Literaturwissenschaftliche und kontextualisierende Ansätze

Bevor wir mit Fragen der koranischen Kosmologie weitermachen ist ein Hinweis auf einen exegetischen Zugang angebracht, den ich im Kontext von physikalisch gemeinter Kosmologie gerne vermeide: Eine aufwendige aber durchaus aufschlussreiche Möglichkeit ist es die Sprache des Korans in erster Linie hinsichtlich ihrer nicht-naturwissenschaftlichen Funktionen im historischen Offenbarungskontext zu analysieren, so z. B. zu untersuchen, welche Motive und Themen des Korans zuvor schon in Arabien und überhaupt im Orient bekannt waren, welche davon der Koran aufgreift und welche Modifikationen er dabei vorgenommen hat. Diese Modifikationen wären hier dann das eigentlich Interessante und Neue, und weniger der allgemeine Begriffsrahmen, der oft schon als gegeben vorausgesetzt werden kann. Dieser literaturwissenschaftlich geprägte Ansatz (je nach Autor und Ausrichtung spricht man auch eher von historisch kontextualisierenden oder diskursanalytischen) ist bei vielen Fragen aufschlussreich, birgt isoliert angewandt jedoch das Risiko den Koran und überhaupt jeden religiösen Text in erster Linie als Reaktion auf bestimmte historisch-kulturelle Kontexte zu lesen, sodass es gar nicht mehr sinnvoll scheint zu fragen, von welcher realen Physik – und sei sie noch so minimal und vieldeutig – z. B. der Koran ausgeht.

Das setzt freilich voraus, dass es möglich ist in einer Sprachbotschaft über die Schöpfung theologische, ethische und rein auf die Erstadressaten bezogenen Elemente von physikalischen bzw. rein beschreibenden, d. h. deskriptiven zu unterscheiden. Da uns hier aber genau die Frage nach der (minimalen) Physik der Korans interessieren wird, soll diese Annahme einer solchen Extrahierbarkeit koranischer Physik gewagt und einmal am Beispiel konsequent durchgeführt werden. Eine Analyse der historisch-kulturell bedingten Sprache der Schöpfungsberichte kann in einem solch einfachen deskriptiven Textverständnis ergänzend hinzugezogen werden. Aber da wir hier etwas Anderes wagen wollen (literaturwissenschaftliche Exegese ist natürlich auch ein Wagnis), sollen stark kontextualisierende Ansätze wie der literaturwissenschaftliche den deskriptiven hier nicht übertrumpfen oder gar ersetzen.

Es sei dennoch mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass literaturwissenschaftliche Koranauslegung, so fremd sie auch der muslimischen Praxis nach wie vor ist, durchaus ebenso provokante wie interessante Prämissen hat. Konkret: Eine ihrer Thesen, nämlich dass das eigentliche Bezugssystem eines Textes die Vorstellungswelt seines Entstehungsumfeldes ist, bedeutet auch, dass selbst in einer göttlichen Offenbarung physikalisch „falsche“ Dinge stehen können bzw. dürfen, wenn es gar nicht die Intention der Offenbarung ist physikalische Wahrheit zu verkünden, sondern „nur“ ethische bzw. theologische, sodass „falsche“ Physik zugunsten eines besseren Verständnisses der ersten Adressaten toleriert wird (Streng genommen ist schon der alltägliche Satz „Die Sonne geht auf“ physikalisch nicht ganz unproblematisch).

Dieser spezielle hermeneutische Zugang soll hier auch deswegen in den Hintergrund gestellt werden, da er mir manchmal etwas zu übereilt und auch etwas zu konfliktscheu scheint. Noch ehe der koranische Text ganz ausgeschöpft ist, weicht er auf die (zumeist uns gar nicht genau bekannte) Vorstellungswelt der Erstadressaten des Korans aus und versucht mögliche Reibungspunkte mit der Naturwissenschaft durch starke hermeneutische Abgrenzungsthesen quasi per Definition auszuschließen: Ein Widerspruch oder eine Harmonie des Korans mit naturwissenschaftlichen Theorien sei gar nicht möglich, da der Koran gar nicht naturwissenschaftlich kodiert sei. Aber muss er das denn, wenn er über Himmel und Erde sprechen möchte? Andere behaupten, dass naturwissenschaftliche Denken entstamme einer eher griechischen Geisteswelt, die der Koran gar nicht zu seiner Grundlage gemacht habe. Aber ist denn der Versuch die Vorgänge in der Welt zu beobachten, zu beschreiben und zusammenzufassen wirklich schon spezifisch hellenisch?

Ich möchte gerne den auch den physikalischen Wahrheitsgehalt des Korans verstehen und nachvollziehen, da ich denke, dass physikalisches Denken ein universelles Kulturgut des Menschen ist, vor dem der Koran nicht Halt gemacht haben muss um religiöse Offenbarung unter den Bedingungen der Offenbarungszeit zu sein. Darum glaube ich auch nicht an hermeneutische Mauern zwischen dem altgriechischen und dem frühislamischen Denken, als ob die Araber erst das antike Erbe der Griechen studieren mussten um ein Gefühl für ursächliche und gesetzesartige Beziehungen in der Natur zu entwickeln.

Dennoch ist es auch mir wichtig die literaturwissenschaftlichen Ansätze zu durchdenken, um nicht eines Tages aufgrund von Methodenarmut unter den blinden Flecken meines eigenen Ansatzes zu leiden, wenn die Natur des Korantextes sich doch als anders als von mir vermutet erweist. Pragmatisch gesprochen: Physikalische Wahrheit im Koran vorzufinden wäre schön, ist aber literaturwissenschaftlich gesehen keine zwingende Voraussetzung um konsistent an den Koran zu glauben.

Schwächen deskriptiver Ansätze wie eine naive Verhaftung am Wortlaut isolierter Passagen oder eine Überinterpretation vieldeutiger Aussagen wollen wir freilich reflektieren und kontrollieren. Um einen Wortlautfundamentalismus zu vermeiden muss man dazu nicht erst der Sprache des Korans seine rein deskriptive Funktion absprechen. Wie sich zeigen wird, gibt es in diesem Rahmen eine ganze Reihe interpretativer und wohlbegründeter Techniken zum Umgang mit dem Text, die wesentlich komplexer sind als ein Literalfundamentalismus, die aber zugleich ebenso genauer und weniger beliebig sind als so manche Hermeneutik, die dem Text gar keinen verbindlichen epistemischen Gehalt mehr zuschreibt. Man könnte diesen Zugang als „kritisch“ bezeichnen, da er methodisch abgesichert Auslegungsalternativen untersuchen und ebenso auch mit außerkoranischen Modellen von Welterklärung vergleichen möchte. Da hier aber durchaus vom Offenbarungsanspruch des Korans ausgegangen wird, die Inhalte also unter dem Aspekt bzw. Postulat von Wahrheit in einem je noch erschließenden Sinn untersucht weden, könnte man den Zugang auch kritisch-islamisch nennen. Da ferner hinsichtlich der Quellen eine Koranzentrierung vorgenommen wird, kann man auch von einem kritisch-koranischem Vorgehen sprechen, das darauf abzielt der koranischen Kosmologie im hier beschriebenen Sinn nachzugehen. (Siehe auch den Beitrag zu den Schwierigkeiten einer traditionalistischen Exegese in der Kosmologie.)

Und getreu der koranischen Aufforderung doch ein ihm Gleiches hervorzubringen: Von einem Text, der sich als göttliche Offenbarung versteht, könnte dabei doch eventuell mehr Überraschung zu erwarten sein, als von einem beliebigen anderen Text seiner Zeit. Auch lange nach seiner Offenbarungszeit. Wenn wir dabei eventuell nicht richtig suchen bzw. die richtigen Fragen stellen, dann kann das unser Fehler sein.Welche Fragen die „richtigen“ sind, lässt sich jedoch nicht im Voraus entscheiden.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.