Herausforderungen der Evolutionstheorie

Die Naturwissenschaft stellt eine Herausforderung für den Gottesglauben dar, auch im islamischen Denken. Wie kann eine naturgesetzlich geordnete Erfahrungswelt mit einem aktiven Schöpfergott vereinbart werden kann? Und wie sollten abrahamitische Religionen speziell mit der Evolutionstheorie umgehen, die den Menschen in direkte Verwandtschaft zur Tierwelt setzt?
 
Es wird oft behauptet, die im Koran erwähnte Erschaffung des ersten Menschen Adam durch Gott widerspräche einer Evolution aus dem Tierreich. Dabei bleibt der Koran bei diesen Schilderungen aber allgemein und vieldeutig, sodass daraus weder eine Bestätigung, noch eine Zurückweisung von Evolution folgen muss. Sehr bildliche Schöpfungsschilderungen in anderen islamischen Quellen wiederum sind nicht so sicher überliefert, als dass sie als verbindlich verstanden werden müssten.
 
Aber auch sonst sollte man hinsichtlich der gut bestätigten Evolutionstheorie einen Rat des Gelehrten al-Ghazali aus dem 11. Jahrhundert beherzigen. Er sagte, dass bei einem Widerspruch zwischen naturwissenschaftlich gesichertem Wissen und dem Wortlaut religiöser Textstellen, letztere metaphorisch verstanden werden sollten. Denn den Schöpfungsversen des Koran ginge es um theologische Grundaussagen und nicht um Schöpfungsdetails.
 
Dem wird oft entgegnet, dass die Evolution nicht nur ein Detail sei, sondern Gott vollständig durch ungerichtete Naturprozesse ersetzen würde. Dieser Einwand trifft nur zu, wenn man Erschaffung als plötzlichen göttlichen Eingriff in eine geordnet verlaufende Welt sieht.
 
Islamische Theologen haben aber vor tausend Jahren schon
Naturgesetze als Schöpfungsgewohnheiten Gottes verstanden. Gott ist demnach keine Erklärung unverstandener Naturphänome, sondern die Macht, die alles in der Schöpfung Moment für Moment neu erschafft, und dies auf eine geordnete Weise tut. Damit wäre auch die Evolution eine Schöpfungsgewohnheit Gottes, mit der er alles auseinander
hervorgehen lässt. Gottes Einheit wird so also auch in der Einheit der Natur manifest.
 
Darauf wird oft erwidert, die Evolutionstheorie sei an sich materialistisch. In der Tat wurde und wird sie oft für einen Materialismus instrumentalisiert, für den kein Gott existiert. Dabei lassen auch evolutionäre Theorien Raum für sehr unterschiedliche Metaphysiken. So gab es lange vor Darwin evolutionäre Ansätze auch bei den gottgläubigen Muslimen.
 
Der Historiker John William Draper aus dem 19. Jahrhundert spricht sogar von einer „muhammadanischen Evolutionstheorie“ vor Darwin und Lamarck. Diese wurde beispielsweise vertreten vom tunesischen Historiker Ibn Khaldun aus dem 14. Jahrhundert. Er schrieb in seinem Werk Muqaddima, dass sich die Lebewesen im Zuge einer schrittweisen Schöpfung von den Mineralien über Pflanzen und Tiere bis zum Menschen hin entwickelt hätten. Und dass Arten, sobald sie ihre höchste Stufe erreicht haben, bereit seien zur ersten Stufe der nächsthöheren Art zu werden.
 
Geradezu visionär mutet schließlich die Äußerung Ibn Khalduns an, die Vorstufe zum Menschen liege in der Welt der Affen.
(Mein aktueller Text in “Islam in Deutschland” auf SWRinfo)

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