6-Tage-Schöpfung und Erdentstehung zusammengefasst

Das Späte-Erde-Szenario in der koranischen Kosmologie

In dieser Studie soll ein Teilbereich der koranischen Schöpfungsschilderungen, nämlich die Frage des Entstehungszeitpunktes der Erde im Rahmen der koranischen Sechs-Tage-Schöpfung, untersucht werden, wobei die Überlegungen, die im Text „Exegetischer Umgang mit den Schöpfungsversen“ angeführt wurden, die theoretische Basis meines Vorgehens bilden sollen.

In der klassischen Koranauslegung wird oft von einem Frühe-Erde-Szenario ausgegangen, dass also die Erde also schon zu Beginn der Schöpfung geschaffen wurde. Späte-Erde-Szenarien, nach denen die Erde erst nach der Erschaffung der Himmeln zu einem späteren Zeitpunkt ins Dasein tritt, finden sich in den klassischen Auslegungen wesentlich seltener.

Eine Problemstellung, die sich dabei ergibt, ist zunächst, dass der Koran in dieser Frage auf den ersten Blick sich widersprechende Aussagen zu beinhalten scheint. Sure 79:27-33 lässt eine Erschaffung der Erde nach dem Himmel vermuten, die Suren 41:9-12 und 2:29 hingegen legen eher die umgekehrte Reihenfolge nahe.

Ein weiteres und mindestens so ernst zu nehmendes Problem besteht darin, dass die modernen Naturwissenschaften erdrückende Evidenzen dafür liefern, dass entgegen dem Tenor in der Koranexegese unser Sonnensystem samt Erde deutlich jünger ist als das Universum. Aktuell wird davon ausgegangen, dass bei einem Alter der Erde und des Sonnensystem von ca. 4,5 Milliarden Jahren das gesamte beobachtbare Universum ca. 13,8 Milliarden Jahre, also ungefähr dreimal so alt ist. Das Sonnensystem entstand demnach zu Beginn des letzten Drittels des Alters des Universums. Ich persönlich sehe das durchaus als einen relevanten Widerspruch zur Mehrheitsposition der klassischen Koranexegese, der eine Klärung erfordert.

In dieser Studie soll nun gezeigt werden, wie sich durch eine bestimmte Auslegung des Verses 41:11 beide Probleme elegant lösen lassen. In diesem Vers heißt es, dass nach dem vierten Tag der Schöpfung der Himmel Rauch war, und dass Allāh dem Himmel und der Erde in einem metaphorischen Sinn beiden zugleich befahl: „Kommt, ob in freiwillig oder widerwillig!“ Darauf erwiderten beide umgehend: „Wir sind kommen in Gehorsam.“ Versteht man diesen Befehl relativ wörtlich als Aufforderung physikalisch in Erscheinung zu treten, dann bedeutet dies, dass die zuvor schon in Erschaffung befindliche Erde erst zu Beginn des fünften Tages in Erscheinung trat, also zu Beginn des letzten Drittels des Alters des Universum – exakt wie im aktuellen Standardmodell der naturwissenschaftlichen Kosmologie.

Damit liefert diese Auslegung nicht nur ein Späte-Erde-Szenario, sondern führt auch zum bemerkenswerten Umstand, dass die zeitlichen Verhältnisse zwischen dem Alter des Sonnensystems und des Universums sowohl in der modernen Kosmologie, als auch der hier vorgeschlagenen Lesart der koranischen Schöpfungsberichte übereinstimmen. Auch ergeben die über den ganzen Koran verteilten und stets unterschiedliche Aspekte der Schöpfungsgeschehens beleuchtenden Berichte nun ein relativ einheitliches Bild.

Die Studie baut wie schon erwähnt auf den methodischen Grundlagentexte auf, in denen der angemessene Umgang mit koranischen Schöpfungsversen angesichts der modernen Naturwissenschaft überhaupt thematisiert ist, also grundsätzliche Fragen zu den Möglichkeiten und Grenzen einer Koranexegese, die ihre Ergebnisse mit Modellen der empirisch arbeitenden Naturwissenschaften vergleichen möchte. Die eigentlichen Artikel beginnen mit einer grafischen Veranschaulichung meines Auslegungsvorschlags zu 41:11, dem ein Überblick über den aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Kosmologie zu einigen für unser Thema wichtigen Aspekten folgt.

Der Hauptteil der Studie besteht aus drei Texten zu vertieften exegetischen Fragen. Der erste Text thematisiert die Frage des Schöpfungsabfolge in den Passagen 79:27-33 und 41:9-12, und wie die klassische Exegese mit den offenen Fragen dabei umging. Der zweite Text stellt den hier vertretenen Auslegungsvorschlag zu 41:11 im Detail vor und demonstriert zugleich, dass die wichtigsten hierzu nötigen Intepretationsschritte bereits vor 800 Jahren vom naturwissenschaftlich gebildeten persischen Koranexegeten Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (gest. 1209) in seinem umfangreichen Korankommentar Mafātīḥ al-Ġayb formuliert und sogar begründet wurden, ohne dass dieser gezielt ein Späte-Erde-Szenario beabsichtigt hätte. Das spricht dafür, dass der Auslegungsvorschlag hier auf einer vertretbaren exegetischen Basis steht. Der dritte Text wiederum ist der Frage gewidmet, wir die Auslegung des Verses 2:29, der nach einem Frühe-Erde-Bericht klingt, in das Späte-Erde-Szenario integriert werden kann.

Den Abschluss bildet eine persönliche Anekdote darüber, wie ich selbst vor langer Zeit auf das Thema gestoßen bin. Eine weitere Reihe von Texten unter anderem zu exegetischen Grundfragen, z. B. warum ich für meine eher physikalische Fragestellung mich nicht primäre der traditionalistischen und literaturwissenschaftlichen Zugänge zur Koranexegese bediene, habe ich in den Grundlagenbereich verschoben, da ich sicher auch bei anderen Projekten auf das eine oder andere davon zurückgreifen werde und ich hier das Dossier nicht unnötig aufblähen wollte.

Mein Auslegungsvorschlag zu 41:11 beansprucht überdies nicht eine Neuschöpfung zu sein, wie alleine schon die zahlreichen Hinweise auf ar-Rāzī zeigen. Es würde im Gegenteil viel mehr für Angemessenheit oder gar Richtigkeit dieser Auslegung sprechen, wenn viele Autoren unabhängig voneinander zum selben Ergebnis kamen bzw. kommen. Bislang ist mir eine meiner Auslegung entsprechende Deutung von 41:11 nur auf einem englischsprachigen Blog begegnet. Weitere Autoren, die eine ähnliche Deutung vertreten, bitte ich mir dringend mitzuteilen.

In diesem Sinne wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre und freue mich über Feedback für meine weitere Arbeit an diesen längst nicht abgeschlossenen Themen.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.