Ode an die differenzierungsunwilligen öffentlichen Stimmen in der „Integrationsdebatte“

Ich schreibe folgende Zeilen anlässlich der aktuellen Debatte nach den sexuellen Belästigungen von Frauen am Kölner Bahnhof an Silvester durch Banden mit vermutlich nordafrikanischem Migrationshintergrund und mutmaßlich islamischem Glauben…

Wenn wir grundsätzlich zwischen dem abstrakten „muslimischen Frauenbild“ (vorfindlich in den Primärquellen des Islam und ihren verschiedenen Auslegungen) und dem „Frauenbild in konkreten Milieus, die neben vielen sozialen Faktoren religiös und nominell dem Islam nahe stehen“ unterscheiden würden, könnten man sich sooo viel Aufregung sparen.

Beides ist getrennt zu diskutieren (da anders strukturiert) – gerne kontrovers, aber eben zunächst einmal analytisch getrennt. Etwaige Wechselwirkungen zwischen „reinen Lehren des Glaubens“ und „asozialem Verhalten von Testosteronbullen, die nominell Muslime zu sein scheinen“ sind empirisch zu erforschen und nicht spekulativ zu erraten – auch nicht auf der Basis von irgendwelchen vermeintlich vernünftigen Selbstverständlichkeiten („die Religion ist doch der entscheidende Unterschied – also muss das asoziale Verhalten von der Religion abgedeckt sein“), oder dem hysterischen Gekreische von „Islamexperten“.

Was nicht ging, nicht geht und auch in Zukunft nicht gehen wird, ist es das Verhalten konkreter und abgrenzbarer Milieus, die religiös und nominell am ehesten dem Islam nahe stehen, pauschal auf eine Stufe mit dem abstrakten „muslimischen Frauenbild“ zu stellen.

Oder das Verhalten von Asis mit muslimisch geprägtem Migrationshintergrund in den Kategorien von allgemein muslimisch geprägtem Hintergrund zu diskutieren.

Im Prinzip folgt dies folgender Logik:

1) Person/Gruppe/Milieu a verhält sich extrem asozial
2) a gehört religiös zur gleichen Obermenge S, in der auch die Personen/Gruppen/Milieus b, c, d, e, f … beheimatet sind
3) Also verhalten sich auch die Milieus b, c, d, e, f… potenziell asozial wie a, oder billigen dies stillschweigend.

Jeder Rassismus und seine vulgär-nationalistischen Vorstufen argumentieren so: ein Phänomen x aufgreifen – per Induktion unzulässigerweise zur Regel verallgemeinern – per Deduktion auf Individuen anwenden, die nichts von x wissen und sich höchstens vor x ekeln, oder x bemitleiden.

Ich weiß, ich verlange zu viel Differenzierung.

Ich weiß, dass manche Muslime auch nicht zu Genüge differenzieren, wenn sie über „die da“ reden.

Aber all das ist nicht mein Problem.

Von beiden verlange ich die selbe Bereitschaft zur Differenzierung. Wenige Themen diskutiere ich persönlich so kontrovers mit vielen Glaubensbrüdern wie die Frage, inwieweit man ausgehend von bestimmten persönlichen oder medialen Erfahrungen von einer prinzipiellen Islamfeindlichkeit der Deutschen sprechen kann.

Differenzierung fällt so schwer, wenn es einem irgendwo wehtut.

Aber genau deswegen müssen wir umso mehr auf Differenzierung bestehen.

Wir müssen sie vorleben und zeigen, dass es sich damit viel besser lebt als ohne.

Nicht um das Problem zu verwischen, sondern im Gegenteil: um es überhaupt lösbar zu machen und parallel dazu nicht neue Probleme zu erzeugen.

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.