Kategorienfehler bei der Verhältnisbestimmung von Theorie und Praxis

Eine verbreitete Unphilosophie: Zu glauben, dass man aus dem „Töten im Namen einer Religion“ durch einige verwirrte Zeitgenossen eine Aussage über das Wesen dieser Religion ableiten kann. Das ist so ähnlich absurd, wie wenn man aus dem „Töten im Namen der Demokratie“ schon etwas über die Legitimität dieses Tötens aus der Sicht der Demokratie ableiten wollte.

Dabei ist das „Töten im Namen der Religion/Demokratie“ zunächst ein Analyse-Gegenstand für die Soziologie, Psychologie, Geschichtsschreibung etc. – ein empirischer Befund über das, was Menschen tun, und wie sie oder Außenstehende das selbe kommentieren. Hier haben wir es mit Elementen aus der menschlichen Praxis und des menschlichen Diskursverhaltens zu tun. Der parallel zur Praxis geführte religiöse Diskurs hat hier in der Regel rein instrumentellen Wert: Er dient nicht der Wahrheitsfindung.

Er ist durch die Interessen der vorgeschalteten Praxis korrumpiert.

Eine Analyse der Legitimität des Tötens aus Sicht einer bestimmten Religion/der Demokratie als tradierte Lehre ist eine theologische Frage bzw. eine Frage der politischen Philosophie oder Rechtsphilosophie. Hier haben wir es mit Elementen theoretischer Systeme zu tun.

Viele Missverständnisse, Scheindebatten und diskursive Sackgassen könnte man vermeiden, wenn man auf eine Unterscheidung dieser beiden Sphären pochen würde.

Erst, wenn man die praktische und theoretische Ebene sauber voneinander getrennt und gründlich analysiert hat, kann man nunmehr nach der Wechselwirkung dieser beiden fragen und hat dabei evtl. eine Chance etwas über die Mechanismen ihrer Wechselwirkung herauszufinden und zu überlegen, wie man das eine zur Verbesserung oder Kritik des anderen nutzen kann.

Der Versuch eine praktische Situation direkt und unkritisch aus einem der Situation unterstellten theoretischen System heraus zu erklären, blendet alle Einflussfaktoren der Lebenswirklichkeit aus und…

… macht es unmöglich soziale Missstände als das zu analysieren, was sie sind: nämlich als soziale Missstände und Folgen ungerechter Ressourcenverteilung.

… definiert den „Fremden“ zu etwas primär Ideologischem, während dieser genauso in den Zwängen seiner Lebenswirklichkeit gefangen lebt wie sein Gegenüber.

… erhöht Terroristen und Despoten zu umfassend gelehrten Intellektuellen, die sie nicht sind und auch nie waren.

… impliziert, dass die Ursachen von Gewalt und Intoleranz primär Fragen z. B. der Textauslegung sind, sodass eine Lösung all unserer praktischen Probleme in theoretischen Aufarbeitungen und Um- bzw. Neudeutungen zu suchen seien.

Es wäre schön, wenn theoretische Argumente eine solche Wirkungskraft hätten.

Ein empirischer Blick sowohl auf Gegenwart als auch auf Vergangenheit deutet auf das Gegenteil hin: Zu großen Teilen sind theoretische Diskurse und Entscheidungen für diese oder jene Perspektive nicht Ursache der Praxis, sondern die Praxis, in die man hinein sozialisiert worden ist, entscheidet erst darüber, was man in der Theorie überhaupt noch erkennen und aktivieren kann.

Das einzige Mittel dagegen, d. h. für eine originäre Mobilisierungskraft von Theorie/Philosophie/Theologie ist die regelmäßige kritische Reflexion und die Bewusstseinsbildung.

An zweiter Stelle ferner praktische Erfahrungen, die die eigenen Überzeugungen herausfordern und so ein Theoretisieren aus innerem Bedürfnis heraus anregen.

Wenn all dies ausbleibt, dann ist das einzige, was Theorie zu leisten vermag, eine leichte Variation innerhalb der von der Lebenswirklichkeit dem Gefühl nach vorgegeben Möglichkeiten, häufiger aber noch eine rückwirkende Legitimation des Staus Quo.

Dabei sollte Theorie doch gerade die Praxis übersteigen und Utopie denkbar machen – um Utopie im Hier und Jetzt beginnen zu lassen, während die Praxis von sich aus keinen Weg zur Utopie weist.

Da jedoch allgemein nicht von einer solchen Wirkungskraft zeitgenössischer Theorie ausgegangen werden kann, müssen alle Analysen von Praxis in Kategorien tradierter Theorie und darauf aufbauende Lösungsversuche als zum Scheitern verurteilt gelten.

Praktische Probleme sollten daher in der Regel praktisch, theoretische Probleme wiederum theoretisch gelöst werden.


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