Lebenszeichen und Post-Facebook-Ära

Wow – offensichtlich habe ich hier seit Januar nichts mehr gepostet. Dafür gibt es viele Gründe – der letzte wäre der, dass ich nichts mehr geschrieben oder zu schreiben gehabt hätte. Ein wichtiger Faktor war sicher, dass ich lange auf Facebook unterwegs war, was viel Zeit kostet, wenn man am Tagesgeschehen interessiert ist.

Andererseits ist Facebook alles andere als beständig, auch wenn man auf einen Schlag das Gefühl hat die ganze Welt um sich herum, oder gar als Publikum zu haben, dass seinen Applaus durch Likes und Teilen von Beiträgen kundtut.

Nun, das war und ist eigentlich nicht die Art von publizistischer Tätigkeit, wie ich sie mir immer gewünscht habe. Für mich war das Bloggen phasenweise ein Gefühl maximaler Freiheit. Eine Menge Ideen, die ich heute verfolge, habe ich auf meinem Blog entwickelt, oder zumindest dort dokumentiert. Insofern ist das hier einer meiner wichtigsten Denktagebücher.

Zugleich habe ich nicht den Eindruck, dass das hier sehr viel bewegt hätte – wobei ich aber auch sagen muss, dass ich eine Reihe von Anfragen von verschiedenen Stellen anlässlich meiner Blogpräsenz erhalten habe.

Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack – war das wirklich alles, möchte ich fragen.

Nein, das war es natürlich nicht.

Ich hatte in den letzten Jahren privat und beruflich viel Anlass Themen, Thesen, Projekte und Theorien zu testen, zu vertiefen, weiterzuentwickeln. Vieles davon vermittle ich heute in Form von Lehrerfort- und -ausbildungsveranstaltungen. Es ist klar, dass dies eine für mich viel wichtigere, da nicht zuletzt berufliche Aufgabe ist, als qausi “ins Blaue” zu posten, ungewiss, wen und was ich damit erreiche, also quasi mit der Schrotflinte nach Sonnenuntergang in den dunklen Wald zu schießen, in der Hoffnung, dass man vielleicht ein besonders wertvolles Wild erlegt (man war das jetzt eine bescheuerte Metapher…).

Aber wie man vielleicht meinen Zeilen anmerkt, hat sich da wieder einiges an Schreiblust zusammengebraut. Diesmal wird es aber anders werden, denke ich.

Ich habe hier nicht mehr vor hier Kilometer lange wissenschaftliche Abhandlungen einzustellen (das mache ich am besten woanders, oder in den Dossierbereichen), sondern ich möchte das hier wirklich wieder gerne in eine Denkfabrik umfunktionieren.

Es soll hier rauchen und qualmen!

Aber so richtig !

Zugleich habe ich aber keine Möglichkeit Debatten anzuleiten oder mitzutragen.

Ich möchte einfach das grandiose Gefühl von Freiheit beim Schreiben wiedergewinnen und genießen – und freue mich, wenn ich damit auch den einen oder anderen anstecke.

Es ist echt irre: Fast alles, da ich woanders schreibe, tue oder referiere, möchte ich mal hier auf meinem Blog verewigen. Und bereits diese Absicht gibt mir das Gefühl das entsprechende Thema für mich (im positiven Sinne) abschließen zu können und schwupp – ist es tatsächlich schon abgeschlossen, ehe noch eine Zeile geschrieben ist.

Ist mein Blog für mich nur so etwas wie ein mentaler Puffer?

Und kann bzw. sollte er nicht mehr sein, zumal ich hier wirklich viele hunderte Seiten Text digital verewigt habe (wobei das voluminöse Verb “verewigen” hier ein ganz banales “Einstellen und für paar Jahre Vergessen” meint)?

Vielleicht ist mir jetzt wieder bewusst geworden, dass mein eigentlicher “Adressat” (als Mensch, aber auch speziell als Denker oder Wissenschaftler) nicht in dieser digitalen Welt beheimatet ist.

Genau diese Erkenntnis ist es doch letztlich, die mich auch dazu bringt alle paar Monate meine Facebook-Konto zu deaktivieren und wütend auf die Zeitverschwendung dort zu schimpfen.

Und ich sage es ganz ehrlich: Die Zeiten ohne Facebook sind traumhaft!

Vor allem, wenn man so wie ich sich ständig in Islam- und Türkeithemen verstrickt, was im öffentlichen Diskurs emotional leider sehr kontraproduktive Wirkungen hat.

Aber warum kehrt man dann da wieder zurück?

Nun, zu 90% kehrt man zurück um Kontakt mit einigen engagierten und intelligenten Leuten aufzunehmen, die man am leichtesten dort erreichen kann (oder von denen man sich dies zumindest so einredet, noch ehe man im Internet nach einer Mailadresse der besagten Personen gesucht hätte).

Zu einem Anteil von 10% aber kehrt man für Blödsinn, Polemiken-Verfolgen etc. zurück.

Nach kurzer Zeit schon wächst dieser Blödsinnanteil wie ein schnell und laut heranrasendes Motorrad aber auf satte 90% an und die intelligente Wuselei rutscht fast unter die 10%-Hürde.

Nur mit dem Unterschied, dass das Motorrad hier nun genau neben dir bleibt, und du dich an den Dauerlärm gewöhnst.

Und das täglich nagende Gewissen sonnt sich immer noch im Glanz der ursprünglichen guten Absicht.

Was für ein Mist, ehrlich.

Andererseits ist das dies doch genau eine der zentralen Unphilosophien zur Wahrung schlechter Gewohnheiten und zum Schönreden von Peinlichem:

Hole einmal weit mit guter Absicht aus. Dann verschieße dein Pulver nahezu komplett. Und dann kommt der magische dunkle Moment: Irgendwo zwischen “kurz ausruhen wollen” und “kurz reinschauen wollen” rutscht man für einen Moment in den Zapp-Modus. Dann wird kurz das Gewissen ausgeknipst und man beginnt sich z. B. mit polemischen oder weder diesseitig noch jenseitig nützlichen Texten und Kommentaren vollaufen zu lassen. Dann erwacht das Gewissen, doch man hat immerhin noch nicht sein ganzes Pulver verschossen. Vielmehr hat man genau so viel übrig gelassen, dass man dem schlechten Gewissen zurufen kann: “Hey, du da! Keine Sorge! Schau her, passt doch alles!”

Und ehe man sich versieht, ist man genau in dem Modus angekommen, wegen dem ich mit meiner Liebsten vor nunmehr fast genau 10 Jahren, als wir heirateten, beschlossen hatten daheim keinen Fernseher aufzustellen – nicht weil wir ansonsten nun medienfrei leben würden, sondern weil uns das Gammel- und Hirneinschläferungsrisiko beim TV-Glotzen nach ermüdendem Arbeitstag als besonders hoch schien.

Aber siehe da, Facebook und Nefs (hier im Sinne des inneren Schweinehundes) konspirieren so genial miteinander – vermutlich durch Aktivierung des Lustzentrums im Hirn, wenn man für irgendeinen Bullshit von jemandem, der gerade Mitleid mit einem hat, ein kostengünstiges Like hingeknallt bekommt – dass die rationale TV-Flucht zu Gunsten des schöneren Lebens von raffinierten Geistern und Dämonen in Richtung von FB-Rückfällen ge-by-passt bzw. kurzgeschlossen wird.

Genau dies – in Form von Facebook – habe ich nun also vor einiger Zeit abgestellt.

Und versuche die frei gewordene Zeit und Energie sinnvoll zu investieren.

Und das Beste ist: Es funktioniert!

Natürlich ist Facebook nicht nur schlecht – oder ne, doch: Es ist einfach nur schlecht!

Zumindest dann, wenn man ohnehin nur knappe Sozialitätsreserven hat und die nicht digital verplempern möchte.

Soviel also zu meiner kurzen (und nicht ersten…) Abrechnung mit dem Allesschlucker Facebook.

Also, sieh dich vor und zieh dich warm an, Blog!

Auf dich kommen harte Zeiten zu!

In diesem Sinne,

Salâm alle miteinander…

 


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