Ist die muslimische Ehefrau ihrem Mann untergeordnet?

1) Einstieg: Patriarchale und emanzipatorische Lesarten von 4:34

Sure 4, Vers 34 des Korans gilt sowohl in muslimischen wie nichtmuslimischen Kreisen als die zentrale Koranpassage, die dem Mann in der Ehe eine Vorrangstellung gegenüber der Frau einräumt und ihm zudem eine Durchsetzungsrecht zuspricht, das nach gängiger Auffassung als letzten Schritt auch die Möglichkeit zu einer gemäßigten körperlichen Züchtigung einschließt. In diesem Beitrag möchte ich sowohl diese Vorrangsstellung des Mannes als auch das daraus abgeleitete Durchsetzungsrecht im Lichte von 4:34 diskutieren und zunächst ausgehend vom Koranvers selbst, dann unter Einbezug historischer Kontexte zeigen, wie diese patriarchalen Strukturen mittels Analyse ihrer Voraussetzungen auch im Rahmen des islamischen Glaubens überwunden bzw. entschärft werden können.

Die Vorrangstellung des Mannes äußert sich zunächst darin, dass der Mann als Familienoberhaupt eingesetzt ist, der für die Ernährung, den Schutz und die Vertretung der Familie nach außen zuständig ist. Zum Vorrang werden diese Verpflichtungen insbesondere dadurch, dass die Ehefrau nach klassisch-islamischer Auffassung ihrem Ehemann gegenüber zu Gehorsam verpflichtet ist, wobei dies allerdings nicht islamwidrige Angelegenheiten umfasst, ebensowenig den Umgang der Frau mit ihrem Eigentum [1]. Ansonsten gilt die Gehorsamspflicht klassisch zunächst in praktisch allen anderen Bereichen, sofern im Ehevertrag nicht explizit Ausnahmen genannt sind. Auf liberale und konservative Umsetzungen dieser Punkte in verschiedenen islamischen Ländern wird in diesem Beitrag nur am Rande eingegangen.

Zu den Begriffen: Im Folgenden möchte ich den Zustand der Vorrangstellung des Mannes in Ehe oder Gesellschaft als Ausdruck einer patriarchalen Struktur bzw. als Patriarchat bezeichnen. Das klassisch-islamische Patriarchat ist historisch nichts Ungewöhnliches – die dem zugrundeliegende Vorstellung einer fest vorgegebenen Rollenverteilung in der Ehe entspricht zu großen Teilen auch europäischen Vorstellungen bis in die jüngste Zeit hinein. In der ersten Hälfte dieser Darstellung werde ich die geläufige Auslegung des besagten Verses skizzieren und Argumente dafür anführen, dass in diesem Vers kein absolutes patriarchales Verhältnis formuliert ist, sondern nur ein bedingtes. Das würde heißen, dass die im Koran angedeutete Vorrangstellung des Mannes und das damit verbundene Durchsetzungsrecht in der Ehe nur für bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse gedacht ist, die insbesondere dem historisch-kulturellen Umfeld der Entstehung des Islams angepasst sind. Denn der Koran nennt für eine patriarchale Familienstruktur Bedingungen, von denen die eindeutigste zugleich die variabelste ist, nämlich die absolute Versorgerrolle des Mannes. Diese Bedingung ist offensichtlich zivilisatorisch bedingt und kann nicht in allen Gesellschaften zu allen Zeiten als gegeben vorausgesetzt werden. Auch Ansätze in der islamischen Tradition zu dieser bedingt-patriarchalen Lesart sollen hier vorgestellt werden.

Aufgrund dieser inhärenten Bedingungsstruktur von 4:34 steht dieser Vers also einer Koranlesart, die unter den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen der Moderne von einer rechtlichen Gleichrangigkeit von Mann und Frau ohne spezielles Durchsetzungsrecht des Mannes ausgeht, nicht im Wege. Eine solche nur bedingt-patriarchale Lesart möchte ich im Folgenden auch als emanzipatorisch bezeichnen, was bedeutet, dass aus den biologisch angelegten Unterschieden zwischen Mann und Frau kein angeborener hierarchischer Rangunterschied in Ehe oder Gesellschaft abgeleitet wird.

Der in den islambezogenen Diskursen am kontroversesten diskutierte Aspekt von 4:34 ist jedoch ein anderer, nämlich das dem Vers entnommene Durchsetzungsrecht des Mannes, das als letzte Stufe auch die Möglichkeit zur Züchtigung der Frau vorsieht. So soll hier zum einen auch geklärt werden, wie die traditionellen Rechtsgelehrten mit diesem brisanten Aspekt umgegangen sind, wobei auch auf Hadithe, also auf Überlieferungen von Aussprüchen des Prophten Mohammed zu diesem Thema eingegangen wird.

Obwohl in der hier vorgeschlagenen, nur bedingt-patriarchalen Auslegung das Züchtigungsrecht als Endstufe der Durchsetzungsrechts in modernen Gesellschaften ohnehin außer Kraft gesetzt wäre, ist es mir aufgrund seiner Brisanz dennoch wichtig jene Zugänge zu 4:34 vorzustellen, die das Schlagen explizit thematisieren und als mögliche Praxis für heute ausschließen ohne den koranischen Offenbarungsanspruch in Frage zu stellen.

Dazu werde ich einen modernistischen Ansatz vorstellen, der das betreffende Wort in 4:34 alternativ auslegt, und zwei historisierende Ansätze, die zwar den Wortlaut als „Schlagen“ anerkennen, aber diese Praxis auf einen bestimmten historisch-kulturellen Kontext beschränken. Dabei handelt es sich um den systematisch-historisierenden Zugang des Islamwissenschaftlers Ömer Özsoy und um eine partikulär-historisierende Auslegung des reformorientierten und zugleich im Rahmen des klassischen Islamverständnisses argumentierenden Rechtsgelehrten Hayrettin Karaman. Diese Ansätze haben eine vollständige Überwindung des Züchtigungsrechts zur Folge.

Der eingangs erwähnte bedingt-patriarchale Zugang zu 4:34, dessen Grundideen bereits in der islamischen Tradition wurzeln, ist mit diesen Ansätzen kompatibel, teils sogar verwandt, setzt jedoch nicht bei der Analyse des Züchtigungsrechts an, sondern an der Bedigungsstruktur zu Beginn des Verses überhaupt. Somit führt dieser zu einer generellen Relativierung der Vorrangsstellung des Mannes, die die Grundlage des Durchsetzungsrechts war, und bildet zugleich den Grundstein einer grundsätzlich emanzipatorischen Lesart des Korans, die in diesem Beitrag vorerst nur am Beispiel von 4:34 dargestellt werden soll.

All diese Ansätze verdeutlichen vor allem eines: Das islamische Denken kann gleich mehrere Wege für den Umgang mit klassisch-islamischen Themen anbieten, die im modernen Kontext ihre ursprünglichen Zwecke nicht mehr erfüllen und daher oft mehr Probleme erzeugen als sie lösen, da sich ihr ursprünglich vorhandener kultureller Rahmen ganz grundsätzlich und unwiderruflich verändert hat. So ist es wohl nicht mehr eine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann und Wie, auf welche Weise die muslimische Rechtstheorie und –praxis überkommene Konzepte aufgeben und sich wieder dem eigentlichen moralischen Ethos des Islam einer gerechten, vernünftigen und gottgefälligen Welt widmen wird.

2) Das bedingte Patriarchat, oder: die vier Bestandteile von 4:34 im Kontext

Sure 4 Vers 34 beinhaltet im Wesentlichen vier wichtige Teile, nämlich eine Aussage über die Vorrangstellung des Mannes, zwei Begründungen bzw. Bedingungen hierzu und schließlich als Folgerung ein Durchsetzungsrecht des Mannes, das nach klassischer Auffassung als letzten Schritt auch ein Züchtigungsrecht beinhaltet. Aber zunächst zur Vorrangstellung. Henning/Hofmann übersetzen diesen Teil so [2]:

„Die Männer stehen für die Frauen in Verantwortung ein, mit Rücksicht darauf wie Allah den einen [wörtlich: manche] von ihnen mit mehr Vorzügen als den anderen [wörtlich: als manche] ausgestattet hat, und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben.“

Es ist gerade dieser Teil des Verses, der entscheidend für die Möglichkeit einer emanzipatorischen Auslegung ist. Denn hier wird dem Mann nicht einfach eine Vorrangstellung eingeräumt, sondern diese wird mit zwei Begründungen gestützt. Allerdings sind diese Begründungen bei näherem Hinsehen nicht als zwei unverrückbare Fakten formuliert, aus denen dann die Vorrangstellung des Mannes direkt gefolgert wird, sondern es handelt sich einmal um einen unscharf umrissenen Grund („Vorzüge“), und das andere mal um eine veränderliche Bedingung („vom Vermögen ausgeben“). Der Folgesatz ist für die weitere Diskussion des Verses im Moment nicht relevant, aber der Vollständigkeit halber sei er hier auch angeführt:

„Die rechtschaffenen Frauen sind demütig ergeben und sorgsam in der von Allah gebotenen Wahrung in der Intimsphäre.“

„Demütig ergeben“ ist nach geläufiger Auslegung noch kein Hinweis auf das Verhältnis der Frau zum Mann, sondern zu Gott [3]. Das im Arabischen für „demütig ergeben“ verwendete Wort lautet qânitât und wird auch in 33:35 als Eigenschaft sowohl von gottergebenen Männern als auch von Frauen verwendet [4].

2.1) Das Patriarchat als bedingte Norm

Die Beziehung zwischen diesen beiden Begründungen und der Vorrangstellung wird nicht etwa mit einem einfachen „weil“ gefestigt, sondern mit einem „mit Rücksicht darauf wie“, was schon durch die Wortwahl auf eine beweglichere Beziehung im Sinne von „das eine gilt je in Abhängigkeit vom anderen“ hindeutet. Das verwendete Subjunktion lautet im Arabischen bimâ, das wörtlich übersetzt eher „womit“, „mit dem, das“, „durch das, was“, „in Anbetracht dessen, dass“ bedeutet [5]. Es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied zu sagen „Männer sind Oberhäupter, weil sie vom Vermögen hergeben“ oder „Männer sind Oberhäupter in Anbetracht dessen, dass sie von ihrem Vermögen hergeben“. Letzteres macht es eher denkbar, dass manche Männer eventuell nicht von ihrem Vermögen hergeben, was dann auch die Folgerung ihres Vorrangs in der Ehe nicht mehr möglich macht. Bubenheim/Elyas übersetzen die Beziehung zwischen Vorrangstellung und den Begründungen ebenfalls in diesem schwächeren Sinn mit „Die Männer stehen in Verantwortung für die Frauen [ein] wegen dessen, womit Allah […].“ [6]

Aber selbst, wenn man die Beziehung mit „weil“ übersetzt: Die Vorrangsstellung wird in jedem Fall aus zwei Begründungen abgeleitet, die ich aufgrund ihrer offensichtlichen Unschärfe („Vorrang“) und Veränderlichkeit („Vermögen“) als Bedingungen verstehe, die je nach Gesellschaft gegeben oder nicht gegeben sein können. Also können wir als erstes Fazit festhalten:

(1) 4:34 formuliert eine Vorrangstellung des Mannes, doch macht diese abhängig von zwei Bedingungen, nämlich den Vorzügen, mit denen Gott manche Menschen ausstattet, und dem, was die Männer ausgeben. Es ist zu prüfen, wie konkret diese Bedingungen sind und ob der Koran diese als Fakten auffasst, oder als wandelbare Umstände. Wenn es möglich ist, dass die Bedingungen der Vorrangstellung unter Umständen nicht erfüllt sind, dann würde unter diesen Umständen auch nicht die Vorrangsstellung des Mannes folgen.

So verstanden wäre die Aussage des Verses „Der Mann ist das Oberhaupt, sofern er Vorzüge aufweist und von seinem Vermögen hergibt.“ Bringt man diesen auf die Form eines Konditionalsatzes, dann würde er lauten: „Wenn der Mann gewisse Vorzüge aufweist und von seinem Vermögen hergibt, dann ist er das Oberhaupt“. Dies ist eine Wenn-dann-Bedingung. Wenn wir an seine Gültigkeit glauben, dann behaupten wir nicht, dass der Mann immer das absolute Oberhaupt der Familie ist, sondern dass er es dann ist, wenn die beiden anderen Bedinungen gegeben sind. Das heißt: Hier liegt eine bedingte Regel vor. Der Nachsatz („dann“) des Wenn-dann-Satzes wiederum erhält immer dann Gültigkeit, wenn die Vordersatz („wenn“) erfüllt ist.

Wenn der Vordersatz („wenn“) mal nicht erfüllt ist, dann kann der gesamte Wenn-dann-Satz als Regel immer noch als wahr und gültig anerkannt werden, ohne jedoch keine praktischen Konsequenzen nach sich zu ziehen.

2.2) Ein analoges Beispiel für das bedingte Patriarchat: Albert lädt zu einer Party unter freiem Himmel ein

Ein Vergleich soll das Gesagte veranschaulichen: Albert lädt alle Mitglieder seines Vereins jeden Monat zu einer kleinen Feier ein, die überwiegend unter freiem Himmel stattfindet. Dabei verwendet er zum Andenken an den ersten historisch bedeutsamen Termin immer den selben Einladungstext. An einer Stelle heißt es darin: „Regenschirme sind mitzubringen mit Rücksicht darauf, dass sich manche Stände im Freien befinden und es womöglich regnet“. Denn als er diesen Text schrieb, war das Wetter durchweg regnerisch. Aus dem Satz folgt nicht, dass Albert meint, dass es an jedem Veranstaltungstermin im Kalenderjahr regnen würde und daher in Zukunft immer Schirme mitzubringen sind. Es ist nicht einmal davon auszugehen, dass Albert damit meinte, dass es an den meisten Terminen regnen würde.

Warum dann der Hinweis auf Regen? Das lässt sich wie angedeutet nur aus dem historischen Kontext erschließen: Alberts Text wurde offensichtlich zu einer Zeit formuliert, als es sehr wahrscheinlich oder gar sicher war, dass Regen zu erwarten ist. Da Albert nur einmal einen Text verfassen wollte, forderte er unter Berücksichtigung des aktuellen Wetters das Mitbringen von Schirmen, war jedoch weitsichtig genug die Gründe für diesen Wunsch zu nennen, damit es sich Gäste, die alle Regeln Alberts befolgen wollen, nicht unnötig schwer machen, wenn in zwei Monaten über einen längeren Zeitraum nicht mehr mit Regen zu rechnen ist.

Aus Alberts Satz „Regenschirme sind mitzubringen mit Rücksicht darauf, dass sich manche Stände im Freien befinden und es womöglich regnet“ lässt sich also nicht folgern, dass Albert will, dass die Gäste immer und unter allen Umständen Schirme dabei haben, also auch an einem wolkenfreien Hochsommertag. Dennoch bleibt der Gehalt des Satzes sinnvoll: Wenn Regen zu erwarten ist, dann ist im Hinblick auf Stände unter freiem Himmel in jedem Fall ein Schirm mitzubringen. Hieraus zu folgern, dass Schirme immer mitzubringen sind, als ein absolutes Gebot aus Alberts Satz abzulesen, verkennt die rationale Beziehung zwischen den genannten Bedingungen und dem Mitbringen des Schirms. Vielmehr müsste Alberts Satz als bedingtes Gebot der Form „wenn Regen zu erwarten ist, dann sind Schirme mitzubringen“ verstanden werden, was etwas anderes ist als ein absolutes Gebot der Form „Schirme sind mitzubringen“, das nicht um Bedingungen ergänzt wird. Wenn Alberts Gäste alle im Sommer mit Schirmen aufkreuzen würden, dann würde er sie wahrscheinlich auf dieses Missverständnis aufmerksam machen.

Wenn wir uns nochmals 4:34 genauer anschauen, dann können wir uns ebenso fragen: Warum sollte Gott für die Vorrangstellung des Mannes zwei praktische Begründungen nennen, wenn die Vorrangstellung des Mannes nicht als situationsbedingte, sondern als absolute göttliche Norm gemeint wäre? Offensichtlich, weil es sich hierbei eben nicht um eine absolute Norm handelt, sondern um eine Festlegung, die mit Umständen begründet wird, die rein praktischer Art und somit auch wandelbar sind.

2.3) Vorzüge der Geschlechter als erste Patriarchatsbedingung

In Rudi Parets Koranübersetzung sind die Patriarchatsbedingungen sehr direkt formuliert. Laut Paret sind die Männer das Familienoberhaupt, „…weil Gott sie ausgezeichnet hat…“ [7]. Im Grunde ist diese Übersetzung so eindeutig, dass man die Diskussion hier schon mit der Feststellung beenden müsste, dass laut Koran Gott eindeutig die Männer vor den Frauen mit diversen Fähigkeiten von Natur aus ausgezeichnet hat, die ihm die Vorrangsstellung sichern. Blickt man in den arabischen Text, dann findet man dort stehen: bimâ faddal allâhu ba’dahum ‚alâ ba’d. Letzerer Teil erinnert den türkischsprachigen Leser vielleicht an das das Türkische „bazisini bazisina“, was auf eine Bedeutung der Art „er zog manche von ihnen manchen vor“ hinweist, womit hier keine absolute Grenzziehung zwischen Männern und Frauen gemeint wäre. In der Koranexegese des türkischen Gelehrten Hamdi Yazir (gest. 1942 n. Chr.) zu 4:34 wird dies bestätigt und erklärt. Insofern könnte man in Ausdifferenzierung von Henning/Hofmann die betreffende Passage etwas näher am Wortlaut des Originals so übersetzen:

„Die Männer stehen für die Frauen in Verantwortung ein, mit Rücksicht darauf wie Allah manche von ihnen mit mehr Vorzügen als manche [andere] ausgestattet hat…“.

Yazir vertrat wie die meisten Gelehrten die klassische Auffassung, dass der Mann einen Vorrang vor der Frau hat. Aber mit dem hier genannten Argument stellte er zugleich fest, dass die koranische Begründung eben nicht aussagt, dass die Männer generell vor den Frauen ausgezeichnet seien, sondern dass Gott sowohl Männern, als auch Frauen gewisse Auszeichnungen, d. h. Stärken und besondere Eigenschaften gegeben habe [8]. Wenn der Koran gemeint hätte, dass Gott – wie bei Paret – die Männer vor den Frauen ausgezeichnet hat, dann wäre laut Yazir eine eindeutige Formulierung der Art „bimâ faddalahum allâhu ‚alayhinna“ naheliegender, was bedeuten würde: „…womit Gott sie [männlich]vor ihnen [weiblich] ausgezeichnet hat“. Aber aus dem vorliegenden Korantext würde nur folgen, dass sowohl Männer Stärken hätten, die die Frauen nicht haben, und Frauen Stärken, die die Männer nicht haben.

Insgesamt würde laut Yazir die Verteilung dieser Stärken auf das klassische Rollenverständnis von Mann und Frau hinauslaufen, das in etwa den Mann als Versorger, Beschützer und Verwalter der Familie, und die Frau als Mutter und Hausfrau definiert. Wichtig ist auch, dass Yazir aus dem “manchen über manche“ auch folgert, dass die Qualifizierung der Männer als Familienoberhaupt nicht auf alle Männer zutrifft, sondern nur auf „manche“. In diesen Punkten argumentiert Yazir modern, nämlich indem er den Vorrang des Mannes nicht aufgrund einer prinzipiellen Höherstellung des männlichen Geschlechts, sondern aufgrund seiner Funktion und Kompetenz als Ernährer und Beschützer definiert, die nicht bei allen Männer gleichermaßen gegeben sei. Worin er klassisch bleibt ist, dass er aus dieser funktionalen Überlegenheit “mancher” Männer eine universelle Regel zugunsten des Mannes ableitet, da an sich nicht nur manche, sondern die meisten Männer eher zur Familienführung qualifiziert wären. Eben dies ist aber womöglich mehr als aus dem Vers folgt. Denn die zweite Patriarchatsbedingung, die im nächsten Abschnitt noch diskutiert wird, ist die konkretere von beiden und deutet nicht Universalisierbarkeit hin.

Beim Islamwissenschaftler Abdullah Takim findet man eine Kritik an Parets absoluter Übersetzung („weil Gott sie ausgezeichnet hat“) – Paret würde nur eine Seite der Medaille sehen, wenn er den bewusst unscharf formulierten Vers einseitig zugunsten des Mannes auslegen würde [9]. Takim nennt eine Reihe weiterer Autoren, die die Ausstattung mit Vorzügen in Richtung beider Geschlechter ausweiten, insbesondere Süleyman Ates, Abdoldjavad Falaturi und Nasr Hamid Abu Zayd. Interessant ist auch eine von ihm angeführte Analogie von Amina Wadud. Wadud weist darauf hin, dass der Koran mit der gleichen Formel wie oben auch von den Propheten aussagt, dass “manche von ihnen vor manchen” ausgezeichnet worden seien, was der Koran damit verdeutlicht, dass alle unterschiedliche Zeichen Gottes erhalten hätte (2:253) [10]. Trotz dieser unterschiedlichen Auszeichnungen sagt der Koran aber auch, dass Muslime keinen Unterschied zwischen den Propheten machen sollen (2:285). Es ist also in der koranischen Logik durchaus denkbar, dass Menschen voreinander durch Eigenschafen ausgezeichnet sein können, ohne dass sie dadurch an Rang oder Wert verlieren.

Nach all dem Gesagten soll hier auch ein eher empirischer Aspekt nicht vernachlässigt werden: Die meisten Qualifikationen, die in modernen Gesellschaften lebensnotwendig sind, sind nicht von Geburt an mitgegeben, sondern werden durch Erziehung, Sozialisation und vor allem durch eine jedermann zugänglich Bildung angeeignet. Die Fähigkeit des Mannes seine Familie mit Muskelkraft zu beschützen, sein Wissens- und Kompetenzvorsprung in vielen Fragen der Lebensführung und seine oft körperlich verstandene Arbeitskraft haben sich unter heutigen Bedingungen zumindest in modernen Wissens- und Informationsgesellschaften auf dramatische Weise relativiert. Die meisten der heute notwendigen Kompetenzen sind durch die gemeinsame Schulbildung beiden Geschlechtern gleichermaßen zugänglich, sodass Frauen in vielen Bereichen ebenso gut abschneiden wie Männer. Ich behaupte derweil nicht, dass dies in allen Lebensbereichen der Fall ist oder sein muss. Auch will ich nicht behaupten, dass Frauen sich nun generell gezwungen sehen müssten überall die selben Kompetenzen zu erwerben wie die Männer. Aber es ist notwendig zu erkennen, dass noch vielerorts und in vielen Familien dem Mann ein patriarchaler Vorrang zugestanden wird, der schlichtweg nicht bzw. nicht mehr verdient ist. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch eine Vergeudung von gesellschaftlichen Ressourcen und Potenzial.

Männer und Frauen müssen nicht kategorisch gleich gemacht werden. Aber es widerspricht dem Gerechtigkeitsgefühl und ist rational nicht nachvollziehbar, wenn Männer allein aufgrund ihres Geschlechts Bevorzugungen genießen, die Frauen selbst bei Vorliegen gleicher oder höherer Kompetenzen nicht zugestanden werden. Eben in diesem Sinne verstehe ich persönlich den hier diskutierten Vers nicht als statische, sondern als bewegliche Regelung: Männer können das Oberhaupt sein, wenn sie die dazu nötigen Voraussetzungen und Überlegenheiten in eindeutiger Weise mitbringen, sodass es von Vorteil von beiden Seiten ist eher das klassische Rollenverhältnis zu übernehmen. Allerdings ist ein solches Verhältnis heute aufgrund neuer Gegebenheiten und Möglichkeiten nur als eine mögliche Option unter anderen sinnvoll denkbar – eine Option, die von der Absprache der Beteiligten abhängt und nicht als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden kann. Denn heute haben sich die Voraussetzungen für verschiedene Aspekte von Familienführung und -verantwortung geändert und werden nun oft ebenso auch von Frauen mitgebracht. Zudem ist heute die Arbeitsteilung gerade in einer Ehe, in der oft beide Partner arbeiten, viel zu komplex, als dass es sinnvoll wäre unverrückbare und universelle Sphären für Mann und Frau zu definieren. Aus diesen Gründen erübrigt sich das Festhalten an einer unverrückbaren Hierarchie zwischen Mann und Frau. Zusammengefasst:

(2) Der Koran sagt in der ersten seiner zwei Begründungen der klassischen Rollenverhältnisse nicht aus, dass Gott alle Männer mit Führungsqualitäten versehen hat, sondern dass Gott manche Menschen vor manchen mit Vorzügen ausgestattet hat. Das klassische Rollenverhältnis wird als nicht durch absolute Überlegenheiten der Geschlechter, sondern durch einen Hinweis auf mögliche funktionale und praktische Überlegenheiten mancher Menschen definiert. Außerdem werden in dieser ersten Begründung gar keine konkreten Überlegenheiten genannt. Es bleibt somit genügend Flexibilität für veränderte Bedingungen, insbesondere für die modernen Verhältnisse, in denen andere Kompetenzen zur Familienführung nötig werden als in der spätantiken Stammesgesellschaft – Kompetenzen, die hier und heute zweifelsohne auch Frauen breitflächig besitzen. Damit relativiert sich die erste koranische Bedingung zur Einführung einer eindeutigen Hierarchie zwischen Mann und Frau.

Dass qualifizierende Vorzüge einen Vorrang legitimieren, ist eine sehr allgemeine Überlegung. Und es wäre unbefriedigend, wenn das alles wäre, was der Vers zu sagen hat. Doch der Vers nennt noch eine zweite Bedingung, die sehr konkret ist und unseren Überlegungen zu einem bedingten und nicht absoluten Patriarchat eine klare Richtung weist.

2.4) Absolute Versorgerrolle des Mannes als zweite Patriarchatsbedingung

Laut Koran sind Männer nicht nur aufgrund der nicht weiter erläuterten Stärken, die Gott unterschiedlich verteilt hat, zum Familienoberhaupt bestimmt, sondern insbesondere auch „… weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben“ (Henning/Hofmann). Damit ist sowohl die Brautgabe (mahr) gemeint, die der Mann seiner Ehefrau im Zuge der Heirat zahlen muss und die einen hohen Betrag ausmachen kann, als auch seine Aufwendungen für ihre Versorgung und ihren Unterhalt [11]. Wenn der Ehemann die Brautgabe entgegen der Vereinbarung beim Ehevertrag nicht zahlt, kann die Frau laut einer verbreiteten klassischen Auffassung unter den islamischen Rechtsgelehrten ihre ehelichen Verpflichtungen verweigern [12]. Bereits daran erkennt man, dass das islamische Recht die Gehorsamspflicht der Frau in einer engen Beziehung mit den Aufwendungspflichten des Mannes sah. Zu ergänzen wäre hier, noch, dass die klassischen Verpflichtungen des Mannes gegenüber seine Frau nicht auf den finanziellen Aspekt beschränkt sind – im Vers klingt auch die Beschützerrolle des Mannes an, was bis zum Einsatz des eigenen Lebens für den Schutz der Familie durch äußere Bedrohungen führen kann. Aus klassischer Sicht ist es also die existenzielle Abhängigkeit der Frau vom männlichen Einsatz für sie, mit der eine patriarchale Struktur legitimiert wird.

Das impliziert zugleich, dass ein Fehlen der absoluten Versorgerrolle des Mannes dem Patriarchat wiederum die rationale Grundlage entzieht. Das wird neben dem Aspekt der Brautgabe vor allem auch bei den Überlegungen zum Verhältnis von Mannesrolle und regelmäßigem Unterhalt der Frau deutlich. Der zwischen traditionellen und modernen Sichtweisen abwechselnde Exeget Yazir schreibt hierzu: „Männer, die dem Recht ihrer Frauen nicht gerecht werden, die es auf das Eigentum ihrer Frauen abgesehen haben, die nicht ihrer Verpflichtung zu familieninternen Ausgaben nachkommen und die die Ehre ihrer Familien nicht beschützen können, werden nicht zu den Männern gezählt“ [13]. Für solche als defizitär beschriebenen Männer wäre für Yazir wohl auch keine Vorrangstellung denkbar. Das folgt aus seinem folgenden Satz, der den Status des Mannes darlegt, der nicht die genannten Makel aufweist: „Es ist ohne Zweifel ein legitimes Recht der Männer, die diesen Pflichten nachkommen, dass sie über ihre Frauen bestimmen und von ihnen Gehorsam und Loyalität erwarten können“ [14]. Das Zustandekommen dieses sehr traditionellen Verhältnisses wird also von der Erfüllung der genannten Bedingungen abhängig gemacht. Angesichts des Verses verwundert es auch nicht, dass Yazir die umgesetzte Erwerbsfähigkeit des Mannes als wichtigstes Überlegenheitskriterium bezeichnet. Bis hierhin entsprechen seine Darstellungen ganz dem hier verteidigten Ansatz eines bedingten Patriarchats.

Jedoch entsteht eine Differenz hierzu, sobald Yazir den Mann kategorisch als von Natur aus aktionsfähig zum Erwerb bezeichnet, während die Frau von Natur aus vor allem die Fähigkeit zum Gehorsam besitze. Das sind wohlgemerkt nicht die koranischen Thesen. Ferner widerlegen sowohl die Erfahrungen in der modernen Wissens- und Informationsgesellschaft, als auch unser Wissen über Sozialisierungsprozesse die Annahme einer prinzipiellen Unfähigkeit und fehlenden Eignung der Frau zum Erwerb.

Andererseits haben wir das Votum des Koranexegeten Yazir für das bedingte Patriarchat, das dieser aber im Unterschied zum bedingt-patriarchalischen Ansatz als den prizipiell erwünschten und natürlich gegebenen Zustand darstellt. Jedoch hat Yazir sein Werk aus einer türkischen Perspektive auf die Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben, als es nicht nur unter Muslimen üblick war so zu denken.

Interessant ist derweil auch eine Begebenheit, auf den Abdullah Takim in Anschluss an Falaturi aufmerksam macht. Laut ihm findet man die Idee eines von der männlichen Leistungsfähigkeit abhängig gemachten und durchaus nicht gesicherten Patriarchats bereits in der islamischen Tradition vor. Vom Rechtsgelehrten und Sufi al-Sha’rânî (gest. 1565 n. Chr.) überliefert Takim folgenden Satz zur Überlegenheit des Mannes: „Wer unter den Männern keinen Beruf hat, ist dem Range der Frau gleichgestellt.“ [15]. Auch hier wird das Patriarchat offensichtlich rein funktional begründet, und nicht von einem angeborenen Vorrang her, d. h. nicht ontologisch.

Der Islamwissenschaftler Ömer Özsoy weist ferner darauf hin, dass manche schafi’îtische und malikitische Rechtsgelehrte der Auffassung waren, dass der Vorrang des Mannes in der Ehe nur dann gelte, wenn beide Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind, also wenn der Mann charakterliche Überlegenheiten mitbringt und zugleich seine Frau versorgen kann. Wenn der Mann die finanziellen Bedürfnisse der Frau nicht mehr befriedigen könne, würde er laut diesen Gelehrten seinen Status verlieren und die Frau könne die Ehe einseitig aufheben [16].

Diese klassischen islamischen Stimmen sind ein wichtiger Beleg dafür, dass die rein funktional und nicht ontologisch begründete Oberhauptrolle des Mannes bereits in der islamischen Gelehrtentradition diskutiert wurde, und zwar gerade auf Grundlage von 4:34. Warum sollten wir dies heute nicht unter Berücksichtigung der Gegebenheiten von heute konsequent weiterentwickeln? Der im textuellen und historischen Kontext verstandene Koran ist hierbei entgegen dem ersten Eindruck kein Hindernis, sondern gibt uns sogar Hinweise, wie eine solche Entwicklung aus der islamischen Tradition heraus begründet werden kann.

Der Hauptunterschied zwischen den wichtigen von Takim und Özsoy zitierten klassischen Positionen und den modernen emanzipatorischen Position ist der, dass wir dem Mann hier und heute keinen natürlich gegebenen Vorsprung in der Eignung zur Berufs- und Erwerbsfähigkeit attestieren können. Diese Einsicht scheint mir kein neues, modernes Vorurteil zu sein, sondern sie wird jeden Tag an Schulen, Universitäten, im Alltag und Berufsleben bestätigt. Die Annahmen des zum Arbeiten und Führen besonders geeigneten Mannes, wie sie von den klassischen Patriarchatsbefürwortern vertreten werden, entpuppen sich unter den heutigen Umständen jedoch immer mehr als weitgehend überkommenes Vorurteil und Wunschbild, das in früheren Gesellschaften oder zu Kriegszeiten vielleicht angemessen war, jedoch hier und heute Ungerechtigkeiten schafft und gesellschaftliche Entwicklungen behindert.

Hier sei auch noch auf einen anderen wichtigen Punkt aufmerksam gemacht: Während der Koran die absolute Versorgerrolle des Mannes als Überlegenheitskriterium anführt, gewährt er in der selben Sure noch der Frau Möglichkeiten zu einem eigenen Vermögen. An erster Stelle ist zu nennen, dass der Koran der Frau ein Erbrecht zusprach (4:11 ff). Ferner weist der Koran auch darauf hin, dass die Frau auf die Morgengabe des Mannes auf Wunsch auch verzichten kann (4:24). Solchen Regelungen und Hinweise kann man durchaus auch als richtungsweisend zur Auflösung der Patriarchatsbedingungen verstehen.

Abschließend zu diesem Abschnitt sei noch angemerkt, dass es nicht im Sinne der hier vorgestellten Lesart wäre das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe unmittelbar und bürokratisch aus den Einkommensverhältnissen heraus berechnen zu wollen. Denn zum einen ist davon auszugehen, dass der koranische Hinweis „… und weil sie von ihrem Vermögen (für die Frauen) ausgeben“ eher als gesamtgesellschaftlicher Hinweis zu verstehen ist, und nicht als Kriterium für eine Entscheidung in Einzelfällen. Ferner muss heute auch bedacht werden, dass z. B. eine Frau mit Berufsausbildung oder Universitätsabschluss, die jedoch nicht erwerbstätig ist, zumindest potenziell erwerbstätig sein könnte. Wenn sie in Absprache mit ihrem Ehemann auf die Berufstätigkeit verzichtet, oder diese einschränkt, um sich mehr um die Kinder oder das Zuhause zu kümmern, dann würde das nichts an ihrer potenziellen Berufsfähigkeit ändern. Kurzum: Eine Rollenverteilung, in der die Frau nicht existenziell vom Mann abhängt, sondern in der die Frau auf bewusste Absprache mit dem Mann auf ihre Berufstätigkeit verzichtet hat, würde mit Sicherheit nicht das bedingte Patriarchat zur Folge haben. Diese Beispiele sollen verdeutlichen, dass das koranische Versorgungskriterium nicht isoliert vom Gesamtkontext der gesellschaftlichen und familiären Möglichkeiten und Absprachen betrachtet werden sollte. Darum habe ich oben das vom Koran angedeutete Versorungskriterium als absolute Versorgerrolle bezeichnet, die nicht identisch ist mit der pragmatischen, auf reiner Absprache beruhende Versorgerrolle, wie wir sie in unserer Gesellschaft oft haben. Fassen wir nun zusammen:

(3) Die klarste und wichtigste Bedingung, die der Koran für die Begründung eines patriarchalen Rollenverhältnisses nennt, ist die absolute Versorgerrolle des Ehemannes, von der die Ehefrau existenziell abhängt. Eine solche absolute Rolle kann in modernen Gesellschaften, in denen Mann wir Frau gleichermaßen für eine ganze Bandbreite von Berufen und gesellschaftliche Verantwortung tragenden Positionen ausgebildet werden, sicherlich nicht mehr als Ausgangszustand gelten. Insgesamt kann mit dem Wegfall der existenziellen Abhängigkeit der Frauen vom Engagement und der Fürsorge Mannes also auch die wichtigste Bedingung des koranisch thematisierten Patriarchats als im Wesentlichen nicht mehr erfüllt gelten.

2.5) Zwischenfazit: Kein Patriarchat unter den heutigen Bedingungen koranisch legitimierbar

Bevor wir die Auslegungszugänge zur Züchtigungsthematik anschauen, ziehen wir ein vorläufiges Fazit aus den Überlegungen zum bedingten Patriarchat:

Betrachtet man 4:34 als Festlegung eines nur bedingten patriarchalen Verhältnisses, und geht man davon aus, dass dessen Bedingungen hier und heute im Wesentlichen nicht mehr erfüllt sind, dann kommen wir zu folgendem Ergebnis: Unabhängig davon, wie das in 4:34 thematisierte Durchsetzungsrecht des Mannes im Einzelnen aussehen mag, ist das einseitige Durchsetzungsrecht unter den Bedingungen einer Gesellschaft wie hier und heute nicht mehr gültig. Denn das Durchsetzungsrecht war eine Folgerung des Vorrangs des Mannes. Und der Vorrang des Mannes hing insbesondere von der absoluten Versorgerrolle des Mannes ab. Da Letzteres unter den modernen Bedingungen nicht mehr als notwendig gegeben angenommen werden kann, entfällt die allgemeine Vorrangrolle des Mannes ebenso wie sein spezielles Durchsetzungsrecht in der Ehe.

Fußnoten:

[1] Mathias Rohe, Das islamische Recht, München 2009, S. 88 ff.

[2] Max Henning / Murad Hofmann (Überarbeitung): Der Koran arabisch-deutsch, Istanbul 2002.

[3] Vgl. z. B. den türkischen Korankommentar zu 4:34 in: Elmalılı Hamdi Yazır, Hak Dini Kur‘an dili (Die wahre Religion, die Sprache des Korans), Bd. 2, Istanbul (Jahr unauffindbar), S. 558.

[4] wa-‘l-qânitîn wa-‘l-qânitât.

[5] Zusammensetzung des Präfixes bi („mit“) und dem Relativpronomen („das“ bzw. „etwas, das“).

[6] Scheich ‚Abdullâh as-Sâmit/Nadeem Elyas: Der edle Qur’ân, Medina 2004.

[7] Rudi Paret, Der Koran, Stuttgart 1996.

[8] Vgl. Yazır, Hak Dini, Bd. 2, S. 557.

[9] Vgl. Abdullah Takim, Islamische Tradition und neue Ansätze in Süleyman Ateş’s „Zeitgenössischem Korankommentar“, Istanbul 2007, S. 347 f. Anm. 746.

[10] Mit jeweils dunklem ‚dad‘ als d: faddalnâ ba’dahum ‚alâ ba’d, zu deutsch: „einige von ihnen haben wir vor anderen bevorzugt“ (2:253), Übersetzung Bubenheim/Elyas.

[11] Vgl. Sure 4, Vers 4.

[12] Mathias Rohe, Das Islamische Recht, München 2009, S. 87.

[13] Yazır, Hak Dini, Bd. 2, S. 557 f. (eigene Übersetzung aus dem Türkischen).

[14] Ebd., S. 558 (eigene Übersetzung).

[15] Takim, Islamische Tradition, S. 349.

[16] Vgl. Ömer Özsoy, Çağdaş Kur’an(lar) Üretimi üzerine(Über die Produktion moderner Korane), in: Ömer Özsoy (Hrsg.), Kur’an ve Tarihsellik Yazıları (Texte über Koran und Historizität), Ankara 2004, S. 125-142, hier: S. 130.