Mehr Fairness in der Islamdebatte, bitte!

Seit der Jahrtausendwende erleben wir eine engagierte und kritische Islamdebatte. Zu einem besseren Miteinander trägt sie jedoch nicht bei. Im Gegenteil: Sie grenzt aus. Und zwar auch diejenigen, die schon längst dazu gehören. Denn von nahezu allen Bürgern muslimischen Glaubens wird diese Debatte als hart und unfair wahrgenommen. Der Tonfall ist verletzend und pauschalisierend. Und er zementiert Vorbehalte gegenüber Muslimen.

Zwar wird seit langem viel von Integration geredet, doch manche einfache Wahrheiten haben sich noch nicht herum gesprochen. Die meisten Muslime sind in der Tat religiös, aber nicht um negativ aufzufallen. Sie leben ihren Alltag wie andere Bürger auch. Und sie verweigern sich nicht der Gesellschaft, schon gar nicht, weil sich ihr Glaube von dem der Christen unterscheidet. Mit ihnen teilen sie jedoch, dass sie theologische und ideologische Debatten oft nur am Rande interessieren.

Und was entscheidend ist: Die meisten von ihnen, ob hochreligiös oder säkular eingestellt, verbinden mit dem Islam einen Teil ihrer Identität. Sie fühlen sich daher persönlich angegriffen, wenn ihre Religion oder Herkunftskultur zum Sündenbock für alles und jedes gemacht wird – zur Ursache aller möglicher Probleme, auch solcher, die den meisten dieser Muslime fremd sind.

Dabei sind sie ihren deutschstämmigen Mitbürgern in Vielem sehr ähnlich. Auch sie schütteln den Kopf über Machoverhalten und empören sich über religiös daherkommenden Fanatismus. Gleichzeitig erzählen sie sich resignierend bei einem Glas Çay, wie sie von ihren christlichen oder religionsfernen Nachbarn dafür gelobt werden „Ausnahmen“ zu sein – Ausnahmen von einem extrem negativen Klischee, das nicht repräsentativ für die Muslime ist.

Selbstverständlich soll weiterhin offen und kritisch darüber diskutiert werden, was das Miteinander stört. Aber wenn einige Muslime sich falsch verhalten, dann können dafür nicht alle anderen mitverantwortlich gemacht werden. Zudem sind es oft nicht religiöse, sondern soziale Ursachen, die für gesellschaftliche Spannungen sorgen.

Und natürlich darf jeder eine kritische Meinung zum Islam oder zur Religion allgemein äußern. Es wäre dabei jedoch fair, auch anzuhören, wie muslimische Gesprächspartner ihre Religion verstehen, bevor man diese verurteilt, wie es vermeintliche Islamexperten oft vormachen.

Dabei würde man entdecken, dass es unter Muslimen recht unterschiedliche Ansichten und Lebenserfahrungen gibt. Und dass die meisten Tradition und Moderne auf sehr pragmatische Weise miteinander aussöhnen. Pluralismus und Vielfalt gibt es also auch unter Muslimen. Es gibt nur leider kein religiöses Treffen, wo dies für jeden sichtbar wird – also keinen Event wie einen Kirchentag.

Es war nicht zuletzt die Religion, die uns lehrte, im Gegenüber zu allererst den Nächsten zu sehen, gleichgültig ob er Muslim, Christ, Jude oder etwas anderes ist. So begegnen wir uns respektvoll, sachlich und fair, und machen miteinander positive Erfahrungen, solche, die helfen, die negativen zu verkraften.

(Mein Beitrag zur Islamdebatte in Deutschland, erschienen im Politischen Feuilleton des Deutschlandradio Kultur (hier).)