Muslimische Blogger auf dem Podium (Hohenheim)

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Abschlussfoto der Tagung „Junge Muslime im Web 2.0“ (Foto: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart)

Am 9. Mai dieses Jahres saß ich zum ersten Mal in meiner Rolle als Blogger auf einem Podium. Die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart hatte mit der Robert-Bosch-Stiftung und in Kooperation mit den Jugendorganisationen von DITIB, IGMG und MJD zu einer zweitägigen Tagung mit dem Titel „Junge Muslime im Web 2.0“ eingeladen. Das Programm umfasste eine aktuelle Bestandsaufnahme der Präsenz der Islamthematik allgemein im Internet, aber auch speziellerer Themen wie Islamfeindlichkeit und Jihad-Propagada. Daneben gab es aber auch zwei Podien – zum einen zur Web-Präsenz muslimischer Jugendverbände, und zum anderen zu muslimischen Bloggerinnen und Bloggern in Deutschland.

So saß ich in der Moderation von Hussein Hamdan, der die Tagung kompetent leitete und mich zudem eingeladen hatte, mit Emran Feroz und Eşim Karakuyu – beide ebenfalls Blogger – vor mehreren Dutzend überwiegend jungen muslimischen Tagungsteilnehmern und durfte Rede und Antwort zu meinen Erfahrungen und Perspektiven als Blogger stehen. Ich war wohlwollend als „alter Hase“ unter den muslimischen Bloggern in Deutschland vorgestellt worden – nachdem ich erfuhr, dass Emran und Eşim 23 Jahre alt waren (man vergleiche mit meinen 36!), erschlich mich der irgendwie ernüchternde der Eindruck, dass „alter Knacker“ eine ebenso passende Bezeichnung für mich gewesen wäre. Dann fand ich es aber doch bewegend zu sehen, wie viel Kraft und Elan sowohl in den beiden jungen Blogger-Kollegen (auch weit über das Bloggen hinaus), als auch in den Teilnehmern steckte.

Ich versuche hier mal ein paar Gedanken und Momente des Podiums einzufangen.

* Im Publikum waren sonst so gut wie keine Blogger. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, was für eine große Freiheit und manchmal sogar Nachhaltigkeit diese Art des öffentlichen Meinungenherausposaunens (Wenn keiner euch findet: Google findet euch alle!) hat. Aber vielleicht nahm ja der eine oder andere einen Impuls in diese Richtung mit.

*  Wir stellten uns auch dem Problem der Anfeindungen und des zumeist anonymen Gegenwindes im Blogbereich von Blogs – oder man dann selbst Thema auf „islamkritischen“ Hassseiten wird, wie es Emran und Eşim es vor nicht allzu langer Zeit erlebt hatten. Ich selbst vertrat die These, dass die Islamkritik im Internet größer auftritt als sie ist, und dass die dort vertretenen Perspektiven von weit weniger realen Menschen im Alltag vertreten werden. Ebenso wies ich darauf hin, dass manchmal ein und dieselbe Person an mehreren Stellen unter mehrere Pseudonymen aktiv ist. Also besteht kein Grund das üble Geschreibsel hier oder dort überzubewerten. Mach du einfach deine Sache gut, definiere du deine Themen, und versuche nie einen Missionar oder Demagogen zur Sachlichkeit zu bekehren.

* Thema waren auch – ebenfalls meist unter Pseudonymen auftretende – muslimische Stimmungsverderber in Kommentarbereichen hier und dort, die oftmals wie eine Religionspolizei daherkommen und im Grunde jederzeit einen offenen und experimentellen Diskurs vermiesen können. Ich berichtete aber auch davon, dass die anonymen Islamkritiker dennoch mit Abstand das Nervigste und Penetranteste sind, dem ich als Muslim im Internet bisher begegnet bin und dass ich lange gebraucht habe, bis ich mit diesem Phänomen leben konnte. Solche Strapazen, denen fast alle im Internet aktive Muslime früher oder später begegenen, werten den Stellenwert des Bloggens unter Klarnamen auf, wie es ja viele Muslime Internet machen – im Unterschied zu den oft gut maskierten Stimmungsmachern und Trollen im Netz. Erstere riskieren eine Menge, wenn sie sich öffentlich machen – letztere hingegen müsste man fragen, ob es denn überhaupt etwas in dem von ihnen Verbreiteten gibt, für das sie etwas zu riskieren bereit wären.

*  Ich wies auf die wichtige Rolle meines Blogs dabei hin, dass Vertreter diverser Medien sowie Einrichtungen auf mich aufmerksam wurden und mich kontaktierten um mich als Referenten oder Autor für dies und das zu gewinnen. So war es mir auch nochmals wichtig darauf hinzuweisen, dass die Aktivität im Internet eine gute Ergänzung, manchmal sogar eine gute Alternative zu den etablierten Medien darstellen kann – und dass gerade Muslime dieses Medium noch nicht intensiv und vor allem auch nicht professionell genug nutzen, um beispielsweise den durchschnittlichen Zeitungsleser, und nicht nur weitere ähnlich denkende Muslime zu erreichen und ihnen eine andere Sicht auf die oftmals eher einseitige und problematische Darstellung von Muslimen bzw. des Islams anzubieten.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich es bemerkenswert finde, dass eine katholische Akademie so ein großes Interesse an einer solchen Thematik zeigt und sich nicht zu vornehm ist ihre Veranstaltung in Kooperation mit den Jugendvertretern religiös aktiver Organisationen durchzuführen.

Wie sonst soll man einen geschützten Rahmen finden, in dem man sich auch über Vorbehalte austauschen kann ohne sich angegriffen oder ausgegrenzt zu fühlen?

Wie sonst soll ein Zusammenwachsen und eine bessere Kooperation zwischen Muslimen – hier gerade den als religiös geltenden unter ihnen – und Christen bzw. Minderheit und Mehrheitsgesellschaft möglich sein?

Die Alternative wäre es z. B. eine Tagung über die Radikalisierung von jungen Muslimen durchzuführen und dazu islamfeindliche Berufs-„Islamexperten“ wie Necla Kelek einzuladen, damit sie auch dem Schwerhörigsten zum 498. Mal erläutern können, dass die Deutschen einfach noch nicht genug Angst vor dem Islam und seine gläubigen Anhängern haben (Ja, solche absurden Settings gibt es immer noch, zuletzt namentlich von der Konrad Adenauer Stiftung verantwortet. Die haben wohl keine anderen Experten für ihre dahingehende Veranstaltung gefunden. Gebt also der Konrad Adenauer Stiftung ein paar kompetente Berater in Islamfragen! Das ist jetzt hier natürlich nicht (nur) polemisch gemeint. Aber ein Grund mehr im Internet aktiv zu werden ist das mit Sicherheit – jedoch nicht als beleidigter Anti-Troll, sondern als attraktive Alternative. Die Gesellschaft hat bessere Ansprechpartner und Islamexperten verdient.).

Hoffentlich nicht nur hier im Raum Stuttgart arbeiten Christen und Muslime auch in heiklen Fragen gut zusammen. Die Hohenheimer Akademie, bei der ich immer wieder in verschiedensten Kontexten zu Gast sein durfte, hat sich über viele Jahre einen guten Ruf hierbei erarbeitet und dabei auch nicht auf eine eigene, über die aktuelle Politik weit hinausgehende Perspektive verzichtet (ja: die riskieren auch etwas!). Das finde ich beachtlich. Auf muslimischer Seite (aber evtl. auch bei der… mmh… Korad Adenauer Stiftung?) ist hiervon mit Sicherheit immer noch viel zu lernen.

Apropos Stiftung, hier noch eine kleine Anekdote: In einem Randgespräch mit Emran zur Frage, wie man mal die Bloggerkräfte bündeln und eine professionelle Meinungsplattform im Internet mit breiterem Adressatenkreis organisieren könnte, antwortete dieser:

„Vielleicht könnte die Konrad Adenauer Stiftung das ja organisieren.“

Na, das wäre doch mal was!

Bis dahin müssen wir uns wohl jedoch selbst abhelfen.

Vielen Dank an die katholische Akademie für die Initiative zu dieser Tagung und an meinen geschätzten „Islam in Deutschland“-Mitautor Hussein Hamdan für die Einladung!


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