Einspruch, verehrter Rat der Ulema! – Eine Polemik anlässlich des Weltfrauentags 2012

Pünktlich zum Weltfrauentag standen in zwei muslimischen Ländern zwei wichtige politische Stellungnahmen zur Lage der Frauen im Mittelpunkt. Die eine ist ein Gesetz der türkischen Regierung zur Bekämpfung von Gewalt gegenüber Frauen. Der Gesetzestext ist erfreulich eindeutig: „Der Gewalt gegenüber Frauen begegnet man am häufigsten innerhalb der Familie. Dabei nimmt diese physische und psychologische Formen an, aber auch die Form wirtschaftlicher Vorenthaltung und sexueller Gewalt.“ Und: „Gewalt gegenüber Personen ist eine Menschenrechtsverletzung.“ Ferner: „Es gehört zu den Verantwortungen des Staates die Gleichheit von Mann und Frau herzustellen und die Menschenrechte der Frau unter Schutz zu stellen.“ Ein Gesetz, unterschrieben von überwiegend praktizierenden Muslimen und vom türkischen Parlament einstimmig angenommen – begründet unter Verweis auf universelle Menschenrechte, die nicht nachträglich durch Verweis auf scheinbar religiöse Prinzipien unterhöhlt werden. Der aufgeführte Maßnahmenkatalog ist umfangreich und beinhaltet Präventiv- wie Interventionsmaßnahmen und thematisiert ausführlich den Schutz der Frau ebenso wie die Verfolgung gewalttätiger und –bereiter Männer. Beeindruckt hat mich das Problembewusstsein und die Eindeutigkeit des Gesetzes, dessen Botschaft zusammengefasst so lauten könnte: Wir haben ein echtes Problem mit ehelicher Gewalt und unsere Aufgabe ist es diese ohne Wenn und Aber zu bekämpfen. Man darf zurecht erwarten, dass dies einen Wendepunkt im türkischen Umgang mit dem Problem des entarteten orientalischen Patriarchats darstellt. Bravo!

Fast zeitgleich hat der afghanische Präsident Karzai ein Edikt des die Regierung beratenden Gelehrtenrats veröffentlicht und bestätigt, das zwar noch nicht juristisch bindend ist, aber offensichtlich die weitere Richung der afghanischen Frauenpolitik vorgibt. Offensichtlich zielt letztere auf eine Aussöhnung mit den Taliban ab. In Pragraph 5 heißt es, dass „die heilige Religion des Islam“ – im Unterschied zu anderen Zivilisationen und Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart – der Frau „bürgerliche und soziale Rechte“ und „menschlichen Wert und Ehre zugesprochen“ habe. Nach einer Auflistung einiger dieser Rechte kommen jedoch eifrige „Aber“s: Laut den eindeutigen Versen aus Sure 4 (Verse 1 und insbesondere 34) sei der Mann „primär“ und die Frau „sekundär“. Das Tätigen von Aussagen, die diesen Koranversen widersprechen, sei zu vermeiden. Selbstverständlich verbiete die Scharia auch das Schlagen von Frauen – außer wenn ein aus Sicht der Scharia legitimer Grund vorläge. Diese Gründe seien im Koran genannt.

Die Botschaft lautet also: Liebe Muslime und Musliminnen, macht eucht nichts vor. Euer Heiliges Buch hat den Mann der Frau vorgezogen. Darum darf der Mann seine Frau bei legitimen Gründen durchaus schlagen. Da der Koran all dies eindeutig geregelt hat und heilig ist, obliegt es euch zu diesen Dingen zu schweigen.

Diese Haltung ist arrogant und verantwortungslos und schafft es jedes Mal mich aufs Neue von Grund auf zu empören (was bei mir wahrlich nicht einfach ist). Darum möchte ich ebenfalls anlässlich des schon etwas zurückliegenden Weltfrauentags meiner Empörung und Wut Ausdruck geben.

Ich finde: Wer solche Ulema hat, der braucht keinen Geert Wilders und auch keine Necla Kelek mehr. Denn wie, wenn nicht mit solchen Gelehrten, könnte man den Islam wirksamer zum Gespött der Weltöffentlichkeit machen? Wem könnte man es da verübeln, wenn er dies als Bestätigung seines orientalistisch-chauvinistischen Dogmas „Die Frau im Islam: Hiebe statt Liebe“ betrachtet?

Da braucht es eigentlich auch keinerlei Mohammedkarikaturen oder Koranverbrennungen mehr um den Islam zu beleidigen. Denn das, was der verehrte Rat der Ulema veröffentlicht und vorsorglich vor jeder Kritik aus muslimischen Kreisen immunisieren möchte, beleidigt den Islam meiner Meinung auf eine viel tiefgreifendere Weise als ein paar billige und infantile Karikaturen. Denn ihre Äußerungen werden als Zeugnis gerade der kenntnisreichsten Muslime über die definitive Unvereinbarkeit von Islam und universellen, individuellen Menschenrechten verstanden. Wenn da nicht jedem Islamkritiker das Wasser im Munde zusammenläuft!

Werden wir genauer: Es gibt sehr viele Nichtmuslime, mit denen Muslime wie ich den Wunsch gemeinam haben die Lebensbedingungen von Mädchen und Frauen zu verbessern, insbesondere in patriarchalen Kontexten, insbesondere auch in solchen, die muslimisch geprägt sind. Solange dies das gemeinsame Ziel ist, arbeiten wir selbstverständlich und gerne zusammen. Gerade in Deutschland ist dieses Anliegen ohne eine gute Zusammenarbeit mit deutschen Pädagogen und Behörden ohnehin nicht zu realisieren.

Allerdings lassen wir uns nicht von Islamkritikern in ihrem zunehmend bedenklichen Kampf gegen den Islam oder die Religion im Allgemeinen instrumentalisieren, egal ob diese als Islamexperten, Frauenrechtler oder Minister auftreten. Wem es also weniger darum geht das Leid muslimischer Frauen zu lindern, sondern eher darum ihr Leid zur Bekämpfung der übrigen Muslime und des Islams überhaupt auszunutzen, der möge sich bitte andere Verbündete suchen. Das Internet ist voll von Hetzern, Hitzköpfen und brechpatriotischen Demagogen – bitte, bedient euch. Die Mehrheit der Muslime ist ausschließlich für Projekte zu haben, die das Leid der einen Muslime nicht gegen die Integrität der anderen Muslime ausspielen. Aber zurück zum Thema.

Das afghanische Edikt ist natürlich nicht das erste Mal, dass Islamgelehrte derartige Stellungnahmen zugunsten von pädagogisch wertvoller Gewalt veröffentlichen. Selbst die Islamhandbücher moderater islamischer Kreise quillen stellenweise über vor ähnlichen patriarchalen Zwang- und Prügelkonzepten. Da diese Kreise besagte Bücher eh meist nicht lesen, geschweige denn sich daran orientieren, sondern diese nur zur Verzierung der Regale nutzen („Ich brauche noch 20 cm Buch im Regal – hat jemand eine Enzyklopädie für mich?“), sind sie mit diesen Fragen meist nicht konfrontiert und wundern sich jetzt vielleicht, warum ich hier so einen Aufstand mache.

Als jemand, der die Welt nicht nur von der Praxis, sondern auch von der Theorie her zu verstehen versucht, kann ich es mir nicht leisten meine Augen vor schwierigen Fragen zu verschließen, auch wenn sie mich in der Praxis gar nicht berühren. Das Patriarchat in Praxis wie Theorie ist eine dieser Fragen. Vieles daran ist für uns in Deutschland (aber auch in vielen Teilen der islamischen Welt) ein eher theoretisches Problem. Aber es wird dadurch brisant, dass es für viele muslimischen Frauen und Männer an vielen anderen Orten der Welt messbare und bittere Konsequenzen hat – zumindest in der Form, dass Frauen, die unter Gewalt leiden, nicht mit genügend Rechtsschutz durch Staat und Gesellschaft rechnen können.

Eheliche und sonstige Gewalt insbesondere an Frauen gibt es auch in westlichen Ländern, und auch hier in Deutschland.

Jedoch gibt es hier auch ein staatliches System und ein Gesetz, das der Frau umfassenden Schutz zusichert und dem Täter gebührende Strafe zukommen lässt. Darum geht es mir hier – und nicht etwa um eine unhaltbare Verallgemeinerung islamischer Gesellschaften als schlecht und westlicher Gesellschaften als gut.

Ferner kann und werde ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass meine Religion als theoretische Rechtfertigung dazu verwendet wird um ungerechte und unmoralische Machstrukturen zu legitimieren. Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass Probleme und patriarchale Entartungen in der Lebenspraxis mancher meiner Glaubensbrüder unmittelbar aus einer unbefangenen Koranlektüre resultieren würden (dieses absurde Szenario ist das Islamszenario der Islamkritiker – sie tragen die Beweislast). Ich bin der Überzeugung, dass in den meisten Fällen bereits bestehende oder erwünschte Machtgefälle nachträglich mit passenden Koranpassagen unterstützt oder legitimert werden. Der umgekehrte Weg (vom Koran zur Praxis) ist selten und erfüllt meist demonstrative und strategische Zwecke.

Dennoch behaupte ich, dass das noch lange nicht gelöste Problem der staatlichen oder gesellschaftlichen Billigung ungerechter Strukturen und ehelicher Gewalt unter Berufung auf den Koran von uns Muslimen nicht vernachlässigt und unserem ungehemmten Pragmatismus geopfert werden darf. Schuld an diesen Missständen ist nämlich weder der Westen, noch eine etwaige jüdische Weltverschwörung, sondern an erster Stelle rückständige Patriarchen, die zu Unrecht im Namen deiner und meiner Religion im Wesentlichen dem Gesellschaftsmodell vormoderner Zeiten huldigen.

Ferner geht es hier auch um die Glaubwürdigkeit und logische Kohärenz des Islams als theologische und moralische Theorie überhaupt. Diesen intellektuellen Kampf aufzunehmen und zu bestreiten ist aus meiner – freilich subjektiven Sicht – für Gegenwart und Zukunft des Islams viel essenzieller als viele andere der Dauerthemen in muslimischen Kreisen. Außerdem gilt gerade auch für den praktizierten Islam, dass nichts praktischer ist als eine gute Theorie (und nichts riskanter als ein in Schieflage geratenes und immunisiertes Weltbild).

Darum werte ich es jedes Mal erneut als Skandal, wenn ein „Gelehrter“ aufsteht und voller Inbrunst wiederholt „Keine Religion hat die Frau so gut behandelt wie der Islam – aber dennoch darf der muslimische Mann seine ungehorsame Frau (leicht) schlagen“ und anschließend erwartet, dass die muslimischen Jugendlichen ergeben folgen, und dass die Nichtmuslime verblüfft werden von soviel islamischer Überlegenheit gegenüber all den menschengemachten Systemen. Einfach zum Fremdschämen.

Darum bin ich zunehmend beunruhigt vom extremen Pragmatismus, mit dem wir die Auffassungen mancher Autoritäten stoisch ertragen, da wir aufgrund unseres Unwissens Angst haben in Konflikt mit unserem Glauben zu geraten, oder besser gesagt: weil wir zu faul zum Lesen, Forschen und Denken sind. Dieses Phänomen des kollektiven Nachplapperns hat mittlerweile eine mehrere Jahrhunderte alte Tradition in der islamischen Welt – dank ihr wurde die islamische Gelehrsamkeit, die meiner Überzeugung nach eine der leuchtendsten geistigen Marktplätze der Menschheitsgeschichte darstellt, zu einem unseligen Tummelplatz für Nachplapperer, Denkzensoren und heuchelnde Frömmigkeitsexhibitionisten. Ja: Uns wurde gelehrt dem Charisma einen höheren Stellenwert als dem sauber vorgetragenen Argument zu geben.

Ich jedoch glaube: Der Koran kam herab zu Menschen mit Vernunft, zu Menschen die Gottes Gedenken im Sitzen, Liegen und Stehen. Zu Menschen, die über die Schöpfung des Universums nachdenken, zu Menschen, die wissen, dass kein Fünkchen von guten und schlechten Taten verloren gehen wird.

Hier ist nicht alles Vernunft, aber ohne Vernunft verkümmert alles irgendwann zu nichts.

Der Koran kam herab um die blinde Huldigung der “Religion der Väter” zu beseitigen und zu ersetzen durch eine in vollem Bewusstsein erschlossene, inbrünstig gelebte und von der Vernunft beglaubigte Gotteshingabe. Der Islam definierte Moral, den Dienst am Menschen und die Verpflichtung zur Wahrheit vor Eigennutz und Vereinsmeierei zur universellen und höchsten Instanz des Handelns. Jenseits aller historischen Besonderheiten des frühen Islams ist dies das prägende und universelle Wesen unserer Religion.

Wenn der andalusische Rechtsgelehrte Shâtibî aus dem 14. Jahrhunderte feststellt, dass die Endzwecke des islamischen Gesetzes Schutz von Religion, Leben, Eigentum, Nachkommenschaft und Vernunft lauten, dann haben wir allen Recht die heutigen Vertreter des Islams danach zu befragen, ob ihr Einsatz die hier besagten Werte eher fördert, oder sie eher unterläuft.

Die koranische Kritik an der blinden Loyalität gegenüber der Religion der Väter verstehe ich heute vor allem auch als unmittelbare Kritik an den Muslimen selbst. Die Religion der Väter, sprich die Islamauffassung von echten oder scheinbaren Autoritäten, ist nicht von sich aus heilig, sondern bedarf einer stetigen Kontrolle und Kritik der gesamten Gemeinschaft der Muslime. Die Voraussetzung hierzu ist das Streben nach Wissen, Weisheit, Gottesfurcht und Moral. Neben der allgemeinen Lebenserfahrung sind die wichtigsten Quellen des Muslims hierzu die Vernunft und die Offenbarung. Die fundamentalen Triebfedern dieses Strebens sind die stetige und rastlose Sehnsucht nach Wahrheit und das bedingungslose Pochen auf Gerechtigkeit – eine Gerechtigkeit, die der Koran als prinzipielle Grundhaltung fordert. Ein wichtiger Prüfstein für diese islamische Haltung ist der Mut aufzustehen und Nein zu sagen, wenn die Schwachen von den Mächtigen gestoßen und getreten werden, und sei es von den Hohepriestern aus den Reihen der eigenen Glaubensbrüder. So sehe ich das, und man möge mich korrigieren, wenn ich hierin falsch liege.

Es ist alarmierend, dass der Koran in der regelmäßig im Gebet rezitierten Sure Mâ’ûn (Sure 107) als “Leugner der Religion” jene identifiziert, die die Waisenkinder, – sprich: die Schwächsten der Gesellschaft – zurückstoßen und die Armen nicht speisen. Ferner wird diese Gruppe beschrieben als Menschen, die ohne Herzblut beten, und dabei nur gesehen werden wollen um von “elâlem” (türkisch: das allgemeine Umfeld) für fromm befunden zu werden. Zugleich stünden diese Personen jeglicher Hilfe für die Schwachen im Wege. Hat irgendjemand den Mut zu behaupten, dass nicht all diese Eigenschaften der in der Sure als “Leugner der Religion” bezeichneten Menschen heute auf einen spürbar großen Teil von Muslimen zutreffen, die mit äußeren Darstellungen des Glaubens prahlen, die nicht verinnerlicht werden, und zugleich nicht im Traum daran denken sich selbstlos für die Schwachen einzusetzen? Wie oft drehen organisierte Gruppen bei irrelevanten Beleidigungen des Islams durch, während sie eine unglaubliche Geduld mit Brudermorden und anderen Fanatismen in den Reihen der Muslime an den Tag legen? Ja: Wie oft rezitieren wir diese Sure Mâ‘ûn, ohne auch nur ein Fünkchen von Erschütterung in unserem Herzen zu spüren?

Ich behaupte derweil nicht, dass ich das hier Gesagte selbst annähernd würdig umsetzen würde – jedoch möchte ich mir genau dies aber zum Lebensziel machen, so wie sehr viele andere Muslime auch, die aber zu höflich und zurückhaltend sind, um all diese Gedanken niederzuschreiben. Aber sie leiden nicht weniger als ich unter der Flut an Irrsinn, die tagtäglich über unseren Köpfen hinwegfegt und von den Medien begierig verstärkt wird.

Aus all diesen Gründen nehme ich so scheinheilige Stellungnahmen wie das Edikt des Ulema-Rates sehr ernst und zugleich auch sehr persönlich und werte es im vollen Wortsinn als Angriff auf meine Religion. Denn sie sprechen dem Islam nicht nur seine inhärente Vernunft, sondern letztlich auch jede moralische Glaubwürdigkeit ab.

Und sie machen deine und meine Religion instrumentalisierbar für archaische Machtstrukturen, mit denen ich nicht nur nichts zu tun haben möchte, sondern die ich auch im Sinne der Unterdrückten und Entrechteten gerne geradestoßen würde. Denn abermals: „Islamische“ Legitimationen von Unrecht sind und bleiben ein Verrat an Vernunft und Moral, und an den höheren moralischen Zwecken des Islams.

Um konkreter zu werden: Wie wenn nicht Verrat an Vernunft soll ich es denn sonst nennen, wenn behauptet wird, dass nach dem Willen Gottes, dem weisen Schöpfer des Universums, dem Herren über Raum und Zeit und den Naturgesetzen bei Streitpunkten in Ehen zu allen Zeiten und an allen Orten unabhängig vom kulturellen Umfeld, der Bildung und der Lebenserfahrung der Partner das letzte Wort nicht etwa bei demjenigen Partner mit der entsprechenden themenbezogenen Kompetenz, Weisheit und Erfahrung liegen sollte, sondern bei demjenigen, der den Penis hat?

Bei der Lektüre ihrer Patriarchatshuldigungen frage ich mich immer wieder, mit welchem Organ die überzeugten Patriarchen unter den Ulema des Islams eigentlich denken: mit ihrem Gehirn, oder mit ihrem Fortpflanzungsorgan?

Ich habe genug Frauen erlebt, neben denen die angeblich zum Führen geborenen Männer wie pubertierende Halbstarke dastehen. Es gehört zu den großartigen Errungschaften der westlichen Welt eine solche Bildung und Erziehung für Frauen institutionalisiert zu haben. Davon profitieren hier Menschen aller Glaubensrichtungen und Weltanschauungen.

Und nun würde ich gerne von den besagten Ulema wissen:

Warum brauchen Musliminnen das System der von manchen unserer Ulema als „Kuffar“ verachteten Menschen des Westens um einen umfassenden Rechtsschutz vor dem Übergriff von Männern zu erhalten?

Warum müssen Musliminnen um sich der emanzipatorischen Seite des Islams erfreuen zu können erst außerhalb der Reichweite eures angeblich islamischen Rechtssystems kommen?

Was ist euer Beitrag gegen den frappierenden Analfabetismus in eurem Einflussbereich?

Was ist eure Antwort darauf?

Darüber sollte sich der Ulema-Rat Gedanken machen. Und nicht darüber, welche Frauenrechte man als nächstes abschaffen könnte.

In den Ländern der von euch als „Kuffar“ verachteten Menschen gibt es muslimische Professorinnen, exzellente muslimischen Schülerinnen und Studentinnen, Pädagoginnen, Beraterinnen, Managerinnen etc. etc. Wie klein werden manche Männer in Gegenwart dieser Generation von Frauen, die selbst die typischen Männeraufgaben irgendwann besser und gewissenhafter erledigen als verzogene Paschas und Machos.

Und was soll ich erst davon halten, wenn ihr behauptet, dass besagte Penisbesitzer aller Zeiten und Kulturen der Einsicht ihrer bockigen Frauen nicht etwa mit Argumenten und Geduld, sondern mit Schmerz erzeugenden und demütigenden Schlägen nachhelfen sollen, deren pädagogische wie psychologische Wirkungen nachweislich verheerend sind? Was nützt mir der Sieg in einem banalen Streit mit einem erwachsenen und gebildeten Menschen, wenn ich ihn nicht etwa mit überzeugenden Argumenten, sondern mit dem Einsatz von Muskelkraft gewinne? Ist es einen solchen Sieg wert, wenn dafür jemand, mit dem ich sonst auf Augenhöhe stehe, und mit dem ich mein Leben verbringe, und der sich vielleicht tagein und tagaus um meine alltäglichen Bedürfnisse kümmert, leiden und Demütigung ertragen muss?

Sorry, nein, ich bin da nicht dabei…

Mir egal ob mit einem Hölzchen, einem Tuch oder mit der bloßen Hand: Ein solches Problemlösungsverfahren hat in unserer heutigen Zeit der Bildung, der Verhandlung und der möglichen finanziellen Unabhängigkeit auch von Frauen nichts mehr zu suchen. Punkt!

Aber Moment mal…

Aber Moment mal… Stehen all die Dinge, die ich hier kritisiere, nicht alle genauso im Koran? Ist das denn nicht islamischer Konsens seit Urzeiten des Islams? Kann ich als Moslem denn Ansichten, die doch nur denen des Gelehrtenmainstreams entsprechen, derart dreist widersprechen?

Ja, und ob ich das kann!

Und ich tue dies als gläubiger und praktizierender Muslim, der überzeugt davon ist hierin die universelle Vernunft und den gut verstandenen Koran auf seiner zu Seite haben. Ja: In dieser Frage sind sich heute nicht nur die liberal orientierten Muslime einig. Der türkische sunnitische Rechtsgelehrte Hayrettin Karaman wartete kürzlich mit einem erfreulichen Text auf, in dem er eindeutig die Aussage traf, dass das Schlagen der Ehefrau heute nicht islamisch legitimierbar sei. Natürlich provozierte er den Widerspruch von Euresgleichen. Nun hat die ebenfalls islamisch geprägte türkische Regierung noch eins draufgelegt, indem Gewalttätern in der Ehe drastische Strafen angekündigt werden. Ohne Wenn und Aber.

Ferner weise ich mit Stolz auf die immer größeren Teile der jungen muslimischen Generation hin, die aus einer ganz und gar praktischen Warte im Rahmen ihrer modernen Lebenswirklichkeit das Problem des Patriarchats gelöst haben, indem sie sich auf ein humanes und gleichberechtigtes Miteinander von Mann und Frau geeinigt haben. Und ich weise mit nicht weniger Stolz auf die zunehmende Zahl progressiver Islamtheologen, Islamwissenschaftler und anderer intellektueller wie funktioneller Vertreter der Muslime nicht zuletzt in Deutschland hin, die eine dezidiert emanzipatorische Position vertreten.

Ich stehe nicht alleine da!

Ich werde in einem weiteren Text versuchen zu zeigen, aus welchen Gründen ich sowohl das totale Patriarchat, als auch das Züchtigungsrecht des Mannes im Sinn des besagten Ulemarates und all ihrer Gleichgesinnten islamisch begründet zurückweise. Solche Texte halte ich nicht für notwendig, weil Muslime erst einen komplizierten Beweis bräuchten um ungerechte Machtverteilungen und eheliche Gewalt abzulehnen, sondern um zu zeigen, dass die religiös geprägte Unsicherheit mancher Muslime bei ihrer öffentlichen Auseinandersetzung mit dem ungerechten und unmenschlichen Patriarchat im muslimischen Kontext unbegründet ist. Inschallâh… Wallâhu a’lam…