Männer und Frauen gemeinsam für ein humaneres Geschlchterverhältnis

In meinen beiden Texten zu zu 4:34 habe ich die Auslegung desjenigen Koranverses diskutiert, der als wichtigste Grundlage zur Begründung eines hierarchischen patriarchalen Rollenverhältnisses von Mann und Frau im Kontext des islamischen Rechts gilt. Ich habe vesucht zu zeigen, dass der Vers eine Vorrangsstellung des Mannes in der Ehe von Bedingungen abhängig macht. Die Essenz dieser Bedinungen ist die absolute Versorgerrolle des Mannes, von der die Frau existenziell abhängt. Da diese Bedingung nicht als statisch vorausgesetzt werden kann, und in unseren modernen Wissens- und Informationsgesellschaften ohnehin neue Anforderungen an Erwerbsfähigkeit und Familienverantwortung gestellt werden, habe ich gefolgert, dass auch die Voraussetzungen des Patriarchats unter den Bedingungen einer modernen Bildungsgesellschaft nicht mehr gegeben sind. Ich habe dazu auf einige zeitgenössische Stimmen, und auf entsprechende Ansätze in der islamischen Tradition hingewiesen. Ich glaube bis auf Weiteres, dass diese Auslegung vernünftig, gültig und im Sinne des Koranautors ist.

Die Voraussetzungen für eine Befehl-Gehorsams-Hierarchie und eine Privilegienzuweisung allein aufgrund des Geschlechts können nach diesem Zugang als überholt gelten. Aus diesem Ansatz folgt insbesondere auch, dass das einseitige Durchsetzungsrecht des Mannes in der Ehe, das in 4:34 thematisiert wird, unter den Bedingungen moderner Gesellschaften in der Regel nicht mehr gilt.

Zudem ist auch in Gesellschaften, die vom Lebensstandard der Industrieländer entfernt sind, das absolute Patriarchat längst nicht mehr die natürliche Option, sondern ein zumeist ungerechtes, menschenverachtendes und unfruchtbar gewordenes Machtverhältnis, das einer grundlegenden Korrektur bedarf. Schließlich gibt es dort zumindest potenziell die Möglichkeit einer beitflächigen und hochwertigen Qualifizierung von Frauen. Darum sind in der globalisierten Welt keine natürlichen Inseln der Vergangenheit, in denen das absolute Patriarchat legitimierbar wäre, denkbar. Ja: Es gibt für niemanden mehr einen Weg zurück von den Bedingungen der Moderne.

Ich habe in diesem Text dennoch das Durchsetzungsrecht des Mannes insbesondere hinsichtlich der Möglichkeit zur Züchtigung der Frau ausführlich diskutiert. Dabei wurde die klassische Auslegung verglichen mit einer modernistischen, die aufgrund seines breiten Bedeutungsspektrums das kritische Wort für „schlagen“ als „trennt euch von ihnen“ übersetzt. Auch wurden zwei historisierende Ansätze vorgestellt, die die betreffende koranische Aussage zwar als „schlagen“ verstehen, sie aber in den historisch-kulturellen Kontext der Offenbarungszeit stellen. Demnach wollte der Islam das Schlagen nicht etwa einführen, sondern die in der arabischen Gesellschaft bereits weit verbreitete Praxis des Schlagens von Frauen gerade verdrängen. Deswegen weist der Vers zunächst auf mildere Formen der Konfliktlösung wie das Reden und das Trennen der Betten hin, sodass eine ganze Nacht vergehen kann und eine weitere Eskalation unwahrscheinlich gemacht wird. Das ist demnach die eigentliche Neuerung, die der Vers brachte. Erst als letzte Maßnahme greift der Koran die weit verbreitete Praxis der Züchtigung auf, der durch die Staffelung der Schritte ihr spontaner Charakter entzogen wird. Zudem soll nicht vergessen werden, dass die klassische Auslegung jegliche schwere Form von Züchtigung ausschloss.

Ziel der koranischen Regelung war laut den historisierenden Lesarten auf diese Weise das Schlagen unwahrscheinlich werden zu lassen. Auf diese Deutung deuten insbesondere auch das Beispiel des Propheten selbst und eine Reihe von Hadîthen hin, die das Schlagen verurteilen. Wenn der Koran also eine Verdrängung der Züchtigung intendierte, deren direktes Verbot unter den Arabern wohl ebenso unrealistisch gewesen wäre wir ein Verbot der Sklaverei, dann ist es im Sinne des Islams diese Praxis heute gänzlich auszuschließen und zu verurteilen.

Wen jedoch die modernistischen und historisierenden Argumente immer noch nicht überzeugen, der kann und sollte das Schlagen im Einklang mit klassisch-islamischen Denkformen schon alleine aufgrund seines extrem verbreiteten Missbrauchs in allen heutigen Gesellschaften ablehnen. Denn ein Missbrauch von Freiheiten kann auch im klassisch-islamischen Denken eine Aufhebung solcher Freiheiten zur Folge haben. Um den weit verbreiteten Gewalteskalationen auch (aber nicht nur) in der islamischen Welt entgegenzuwirken, sollten die Muslime aller Schichten, einschließlich ihrer Gelehrter, sich daher eindeutig und ohne Wenn und Aber gegen die Möglichkeit einer Züchtigung aussprechen, da alle anderen Formen von Gewalt gegenüber Frauen letztlich eine stufenweise Steigerung davon darstellen und nur dann effektiv geahndet werden können, wenn eine Ehefrau nicht erst auf mühsame und sich selbst entwürdigende Weise nachweisen muss, dass eine eventuelle Gewaltanwendung von Seiten des Ehemannes nicht im Rahmen eines wie auch immer verstandenen klassischen Züchtigungsrechts lag.

Ich hatte schon darauf hingewiesen: Während das türkische Parlament vor Kurzem einen zusätzlichen gesetzlichen Schutz der Frau gegenüber jeglicher Gewaltanwendung verabschiedete, wurde in Afghanisten vom Präsidenten Karzai eine Stellungnahme von Rechtsgelehrten veröffentlicht, die Gewalt in der Ehe durch den Mann unter nicht näher ausgeführten Bedingungen ausdrücklich billigt.

Wie man sieht, geht die Frontlinie zwischen Befürwortern und Gegnern eines physischen Durchsetzungsrechts des Mannes heute nicht etwa zwischen der westlichen und der islamischen Welt, sondern mitten durch die Reihen der Muslime selbst. Wie ich in diesem Beitrag zu zeigen versucht habe, haben die Gegner ehelicher Züchtigung die überzeugenderen Argumente.

Mich persönlich überzeugen zur Züchtigungsthematik die historisierenden Argumente zu 4:34 am meisten, wobei ich die modernistische durchaus auch für diskussionswürdig halte. Da ich jedoch ohnehin davon ausgehe, dass die Patriarchatsbedingungen von 4:34 heute im Wesentlichen nicht mehr erfüllt sind, sehe ich auch die Voraussetzungen für die Gültigkeit eines einseitigen Durchsetzungsrechts als im Wesentlichen nicht gegeben an.

Bei der Diskussion der beiden unterschiedlichen Historisierungsansätze von Ömer Özsoy und Hayrettin habe ich auch betont, dass generell eine methodisch reflektierte stärkere Berücksichtigung historischer Kontexte Probleme lösen kann, die mit einer rein am Wortlaut orientierten Lesarten oft ungeklärt bleiben. Es ist weniger das System eines bestimmten Autors, sondern überhaupt die Suche nach logischen und historisch-kulturellen Bedingungen koranischer Normen, ferner nach ihren Zwecken und ihren Bedingungsstrukturen untereinander, die heute manche umstrittene Normen des Korans aus meiner Sicht verständlich und an die Bedingungen moderner Gesellschaften anpassbar machen. Nicht um Namen und Autoritäten, sondern ausschließlich um Argumente auf der Basis von Offenbarung und Vernunft sollte es dabei in der innerislamischen Debatte gehen.

In einem weiteren Text möchte ich zeigen, dass der hier vorgestellte systematische Ansatz mit den anderen Aussagen des Korans in Einklang gebracht, ja sogar durch sie gestützt werden kann. Auch behaupte ich, dass die dem Koran ohnehin nachgeordnete prophetische Tradition in diesem Licht gelesen werden kann und muss. Zu letzterem ist es noch wichtig darauf hinzuweisen, dass die historische Authentizität zahlreicher patriarchal geprägter Hadîthe heute Gegenstand umfangreicher Diskussionen ist. Insofern bewegt man sich auf festerem Grund, wenn man erst klärt, ob manche Grundfragen nicht bereits auf der Ebene des Korans beantwortet werden können. Die überlieferten und selten absolut gesicherten Hadîthe wären dann in diesem Lichte zu lesen, und nicht umgekehrt. All dies soll jedoch zu einem späteren Zeitpunkt diskutiert werden.

Ferner wäre es interessant herauszuarbeiten, inwieweit die Sprache des Korans ebenfalls an die Kultur der Erstadressaten angepasst ist. Insbesondere die Tatsache, dass der Koran sich in vielen Passagen unmittelbar an die Männer richtet, lässt sich unter einem historisierenden Blickwinkel elegant dadurch erklären, dass es im Kontext der patriarchalen Offenbarungszeit in erster Linie Männer waren, an die man sich bei der Verkündung wichtiger Angelegenheiten zuerst wandte, wobei die Frauen indirekt freilich mitbedacht wurden. Wenn man dies berücksichtigt, vermeidet man den Kurzschluss mancher Koranleser aus der bloßen Sprechweise des Korans in manchen Passagen („euere Frauen…“) bereits einen islamisch erwünschten Zustand der Männerführung ableiten zu wollen. Aus der Tasache, dass der Koran im qurayshîtischen Dialekt geoffenbart wurde, folgt ja schließlich auch nicht, dass alle Menschen fortan arabisch sprechen sollen.

Die in dieses Texten genannten Überlegungen sind nicht als Einladung zu einem Konkurrenzkampf zwischen Mann und Frau zu verstehen. Auch soll hiermit die Bedeutung geschlechterspezifischer Erfahrungen und Möglichkeiten nicht geleugnet, werden. Es geht mir lediglich darum zu zeigen, dass mit einem reflektierten Koranverständnis keine Herrschaftsansprüche durch bloßen Hinweis auf das Geschlecht begründet werden können.

Jegliche Autorität muss sich durch Kompetenzen rechtfertigen. Die dazu nötigen Kompetenzen sind in der modernen Informationsgesellschaft andere als unter den Bedingungen vormoderner Agrargesellschaften. Ich werte letztere nicht ab, sondern weise lediglich darauf hin, dass die Voraussetzungen hierzu weitgehend fraglich geworden und zu wichtigen Teilen überwunden sind. Das klassische islamische Recht wird genau dann aus seiner Winterstarre erwachen, wenn ihre Vertreter sich dieser Tatsachen bewusst werden. Offensichtlich bedarf es heute der Anstrengung aller Teile der muslimischen Umma, insbesondere der Schichten mit positiven Erfahrunden mit der Moderne, um weitflächige Bewegungen in Gang zu setzen.

Die wichtigste praktische Konsequenz aus diesen Ausführungen ist jedoch noch gar nicht genannt worden: Der Kampf um eine Aufwertung bis zur Gleichstellung der Frauen innerhalb islamischer Theorie und Praxis darf nicht als Kampf des weiblichen Geschlechts missverstanden werden, sondern er ist ein Kampf, der insbesondere auch von den muslimischen Männern mitgeführt und offensiv vorangetrieben werden muss. Die muslimischen Männer stehen hierbei in einer deutlich größeren Bringschuld als die Frauen, weil sie es sind, denen die patriarchale Gesellschaft ungeprüft Macht und Befugnisse zugesprochen, aber nicht hinreichend Rechenschaft dafür eingefordert hat.

Zum Abschluss, und um die weitere Richtung dieser nicht abgeschlossenen Diskussion zu weisen, soll hier noch eine Alternative zur Bestimmung des Grundverhältnisses von Mann und Frau im Islam formuliert werden – ein Grundverhältnis, das sich nicht an klassischen juristischen Kategorien wie Unterhalt und Gehorsam orientiert, die wie gezeigt ohnehin keine Universalität beanspruchen können. Es bietet sich hier ein viel fundamentaleres Prinzip an, das in Sure 30, Vers 21 formuliert ist, und wo es völlig ohne Angabe von äußeren Bedingungen oder historisierbarer Umstände heißt:

„Zu Seinen Zeichen gehört auch, dass Er euch Gattinnen aus euch selbst schuf, damit ihr bei ihnen ruht. Und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt. Darin sind fürwahr Zeichen für nachdenkliche Leute.“ (Henning/Hofmann)

In diesem Sinne…