Ich werde mich nicht daran gewöhnen (SWRaktuell)

Mein heutiger Kommentar in „Islam in Deutschland“ auf SWRaktuell:
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnenIch werde mich nicht daran gewöhnen – an die blauen Wahlplakate, die Wochen lang vor meiner Wohnung prangten. Die zugehörigen Pamphlete lagen auch in meinem Briefkasten. Eine Broschüre trug den Titel „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Gemeint ist damit freilich: „Muslime gehören nicht zu Deutschland.“ Darin findet man Bilder von betenden Muslimen und Moscheen neben Bildern von Messer zückenden Terroristen.
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnen – an den Hinweis aus der blauen Broschüre in meinem Briefkasten, dass „religiös motivierter Terror in Deutschland bisher immer muslimisch gewesen“ sei. Hier werden offensichtlich Attentate radikaler Islamisten in Deutschland zu „muslimischem Terror“ verallgemeinert. Diese Wortwahl scheint mir jedoch nicht legitim. Genauso wenig, wie es mir legitim scheint Terror „christlich“ zu nennen, wenn Terroristen christlich-religiös argumentieren, wie es etwa die ugandische Lord’s Resistance Army tut.
 
Eine Rede von muslimischem Terror beabsichtigt letztlich Angst auch vor allen anderen bekennenden Muslimen zu schüren. Dabei haben diese den Terror im Namen des Islam schon vielfach geschlossen verurteilt. Denn die absolute Mehrheit der Muslime vertritt ein Islamverständnis, in dem Gewalt gegen friedliche Zivilisten kategorisch abgelehnt wird.
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnen – an die einseitige Fokussierung auf religiös motivierten Terror in Deutschland, bei gleichzeitiger Ausblendung der sprunghaft angewachsenen Gewalt Rechtsradikaler. Man denke da an den NSU-Terror und an die über 3000 Anschläge auf Flüchtlinge und deren Heime im vergangenen Jahr mit über 500 Verletzten, wie das Bundeskriminalamt zählt. Das wird man in den blauen Broschüren jedoch nicht zu lesen bekommen.
 
Ich werde mich nicht daran gewöhnen – an Parteispitzen, die eine in Deutschland geborene deutsch-türkische Staatsministerin nicht nur sachlich kritisieren. Sondern hinzufügen, dass man sie in Anatolien entsorgen könne, und dass sie in der Bundesrepublik nichts verloren
habe. Wer so redet, der missachtet viel – unter anderem, dass unser Grundgesetz eine Diskriminierung aufgrund von Abstammung kategorisch ausgeschlossen hat.
 
Die mit der Flüchtlingskrise einhergehenden Probleme sind bekannt. Auf der Suche nach verfassungskonformen Perspektiven müssen sie auch weiterhin kontrovers diskutierbar bleiben. Rechtspopulisten werden jedoch nichts zu ihrer Lösung beitragen.
 
Als deutsch-türkischer Muslim bin ich stolz auf die gewaltigen humanitären Leistungen des deutschen Staates und der deutschen Zivilgesellschaft in der Flüchtlingskrise. Dabei wurden hier Ehrenamt und Humanität in einem Ausmaß sichtbar, das Geschichte geschrieben hat.
 
Für mich ist schließlich noch entscheidend, dass wir Muslime es uns von niemandem ausreden lassen, dass wir in einem wundervollen Land leben, das im Ernstfall seine Minderheiten schützt.
 
(Quelle: Islam in Deutschland auf SWRinfo, 6. Oktober 2017)