Physikalische koranische Kosmologie zusammengefasst

Ich möchte mich hier einem meiner Lieblingsthemen widmen, nämlich der koranischen Kosmologie. Wenn im Folgenden von koranischer Kosmologie die Rede ist, dann ist zunächst nur der empirisch zugängliche, physikalisch ausdeutbare und zu einem zusammenhängenden Gesamtbild integrierbare Gehalt der koranischen Schöpfungsberichte gemeint, obwohl es natürlich viel mehr dazu zu sagen gibt. Der Anlass für diese Fokussierung hier ist, dass ich kürzlich einige Texte zur Exegese der koranischen 6-Tage-Schöpfung, ihrer Vereinbarkeit mit den Modellen moderner Naturwissenschaft, sowie zu den zahlreichen exegetischen und hermeneutischen Grundfragen, die bei einer solchen Fragestellung geklärt werden müssen, geschrieben habe. In diesen Texten habe ich die wichtigsten Ergebnisse meiner Studien zu diesem Thema zusammengetragen und möchte sie gerne einem breiteren Kreis zugänglich machen – auf dass Interessierte vielleicht in manchen Punkten fündig werden und ich von kritischem Feedback jedweder Art profitieren kann.

Metaphysische, allgemein- und islamisch-theologische sowie naturphilosophische Fragestellungen im Rahmen einer koranischen Kosmologie möchte ich gerne in eigenen Studien separat bearbeiten. Ebenfalls unberührt bleiben hier vorerst im engeren Sinne naturwissenschaftliche Untersuchungen und Analysen, die auch Schnittmengen mit koranischer Kosmologie haben, wie ich sie verstehe. Aber letztlich hat es sich als ergiebig und zielführend erwiesen die Bereiche analytisch zu unterscheiden und sich auf einen Bereich – hier die Exegese einiger weniger Verse – zu fokussieren.

Bevor es in den nächsten Texten sehr ins Detail geht, seien mir noch einige persönliche Anmerkungen und stichwortartige Thesen zum Thema gestattet, die erst später ausführlich diskutiert werden. Koranische Kosmologie fasziniert mich seit jeher gerade dort, wo sie „nur“ physikalisch bleibt und dabei auf unkomplizierte Weise mit zahlreichen Konzepten der naturwissenschaftlichen Welterklärungsmodelle – nach meinem Eindruck – konform geht. Hier die Beispiele, die mich am meisten beeindrucken:

  • Dass die Himmel und die Erde zu Beginn der Schöpfung laut 21:30 eine zusammenhängende Masse bildeten, die Gott trennte ist kompatibel mit der Urknalltheorie und der Vorstellung, dass es ein gemeinsames kosmisches Material gab, aus dem alles andere im Kosmos im Zuge der Expansion des Universums hervorgegangen ist.
  • Dass Erde und Himmel nach dem vierten Tag der Sechs-Tage-Schöpfung, also zu Beginn des letzten Drittels der gesamten Schöpfungsdauer, von Gott mit dem Befehl „Kommt!“ (41:11) ins Dasein gerufen wurden, passt ausgezeichnet zum aktuell anerkannten Modell der Entstehung des Sonnensystems vor ca. 4,5 Milliarden Jahren, also ungefähr zum Beginn des letzten Drittels des aktuell anerkannten Alters des Universums von ca. 13,8 Milliarden Jahren. (Diesem Punkt sind die sieben eigene Texte gewidmet.)
  • Dass die Erde laut 41:9-10 vor ihrem eigentlichen physikalischen Erscheinen schon in den ersten zwei Dritteln des aktuellen Weltalters geschaffen wurde, lässt sich vergleichen mit der Tatsache, dass der Ausgangsstoff der Erde – also der Rauch bzw. der interstellare Nebel – erst über viele Milliarden Jahre in Kernfusionsprozessen im Inneren von Sternen geschmiedet wurde, also genau genommen die ersten zwei Drittel des Kosmos-Alters sich noch in Produktion befand.A
  • Die koranische Anmerkung in 41:11, dass die eigentliche physikalische Realisierung der Erde nach dem vierten Schöpfungstag zusammen mit einem Teil des Himmels im Kontext mit einer Rauchwolke geschah, passt hervorragend zur Hypothese, dass unser Sonnensystem aus einem interstellaren Nebel entstand.
  • ass im Vers 51:47, der von der Erschaffung des Himmels berichtet, Gott abschließend als „Der Ausdehner“ (wenn man es wörtlich nimmt, wie es auch manche klassische Gelehrte getan haben) bezeichnet wird, hat manche Autoren zu der Spekulation bewegt, ob das nicht ein Hinweis auf die auch heute andauernde Ausdehnung des Himmels im Sinne der Raumexpansion sein könnte.
  • Dass Gott laut 65:12 nicht nur sieben Himmel, sondern auch sieben Erden schuf, harmoniert mit der Existenz von erdähnlichen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, wobei die Zahl sieben in den islamischen Quellen oft für eine unbestimmte Vielheit steht.
  • Dass der Koran in 42:29 die Existenz von Lebewesen in den Himmeln, also tief im Universum erwähnt, lässt die Idee von außerirdischen Lebewesen als vereinbar mit der koranischen Lehre erscheinen, und stellt damit auch die Existenz weiterer Erden in ein neues Licht.
  • Dass Wasser im Koran als Ausgangspunkt allen Lebens genannt wird, passt gut zu den modernen Theorien zur Entstehung der ersten Lebewesen, die auch aus dem Wasser kamen.
  • Dass es im Koran in 51:49 heißt, dass Gott alle Dinge paarweise schuf und in 36:36 zudem darauf hinweist, dass er auch Dinge paarweise schuf, die die Menschen aus der Offenbarungszeit des Korans nicht kannten, wirft die Frage auf, ob das nicht in Beziehung zu einer fundamentalen Eigenschaft der Materie schlechthin stehen könnte, nämlich dass es zu allen Teilchen auch Antiteilchen (wobei eine bestimmte Klasse von Elementarteilchen ihr eigenes Antiteilchen darstellt).

Ich denke, es ist durchaus legitim hier von Kompatibilitäten[1] zu naturwissenschaftlich anerkannten oder zumindest denkbaren Positionen (wie etwa außerirdisches Leben) zu reden und diese als bemerkenswert zu bezeichnen. Und doch ist das Thema damit nicht ausgeschöpft, sondern fängt erst an. Zum einen bleiben im kompatibilistischen Szenario, das von einer gemeinsamen Wirklichkeit mit der Naturwissenschaft ausgeht, durchaus auch noch zu klärende Fragen, etwa wenn der Koran von der Bestrafung ungehorsamer Teufel im Himmel durch leuchtende Wurfgeschosse spricht – handelt es sich hierbei um eine mythologisierende Erklärung von Sternschnuppen? Oder ist dies gar kein für uns sichtbarer Vorgang, sodass sich der Vergleich mit physikalischen Erklärungen z. B. von Sternschnuppen erübrigt? Und was ist mit dem Dach des Himmels? Ist damit ein reales Dach gemeint? Ist dies ein Hinweis auf eine Endlichkeit des Raumes?[2] Oder ist dies einfach als Synonym für die für uns gerade noch sichtbare Grenze des Himmels gedacht? Und wie ist die Erschaffung Adams exegetisch und vor dem Hintergrund unseres naturwissenschaftlichen Wissens einzuordnen? Lässt sich seine Erschaffung im Rahmen der gesetzesförmigen Schöpfungsprinzipien Gottes verstehen, oder muss hier – wie in der klassischen Exegese üblich – ein singulärer Schöpfungsakt angenommen werden?

Die Antworten auf solche Fragen hängen von einer Reihe philologischer, hermeneutischer, exegetischer aber natürlich auch wissenschaftstheoretischer und naturwissenschaftlicher Annahmen ab und bleiben selbst bei vorläufiger Klärung derselben vieldeutig genug, um den Respekt vor dem Anspruch des Themas nicht zu verlieren. Zugleich bleibt aber für den, der will, genügend Raum die Dinge auch außerhalb der gängigen naturwissenschaftlichen Erklärungsweise (Gesetz + Randbedingungen) zu verstehen, zumal unser Nichtwissen stets wesentlich größer ist als unser Wissen. Kompatibilität mit den Naturwissenschaften ist wünschenswert und aus meiner Sicht ein sehr sinnvolles regulatives Prinzip, aber keine notwendige Bedingung für den Glauben, zumal wir im Abschnitt über den Umgang mit den Schöpfungsversen darauf verweisen werden, dass auch die Natur als Ganzes nie unmittelbar zugänglich ist, sondern nur über die Vermittlung durch Modelle, die wir selbst kreieren und testen. Ebenso umfassen unsere Beobachtungen stets nur einen Bruchteil aller potenziellen Ereignisse, die von den theoretischen Modellen erfasst werden, sodass diese Modelle stets auch hypothetische (aber ernst zu nehmende) Idealisierungen darstellen. Allerdings verliert der Glaube an Rationalität, wenn die Naturwissenschaften gar nicht mehr als Kontrollinstanz bei empirischen Fragen konsultiert werden.

Ebenso gehören in die koranische Kosmologie weiterführende Frage wie die nach der Möglichkeit nicht nur von weiteren erdähnlichen Planten mit menschenähnlichen Wesen, sondern auch von „Paralleluniversen“. Der Koran erwähnt diese nirgends ausdrücklich. Aber doch sollte darauf hingewiesen werden, dass ar-Rāzī in seinem Kommentar zum Koranvers „Aller Preis gebührt Allāh, dem Herrn der Welten“ (1:2) auf die Möglichkeit der Existenz von „tausend mal tausend“ weiterer Welten wie unserer hinweist, die alle ihre eigene Erde, ihren eigenen Himmel und ihre eigenen himmlischen Sphären haben – alles gefolgert aus der Allmacht Gottes und dem Hinweis aus 1:2, dass er der Herr der Welten sei. Weitet man den Blick auch auf schiitische Quellen, so findet man etwa bei Ibn Bābawayh (gest. 991 n. Chr.) eine Überlieferung, laut der der irdische Ādam der letzte von tausend mal tausend Ādamen in tausend mal tausend Welten war.[3] Hier wäre eine eventuelle Nähe zu ar-Rāzīs Spekulation zu klären und ebenso eine eventuelle gemeinsame Quelle. In jedem Fall erscheint ein solches Szenario, nachdem wir heute wissen, dass unser Universum um ein Unvorstellbares größer ist, als es sich die Philosophen und Gelehrten unserer Vergangenheit es sich je hätten vorstellen könnte, und dass es womöglich noch ein Unzahl weiterer Universen dieser Art gibt, nicht mehr absurd und verdient eine theologische Auseinandersetzung.

Koranische Kosmologie umfasst natürlich auch metaphysische Fragen wie die nach den Grunddynamiken der Wirklichkeit oder die nach der Natur von Ursache und Wirkung und nach dem ontologischen Status von Naturgesetzen. Hier ist für mich sowohl die im islamischen Tasawwuf (oft als Mystik übersetzt) und insbesondere bei Ibn ʿArabī (gest. 1240 n. Chr.) vertretene Auffassung sehr interessant, dass die Welt ein Ort der Erscheinungen der Namen Gottes ist. Ebenfalls bedeutend finde ich die Kausalitätslehren der Theologie der Muʿtazila sowie der Ašʿarīten, nicht zuletzt, da sie einen Weg aufzeigen, wie Gottes Wirken und Naturgesetze auch schon auf atomarer Ebene miteinander vereinbart werden können (etwa wenn Naturgesetze zu Schöpfungs-„Gewohnheiten“ Gottes erklärt werden). Bei ihren Überlegungen stießen unsere Theologen von vor über tausend Jahren auf einen umfassenden Atomismus, der nicht nur die Materie, sondern auch Raum und Zeit als aus kleinsten Atomen existierend denkt – das sind längst vergessene, aber von der Idee her keineswegs überholte Konzepte, die mich an die modernen Versuche erinnern eine Theorie der Quantengravitation zu entwickeln. Islamische Raum-Zeit-Atom-Theologie aus dem Bagdad vor über einem Jahrtausend? Man höre und staune.

Ist es vorstellbar, was für einen Qualitätssprung es bedeuten würde, wenn all dies mehr in das Zentrum islamischer Theologie rücken würde? Und ist es zu viel von mir verlangt, wenn ich mir wünsche, dass sich auch heute Theologen zumindest dem Ideal nach als Universalgelehrte positionieren und entspannt aber kompetent über zumindest einige dieser Themen reden können, auch mit Nichttheologen und Nichtmuslimen? Selten waren islamische Quellen und die Möglichkeit zu einer fundierten wissenschaftlichen Bildung in islamischer Theologie, aber auch in allen anderen Wissenschaften so gut zugänglich wie heute. Und doch bleibt bei mir der Verdacht, dass dem ein bedrückendes Desinteresse an wissenschaftlichen, theologischen sowie exegetischen Fragestellungen in vielen muslimischen Kreisen gegenüber steht.

Für mich ist diese Situation ärgerlich, aber kein Hindernis für meine eigenen Studien. Es ist überdies nicht mein Anliegen originell zu sein, oder mir mit meinen rudimentären Kenntnissen der klassischen islamischen Wissenschaften selbst irgendwelche exegetischen Kompetenzen zuzuschreiben. Ich bin ein interessierter Student der Naturwissenschaften, der Philosophie und der islamischen Theologie und profitiere von dem immensen Reichtum an Ideen und Konzepten, die die Geistesgeschichte der Menschheit und speziell des Islams hervorgebracht hat und auch heute noch gelegentlich hervorbringt.

Und noch ein Wort zur Länge meiner Ausführungen: Diese sind in erster Linie deswegen so lang und ausführlich, weil ich – nachdem ich selbst auf der Suche nach Literatur zu oft nicht fündig geworden bin – die Thematik gerne vertiefen und theoretisch fundieren möchte, wobei ich möglichst präzise zu rekonstruieren versuche, von welchen Annahmen eine solche Deutung abhängt, was sie für neue Fragestellungen aufwirft, und analysieren möchte, inwieweit sich eventuelle Probleme klären lassen. Mich interessieren hier die Details und ich möchte nicht den falschen Eindruck wecken, dass das alles ganz einfach oder immer klar sei. Andererseits habe ich hier alle Informationen hineingepackt, die ich selbst lange gesucht habe. Hinzu kommt, dass mein eigener Klärungsbedarf, und meine Arbeit mit zahlreichen Textbausteinen parallel auch eine Reihe von Wiederholungen hier und da nach sich ziehen, die letztlich hoffentlich eher dem Verständnis dienen als die Texte unlesbar zu machen.

Physikalische koranische Kosmologie ist aus meiner Sicht kein fertiges System an Sätzen, sondern ein Forschungsprogramm mit mehr Fragen als Antworten. Eine Kompatibilität mit der Naturwissenschaft ist sicher erstrebenswert und bedeutungsvoll, aber sie kann nur an wenigen Stellen als primäres Ziel verfolgt werden. Dazu ist das Spektrum an internen Fragestellungen, die ihren Eigenwert besitzen, zu groß. Dennoch ist das hier letztlich sicher auch eine theistische sowie koranisch motivierte Fortsetzung des Programms der theoretischen Physik, das Steven Weinberg mal in einem Buchtitel als „Dream of a final Theory“ bezeichnete – im Grunde ist dies das Motto eines jeden kosmologischen Denkens. Fast noch treffender für die Umschreibung dieses Denkens fand ich die Übersetzung des Titels jenes Buches ins Deutsche: „Der Traum von der Einheit des Universums“. Bei mir wird dieser Traum des Atheisten Weinberg zum Traum von einem Einblick in die Einheit der Schöpfung, deren Schönheit und mathematische Eleganz ich als Ausdruck der Einheit und Erhabenheit der schöpferisch wirkenden Macht dahinter verstehe. Wenn koranische Kosmologie hierzu einen Beitrag leisten kann, dann ist sie mehr als legitim.

Und schließlich hoffe ich, dass dieses ganze Unterfangen trotz seines eher analytischen Charakters ebenfalls in den Bereich jener Tätigkeit fällt, die im Koran 3:190-191 so beschrieben ist:

„In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen, die Allāhs stehend, sitzend und auf der Seite liegend gedenken und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken (und sprechen): „Unser Herr, Du hast dies nicht umsonst erschaffen. Preis sei Dir! Bewahre uns vor der Strafe des Feuers.“

In diesem Sinne…

Euer Hakan Turan,

Stuttgart, den 6. September 2015 / 22. Ḏū l-Qaʿda 1436

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier „Koranische Kosmologie“.

Anmerkungen

[1] Ich bin im Zusammenhang mit unserem Thema erstmals bei Murad W. Hofmann auf diesen sehr passenden Begriff gestoßen.

[2] Ein endlicher Raum muss nicht beschränkt sein, sondern kann in sich geschlossen sein, etwa im Fall der sphärischen Raumgeometrie in der Robertson-Walker-Metrik. Wenn die Energiedichte in unserem Universum unterhalb der sogenannten kritischen Dichte liegt, dann sagen die Einstein-Friedmann-Gleichungen voraus, dass der Raum unbeschränkt, aber endlich ist. Dies bedeutet nichts anderes, als dass sich ein geradlinig in eine Richtung Reisender irgendwann quasi „von der anderen Seite“ wieder in seinem Ausgangspunkt wiederfinden würde (allerdings expandiert der Raum in den einfachsten Modellen zu schnell, als dass ein sich mit weniger als Lichtgeschwindigkeit fortbewegender Reisender wirklich an seinen Ausgangspunkt zurückkehren würde). In jedem Fall würden wir dann in einem Universum mit definiertem Volumen aber ohne kosmische „Wand“, an die man sich stoßen könnte, leben.

[3] Einen Dank an Andreas Ismail Mohr, der mich auf diese Überlieferung am Ende des Ḵitāb al-Ḫiṣāl aufmerksam gemacht hat.