seit ca. 200.000 Jahren existierenden anatomisch modernen Menschen (auch “moderner Homo Sapiens” genant) zahlreiche andere Menschenarten gegeben hat, die nicht mehr existieren.

  • Je älter das Menschenfossil, umso kleiner das Gehirn und umso “archaischer” die Anatomie: Zahlreiche anatomische Merkmale des heutigen Menschen verschieben sich bei den afrikanischen Fossilien in die weite Vergangenheit hin im Wesentlichen zu immer “archaischeren” Zügen. Dazu gehört der zunehmend vorstehende Oberkiefer und insbesondere die graduell immer kleiner werdende Gehirngröße. Auch die Werkzeugnutzung, die im Zusammenhang zur Hirngröße steht und auf Kultur hinweist, wird nicht schlagartig, sondern zunehmend primitiver [13].

  • Bis vor ca. zwei Millionen Jahren gab es affenartige Wesen, die aufrecht gehen konnten: Wo die menschenartige Fossilspur in Afrika vor zwei Millionen Jahren zu verwischen beginnt, nehmen die Fossilien der Varianten des Australopithecus zu. Diese ausgestorbenen Wesen sowie ihre Vorgänger besaßen einen affenartigen Kopf, konnten jedoch aufrecht gehen, worin sie eher den Menschen als beispielsweise den heutigen Schimpansen ähneln, auch wenn sie diesen Gang womöglich auf Bäumen praktizierten. Selbst der bis zu sieben Millionen Jahre in die Vergangenheit datierte Schädel des Sahelanthropus Tchadensis lässt trotz einiger schimpansenähnlicher Züge auch Schädelmerkmale des aufrechten Gangs vermuten [14].

Die Paläoanthropologie, die interdisziplinär die Entstehung des Menschen erforscht, verbindet diese empirischen Befunde im Lichte der Evolutionstheorie etwa wie folgt: Ungefähr zu der Zeit des Sahelanthropus spaltete sich die Linie der heutigen Schimpansen von der zum Menschen führenden Linie – der Linie der “Homininen” – ab. Bei den affenähnlichen Vorfahren des Menschen, die keinen der heutigen Affen entsprechen, entwickelte sich der aufrechte Gang weiter, bis aus den allmählich aussterbenden Australopithecinen die Gattung “Homo” (Mensch) hervorging, dessen Hirnvolumen größer, dessen Schädelanatomie menschenählicher und dessen Gesichtsprofil aufrechter wurde. Vor ca. 2 Millionen Jahren trat nach einigen Zwischenformen der nach einhelliger Meinung als Mensch identifizierbare Homo Erectus zum Vorschein, für den ein deutlich größeres Hirnvolumen, eine ausgeprägtere Werkzeugnutzung, sowie ein markanter Augenbrauenwulst typisch ist. Populationen des Homo Erectus wanderten aus Afrika nach Asien und Europa aus. Zahlreiche Menschenarten aus der letzten Million Jahre wie der Neandertaler, archaische Formen des Homo Sapiens sowie neu entdeckte Menschenarten wie der Denisova-Mensch stammen von diesem ab, lebten teilweise zeitgleich und begegneten sich offensichtlich auch: Menschen aus bestimmten nicht afrikanischen Regionen der Welt besitzen heute bis zu 4% Neandertaler-Gene. In Südasien kam es vermutlich auch zu einer genetischen Durchmischung des Denisova-Menschen und des Homo Sapiens [15].

Die im Wesentlichen seit ca. 200.000 Jahren stabilen modernen Merkmale des Homo Sapiens, einschließlich des für das “Menschsein” relevanten und den Homo Erectus übertreffenden Hirnvolumens, hatten sich im Laufe einer halben Million Jahre unabhängig voneinander und regional verschieden schnell (“mosaikartig”) im Anschluss an den Vorfahren Homo Erectus von einer archaischen bis zu ihrer modernen Form entwickelt [16]. Das hier skizzierte Gesamtbild hat sich bisher als gut bewährter “harter Kern” der Hominisation erwiesen. Es bleiben freilich etliche Vieldeutigkeiten und Unklarheiten, etwa, was die genau Grenzziehung zwischen Menschenarten oder hinsichtlich der Zuordnung einzelner Fossilien zu Homo oder Australopithecus betrifft [17]. Anders gefragt: Wann möchte man die “eigentliche” Menschheit beginnen lassen? Ebenso spekulativ sind Überlegungen zur genauen sprachlichen, kognitiven und damit auch religiösen “Begabung” der Vorfahren des Menschen, je weiter man in die Vergangenheit blickt. Wenn das restliche Gesamtbild jedoch stimmt, dann sind die mannigfaltigen Rückenbeschwerden des modernen Menschen ein Zeuge der noch unabgeschlossenen “Werdung” des aufrechten Gangs. Und auch die häufigen Klagen über zu wenig Platz für die Weisheitszähne wären dann ein Hinweis darauf, dass unser modernes Gebiss die Erinnerung an eine lange ins Tierreich reichende Vorgeschichte in sich trägt. 


[1] Michael Blume weist auf einen Briefwechsel Darwins mit dem Philosophen William Graham hin, der zeigt, dass Darwin “… einen evolutionären Theismus für denkmöglich” hielt. Blume, Gottesfrage, S. 147.

[2] Vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 163-176. Und vgl.Campbell, Biologie, S. 613-619.

[3] Vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 75-87.

[4] Toepfer, Evolution, S. 77-78.

[5] Lamb und Jablonka, Vier Dimensionen, S. 472.

[6] Vgl. ebd., S. 129-163. Für eine kritischere Einschätzung vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 75.

[7] Ebd., S. 161.

[8] Ebd.

[9] Der christliche Theologe Ulrich Lüke sieht in der beschleunigten epigenetischen Vererbung ein wichtiges Argument gegen populäre Widerlegungsversuche der Evolutionstheorie. Vgl. Lüke, Säugetier, S. 111.

[10] Thomas Junker im Vorwort von: Lamb und Jablonka, Vier Dimensionen, S. 10.

[11] Vgl. Junker, Evolution, S. 11-14. Man verwechsle Thomas Junker nicht mit dem Kreationisten Reinhard Junker.

[12] Mit diesen Funden hat sich überdies Darwins Vermutung, dass der moderne Mensch aus Afrika stammt, weil dort heute noch unsere nächsten Verwandten in Form von Gorilla und Schimpanse leben würden, nach über hundert Jahren empirisch bestätigt. Vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 152-154 und S. 226-230.

[13] Zur Evolution des Gehirns vgl. Holloway, “Hominid Brain”, S. 1980-1983. 

[14] Zur Diskussionslage über die Interpretation der Fossilien der einzelnen Hominidenarten vgl. Harcourt-Smith, “Bipedal Locomotion”, S. 1927-1944. Grafischer Überblick vgl. ebd., S. 1944.

[15] Vgl. Bolus, “Early Humans”, S. 2371-2400.

[16] Vgl. Bräuer, “Modern Humans”, S. 2304-2307.

[17] Zur Vieldeutigkeit Vgl. Strait, “Hominin Phylogeny”, S. 2005-2009.

Zitierte Literatur

  • Blume, Michael. Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe. Freiburg im Breisgau: Herder, 2013.

  • Bolus, Michael. “Dispersals of Early Humans: Adaptations, Frontiers, and New Territories”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 2371-2400.

  • Bräuer, Günter. “Origin of Modern Humans”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 2299-2330.

  • Campbell, Neil A und Markl, Jürgen (Hg.) und Reece, Jane B. Biologie. Heidelberg und Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2003.

  • Harcourt-Smith, William E. H. “Origin of Bipedal Locomotion”. In: Winfrief Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 1919-1959.

  • Holloway, Ralph. “The Evolution of the Hominid Brain”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 1961-1987. 

  • Junker, Thomas. Die Evolution des Menschen. München: Beck, 2018.

  • Kutschera, Ulrich. Evolutionsbiologie. Stuttgart: Eugen Ulmer, 2015.

  • Lamb, Marion J. und Jablonka, Eva. Evolution in vier Dimensionen. Stuttgart: Hirzel, 2017.

  • Lüke, Ulrich. Das Säugetier von Gottes Gnaden. Freiburg in Breisgau: Herder, 2016.

  • Streit, David et al. “Analyzing Hominin Phylogeny: Caldistic Approach”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 1989-2014.

  • Toepfer, Georg. Evolution. Stuttgart: Reclam, 2013.

Vorwort zu meinem “Crashkurs Evolution”

Ich habe mich in diesem Jahr viel mit der Evolutionstheorie und allem Möglichen drumherum, und dabei insbesondere mit islamischen Verhältnisbestimmungen dazu, befasst und möchte ab jetzt immer wieder mal gebündelt meiner Erträge hierzu hier veröffentlichen. Natürlich geht es mir persönlich als gläubigem Muslim vor allem um Fragen nach Vereinbarkeitsbedingungen mit meinem Glauben – aber wer mich kennt, weiß, dass es mir bei solchen Studien mindestens so sehr auch um die naturwissenschaftliche Theorie selbst und ein möglichst differenziertes, präzises, interessiertes und liebevolles (ohne Witz) Hineinhorchen in die Welt der Forschung geht. Die eigentliche Vermittlungsarbeit findet gemäß meiner Baustellenplanung in der “Mitte” statt, also im Bereich von rationaler Theologie und Wissenschaftstheorie (also Philosophie). Aber diese Mitte kann nur “arbeiten”, wenn die beiden Ränder hinreichend entwickelt sind, also: (1) fundierte Aufarbeitung islamisch-theologischer Perspektiven von den Primärquellen über exegetische bis hin zu hermeneutischen Fragestellungen und (2) fundierte Aufarbeitung der Evolutionstheorie, wie sie “wirklich” von Experten betrieben und diskutiert wird, und was davon letztlich empirisch bestätigt ist.

Und ich schwör’ euch, Alter, es gibt wenig auf der Welt, was mir auf der Welt mehr Nervenkitzel und geistige Befriedigung verschafft als ein solches nach Kohärenzmöglichkeiten fragendes Abarbeiten an (1) islamischer Theologie, (2) Naturwissenschaft und (3) die vermittelnde Vernunft dazwischen.

Sowas macht nicht reicher, nicht schöner.

Aber bescheidener und vielleicht weiser.

Ich werde das ganze Großprojekt vielleicht mal als Dossier ablegen. Bis dahin poste ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder kleinere Bausteine meiner Studien. Zum Einstieg gibt es heute etwas zum Punkt (2), nämlich zum naturwissenschaftlichen Kenntnisstand, auf dem Niveau eines bisschen anspruchsvolleren, aber extrem kompakten Crashkurses mit Literaturhinweisen. Bereits schon diese kleine Übersicht zeigt, dass die Evolutionstheorie heute viel komplexer ist als das landläufig verbreitete Bild einer einheitlichen und auf puren Zufallsmutationen beruhenden Theorie.

Und natürlich ist Evolution nur eines der Themen, zu denen ich hier Fragmente meiner Studien posten möchte.

Ach ja, und noch was: Wie man vielleicht herauslesen kann, bin ich ein Anhänger der Vereinbarkeitsposition: Die Evolutionstheorie lässt sich nicht nur als materialistische Theorie verstehen, wie oft behauptet wird, sondern ist auch mit anderen Metaphysiken vereinbar (und ja: Der Materialismus ist natürlich auch eine Metaphysik, also eine Lehre vom So-Sein des empirisch nicht mehr zugänglichen Letztgültigen bzw. Ersten).

Insbesondere kann Evolution nach meinem eigenen Erkenntnisstand auch als Beschreibung eines evolutionären Schöpfungswirkens Allahs interpretiert werden.

Natürlich wirft dies etlich viele Fragen auf. Hier kurz ein paar Positionen dazu:

  1. Ich gehöre nicht zu den einen Nervensägen, die Menschen, die die Evolutionstheorie ablehnen, als “Gefahr” sehen, oder sie beleidigen. Mir ist klar, dass eine Akzeptanz einer so folgenreichen Theorie nicht einfach nur vom naturwissenschaftlichen Forschungsstand abhängt, sondern auch von der subjektiven Synthesekraft einer Person diese Theorie mit der sonstigen eigenen – womöglich traditionell-religiösen – Weltsicht auf Kohärenz zu bringen. Die subjektive Synthesekraft wiederum ist eine Frage der individuellen Spezialbildung zu theologischen, exegetischen, metaphysischen, wissenschaftstheoretischen und naturwissenschaftlich-empirischen Fragestellungen. Das kann je nach Vorprägung sehr viel Zeit benötigen, oder auch ganz ausbleiben. Hier kann nichts erboxt werden. Aber: Die Türen der Wissenschaft sollten stets für eine kritischen Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie offen stehen. Einem dezidierten Evolutionsgegner würde ich persönlich höchstens attestieren, dass er nicht einfach nur irgendeine “Theorie”, sondern ein gut bewährtes und entwickeltes Rationalitätsangebot der Naturwissenschaft verwirft – was wie jede andere persönliche Meinung legitim ist. Wenn die Evolutionstheorie “gut” ist, dann braucht sie aber keine Wächter (und schon gar nicht solche, die sich gar nicht mit der Theorie befassen). Kümmert euch lieber um eine plausible Vermittlung der Theorie statt um arrogantes Labeling!

  2. Gleichzeitig schlage ich vor die populären Evolutionsgegner ebenfalls nicht einfach nur zu denunzieren (zumal es oft das Gegenteil des Gewünschten bewirkt), sondern ihre Argumente zum Anlass zu nehmen darzustellen, wie der Forschungsstand dazu wirklich ist. Eine gute Theorie braucht keine Diskurszensur. Gerade im innerreligiösen Diskurs halte ich es für sehr sinnvoll evolutionäre und nicht evolutionäre Schöpfungsmodelle bis in die Details hinein mit all ihren – auch religiösen – Pros und Contras zu diskutieren. Denn beide Seiten haben in religiösen Milieus viele Anhänger, auch wenn sich in der Öffentlichkeit oft überwiegend nur die eine Seite zu Wort meldet, abhängig von den lokalen Herrschaftsverhältnissen (was für jeden Wahrheitssucher ein ätzender Zustand ist). Wem das zu komplex oder “riskant” erscheint: Wie sonst wollen wir Aufklärung und Bildung bewirken, wenn wir nicht erlauben, dass die fest eingravierten Präkonzepte der Menschen sichtbar werden? Das Gefühl aufgrund des Einklangs eines hegemonialen Diskurses “Recht” zu haben ist hochgradig irreführend – und macht die stillen Gräben nur tiefer.

  3. Ich gehöre auch nicht zu den anderen Nervensägen, die die
    Evolutionstheorie gleichsetzen mit Atheismus und Materialismus und glauben, dass man die Menschheit davor “retten” müsse. Vielmehr plädiere ich für eine analytische Trennung der empirischen und metaphysischen Aspekte von “Evolutionstheorie”, mit dem Anspruch, dass die selbe biologische Empirie mit unterschiedlichen Metaphysiken – insbesondere auch mit theistischen – vereinbart werden kann. Freilich gibt es das nicht kostenlos. Ferner ist nicht jede Metaphysik mit der Evolutionstheorie vereinbar. Und insbesondere ist meine Wertschätzung für eine rationale Metaphysik (von wegen Kant oder die Moderne hätte sie überflüssig gemacht!) kein Plädoyer dafür, dass jedes metaphysische Modell gleichermaßen gut mit der Evolutionstheorie vereinbar ist. Auf der anderen Seite bedeutet dies auch: Habe Mut dich den realen empirischen Forschungsstand zur Evolutionstheorie auf der Basis des realen naturwissenschaftlichen Diskurses anhand von Texten “echter” Biologen, die auf diesen Gebieten forschen, zu stellen. Wahrheit sollte nicht vor Wissenschaft davonlaufen müssen um wahr zu bleiben!

  4. Ich gehöre zu jenen, die Naturwissenschaft als ein Rationalitätsangebot sehen, das nicht aufgezwungen werden kann oder darf, das aber von Seiten der entsprechenden Fachleute und Fachlehrer den Menschen auf plausible Weise nahegebracht werden sollte. Der Job der Theologen sollte darin bestehen auf einem anspruchsvollen Niveau den Vereinbarkeitsfragen nachzugehen und hierzu verschiedene Modelle zu formulieren und zur Abwägung vorzuschlagen. Diese müssen nicht den Biologen nachgeplappert sein, da diese nicht per se auch theologische oder wissenschaftstheoretische Kompetenzen mitbringen. Viele gläubige Menschen lehnen die Evolutionstheorie nur ab, weil sich die “Gebildeten” aus allen Fachrichtungen (vor allem auch Theologen) einfach zu vornehm sind ihnen Vereinbarkeitsmodelle vorzustellen, ja geschweige denn sich mal gründlich mit den Theorien, die sie eventuell ablehnen, zu befassen.

  5. Ich gehöre eher nicht zu den NOMA (“nonoverlapping magisteria”)-Vertretern, die aus irgendeiner apriorischen Gewissheit heraus meinen, Evolution und Religion könnten sich gar nicht widersprechen, da sie von zwei völlig verschiedenen und scharf voneinander getrennten Dingen handelten. Sie können sich sehr wohl widersprechen und dieser Widerspruch ist alles andere als trivial. Darum muss hier insbesondere der integrative Theist, wie ich es bin, hart arbeiten.

  6. Insbesondere gehöre ich auch nicht zu jenen, für die die Evolutionstheorie “bloß” eine Theorie ist. Richtig ist: Die Evolutionstheorie ist eine höchst respektable, wenn auch sehr vieldeutige und spekulative Theorie. Und: Eine “Theorie” hat nichts mit der Frage nach Bewiesenheit oder Unbewiesenheit zu tun. Vielmehr ist eine naturwissenschaftliche Theorie mit einer der höchst entwickeltesten Formen der Gesamtschau zu einem Teilbereich der Wirklichkeit, also insbesondere weit mehr als ein paar verrückte Hypothesen, und natürlich immer wenigstens zum Teil empirisch prüfbar oder gar geprüft. Genauso so etwas ist laut meinen Studien die Evolutionstheorie und für mich daher nicht weniger ernst zu nehmen als beispielsweise die Urknalltheorie.

  7. Natürlich gehöre ich auch nicht zu jenen Zeitgenossen, die Evolution lapidar für ein “Faktum” und die Evolutionstheorie für die Erklärung dieses “Faktums” halten. Richtig ist: Das “Faktum” Evolution wird selbst nur in einem sehr anspruchsvollen theoretischen Rahmen sichtbar, der erheblich vielfältiger und von Interpretationen durchsetzter ist als die noch so sauber zusammengetragenen empirischen Einzelbefunde. Ein Umdichten von Evolution in ein “Faktum” statt einer guten Theorie bzw. Theoriebestandteils lässt sich meiner (natürlich völlig irrelevanten) Meinung zufolge auch nicht durch das von manchen Biologen oft vorgebrachte Argument entschuldigen, dass der Begriff “Theorie” in weiten Teilen der Gesellschaft fälschlicherweise mit “unbewiesener Hypothese” gleichgesetzt werde, sodass man lieber nicht von Theorie, sondern von einem “Faktum” sprechen sollte. (Es wird von den “Faktum”-Rhetorikern überdies zugestanden, dass Theorie ursprünglich schon eine teils natürlich auch empirisch gestützten Gesamtschau auf ein komplexes Themengebiet meint.) So ist doch auch die kosmische Hintergrundstrahlung zwar ein gemessener Befund, macht aber noch nicht den Urknall zum “Faktum”. Richtig ist: Die kosmische Hintergrundstrahlung wird elegant – und vielleicht sogar am elegantesten – von der Urknalltheorie erklärt und integriert. Eben dies bekräftigt die Urknalltheorie, macht sie aber nicht zum objektiv zwingenden oder unmittelbar greifbaren “Faktum” (obwohl sie nach meinem Dafürhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit wahr ist). Ebenso verhält es sich mit den voneinander klar separierten empirischen Befunden (Fossilien, DNA-Analysen, Altersbestimmungen) der Paläobiologie und ihrer Synthese zum Modell der Evolution im Rahmen der Evolutionstheorie. Man beachte hier vor allem, dass sowohl die Evolutions-, als auch die Urknalltheorien an sich historische Theorien sind, die die gegenwärtige Empirie benutzen müssen, um begründete Vermutungen über den Zustand und die Entwicklung der Welt und des Weltganzen bis in vielen Milliarden Jahren zurückliegender Vergangenheit aufzustellen. Das ist höchst respektabel und lädt mich zu weitgehender Zustimmung ein – aber es ist eben kein Aufdecken von objektiv zwingenden “Fakten”.

Das Thema ist soo schön und ergiebig, aber ich mache jetzt mal Schluss. Meine forschungslastigen Sommerferien sind vorbei und ich möchte morgen ausgeschlafen auf der Matte stehen 🙂

Herausforderungen der Evolutionstheorie

Die Naturwissenschaft stellt eine Herausforderung für den Gottesglauben dar, auch im islamischen Denken. Wie kann eine naturgesetzlich geordnete Erfahrungswelt mit einem aktiven Schöpfergott vereinbart werden kann? Und wie sollten abrahamitische Religionen speziell mit der Evolutionstheorie umgehen, die den Menschen in direkte Verwandtschaft zur Tierwelt setzt?
 
Es wird oft behauptet, die im Koran erwähnte Erschaffung des ersten Menschen Adam durch Gott widerspräche einer Evolution aus dem Tierreich. Dabei bleibt der Koran bei diesen Schilderungen aber allgemein und vieldeutig, sodass daraus weder eine Bestätigung, noch eine Zurückweisung von Evolution folgen muss. Sehr bildliche Schöpfungsschilderungen in anderen islamischen Quellen wiederum sind nicht so sicher überliefert, als dass sie als verbindlich verstanden werden müssten.
 
Aber auch sonst sollte man hinsichtlich der gut bestätigten Evolutionstheorie einen Rat des Gelehrten al-Ghazali aus dem 11. Jahrhundert beherzigen. Er sagte, dass bei einem Widerspruch zwischen naturwissenschaftlich gesichertem Wissen und dem Wortlaut religiöser Textstellen, letztere metaphorisch verstanden werden sollten. Denn den Schöpfungsversen des Koran ginge es um theologische Grundaussagen und nicht um Schöpfungsdetails.
 
Dem wird oft entgegnet, dass die Evolution nicht nur ein Detail sei, sondern Gott vollständig durch ungerichtete Naturprozesse ersetzen würde. Dieser Einwand trifft nur zu, wenn man Erschaffung als plötzlichen göttlichen Eingriff in eine geordnet verlaufende Welt sieht.
 
Islamische Theologen haben aber vor tausend Jahren schon
Naturgesetze als Schöpfungsgewohnheiten Gottes verstanden. Gott ist demnach keine Erklärung unverstandener Naturphänome, sondern die Macht, die alles in der Schöpfung Moment für Moment neu erschafft, und dies auf eine geordnete Weise tut. Damit wäre auch die Evolution eine Schöpfungsgewohnheit Gottes, mit der er alles auseinander
hervorgehen lässt. Gottes Einheit wird so also auch in der Einheit der Natur manifest.
 
Darauf wird oft erwidert, die Evolutionstheorie sei an sich materialistisch. In der Tat wurde und wird sie oft für einen Materialismus instrumentalisiert, für den kein Gott existiert. Dabei lassen auch evolutionäre Theorien Raum für sehr unterschiedliche Metaphysiken. So gab es lange vor Darwin evolutionäre Ansätze auch bei den gottgläubigen Muslimen.
 
Der Historiker John William Draper aus dem 19. Jahrhundert spricht sogar von einer „muhammadanischen Evolutionstheorie“ vor Darwin und Lamarck. Diese wurde beispielsweise vertreten vom tunesischen Historiker Ibn Khaldun aus dem 14. Jahrhundert. Er schrieb in seinem Werk Muqaddima, dass sich die Lebewesen im Zuge einer schrittweisen Schöpfung von den Mineralien über Pflanzen und Tiere bis zum Menschen hin entwickelt hätten. Und dass Arten, sobald sie ihre höchste Stufe erreicht haben, bereit seien zur ersten Stufe der nächsthöheren Art zu werden.
 
Geradezu visionär mutet schließlich die Äußerung Ibn Khalduns an, die Vorstufe zum Menschen liege in der Welt der Affen.
(Mein aktueller Text in “Islam in Deutschland” auf SWRinfo)

Evolution und Schöpfung – Tagung in Münster

Ich hatte kürzlich die Freude zusammen mit Dr. Michael Blume, Prof. Ulrich Lüke, Prof. Achtner, Prof. Dittmar Graf, Dr. Heinz-Hermann Peitz und Alexander Schmidt in Münster aktiv an einer Tagung zum Thema Naturwissenschaft und Religion (Schwerpunkt: Evolution) mitzuwirken. Nachdem ich in Lichtgeschwindigkeit aufgrund von diversen Krankheitsausfällen auf muslimischer Seite vom bloßen Teilnehmer zum muslimischen Hauptreferenten aufstieg, stellte ich unterwegs noch einen Vortrag zusammen, in dem es um muslimische Haltungen zur Evolutionstheorie, zum Thema “Naturwissenschaften im BW-IRU-Bildungsplan” (s. Video, ab ca. 6:20), Occasionalismus (leider nur sehr knapp), Ghazalis Offenheit gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die Möglichkeit der metaphorischen Auslegung (ta’wil) der als “mutashabih” geltenden Schöpfungspassagen des Korans (schon bei Ghazali), Mustafa Öztürks evolutionsneutraler Koranexegese, klassischen und modernistischen Positionen, zu den heutigen Vermittlungsschwierigkeiten zwischen islamischem Glauben und Naturwissenschaft und zu allgemein dem Glauben gegenüber offenen Perspektiven auf Seiten der theoretischen Physik ging.

Ich habe viel Interessantes über die innerchristlichen Debatten zu diesen Themen, aber auch zum Selbstverständnis naturalistischer Richtungen erfahren. Wir haben leidenschaftlich diskutiert über die Frage der intellektuellen Redlichkeit von Zweifeln an der Evolutionstheorie, über evolutionäre Schöpfungsmodelle (die in der (zumindest mitteleuropäischen) christlichen Theologie schon fast als Mainstream gelten können), über das christliche Trauma mit der Naturwissenschaft und über muslimisches Desinteresse am aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung.

Bei Gelegenheit schreibe ich mal über all das.

In jedem Fall denke ich, dass diese Themen sicher viel mehr Muslime interessieren, und dass sowohl innerislamisch, als auch interdisziplinär hierzu viel mehr debattiert werden sollte.

Wenn ich noch konkreter werde, würde ich sogar sagen, dass die Frage nach dem Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Religion eine viel substanziellere und philosophisch weitreichendere Frage ist als die vielen anderen politisch gerahmten Streitthemen heute.

Ja, hier geht es wirklich um etwas Grundsätzliches, was nicht postfaktisch heruntergehandelt werden kann.

Hier geht es um Wahrheitsfragen, die alle Bereiche tangieren – darum bitte etwas mehr Ernst und Interesse für dieses Thema!

Und bitte mehr islamische Theologen, die sich für Naturwissenschaft interessieren!

(Zum Vergleich: Der christliche Theologe und Experte auf diesem Gebiet Philip Clayton meinte mal auf einer anderen Tagung, dass jemand, der vernünftig im Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft tätig sein möchte, in zwei naturwissenschaftlichen Traditionen, in zwei theologischen Traditionen und in der vergleichen Philosophie grundlegend bewandert sein solle. Ich meine, dass dies für den Ernst des Themas eine plausible Forderung ist.)

Für mich persönlich als gläubigen Muslim und theoretischen Physiker geht es hier um eines der für mich wertvollsten Beschäftigungen überhaupt, nämlich um das Nachdenken über Allah als schöpferischer Instanz, die in den Regelmäßigkeiten der Natur an jedem Ort und zu jeder Zeit manifest ist.

Natürlich habe ich auch die Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen Herrn Graf, der eine Studie zu Lehrermeinungen zur Evolutionstheorie durchgeführt hatte, meine Kritik an Michael Schmidt-Salomons akademischem Inquisitionsaufruf gegen muslimische Lehrkräfte, die nicht an die Evolutionstheorie glauben, entgegenzutragen, da die Herren Graf und Schmidt-Salomon immer wieder kooperieren.

Herr Graf machte mir glaubhaft, dass er selbst unglücklich darüber ist, dass sein Name mit den Äußerungen von Schmidt-Salomon in Verbindung gebracht wird, was ich ihm glaube.

Nicht, dass ich es als gläubiger Naturwissenschaftler für einen klugen Standpunkt hielte die Evolutionstheorie pauschal abzulehnen. Ich finde vielmehr: Das mindeste, was höhere islamische Bildung hierzu leisten sollte, ist es ein oder zwei islamisch reflektierte Modelle evolutionärer Schöpfung zu kennen und weiterzuentwickeln.

Nur halte ich es für einen ebenso unklugen Standpunkt Leuten, die aus welchen Gründen auch immer nicht an eine Evolution des Lebens und vor allem des Menschen bzw. zum Menschen glauben, ihre Vernunft oder Tauglichkeit als Lehrer abzusprechen, wie es Schmidt-Salomon kürzlich auf unschöne Art tat.

Dialog hin oder her (ich unterstütze den Dialog vollauf): Jedem muss es freigestellt bleiben, ob er ein vollständig evolutionäres Schöpfungsmodell vertreten möchte, oder ob er vom Regelablauf abweichende Momente des Schöpfungsgeschehens annimmt, wie es viele Muslime (aber auch Christen weltweit) tun, ohne dadurch zu schlechteren Menschen zu werden. Beides lässt sich meines Erachtens islamisch legitimieren.

Naturwissenschaftlich nahe liegender und mit einem “aufgeräumten” Schöpfungsmodell kompatibler sind vermutlich die evolutionären Modelle.

Ungünstig erscheint mir jedenfalls das auch heute noch verbreitete Modell des “Lückenbüßergottes”, der immer dann hervorgezogen wird, wenn aktuell ein Phänomen nicht naturgesetzlich erklärt werden kann. Die historische Erfahrung zeigt, dass eine solches Gottesbild sehr schnell schon den Rückzug gegen die Naturwissenschaft antritt. So ist es über viele Jahrhunderte geschehen – weil Schöpfung oft interventionistisch, statt kontinuierlich und “eutaxiologisch” ( = schöngesetzlich) gedacht wurde.

Viel schöner erscheint mir die Vorstellung eines erstaunlich lebensfreundlich geschaffenen Kosmos (oder gar eines solchen Multiversums), in dem Gott in jedem Moment über mathematisch ausgezeichnete Gesetzmäßigkeiten die Schöpfung fortstrickt und dabei sowohl die ganze Vielfalt der Dinge hervorbringt, als auch dabei in jedem Moment die mathematische Eleganz der fundamentalen Wechelwirkungen gelten lässt, da es die Manifestionen seiner Namen selbst sind, die hier Struktur und Ordnung hervorbringen.

Er könnte natürlich auch von seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten abweichen. Nichts würde ihn daran hindern.

Es ist aber nicht undenkbar, dass diese auch in so besonderen Kontexten wie der Erschaffung des Menschen, der Erde, des Sonnensystems etc. berücksichtigt bleiben.

Ich verweise an dieser Stelle auch gerne auf meinen Auslegungsvorschlag (Achtung, es ist wirklich nur ein Vorschlag) der 6-Tage-Schöpfung, der ebenfalls von einer Kongruenz göttlichen Schöpfungshandelns (dem Koran folgend) und phänomenologischer Naturgesetzlichkeit ausgeht ( http://blog.andalusian.de/6-tage-schoepfung-2/ ). Wenn das Sonnensystem ohne Bruch mit der Naturgesetzlichkeit geschaffen werden kann, dann könnte dies auch bei der Erschaffung der Menschheit der Fall sein.

Sehr gerne erinnere ich hier auch an die Metapher der Kalam-Theologen für Naturgesetze: “Gewohnheiten Allahs”. Wenn jeder Punkt im Raum in jedem Moment von Gott neu geschaffen (bzw. aktualisiert) wird, dann ist alles Schöpfung, in jedem Moment. Wichtig ist dann nur noch, DASS der Mensch existiert und von Gott im Sein gehalten wird, und nicht das genaue Vorgehen, wie Gott den Menschen in Abgrenzung von den affenähnlichen Australopithecinen erstmals hervorgebracht hat.

Zu all diesen Fragen (weniger zur Evolution, mehr zur theoretischen Physik) habe ich aktuell einige Texte in Arbeit.

Aber wie gesagt, die Naturwissenschaft ist kein Dogma, sondern ein rationales Angebot, dem auch rational widersprochen werden darf. Nur dadurch behält sie ihre große natürliche Autorität und Anziehungskraft.

Die Würde der Naturwissenschaft braucht keine Inquisition und auch keinen Zensor – insbesondere auch nicht in Form sendungsbewusster Naturalisten.