Evolution und Hominisation – ein Crashkurs zum empirischen Forschungsstand

(Hier geht es zu einem kleinen Vorwort).

Crashkurs Teil 1: Wesentlicher Gehalt der Evolutionstheorie

Der studierte Theologe und Naturforscher Charles Darwin (gest. 1882) ist der Begründer der modernen Evolutionstheorie, die hier kurz skizziert werden soll [1]. Sie ist wie jede andere naturwissenschaftliche Theorie ein auf Empirie gestützter Versuch einen bestimmten Wirklichkeitsausschnitt – hier: alles Leben auf Erden – auf systematische Weise in einen großen vereinheitlichenden Zusammenhang zu stellen. Die Empirie zur Vergangenheit des Lebens stützt sich unter anderem auf die Analyse von Fossilfunden und auf molekulargenetische Vergleiche aktuell lebender Organismen. Die Evolutionstheorie ist eine empirisch sehr erfolgreiche Theorie mit großer Erklärungskraft hinsichtlich der Vielfalt des Lebens. Sie beantwortet viele Fragen auf elegante Weise. Und sie lässt viele Fragen offen – teils, weil historische Wissenschaft immer große spekulative Anteile hat, und teils, weil ihr Gegenstandsbereich auf die empirische Welt der Lebewesen beschränkt ist. 

Eine ihrer zentralen Säulen ist die Deszendenztheorie, die besagt, dass alle heutigen Lebensformen Nachfahren von gemeinsamen Urahnen sind, die umso einfacher werden, je weiter man in der Zeit zurückgeht. Heute geht man davon aus, dass es sich bei diesen Urahnen um primitive Einzeller handelt, die als Prokaryoten bezeichnet werden und die vor ca. 3,8 Millarden Jahren in den heißen Urmeeren der Erde als Produkt einer vorausgegangenen chemischen Evolution entstanden sind. Der unterozeanische Grund im Umfeld von Tiefseevulkanen und andere lichtnahe Unterwasseroberflächen werden heute als wichtige Kandidaten für die damaligen Umbildungsorte von anorganischen in die relevanten organischen Moleküle diskutiert [2]. Diese in Wasser getauchten Flächen sind ihrerseits Ergebnisse der Abkühlung der einst glühenden Erde mit folgendem Abregnen immenser Wassermassen.  

Weitere markante Säulen der heutigen Evolutionstheorie bilden die Theorie der Variation durch Mutation und die Theorie der natürlichen Selektion. Demnach verfügen manche der Nachkommen eines Lebewesens über ein geringfügig mutiertes Erbgut, dessen Entfaltung manchmal von dramatischem Vorteil für das Überleben und die Populationsrate der mutierten Nachkommen sein kann. Wenn so neue Varianten oder gar Arten enstehen, die den sich wandelnden Umweltbedingungen besser angepasst sind, und andere aussterben oder verdrängt werden, dann spricht man von natürlicher Selektion. Von 1930 bis 1950 wurden Wissenschaften wie Genetik und Paläontologie in die Evolutionstheorie integriert und führten zur synthetischen Evolutionstheorie [3]. Ein wichtiges Merkmal der synthetischen Evolutionstheorie ist die Annahme, dass die Mutation des Erbguts ungerichtet bzw “zufällig” verläuft. Georg Toepfer konrektisiert in seiner philosophischen Analyse dazu: “Die Zufälligkeit besteht… darin, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Variation unabhängig von ihrer Zweckmäßigkeit ist; nicht gemeint ist damit, dass die Variation gar keine Ursache habe.“ [4]

Momentan befindet sich die Evolutionstheorie selbst in einer Phase der „Evolution“ zu einer „erweiterten synthetischen Evolutionstheorie“, da in den letzten Jahrzehnten potenzielle Evolutionsmechanismen entdeckt wurden, die über das einfache Schema der rein zufälligen (bzw. ungerichteten) Mutation und Selektion hinausgehen. Die Evolutionsforscherinnen Eva Jablonka und Marion Lamb schreiben dazu: „Die Annahme, dass sämtliche erbliche Variabilität aus zufälligen genetischen Abänderungen resultiere, unbeeinflusst von den umwelt- und entwicklungsspezifischen Bedingungen, ist heute nicht mehr haltbar.“ [5] So werden heute neben den die DNA betreffenden Replikationsprozessen weitere zellinterne epigenetische Vererbungssysteme erforscht, die mittels komplizierter chemischer Prozesse auch Aspekte des „Verhaltens“ der biologischen „Eltern“ partiell weitervererben, beispielsweise indem sie veränderte zellspezifische Aktivitätsmuster des ansonsten identischen Genoms weitergeben. Diskutiert wird aktuell, inwieweit solche gerichteten Variationen des „Epigenoms“ (als Begleiter des „Genoms“) über mehrere Generationen stabil vererbt werden und somit langfristig evolutionsrelevant werden können [6].

Das ist bedeutsam, denn: „Epigenetische Variationen entstehen mit höherer Rate als genetische.[7] Letztlich folgt daraus, „… dass Anpassung durch Selektion epigenetischer Varianten erheblich schneller erfolgen kann als auf genetischem Weg.[8] Wenn sich dieser Ansatz bewährt, dann könnte er auch ein neues Licht auf Phänomene wie rasch auftretende Evolutionssprünge und die evolutionäre Entstehung neuer Arten werfen, die seit jeher zu den schwierigsten Fragen der Evolutionstheorie gehören [9]. Zugleich betonen Vertreter dieser erweiterten Evolutionsansätze, dass die neuen Perspektiven „nichts an [der]… naturalistischen Basis[10]. der Evolutionstheorie, also an ihrer naturgesetzesartigen Struktur ändern. In welchem Sinn die Evolutionstheorie dabei nicht nur methodologisch, sondern auch in ontologischer Hinsicht als „naturalistisch“ verstanden werden muss, ist ein primär metaphysische Frage, die letztlich auch die Fundamente islamischer Theologie berührt und daher erhöhte Aufmerksamkeit verdient.

Crashkurs Teil 2: Geschichte des Menschen und Hominisation

Die Theorie von der Evolution des Menschen von affenähnlichen Vorfahren zum anatomisch modernen Menschen wird als Hominisation bezeichnet. Ihr liegt eine Empirie zugrunde, die heutzutage jedes Modell von der Entstehung des Menschen – ob naturwissenschaftlicher oder theologischer Art – berücksichtigen bzw. integrieren muss. Dies sind fünf relevante Eckpfeiler:

  • Aktuelle Parallelen zwischen Mensch und Affe: Der Schimpanse ist das Lebewesen mit der größten genetischen Ähnlichkeit zum modernen Menschen: Über 98% der Gene beider Spezies sind auf molekularer Ebene identisch. Und anatomisch gibt es nur graduelle Unterschiede [11].

  • Fossilfunde führen nach Afrika: Es gibt weltweit zahlreiche Funde menschlicher und menschenähnlicher Fossilien aus prähistorischer Zeit, deren älteste bekannte aus Afrika stammen. Diese lassen sich teilweise bis zu einigen Millionen Jahren zurückdatieren. Damit gibt es eine zwar unvollständige, aber dennoch relevante Empirie der Vergangenheit des Menschen [12].

  • Zahlreiche ausgestorbene Menschenarten: Es zeigt sich, dass es neben und vor dem seit ca. 200.000 Jahren existierenden anatomisch modernen Menschen (auch “moderner Homo Sapiens” genant) zahlreiche andere Menschenarten gegeben hat, die nicht mehr existieren.

  • Je älter das Menschenfossil, umso kleiner das Gehirn und umso “archaischer” die Anatomie: Zahlreiche anatomische Merkmale des heutigen Menschen verschieben sich bei den afrikanischen Fossilien in die weite Vergangenheit hin im Wesentlichen zu immer “archaischeren” Zügen. Dazu gehört der zunehmend vorstehende Oberkiefer und insbesondere die graduell immer kleiner werdende Gehirngröße. Auch die Werkzeugnutzung, die im Zusammenhang zur Hirngröße steht und auf Kultur hinweist, wird nicht schlagartig, sondern zunehmend primitiver [13].

  • Bis vor ca. zwei Millionen Jahren gab es affenartige Wesen, die aufrecht gehen konnten: Wo die menschenartige Fossilspur in Afrika vor zwei Millionen Jahren zu verwischen beginnt, nehmen die Fossilien der Varianten des Australopithecus zu. Diese ausgestorbenen Wesen sowie ihre Vorgänger besaßen einen affenartigen Kopf, konnten jedoch aufrecht gehen, worin sie eher den Menschen als beispielsweise den heutigen Schimpansen ähneln, auch wenn sie diesen Gang womöglich auf Bäumen praktizierten. Selbst der bis zu sieben Millionen Jahre in die Vergangenheit datierte Schädel des Sahelanthropus Tchadensis lässt trotz einiger schimpansenähnlicher Züge auch Schädelmerkmale des aufrechten Gangs vermuten [14].

Die Paläoanthropologie, die interdisziplinär die Entstehung des Menschen erforscht, verbindet diese empirischen Befunde im Lichte der Evolutionstheorie etwa wie folgt: Ungefähr zu der Zeit des Sahelanthropus spaltete sich die Linie der heutigen Schimpansen von der zum Menschen führenden Linie – der Linie der “Homininen” – ab. Bei den affenähnlichen Vorfahren des Menschen, die keinen der heutigen Affen entsprechen, entwickelte sich der aufrechte Gang weiter, bis aus den allmählich aussterbenden Australopithecinen die Gattung “Homo” (Mensch) hervorging, dessen Hirnvolumen größer, dessen Schädelanatomie menschenählicher und dessen Gesichtsprofil aufrechter wurde. Vor ca. 2 Millionen Jahren trat nach einigen Zwischenformen der nach einhelliger Meinung als Mensch identifizierbare Homo Erectus zum Vorschein, für den ein deutlich größeres Hirnvolumen, eine ausgeprägtere Werkzeugnutzung, sowie ein markanter Augenbrauenwulst typisch ist. Populationen des Homo Erectus wanderten aus Afrika nach Asien und Europa aus. Zahlreiche Menschenarten aus der letzten Million Jahre wie der Neandertaler, archaische Formen des Homo Sapiens sowie neu entdeckte Menschenarten wie der Denisova-Mensch stammen von diesem ab, lebten teilweise zeitgleich und begegneten sich offensichtlich auch: Menschen aus bestimmten nicht afrikanischen Regionen der Welt besitzen heute bis zu 4% Neandertaler-Gene. In Südasien kam es vermutlich auch zu einer genetischen Durchmischung des Denisova-Menschen und des Homo Sapiens [15].

Die im Wesentlichen seit ca. 200.000 Jahren stabilen modernen Merkmale des Homo Sapiens, einschließlich des für das “Menschsein” relevanten und den Homo Erectus übertreffenden Hirnvolumens, hatten sich im Laufe einer halben Million Jahre unabhängig voneinander und regional verschieden schnell (“mosaikartig”) im Anschluss an den Vorfahren Homo Erectus von einer archaischen bis zu ihrer modernen Form entwickelt [16]. Das hier skizzierte Gesamtbild hat sich bisher als gut bewährter “harter Kern” der Hominisation erwiesen. Es bleiben freilich etliche Vieldeutigkeiten und Unklarheiten, etwa, was die genau Grenzziehung zwischen Menschenarten oder hinsichtlich der Zuordnung einzelner Fossilien zu Homo oder Australopithecus betrifft [17]. Anders gefragt: Wann möchte man die “eigentliche” Menschheit beginnen lassen? Ebenso spekulativ sind Überlegungen zur genauen sprachlichen, kognitiven und damit auch religiösen “Begabung” der Vorfahren des Menschen, je weiter man in die Vergangenheit blickt. Wenn das restliche Gesamtbild jedoch stimmt, dann sind die mannigfaltigen Rückenbeschwerden des modernen Menschen ein Zeuge der noch unabgeschlossenen “Werdung” des aufrechten Gangs. Und auch die häufigen Klagen über zu wenig Platz für die Weisheitszähne wären dann ein Hinweis darauf, dass unser modernes Gebiss die Erinnerung an eine lange ins Tierreich reichende Vorgeschichte in sich trägt. 


[1] Michael Blume weist auf einen Briefwechsel Darwins mit dem Philosophen William Graham hin, der zeigt, dass Darwin “… einen evolutionären Theismus für denkmöglich” hielt. Blume, Gottesfrage, S. 147.

[2] Vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 163-176. Und vgl.Campbell, Biologie, S. 613-619.

[3] Vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 75-87.

[4] Toepfer, Evolution, S. 77-78.

[5] Lamb und Jablonka, Vier Dimensionen, S. 472.

[6] Vgl. ebd., S. 129-163. Für eine kritischere Einschätzung vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 75.

[7] Ebd., S. 161.

[8] Ebd.

[9] Der christliche Theologe Ulrich Lüke sieht in der beschleunigten epigenetischen Vererbung ein wichtiges Argument gegen populäre Widerlegungsversuche der Evolutionstheorie. Vgl. Lüke, Säugetier, S. 111.

[10] Thomas Junker im Vorwort von: Lamb und Jablonka, Vier Dimensionen, S. 10.

[11] Vgl. Junker, Evolution, S. 11-14. Man verwechsle Thomas Junker nicht mit dem Kreationisten Reinhard Junker.

[12] Mit diesen Funden hat sich überdies Darwins Vermutung, dass der moderne Mensch aus Afrika stammt, weil dort heute noch unsere nächsten Verwandten in Form von Gorilla und Schimpanse leben würden, nach über hundert Jahren empirisch bestätigt. Vgl. Kutschera, Evolutionsbiologie, S. 152-154 und S. 226-230.

[13] Zur Evolution des Gehirns vgl. Holloway, “Hominid Brain”, S. 1980-1983. 

[14] Zur Diskussionslage über die Interpretation der Fossilien der einzelnen Hominidenarten vgl. Harcourt-Smith, “Bipedal Locomotion”, S. 1927-1944. Grafischer Überblick vgl. ebd., S. 1944.

[15] Vgl. Bolus, “Early Humans”, S. 2371-2400.

[16] Vgl. Bräuer, “Modern Humans”, S. 2304-2307.

[17] Zur Vieldeutigkeit Vgl. Strait, “Hominin Phylogeny”, S. 2005-2009.

Zitierte Literatur

  • Blume, Michael. Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe. Freiburg im Breisgau: Herder, 2013.

  • Bolus, Michael. “Dispersals of Early Humans: Adaptations, Frontiers, and New Territories”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 2371-2400.

  • Bräuer, Günter. “Origin of Modern Humans”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 2299-2330.

  • Campbell, Neil A und Markl, Jürgen (Hg.) und Reece, Jane B. Biologie. Heidelberg und Berlin: Spektrum Akademischer Verlag, 2003.

  • Harcourt-Smith, William E. H. “Origin of Bipedal Locomotion”. In: Winfrief Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 1919-1959.

  • Holloway, Ralph. “The Evolution of the Hominid Brain”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 1961-1987. 

  • Junker, Thomas. Die Evolution des Menschen. München: Beck, 2018.

  • Kutschera, Ulrich. Evolutionsbiologie. Stuttgart: Eugen Ulmer, 2015.

  • Lamb, Marion J. und Jablonka, Eva. Evolution in vier Dimensionen. Stuttgart: Hirzel, 2017.

  • Lüke, Ulrich. Das Säugetier von Gottes Gnaden. Freiburg in Breisgau: Herder, 2016.

  • Streit, David et al. “Analyzing Hominin Phylogeny: Caldistic Approach”. In: Winfried Henke und Ian Tattersall (Hg.). Handbook of Paleoanthropology. Berlin und Heidelberg: Springer, 2015, Bd. 3, S. 1989-2014.

  • Toepfer, Georg. Evolution. Stuttgart: Reclam, 2013.