Dimensionen des rituellen Gebetes

Es gibt im Islam mehrere Wege sich aktiv an Gott zu wenden: das stille Nachsinnen, das freie Bittgebet und schließlich das täglich fünfmalige rituelle Gebet, das im Arabischen als ṣalāt und im Persischen wie Türkischen als namaz bezeichnet wird. Vom Bittgebet unterscheidet sich letzteres durch seine ritualisierte äußere Form und durch seinen Fokus auf die Preisung Gottes. Das Äußere dieses Gebets mag starr wirken. Seine praktischen und spirituellen Dimensionen aber sind vielschichtig. Und darum soll es hier gehen.

Dieses Gebet, das man unter erschwerten Bedingungen wie Krankheit und Reise kompakt und flexibel handhaben kann, bleibt durch seine Verteilung über alle Tageszeiten quasi allgegenwärtig. Es ist eine regelmäßige Einladung an den Menschen, eine Auszeit vom weltlichen Treiben zu nehmen und sich für einige Minuten auf die Kraft hinter den Dingen zu konzentrieren. Dies geschieht in Körperhaltungen tiefster Demut durch Verneigung und Niederwerfung – Gesten, die den Betenden an seine Endlichkeit, existenzielle Schwäche und Fehlbarkeit erinnern.

Gerade die dem Alltag so fremde Geste der Niederwerfung gilt als der intimste Moment des Gebetes. Es ist eine maximale Selbstrücknahme und verweist auf ein komplementäres Gegenüber, nämlich den ewigen und allmächtigen Gott. Der Betende kapituliert hier sozusagen mehrmals täglich vor der Unendlichkeit – ergeben, aber würdevoll. Und gerade dadurch findet er sich erhöht in ihrer Obhut und in stiller Geborgenheit wieder. Denn wer sich dem Ursprung aller Dinge hingibt, kann erfahren, dass er sich vor nichts anderem fürchten oder niederwerfen muss.

Solche erhebenden Erfahrungen im Gebet sind nicht garantiert, aber wünschenswert. Sie sollen das Individuum nicht ichzentriert oder gar rücksichtslos gegenüber seiner Umwelt machen. Im Gegenteil: Gerade im gemeinschaftlichen Gebet erscheinen die Menschen aller sozialen Klassen voreinander als gleichermaßen schwach und aufeinander angewiesen. Hier zeigt sich ein weiterer wichtiger Aspekt des Gebets, nämlich seine Anbindung an die Ethik des Islams. Es ist bezeichnend, dass der Koran die Muslime oftmals in einem Atemzug als jene beschreibt, die ihr Gebet verrichten und ihre Armensteuer entrichten. Die Beziehung zu Gott und zu den Menschen sind demnach nur zwei Seiten derselben religiösen Haltung.

Es bleibt das Risiko, dass das rituelle Gebet auf seine äußere Form reduziert oder gar zur öffentlichen Selbstinszenierung instrumentalisiert wird. Und es ist der Koran selbst, der in Sure 107 vor einer solchen Entfremdung mit folgenden Worten warnt: „Wehe den Betenden; denjenigen, die ihrem Gebet gegenüber achtlos sind; denjenigen, die dabei gesehen werden wollen; und die Hilfeleistung verweigern.“ So gesehen erfordern der Glaube an die Einheit Gottes sowie das aufrichtige Gebet ein Bemühen um die eigene innere Einheit, also die Einheit des glaubenden und moralisch handelnden Menschen.

(Mein Beitrag vom 10. April 2015 in “Islam in Deutschland” auf SWRinfo)