Kosmologie mittels traditionalistischer Exegese?

Zunächst möchte ich hier der Frage nachgehen, welchen Beitrag die zahlreichen Überlieferungen, die in der traditionalistischen Koranexegese über die Schöpfung zu finden sind, und die auf Muslime der ersten Generationen oder teils gar auf den Propheten Muhammad zurückgeführt werden, für die Erschließung einer koranischen Kosmologie leisten können. Unabhängig von der schwer zu sichernden Verlässlichkeit speziell dieser Quellen haben sie eine wichtige Rolle bei der Entwicklung früher islamischer Weltbilder gespielt und verdienen allein schon deswegen eine eigene Betrachtung. Sie zeigen ganz unabhängig davon, von wem sie letztlich stammen, wie die koranischen Schilderungen in der islamischen Gelehrsamkeit verarbeitet wurden und können somit zumindest zum Teil nicht nur als Ursache von Meinungen islamischer Gelehrter, sondern auch als Wirkungen derselben verstanden werden.

Werfen wir zunächst einen Blick in eines der Schöpfungsszenarien in den Überlieferungen, das sich vom an anderer Stelle dargestellten synthetischen Erde-Himmel-Ausstattung-Modell der Traditionalisten unterscheidet. Wesentliche Aspekte davon zeigen sich in einer Überlieferung bei aṭ-Ṭabarī, die auf Prophetengefährten (insbesondere Ibn ʿAbbās) zurückgeführt wird, und die sich im Wesentlichen als ausgeschmückte Nacherzählung von 41:9-12 darstellt. Dabei kommen im Unterschied zu den wesentlichen kosmologischen Aussagen des Korans zahlreiche mythologische Elemente wie ein kosmischer Wal ins Spiel. Die Überlieferung berichtet, dass Gott am Sonntag und Montag schichtweise sieben Erden auf dem Rücken dieses Wals schuf (man beachte, dass die Erde hier offensichtlich als Scheibe gedacht wird, und dass die sechs Tage zu Wochentagen geworden sind). Allah soll mit dem kontextlosen Initialbuchstaben nūn aus Sure 68 (al-qalam) genau diesen Wal gemeint haben (In der Überlieferung heißt es: faḫalaq al-arḍ ʿalā ḥūt wa-l-ḥūt huwa an-nūn allaḏī ḏakar Allāh fī al-qalam).[1] Der Wal befände sich ferner im Wasser, und das Wasser auf einem Felsen (der übrigens auch in 31:16 erwähnt sein soll), und der Felsen sei auf dem Rücken eines Engels, und der Engel auf einem großen Stein, und dieser Stein sei im Wind. Die Bewegungen des Wals hätten Erschütterungen der Erde zur Folge gehabt. Genau diese vom Wal unter der Erde verursachten Beben seien es, die der Koran als Grund dafür nennt, warum Gott zur Stabilisierung die Berge schuf (16:10).

Interessant ist, dass bei allen Zusätzen ausgerechnet der für unser Späte-Erde-Szenario wichtigste Teil von 41:9-12, nämlich die Aufforderung „Komm!“, die von Gott nach den vierten Tag an die Erde und den rauchförmigen Himmel ausgeht, komplett ausgelassen ist, was mit dem dezidierten Frühe-Erde-Szenario der besagten Überlieferung zusammenhängen könnte. Das Kommando „Komm!“ während des Schöpfungsgeschehens steht offensichtlich in Spannung zu Frühe-Erde-Konzepten.

Abgesehen von dieser merkwürdigen Auslassung wurde der Koran hier offensichtlich großzügig als Gerüst dafür verwendet, in das verschiedenste im Umlauf befindliche Elemente gängiger Weltbilder und Mythen auch ohne Anlass in den Korantext hineingelesen wurden. Der Versuch selbst Initialbuchstaben mancher Suren mit mythologischem Inhalt zu füllen demonstriert den Anspruch den Koran kosmologisch weitgehend auszuschöpfen und anzureichern. Rückblickend erweist sich dieses Vorgehen in vielen Punkten nicht gerade als Dienst an der koranischen Kosmologie.

Die potenzielle Stärke der traditionalistischen Exegese, nämlich ihr Anspruch ihre Positionen unmittelbar vom Propheten, von seinen Gefährten oder ihren Nachfolgern zu beziehen, läuft so zumindest in kosmologischen Fragen rückblickend Gefahr einer Aufblähung neutraler oder nüchterner Koraninhalte zu hartnäckigen Mythen Vorschub zu leisten. Ein Blick in die obige Überlieferung genügt um diesen Eindruck zu bestätigen. Womöglich sind Interpretationen und Meinungen der ersten Generationen, die unter dem Einfluss der ihnen geläufigen Weltbilder im Umfeld des frühen Islams standen, im Zuge der vielen offenen Punkte, die der Koran lässt, zu prophetisch verkündeter Wahrheit erhoben worden. Das bedeutet nicht, dass der Koran selbst nicht auch Begrifflichkeiten und Denkmuster im Offenbarungsumfeld bewusst aufgreift um sie für seine Zwecke dienlich zu machen. Allerdings muss es skeptisch machen, dass viele im Koran bewusst ausgelassenen Mythen und abgeänderten Vorstellungen aus dem Umfeld der Offenbarungszeit über den Weg der Überlieferungen zu großen Teilen in das islamische Weltbild wieder eingeflochten wurden.

All das kann heute als Warnung davor gelesen werden dasselbe nun in ähnlicher Naivität und Euphorie mit aktuellen naturwissenschaftlichen Modellen zu machen und diese zu einer Art verbindlicher Auslegung von Koranversen zu erklären. Zu groß ist das Risiko dem Koran etwas aufzudichten oder die Naturwissenschaft pauschal als unverrückbaren und einheitlichen Wissensbestand misszuverstehen. Was jedoch immer sinnvoll durchführbar ist, ist es aus dem Koran mögliche Weltmodelle bzw. Modelle von bestimmten Aspekten der Schöpfung abzuleiten (unter steter Berücksichtigung und Benennung von deren Vieldeutigkeit) und deren Kompatbilität mit aktuellen Modellen aus den Naturwissenschaften zu vergleichen, wenn geklärt ist, ob beide sich dabei in vergleichbaren Begriffswelten bewegen (was ich als Erkenntnisoptimist ja an vielen Stellen angenommen habe).

Unproblematisch wäre es rückblickend, wenn lediglich eine Kompatibilität des Korans und der ausufernden Schöpfungserzählungen behauptet worden wäre, quasi als Auslegungsvorschlag. Hier wurde ihnen jedoch durch die fraglichen Rückführungsversuche auf hohe Autoritäten oder gar den Propheten eine Autorität zugesprochen, die eine kritische inhaltliche Diskussion naturgemäß erschwert, da nicht mehr klar ist, welches Modell ursprünglich auf wen zurückgeht, und wo dabei eventuell die Sphäre der prophetischen Autorität erreicht wird. Dieses Vorgehen mag einst naheliegend gewesen sein – heute wäre es verantwortungslos.

Fazit: Im Falle eines so gravierenden Konflikts wie den zwischen der scheibenförmigen Erde auf dem Rücken eines Wals und dem heutigen unstrittigen Kenntnisstand zur Physik der Erde bleibt also nur

(a) die Erhöhung dieser im Wesentlichen wörtlich genommenen Berichte zu islamischer oder gar islamisch verbindlicher Kosmologie, vorbei an Koran und  Naturwissenschaft

(b) ihre metaphorische Auslegung (taʾwīl)

(c) ihre Unterordnung unter den Koran bzw. ihre behutsame Zurückstellung

(d) eine gänzlich literaturwissenschaftliche Einordnung in die Kultur des Erzählens und in die Bildersprache des spätantiken Orients, wobei hier die Wahrscheinlichkeit eingeräumt wird, dass ein Teil dieser Berichte wirklich auf den Propheten bzw. auf den Koran zurückgehen könnte.

(e) die inhaltlich und/oder durch Isnādschwächen begründete Zurückweisung vergleichbarer Überlieferungen,

Bis auf (a) sind alle Wege aus meiner Sicht ernst zu nehmen und verdienen es durchdacht zu werden.

An Rationalität und Naturwissenschaft orientierte Gelehrte wie ar-Rāzī standen diesen Überlieferungen kritisch gegenüber, oder wiesen zumindest darauf hin, dass die dem Wortlaut nach der Vernunft und Wissenschaft widersprechenden Überlieferungen metaphorisch ausgelegt werden müssten (taʾwīl), falls sie sich als authentisch erweisen. Und das lag nicht daran, dass sie generell den Ḥadīṯ als Rechtsquelle abgelehnt, oder diese Überlieferungen übergangen hätten.

In jedem Fall waren es Vernunft und Erfahrungswissenschaft, die beide als Erkenntnisquellen auch durch die sunnitischen Kalām-Theologen beglaubigt waren, und die im Kontext der Koranexegese zahlreiche Gelehrte dazu bewogen allzu bildhafte Überlegungen und Überlieferungen zurückzuweisen oder metaphorisch umzudeuten, während die Traditionalisten nach meinem Eindruck selbst eher zu wörtlichen Deutungen tendierten. Natürlich wurden auch die rational orientierten Theologen durch ihre Orientierung an der Wissenschaft ihrer Zeit zu Fehlern verleitet, etwa wenn ar-Rāzī ganz unter dem Eindruck des geozentrischen Weltbildes beweisen und zudem noch aus dem Koran ableiten möchte, dass die (immerhin kugelförmige) Erde stillsteht (Man bedenke: Es gibt heute noch einige islamische Gelehrte, die dies vehement verteidigen – ob man unter heutigen Bedingungen solche Personen wirklich als islamische Gelehrte, oder nicht doch eher als islamische Fossilien aus einer glorreichen Vorzeit bezeichnen sollte, ist eine andere berechtigte Frage, der wir hier  jedoch übergehen wollen).

Viele Kritiker der an (Natur-)Wissenschaft orientierten Koranexegese (tafsīr ʿilmī) bringen den scheinbar koranisch und rational hergeleiteten Irrtum ar-Rāzīs heute noch als Beleg für die Unbrauchbarkeit solcher Rücksprachen der Exegese mit Naturwissenschaft an. Verglichen mit den zahlreichen durch einen naiven tafsīr bi-l-maʾṯūr eingehandelten physikalischen Absurditäten sind solche Fehler wie der des ar-Rāzī jedoch vergleichsweise harmlos. Insofern sprechen Schwächen des rationalen Ansatzes noch nicht automatisch für eine Stärke des traditionsorientierten. Letztlich scheint für eine moderne koranische Kosmologie eine Koranzentrierung, wie sie in der entsprechenden Literatur häufig vorzufinden ist, die sinnvollere und sicherere Basis zu sein.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier „Koranische Kosmologie“.

Anmerkungen

[1]  IbnʿAbd al-Muḥsin at-Turkī, ʿAbd Allāh (Hrsg.) / aṭ-Tabarī, Abū Ǧaʿfar Muḥammad ibn Ǧarīr, Tafsīr aṭ-Ṭabari, Band II, S. 462.