Ramadan (2014) – Wiederentdeckung der Barmherzigkeit Gottes

Wir befinden uns seit fast einer Woche im muslimischen Fastenmonat Ramadan. Sein markantester Wesenszug ist der Verzicht auf Essen und Trinken von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang, sofern die Gesundheit es zulässt. Umfragen zufolge stellt sich die Mehrheit unter den Muslimen in Deutschland jährlich dieser Herausforderung. Das Fasten ist dabei nicht nur eine Geduldübung, sondern soll zugleich die spirituelle und moralische Reifung des Muslims fördern. Dazu ist natürlich eine bewusste Vertiefung in den Geist des Ramadans nötig, wofür man sich Zeit nehmen muss.

So kann der Fastende sich selbst neu entdecken – als verantwortliches und ambitioniertes, aber zugleich als abhängiges Geschöpf Gottes. Als Geschöpf, das nicht Hausherr in diesem Kosmos ist, wie wir uns oft fühlen, sondern im Grunde ein armer Habenichts. So geht der Fastende schweigend am Essen vorbei, meidet den geliebten Mittagskaffee und verzichtet auf die Erfrischung zwischendurch. Bis ihn am Ende eines jeden Fastentages das Fastenbrechen zu einer kleinen Feierlichkeit einlädt. Dabei kann man die einfache Scheibe Brot und das Glas Wasser als das entdecken, was sie einst für uns waren: als Quellen des Lebens und Überlebens. Das zeigt dem Fastenden, wie abhängig wir von Nahrung, von der Natur und letztlich von Gott, als dem Urheber dieser Ordnung sind.

Diese Abhängigkeit interpretiert der Koran positiv als ein Aufgehobensein in der Barmherzigkeit Gottes. Eine Barmherzigkeit, von der jeder Mensch tagtäglich, ja sogar in jedem Moment profitiert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Diese Barmherzigkeit wird umso sichtbarer, je stärker sie im Kontrast zur Vergänglichkeit auftritt. So sagt der Koran über den Frühling: „So schau doch auf die Spuren der Barmherzigkeit Gottes, wie Er die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig macht.“ (Sure 30, Vers 50). Das Fasten kann den Menschen dazu erziehen solche Feinheiten in der Natur wieder bewusster wahrzunehmen, dafür dankbar zu sein und neue Ehrfurcht vor der Schöpfung und ihrem Schöpfer zu erlangen.

Der Ramadan wäre jedoch unvollständig ohne eine ebenso praktische Umsetzung von Barmherzigkeit. Einerseits soll der Gläubige die Barmherzigkeit Gottes erbitten, deren Tore in dieser Zeit als besonders weit geöffnet gelten. Zugleich soll er jedoch ebenso für seinen Nächsten da sein, viel für Bedürftige spenden, Zerstrittene miteinander aussöhnen und gerade beim Fastenbrechen sein Brot mit anderen teilen. Das Fastenbrechen am Abend ist ein schöner Moment, der auch mit Nichtfastenden und Nichtmuslimen geteilt werden kann, wie es auch vielfach in Deutschland geschieht. Dieses Aufeinanderzugehen brauchen wir heute mehr denn je auch zwischen Sunniten und Schiiten. Der Ramadan, der diesen beiden islamischen Richtungen heilig ist, sollte zum Anlass genommen werden, sich die Hand zu reichen und gemeinsam ein Zeichen für ein friedliches Miteinander und gegen Vorurteile zu setzen. In diesem Sinne: Einen gesegneten Ramadan!

(Mein Beitrag zum Ramadan in der Sendung “Islam in Deutschland” auf SWRinfo im Juli 2014 (Manuskript hier))