Statistisch repräsentative Missverständnisse über die Islamablehnung der Deutschen

Die Deutschen haben vor nichts mehr Angst als vor islamistischem Terror und dem Islam – behauptet zumindest die rechtskonservative Junge Freiheit und stützt sich auf aktuelle Ergebnisse einer repräsentative Studie des John Stuart Mill Instituts, in der wiederum Bezug auf Ergebnisse des Allensbacher Meinungforschungsinstitutes genommen wird [1]:

„Eine wachsende Zahl von Deutschen empfindet den Islam als Gefahr. Als größte Bedrohung für die westlichen Werte nannten 35 Prozent „den internationalen Terrorismus“ (Platz 1), 26 Prozent „den Islam“ (Platz 4) und 22 Prozent „zuviel Toleranz bei Parallelgesellschaften“ (Platz 8).“ [2]

Nun muss es natürlich nichts mit Rechtskonservatismus zu tun haben, wenn man einfach nur die Ergebnisse repräsentativer Studien wiedergibt – so viel wird man ja wohl doch noch sagen dürfen.

Doch hinter diesen Zahlen verbirgt sich wie so oft eine Kette methodischer Schwächen. Schauen wir uns mal die Originalquelle an (S. 31 der im Anhang verlinkten Studie):

Trash5Was hier klar auffällt: Von den neun Dingen, vor denen die Deutschen im Namen westlicher Werte am meisten Angst haben, sind zwei weit oben in den Rängen direkt mit dem Islam assoziiert (internationaler Terrorismus, Islam), sowie Phänomene, bei denen man als medial konditionierter Leser auch spontan an den Islam denken muss (zweimal Extremismus, Parallelgesellschaft).

Das Wichtigste in dieser Grafik ist jedoch ein anderes Detail, nämlich, dass die Antworten einer Listenvorlage entstammen. Das heißt: Dem Befragten werden zwischen hunderten oder tausenden möglicher Antworten sagen wir mal neun vorgeschlagen – und er darf nun „frei“ wählen.

Eine solche Vorauswahl kann sinnvoll sein, wenn man wissen möchte, ob die Deutschen mehr Angst vor Egoismus, oder dem internationalen Terrorismus haben – jedoch nicht, wenn man ganz unbefangen erfahren möchte, was Millionen Menschen als Bedrohung der westlichen Werte verstehen möchte. So hingegen wird das Ergebnis durch eine nicht weiter erläuterte Vorauswahl von Antworten schon zu großen Teilen vorgegeben.

Was hier auch untergeht: Nur 40% der Befragten sind der Meinung, dass westliche Werte überhaupt bedroht sind (selbe Seite der Studie).

Aktuell ist das Studienergebnis im statistischen Sinne zwar immer noch repräsentativ – aber aus meiner Sicht ohne eindeutige Aussagekraft darüber, wovor die Deutschen wirklich Angst haben. Wir wissen jetzt nur, wie sich die Deutschen zwischen den vorgeschlagenen Antworten entscheiden würden.

Eine solche Forschungsdevise halte ich aufgrund des klaren politischen Kontextes dennoch für problematisch, was sich darin zeigt, wie die Junge Freiheit das entscheidende Detail der „Listenvorgabe“ übergeht. Auch Welt-online hat es viel zu eilig um das entscheidende Detail zu sehen:

Welt

Gerade wenn man schaut, wie rechte und rechtskonservative Stimmen solche „Studienergebnisse“ feiern, oder wenn man die merkwürdig pathetischen Worte der Institutsleiterin Ulrike Ackermann im Vorwort liest, dann drängt sich mir doch die Frage auf, ob hier nicht bewusst oder unbewusst eine Vorarbeit für „Islamkritiker“, „Asylkritiker“ und „Patrioten“ geleistet worden ist.

Aber bleiben wir fair: Immerhin weist die Studie darauf hin, dass viele Deutsche ein Verbot rechter Parteien und vieler anderer Dinge befürworten würden (Seite 13 der Studie):

Unbenanntes Bild

 

Warum tauchen all diese Elemente nicht in der Tabelle zuvor als Bedrohung westlicher Werte auf? Und warum fiel keinem der vor dem Islam Angst habenden Deutschen nicht auch der „Islam“ als verbotswürdiges Element ein? Die Antwort ist vielleicht die selbe wie oben: Weil beide Umfrageteile mit Listenvorgaben arbeiten, die gezielt eine Auswahl unter vorgegebenen Antwortmöglichkeiten intendieren. Ob die Listenvorgaben identisch waren, und wie diese überhaupt zustande kamen, geht aus der Publikation nicht hervor, was einen erheblichen Mangel darstellt.

Genau aus diesem Grund führt diese voraussetzungsreiche Art des Ankreuzens fertiger Antworten zu allem Möglichen, aber niemals zu validen Ergebnissen zu Fragen wie der nach dem aktuellen Stand der deutschen „Angst vor dem Islam“.

All das wäre ja verschmerzbar, wenn die dargebotenen repräsentativen Ergebnisse entsprechend kommentiert worden wären. Dass sie nicht ausreichend kommentiert sind, erklärt, warum sich Blätter wie die Junge Freiheit, aber eben auch Welt-online ganz unbeschwert mit einem skandalösen Satz wie „Als größte Bedrohung für die westlichen Werte nannten 35 Prozent „den internationalen Terrorismus“ (Platz 1)“ lächerlich machen können.

Immerhin wird in der Studie versucht dieses „Ergebnis“ auf ein unbewusstes historisches Erbe einer belasteten Vergangenheit zwischen Orient und Okzident zu erklären. Wenn man jedoch liest, dass im gleichen Atemzug jegliche Beziehung zu einer „Ausländerfeindlichkeit“ eines solchen „Ergebnisses“ abgestritten wird, dann darf man sich natürlich fragen, ob diese Verrenkungen nicht selbst das Ergebnis unbewusster Motive darstellen.

Freilich könnte man einem Deutschland-Optimisten wie mir auch einwenden, dass das aussagekräftigste Ergebnis der Studie doch ein anderes sei, dass nämlich die meisten Deutschen (63%; vgl. Seite 32) der Aussage „Der Islam gehört zu Deutschland“ widersprechen. Ergo wären zwei Drittel der Bundesbürger dem Islam gegenüber ablehnend und negativ eingestellt, womit die fraglichen These der universalen deutschen Islam-Angst doch wieder bestätigt sei.

Doch auch dieses Argument geht ins Leere. Das Ergebnis mag auch hier im statistischen Sinne repräsentativ sein (eine durchaus löbliche und nicht selbstverständliche Eigenschaft von Studienergebnissen) – es ist aber abermals nicht valide in dem Sinn, dass hier wirklich das gemessen wurde, was die Autoren meinen gemessen zu haben. Der Grund dafür ist hier jedoch ein anderer wie oben.

Wie ich schon vor einigen Jahren anhand einer anderen Studie kurz dargestellt habe, sind Aussagen wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ derart vieldeutig und inhaltsleer, dass selbst ich als überzeugter Muslim und begeisterter Bürger Deutschlands sie im Zweifelsfall ablehnen würde – denn aktuell sind Muslime und Mehrheitsgesellschaft für meinen Geschmack immer noch viel zu wenig vernetzt miteinander und reden oft aneinander vorbei, was dringend geändert werden müsste. In diesem Sinne bin ich der Meinung, dass der Islam aktuell noch nicht im vollwertigen Sinne zu Deutschland gehört.

Ferner: Viele Menschen, die im Alltag fast nie mit Muslimen verkehren, können nicht gründlich zwischen Muslimen, Islam, Islamismus, islamistischer Terrorismus, „Gottesstaaten“, IS und dem Moscheeverein nebenan unterscheiden. Wie soll so jemand den Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ so verstehen, wie ihn seine Urheber wie Schäuble und Wulff gemeint haben, oder wie ihn die Macher der Studie unter ihren kulturell-politischen Prämissen verstehen?

Also: Schluss mit dem Rechtspopulismus auf der Basis aussageloser „repräsentativer“ Studien!

Wir wissen immer noch nicht, was die Deutschen „wirklich“ über den Islam denken.

Und hier sollten sich auch die Studienmacher eingestehen, dass eine so komplexe Frage nie als Unterthema innerhalb von Umfragebögen mit seltsamen Ankreuzoptionen geklärt werden kann. Da bedarf es schon gründlicher qualitativer Studien, deren Ergebnisse jedoch wohl nie spektakulär genug für die rechte Szene sein werden…

(Bitte korrigiert mich, wenn ich mich in irgendeinem Punkt irre!)

[1] http://www.mill-institut.de/uploads/cps_jsm_custom/Ergebnisdossier_Freiheitsindex_2015.pdf   abgerufen am 7.10.2015

[2] https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2015/angst-vor-islam-und-denkverboten-waechst/   abgerufen am 7.10.2015

[3] http://www.welt.de/politik/deutschland/article147280667/Fuer-die-meisten-gehoert-der-Islam-nicht-zu-Deutschland.html   abgerufen am 7.10.2015.


Kommentare

Statistisch repräsentative Missverständnisse über die Islamablehnung der Deutschen — 1 Kommentar

  1. Eine hervorragende Analyse der besagten Studie, die ich mir aufgrund dieses Blogs auch angesehen habe.

    Ich muss zugeben, das ich erst im zweiten Anlauf die hier dargestellten Problematiken im Bezug zur Validität der Studienergebnisse nachvollziehen konnte, kann diese aber absolut bestätigen.

    Nochmals vielen Danke und weiterhin Viel Erfolg…

    Viele Grüße
    Ömer Özel

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