Späte-Erde-Lesart von 41:11 und ar-Rāzīs Exgese

Ein koranisches Späte-Erde-Szenario zu 41:9-12

Einen ersten Hinweis darauf, dass der Koran auch ohne moderne Vorprägung im Sinne eines Späte-Erde-Szenarios verstanden kann, finden wir in Ar-Rāzīs Kommentar zu 79:30f. Dort wird ein Stellungnahme zitiert, die unser Exeget anschließend entkräften will, nämlich: „Der Wortlaut des Verses (79:30) erfordert die Entstehung der Erde nach dem Himmel“ (ẓāhir al-āya yaqṭaḍī kawn al-arḍ baʿd as-samāʾ).[1] Offensichtlich kann der Koranvers „Danach hat er die Erde ausgebreitet/eingerichtet“ also dem Wortlaut nach durchaus im Sinne einer Erschaffung der Erde nach dem erhöhten Himmel gemäß 79:27 ff. verstanden werden. Da jedoch für diesen Fall ein im letzten Kapitel diskutierter ein Widerspruch zu 41:9-12 vermutet wurde, hat man entweder 79:30 so ausgelegt, dass die hier bearbeitete Erde bereits von dem erhöhten Himmel da war (um so eine Nähe zum Wortlaut von 41:9-12 herzustellen), oder man hat die Zeitordnung in den betreffenden Passagen ganz aufgegeben, sodass beispielsweise eine Gleichzeitigkeit der beiden Schöpfungsphasen angenommen werden konnte. Im Folgenden soll das Problem nun gerade umgekehrt angegangen werden: Was ist, wenn 79:30 tatsächlich ein Späte-Erde-Szenario beschreibt und 41:9-12 auch ohne Auflösung der Zeitordnung gemäß eines Späte-Erde-Szenarios gelesen werden kann? Konkret benötigen wir dazu zwei Dinge, nämlich

  • einen Nachweis, dass die Erde in 41:9-12 trotz des gegenteiligen ersten Eindrucks erst zu einem späten Zeitpunkt in der 6-Tage-Schöpfung erscheint und
  • eine Erklärung dafür, warum in einem solchen Fall trotzdem von einer viertägigen Erschaffung der Erde vor dessen Erscheinen die Rede ist.

In ar-Rāzīs Kommentar zu 41:9-12 werden wir nun für beide Fälle fündig, nämlich in

  • seiner These, dass der Befehl „Kommt!“ (ītiyā) an Himmel und Erde (41:11) zu verstehen ist als „Tretet in Erscheinung!“, dass also erst mit diesem Befehl die angesprochenen Objekte als solche in das Dasein treten, und in
  • seiner These, dass Erschaffen (ḫalq) in erster Linie ein planendes Bestimmen

(taqdīr) ist und nicht schon die Hervorbringung (takwīn/īǧād) selbst beinhalten muss, sodass die in zwei Tagen geschaffene Erde noch nicht die „gekommene“, d. h. physikalisch realisierte Erde sein muss.

Beide Thesen hängen miteinander zusammen und sollen nun im Kontext vorgestellt werden. Leider widmet sich der Exeget in den entsprechenden Passagen zu den Suren 2, 41 und 79 so vielen Einzelfragen und Positionen, dass es schwierig ist daraus sein eigenes vollständiges Schöpfungsszenario abzulesen. Das ist für unsere beiden Anliegen von oben jedoch kein grundsätzliches Problem, sodass wir hier keine ausführliche Diskussion von ar-Rāzīs eigenem Szenario führen müssen. In jedem Fall ist sein Kommentar zu 41:9-12 ausführlich genug gehalten um den Gehalt seiner originellen Ideen und Thesen zu den hier interessierenden Themen gut nachvollziehen zu können. Was sich zunächst schon feststellen lässt, ist, dass er das oben vorgestellte synthetischen Szenario der Traditionalisten mit der Abfolge Erde-Himmel-Erdausstattung zurückweist und fünf Gegenargumente dazu anbringt. Da er zu einer gleichzeitigen Schöpfung von Himmel und Erde in den entscheidenden Phasen tendiert,[2] kritisiert er die These der Erschaffung des Himmels vor der Erdausstattung mit folgender Begründung:

„Es ist unstrittig (lā nizāʿ), dass Sein Wort […] ‘Hierauf wandte er sich dem Himmel zu, während er noch aus Rauch bestand, und sagte dann zu ihm und zur Erde: Kommt beide, freiwillig oder unfreiwillig.‘ eine Anspielung auf die Hervorbringung (daḥw) von Himmel und Erde ist. Wenn die Hervorbringung des Himmels der Hervorbringung der Erde vorausgegangen wäre, dann würde Sein Wort ‘Kommt beide, freiwillig oder widerwillig‘ die Hervorbringung eines Existierenden erfordern. Und das ist unmöglich und widerlegt.“[3]

Bestätigt wird dies weiter unten in folgender Passage:

„Zweite Frage: Was ist mit Seinem Wort ‘kommt ihr beiden‘ und Seinem Wort ‘wir kommen‘ gemeint? Antwort: Gemeint ist ‘kommt ihr beiden in die Existenz (wuǧūd) und zum Vorschein (ḫuṣūl)’. Und das ist wie Sein Wort ‘Sei! Also ward es‘ (kun fa-yakūn)“[4]

Dieses In-Vorschein-Treten beinhaltet dabei laut dem Exegeten ein Erscheinen mit vollständiger Ausstattung.[5] Man beachte, dass er das Kommando zum Hervortreten von Himmel und Erde als an beide gleichermaßen gerichtet ansieht. Wir stehen hier also vor der entscheidenden Feststellung, dass 41:11 ein gemeinsames Entstehen von Himmel und Erde impliziert, wo doch die Vorgängerverse 41:9-10 von einer vorherigen Erschaffung der Erde berichten.

Übertragene Deutungen wie die, dass der Befehl „Kommt!“ an Himmel und Erde etwa als Gehorsamsaufruf an die Weltenbewohner wie Engel sein könnten, lehnt ar-Rāzī ab. Beispiele Schwierigkeiten, die bei einer solchen Auslegung auftreten können, finden sich gleich in zwei Überlieferungen bei aṭ-Ṭabarī (gest. 310 n. Chr.) zu 2:29. Nach einer bei ihm verzeichneten Überlieferung nach Muḥammad Ibn Isḥāq wird erst die gesamte Schöpfung in sechs Tagen vollendet, ehe am siebten Tag der Befehl „Kommt freiwillig oder unfreiwillig zu dem, was ich für euch will.“ (… limā arattum bikumā) an Himmel und Erde ausgehen. Offensichtlich musste der koranische Wortlaut hier erweitert und nach hinten verlegt werden, um dem Sinn der Überlieferung gerecht zu werden.[6] Die zweite Überlieferung ist sehr ausführlich und in ihr sind um das Gerüst von 41:9-12 zahlreiche eher mythologische Elemente eingebaut. Interessant ist, dass trotz der vielen Details dabei der Befehl „Kommt!“ gänzlich fehlt.[7] Solche Phänomene lassen sich vielleicht als Hinweis darauf verstehen, dass der Befehl „Kommt!“ grundsätzlich in Spannung zu den Frühe-Erde-Szenarien steht, von dem unter anderem die besagten Überlieferungen ausgehen. Das spricht eher für unser Späte-Erde-Szenario zu 41:9-12. Weitere Aspekte speziell zu der zweiten hier angedeuteten Überlieferung werden später erörtert.

So wie ar-Rāzī den Befehl „Kommt!“ als Widerlegung einer schon früheren Existenz des hier erst geschaffenen Himmels deutet,[8] müsste er diesen Befehl auch als Widerspruch zu der in 41:9-10 explizierten Erschaffung der Erde sehen. Ar-Rāzī geht auch tatsächlich auf dieses Problem ein und macht einen Lösungsvorschlag. Interessanterweise greift er hier nicht explizit auf das Argument anlässlich von 2:29 und 79:27ff. zurück, wo er die Notwendigkeit der zeitordnenden Bedeutung von baʿd ḏālik und ṯumma in Frage stellt, und im Kommentar zu 2:29 dies sogar als wahre Antwort auf den Einwand sich widersprechender Zeitordnungen nennt. Vielmehr finden wir hier ein verblüffendes Argument vor, das der Exeget bei der Kommentierung der Passagen in Sure 2 und 79 leider nicht aufgreift. Auf die Frage, mit welcher Interpretation (taʾwīl) man hier eventuell bleibende Zeitordnungswidersprüche auflöst schreibt der Exeget:

„Erschaffung (al-ḥalq) ist nicht gleichbedeutend mit Erzeugen (takwīn) und Zustandebringen (īǧād). Und der Beweis hierzu ist Sein Wort ‘Gewiss, das Gleichnis des Jesus ist bei Gott wie das Gleichnis Adams. Er erschuf ihn aus Erde. Hierauf sagte Er zu ihm: Sei! Und da war er (ḫalaqahū min turāb ṯumma qāl lahū kun fa-yakūn).’“[9]

Wenn Erschaffen (ḫalq) also bereits ein vollständiges Auftreten implizieren würde, dann hätte Gott zu dem aus Erde geschaffenen und somit – laut falscher Annahme – schon real seienden Adam gesprochen „Sei!“. Laut ar-Rāzī ist es jedoch nicht möglich einem bereits Seienden zu gebieten, dass es sein soll. Darum impliziert das vorausgehende Erschaffen (al-ḫalq) noch nicht automatisch das letztliche Sein. Zusammenfassend hält ar-Rāzī fest:

„Also ist somit erwiesen, dass das Erschaffen (al-ḫalq) nicht gleichbedeutend ist mit Erzeugen und Zustandebringen, sondern mit Festlegen (taqdīr) […] Damit ist sein Urteil gemeint, dass er sie [die Erde] hervorbringen wird (bi-annahū sayūǧidahū) und seine Entscheidung hierzu. Wenn dies nun feststeht, dann sagen wir, dass sein Wort ‘Er erschuf die Erde in zwei Tagen’ die Bedeutung hat, dass er ihre Erschaffung in zwei Tagen festgelegt hat.

Und der Beschluss Gottes, dass er etwas in einer bestimmten Zeit hervorbringen wird, erfordert nicht die sofortige Hervorbringung dieses Dinges (ḥuduṯ ḏālik šayʾ fī al-ḥāl). Also geht [zwar] das Urteil Gottes die Erde in zwei Tagen hervorzubringen der Hervorbringung des Himmels voraus. Jedoch ist es dazu nicht notwendig, dass [mit dem Urteil auch] die Hervorbringung der Erde der Hervorbringung des Himmels vorausgeht. Damit ist diese Frage geklärt. Das ist der Punkt, den ich bei der Lösung dieses Problems erreicht habe.“[10]

Die Tatsache, dass dieses Konzept der verzögerten Hervorbringung[11] hier explizit auf den Vers ‘Er erschuf die Erde in zwei Tagen‘ (41:9) bezogen wird, verdeutlicht, dass der Exeget hier den potenziellen Widerspruch zwischen einer frühen Erschaffung der Erde und des späteren Erscheinungsbefehls „Kommt!“ an Himmel und Erde ausräumen möchte. Ferner spricht diese Art von Lösung für die bereits geäußerte Vermutung, dass ar-Rāzī zumindest die Passage 41:9-12 zeitgeordnet liest. Andererseits erfahren wir nicht ausdrücklich, dass der Exeget auch die Erschaffung von Nahrung und Bergen in 41:10, sowie die Segnung der Erde auch im Sinne einer verzögerten Hervorbringung nicht als sofortiges Erscheinen zum Erschaffungszeitpunkt versteht. Wir können das hier nur aus Plausibilitätsgründen heraus vermuten. In jedem Fall wäre das ein folgerichtiger Schritt, da 41:10 ja die unmittelbare Fortsetzung des Verses 41:9 ist, den ar-Rāzī ausdrücklich im Sinne einer planenden Erschaffung mit verzögerter Hervorbringung versteht.

Inhaltlich können wir zusammenfassen: So wie Adams letztliches Auftreten (kawn) in Sure 3, Vers 59 also erst nach seiner Erschaffung (ḫalq) geschah, so könne man auch davon auszugehen, dass das auf Planungsebene stattfindende Erschaffen der Erde in bzw. für zwei Tage (ḫalaq al-arḍ fī yawmayn) vorerst nur ein Bestimmen (taqdīr) war und ihrem eigentlichen physikalischen Auftreten im Sinne eines kun fa-yakūn („[er sprach:] Sei! Also wurde es“) vorausging. Demnach beschreibt 41:9 nicht die eigentliche Entstehung der Erde, sondern eine Planung bzw. Vorbereitung derselben. Die Dauer von zwei Tagen kann bei einer solchen Auslegung zweierlei bedeuten: Entweder wurde die Erde so vorbereitet, dass sie später innerhalb von zwei Tagen entstehen würde – das ist Ar-Rāzīs Wahl –, oder dass die vorbereitende Erschaffung der Erde innerhalb von zwei Tagen stattfand. Letztere Möglichkeit ist näher am Wortlaut der Koranpassage und zugleich unser Standpunkt.

Wir haben somit unsere wichtigsten Ziele für den Beweis der Möglichkeit einer Späte-Erde-Lesart von 41:9-12 erreicht. Wir haben anhand einer Analyse von ar-Rāzīs Exegese demonstriert, dass es haltbar ist 41:11 (nach dem 4. Schöpfungstag) als eigentlichen Erscheinungszeitpunkt der Erde zu verstehen, und dass dies nicht im Widerspruch zu einer bereits früheren Erschaffung der Erde steht, sofern man dieses Erschaffen nicht als endgültiges Erscheinen, sondern als Vorbereiten und Planen, d. h. als Schaffung einer Art imaginärer Erde versteht, die eventuell noch weit von der finalen Struktur entfernt war – ein Konzept, das ar-Rāzī anhand eines Schöpfungsverses zu Adam demonstriert.

Auslegungsvorschlag: Übergang zu einer vollständigen Späte-Erde-Kosmologie

Zentral sind für unseren Vorschlag diese beiden Thesen von ar-Rāzī. Die erste These denken wir uns von der Erschaffung der Erde auch auf den des rudimentären Erdinhalts in vier Tagen erweitert. Ar-Rāzī hat dies wie erläutert nicht explizit gemacht, jedoch zeigt sich auch kein Hindernis für eine solche Erweiterung. Nachher wird sich zeigen, dass dies auf natürliche Weise aus der gesamten Theorie folgt. Bisher haben wir also folgende Thesen:

(1) Die Erschaffung der Erde und ihrer Besonderheiten in vier Tagen gemäß 41:9-10 hat rein vorbereitenden und physikalisch noch nicht verwirklichten Charakter.

(2) Nach dieser Vorbereitung entstehen zu Beginn des fünften Tages der in 41:11 angedeutete und noch im Rauchzustand befindliche Himmelsbereich sowie die Erde gleichzeitig.

Diese beiden Thesen ergänzen und vertiefen wir nun um folgende:

(3) Die sechs Tage der Schöpfung entsprechen sechs gleich langen Zeiten, für die sinnbildlich der Begriff „Tag“ steht.

Im Koran wird der Begriff yawm auch an anderen Stellen für Zeiten verwendet, die keinen irdischen Tag andauern. So dauert der yawm in 32:5 1000 Jahre, der in 70:4 50.000 Jahre und der in 50:34 eine Ewigkeit. Ferner enthalten jene Passagen, die entweder zusammenfassend[12] oder ausführlich[13] von der 6-Tage-Schöpfung berichten keinerlei Hinweise darauf, dass die Länge dieser Tage unseren irdischen Tagen entsprechen. Somit besteht vom Standpunkt der koranischen Hinweise aus kein Hindernis im Zuge eines minimalen taʾwīl die Schöpfungstage als möglicherweise lange Schöpfungsepisoden zu verstehen, deren Länge durch den Koran nicht vorgegeben sind, die aber zunächst als gleich lang vermutet werden dürfen (möglicher Hinweis darauf am Ende von 41:10: sawāʾan li-s-sāʾilīn).

(4) Die zusammen mit dem Himmel entstehende Erde wird ebenfalls aus dem Rauch erzeugt.

Dies folgt nicht zwingend aus der Koranpassage, ist aber eine naheliegende Verallgemeinerung, da im Koran an keiner Stelle eine Alternative dazu angedeutet wird. Für eine prinzipielle Vergleichbarkeit des Ausgangsstoffes von Himmel und Erde spricht auch 21:30, wo es heißt, dass die Himmel und die Erde zusammenhängend waren und dann – eventuell in mehreren Phasen – voneinander getrennt wurden. Vom koranischen Standpunkt ist also nicht etwa eine flüssige, sondern eine rauchartige Substanz als gemeinsamer Urstoff von Himmel und Erde zu vermuten.

(5) 41:9-12 ist als zusammenhängender und zeitgeordneter Bericht zu lesen.

Dies ist im Vergleich zu den Alternativen die konservativere Setzung. Im Unterschied zu ar-Rāzī bedeutet dies für uns ferner, dass die planende Erschaffung bzw. Bestimmung der späteren Erde nicht etwa für eine spätere Entstehung innerhalb von zwei bzw. vier Tagen erfolgte, sondern – näher am Wortlaut – dass diese planende Erschaffung selbst vier Tage dauerte, der dann die Hervorbringung dass der Erde zusammen mit einem Teil des Himmels aus Rauch bzw. einer Rauchwolke hervorging. Eine weitere entscheidende These lautet

(6) Der Himmel, mit dem die Erde nach dem vierten Tag gemäß 41:11 aus Rauch neu geschaffen wurde, ist nicht das gesamte Universum, sondern nur ein lokaler Teil aller physikalischen Himmelsbereiche.

Dies folgt zum einen daraus, dass es im Folgevers 41:12 heißt, dass Gott „sie“ zu sieben Himmeln vollendete (fa-qaḍāhunna). Offensichtlich war schon etwas vorhanden, auf das hier mit „sie“ Bezug genommen wird. Dieses „sie“ wird in den letzten zwei Tagen (41:12) zur Vollendung gebracht, und nicht etwa gänzlich neu geschaffen.

Dafür spricht, dass 41:11 nicht aussagt, dass die Himmel Rauch waren, sondern nur der Himmel. Wenn im Koran vom Himmel im Singular die Rede, dann können sowohl alle sieben Himmel – quasi das gesamte Universum – gemeint sein, als auch nur ein lokaler Teil des Himmels. Eine solche Unterscheidung macht der Koran auch an anderer Stelle, wenn er den erdnahen Himmelsbereich von den Himmeln im Sinne von Universum unterscheidt, wie man eindrucksvoll in Sure 31, Vers 10 sehen kann:

„Er hat die Himmel (as-samāwāt) ohne Stützen, die ihr sehen könnt, erschaffen und auf der Erde festgegründete Berge gesetzt, dass sie nicht mit euch wanke, und auf ihr allerlei Tiere sich ausbreiten lassen. Und Wir lassen Wasser vom Himmel (as-samāʾ) herabkommen und dann viele edle Arten auf ihr wachsen.“ (Sure 31, Vers 10)

Für unsere Lesart brauchen wir noch eine weitere im Vergleich zu ar-Rāzī wiederum konservative These, nämlich:

(7) Die koranische Passage 79:27ff. ist als zeitgeordneter Bericht zu lesen.

Die Erhöhung des Himmels aus 79:27-28 erfolgt somit zeitlich vor dem daḥw (Ausbreitung/Einrichtung) der Erde in 79:30. Wir greifen ferner eine immer wieder diskutierte Aussage aus der klassischen Koranexegese auf, die ohne die Späte-Erde-Lesart von 41:9-12 ja erst zum Eindruck eines Widerspruch zwischen den beiden Suren geführt hatte, nämlich:

(8) Das daḥw der Erde in 79:30 beschreibt nicht nur den Beginn der Einrichtung der Erde, sondern insbesondere auch deren erste verwirklichende Erschaffung.

Diese These stammt aus der klassischen Koranexegese, die besagt, dass ein Körper in der Größe der Erde bereits mit seiner Erschaffung schon als eingerichtet (madḥuww) im Sinn des Begriffs daḥw gelten muss, auch ohne weitere detaillierte Ausstattung. Dies ist einer der von ar-Rāzī vorgebrachten Kritikpunkte gegen das weiter oben diskutierte synthetische Szenario der Traditionalisten. Diese hatten die Erschaffung der Erde auf die ersten beiden Tage und das Einrichten im Sinne von daḥw auf die letzten beiden Tagen gelegt. Zum Vergleich: Ar-Rāzī wollte eine zeitgeordnete Lesart von 79:27ff umgehen, und fasste dabei 79:30 ebenfalls als Erschaffung der Erde auf. Interessant ist überdies der linguistische Hinweis des Exegeten, dass eine ursprüngliche Bedeutung von daḥw auch das Rollenlassen einer Kugel z. B. durch ein Kind auf dem Boden ist.[14]

Zum Verhältnis von 79:27ff und 41:9-12 halten wir schließlich fest:

(9) Die 6-Tage-Schöpfung in 41:9-12 und der Bericht in 79:27 ergänzen sich wechselseitig, d. h. sie beschreiben jeweils den Zustand von Himmel und Erde am Anfang bzw. am Ende der Schöpfung.

Mit dieser Lesart lassen sich die beiden Berichte direkt übereinander legen, wenn man den Aufruf „Kommt!“ in 41:11 und die den Beginn der Erschaffung der Erde ab 79:30 als unterschiedliche begriffliche Annäherung an den selben Vorgang versteht. In diesem Fall ergänzen sich die Berichte problemlos und wir erhalten womöglich auch eine Erklärung für eine Reihe sprachlicher Unterschiede zwischen den beiden Berichten.

Zusammengefasst: Die zunächst noch nicht realisierte (quasi: imaginäre) Erde wurde vier Tage lang gemäß 41:9-11 vorbereitet und anschließend zu Beginn des fünften Tages bzw. des letzten Drittels der 6-Tage-Schöpfung zusammen mit einem Teil des Himmels aus einem rauchförmigen Himmelsbereich in das Dasein geholt. 79:30ff kann nun als Fortführung dieses Berichts von der Erschaffung der Erde gelesen werden, wobei die Erdinhalte nun sehr konkrete Gestalt annehmen und in ihren Einzelheiten genannt werden. Aus den abstrakten Segnungen aus 41:11 werden in 79:31 real hervorgebrachtes (aḫraja) Wasser und Weide (vgl. mit dem realen Hervorrufung der Erde in 41:11), aus den „von oben festgegründeten“ (ohne Nennung der Berge) werden nun feste Berge (jibāl), aus der allgemeinen Segnung und der Bestimmung von Nahrung wird nun „Nießbrauch für euch und euer Vieh“. Die abstrakte Potenzialität aus 41:9-10 scheint somit in 79:30-33 in Aktualität übergegangen zu sein. Die im Vergleich zur Schlüsselpassage in Sure 79 abstrakteren Begrifflichkeiten während der Erschaffung der imaginären Erde in 41:10 könnten also auch für unsere These von der Imaginarität der Erde vor dem fünften Tag der Schöpfung sprechen.

Der Himmel wiederum wurde gemäß 79:27 ff. schon zu Anbeginn der Schöpfung erhöht und erhielt eine erste Form. Am fünften Tag entstand dann aus einem rauchförmigen Bereich des bereits bestehenden Himmels die Erde und ihre Umgebung. Dies ist im Einklang mit unserer Annahme, dass die Himmel zuvor schon Bestand hatten. In den letzten zwei Tagen ging die Erschaffung des Himmels gemäß 41:12 weiter, sodass die endgültige Struktur, die im Koran als sieben Himmel bezeichnet wird, erst im letzten Drittel vollendet wurde.

Entscheidend für den Abschluss ist noch eine Klärung der Rolle von 2:29.

(10) Die Auslegung des kurzen Berichts aus 2:29 ist der Späte-Erde-Auslegung der anderen Berichten unterzuordnen.

Das bedeutet konkret die in 2:29 angedeutete Erschaffung der Erdinhalte und die Formung der sieben Himmel so auszulegen, dass die Erschaffung der Himmel nicht strikt nach der Zeit der Erschaffung der Erdinhalte erfolgt, obwohl dies das ṯumma, das ursprünglich „dann“ bedeutet, zwischen beiden Beschreibungen im ersten Moment nahelegt. Aufgrund der Kürze dieses Verses und seiner Unterbestimmtheit an konkreten Inhalten kann dies auf mehrere Weisen berücksichtigt finden. Eine ausführliche Diskussion der Einzelheiten zu dieser These findet im nächsten Abschnitt statt.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.

Anmerkungen

[1]    Vgl. Dār al-Fikr (Hrsg.)/Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī, Tafsīr al-Faḫr ar-Rāzī, Beirut 1981, Bd. XXXI, S. 49.

[2]    So auch in seiner Bemerkung zu 79:30, dass die Einrichtung (daḥw) der Erde nicht nach der Erhöhung des Himmels erfolgt sein muss, da das baʿd ḏālik hier als  maʿa ḏālik verstanden werden müsse. Vgl. ar-Rāzī, Tafsīr, Bd. XXXI, S. 49. Aussagen des Exegeten, die auch ungleichzeitige Elemente beinhalten, können evtl. unter Einbezug der noch folgenden zwei Argumente in Einklang mit seinen zentralen Aussagen zu 41:9-12 gebracht werden.

[3]    Vgl. ar-Rāzī, Tafsīr, Bd. XXVII, S. 106.

[4]    Vgl. ebd., S. 107.

[5]    Übertragene Deutungen wie die, dass der Befehl „Kommt!“ an Himmel und Erde etwa als Gehorsamsaufruf an die Weltenbewohner wie Engel sein könnten, lehnt ar-Rāzī ab. Beispiele Schwierigkeiten, die bei einer solchen Auslegung auftreten können, finden sich gleich in zwei Überlieferungen bei aṭ-Ṭabarī (gest. 310 n. Chr.) zu 2:29. Nach einer bei ihm verzeichneten Überlieferung nach Muḥammad Ibn Isḥāq wird erst die gesamte Schöpfung in sechs Tagen vollendet, ehe am siebten Tag der Befehl „Kommt freiwillig oder unfreiwilig zu dem, was ich für euch will.“ (… limā arattum bikumā) an Himmel und Erde ausgehen. Offensichtlich musste der koranische Wortlaut hier erweitert und nach hinten verlegt werden, um dem Sinn der Überlieferung gerecht zu werden. Bin ʿAbd al-Muḥsin at-Turkī, ʿAbd Allāh (Hrsg.) / aṭ-Tabarī, Abū Ǧaʿfar Muḥammad ibn Ǧarīr, Tafsīr aṭ-Ṭabari, Band II, S. 461. Die zweite Überlieferung ist sehr ausführlich und in ihr sind um das Gerüst von 41:9-12 zahlreiche eher mythologische Elemente eingebaut. Interessant ist, dass trotz der vielen Details dabei der Befehl „Kommt!“ gänzlich fehlt. Ebd., S. 462 f. Solche Phänomene lassen sich vielleicht als Hinweis darauf verstehen, dass der Befehl „Kommt!“ grundsätzlich in Spannung zu den Frühe-Erde-Szenarien steht, von dem unter anderem die besagten Überlieferungen ausgehen. Das spricht eher für unser Späte-Erde-Szenario zu 41:9-12. Weitere Aspekte speziell zu der zweiten hier angedeuteten Überlieferung werden später erörtert.

[6] Ibn ʿAbd al-Muḥsin at-Turkī, ʿAbd Allāh (Hrsg.) / aṭ-Tabarī, Abū Ǧaʿfar Muḥammad ibn Ǧarīr, Tafsīr aṭ-Ṭabari, Band II, S. 461.

[7] Ebd., S. 462 f.

[8]    Wir werden unten in These (6) dafür argumentieren, dass es sich hier nur um einen der Erde nahen Teilbereich des Himmels handelt.

[9]    Vgl. ebd.

[10]  Vgl. ebd., 108 f.

[11]  Womöglich lassen sich mit diesem Konzept auch andere schwer verständliche Aussagen des Exegeten einordnen. So schreibt er unmittelbar in den hier zitierten Diskussionen: „Und ich bevorzuge, dass man sagt, dass die Erschaffung der Himmel der Erschaffung der Erde vorausgeht (wa al-muḫtār ʿindī an yuqāl ḫalq as-samāwāt muqaddam ʿalā ḫalq al-arḍ)“. Dies widerspricht im ersten Moment seiner Deutung von 41:11 als gleichzeitigem Hervortreten von Himmel und Erde. Versteht man das Erschaffen in diesem Zitat jedoch wie dargestellt als frühere Planung und nicht als die eigentliche Hervorbringung, dann löst sich der Widerspruch auf. Nicht nur die planende Erschaffung (ḫalq) der Erde wäre dann vor dem gemeinsamen Auftreten erfolgt, sondern auch die (in 2:29, 79:27ff. und 41:9-12 nirgends erwähnte) planende Erschaffung (ḫalq) der Himmel, die nach dem muḫtār (Vorzug) des Gelehrten dann jedoch noch früher hätte erfolgen müssen. Wie die dadurch entstehende Problematik einer Schöpfung, die länger als sechs Tage dauert, vermieden werden kann (evtl. doch durch Auflösung der Zeitordnung in 41:9-12?), gehört zu den zahlreichen offenen Fragen, die sich bei der Analyse von ar-Rāzīs Gesamtkonzept stellen.

[12]  Vgl. 7:54, 10:3, 11:7, 25:59, 32:4, 50:38, 57:4.

[13]  Vgl. 41:9-12.

[14]  Vgl. ar-Rāzī, Tafsīr, Bd. XXXI, S. 48.