Gegen den Irrtum: Offenbarung, Vernunft und Sinne im Verbund

Wider den Irrtum: Offenbarung, Vernunft und Empirie im Verbund

Was wären Möglichkeiten um groteske Irrtümer in Fragen der koranischen Kosmologie zu vermeiden?

Der Korantext könnte insgesamt intensiver ausgeschöpft und bei der Auslegung strenger auf Kohärenz, d. h. auf innere Zusammenhänge geachtet werden. Ein solches gesamtheitliches und koranzentriertes Vorgehen vermeidet eher innere Widersprüche, unterscheidet klarer zwischen koranischen und nichtkoranischen Elementen und legt der Koran in erster Linie durch den Koran selbst aus. Das allein garantiert natürlich nicht, dass Vieldeutigkeiten eliminiert werden (was bei der Schöpfungsthematik ohnehin ausgeschlossen ist) oder dass man automatisch auf „wahre Bedeutungen“ stößt.

So haben einige Exegeten das daḥw der Erde in 79:30 (meist als „Ausbreitung“ übersetzt) so verstanden, dass die Erde nicht nur unter unseren Füßen, sondern insgesamt flach, also ähnlich einer Scheibe sein muss.[1] Ar-Rāzī widerspricht dem vehement und weist darauf hin, dass ein so großer Körper wie die Erde lokal immer schon flach bzw. ausgebreitet ist, sodass mit dem daḥw eher eine Einrichtung der Erde für das Hervorbringen von Pflanzen etc. gemeint sein muss. Das entsprechende Verb beinhaltet nämlich auch eine solche Bedeutungsdimension (im Sinne von Einrichten z. B. eines Vogelstraußennestes), was auch durch die Folgeverse plausibel scheint.[2]

Zur Vermeidung solcher in Vieldeutigkeit begründeter Irrtümer kann zum einen rational argumentiert werden. Ar-Rāzī weist beispielsweise darauf hin, dass die Erde ein so großes Objekt ist, dass eine Aus- oder Hinbreitung der Erdoberfläche für jeden Beobachter zum Eindruck eines flachen Bodens um ihn herum führt. Die Kugelgestalt wird erst in sehr großen Dimensionen erkennbar. Wenn Ausbreitung also lediglich Glättung an allen Stellen heißt, dann stehen sich der Eindruck eines lokal flachen Bodens und die Kugelgestalt der Erde nicht im Wege.[3]

Und welche Form hat die Erde nun? Wenn 79:30 gar keine Auskunft über die Gestalt der Erde als Ganzes enthält, dann leitet ar-Rāzī die Form der Erde aus einer weiteren Quelle neben Offenbarung und Vernunft her, nämlich aus der Empirie, also aus der Erfahrungswissenschaft. So folgert der Koranexeget unter anderem aus dem stets kreisförmigen Schatten der Erde auf dem Mond während einer Mondfinsternis die Kugelgestalt der Erde.[4] Rückblickend erweist es sich also manchmal durchaus als sinnvoll Vieldeutigkeiten in den koranischen Berichten durch empirische, d. h. auf der Erfahrungswissenschaft fußende Erklärungen zu klären.

Die Methode, die uns am sichersten zur koranischen Kosmologie führt, kann letztlich weder in einer dogmatischen Orientierung an aktueller Naturwissenschaft oder Philosophie liegen, und noch weniger in einem dogmatischen Anklammern an längst überholte Gelehrtenmeinungen, sondern sie muss in einer entspannten Dialektik zwischen Offenbarung, Vernunft und empirischen Erkenntnissen gesucht werden. Eben dieses Dreierschema hat sich ursprünglich nicht nur im Kalâm bewährt, sondern wurde auch von zahlreichen Gelehrten in verschiedenen Kontexten der Koranauslegung angewendet. Zu dieser Dialektik gehört freilich eine geduldige und kritische Haltung – so können neue Einsichten in übersehene Zusammenhänge alte Gewissheiten nochmals in Frage stellen.

Ein solches Zusammenwirken verschiedener Erkenntnismethoden, wie es uns ar-Rāzī bei seiner Diskussion der Kugelgestalt der Erde vorführt, ist natürlich nur möglich, wenn der Koranexeget selbst in diesen Bereichen bewandert genug ist, auch wenn seine eigentliche Expertise durchaus in nur einem dieser Bereiche liegen mag. Im Realfall wird der kritische Exeget früher oder später mit anderen Fakultäten kooperieren müssen, wenn er aus den Quellen des Islams empirisch relevante Thesen mit einem Maß an möglichem Wahrheitsanspruch ableiten möchte. Wenn das ursprüngliche Problem Vieldeutigkeit lautete, dann wird er, wenn er alles richtig gemacht hat, am Ende des Weges nicht bei Eindeutigkeit ankommen – aber er darf hoffen der Wahrheit und dem vom Koranurheber intendierten Sinn ein Stück näher gekommen zu sein.

In diesem Sinne…

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.

Anmerkungen

[1]             Der Ursprung dieser Meinung wird aber weniger im sehr allgemeine gehaltenen Koran als vielmehr im Weltbild des damaligen Gelehrtenumfeldes zu suchen sein. Zahlreiche Überlieferungen scheinen von einer scheibenförmigen Erde auszugehen.

[2]            Vgl. Dār al-Fikr (Hrsg.) / Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī, Tafsīr al-Far ar-Rāzī, Beirut 1981, Bd. XXXI, S. 48.

[3]           Das erinnert an den Satz der Differenzialgeometrie, dass auch gekrümmte Mannigfaltigkeiten lokal flach sind. Einstein hat dies in Form des Äquivalenzprinzips zu einer der Grundlagen seiner allgemeinen Relativitätstheorie gemacht.

[4]           Vgl. Celal Yeniçeri, Uzay âyetleri tefsiri, Istanbul, 1995, S. 249 ff. Yeniçeri verweist zurecht auf eine Reihe von anderen Koranversen, die auf eine Kugelgestalt der Erde hindeuten (39:5, 36:37). Vgl. ebd., S. 247f.