Einleitung zur Artikelserie zu 4:34

Ich habe in meiner Stellungnahme zu einer Veröffentlichung von afghanischen Gelehrten, die die Gewaltanwendung des Mannes gegen seine Ehefrau unter manchen Bedingungen unter expliziter Berufung auf den Koran gutheißt, sowohl ein Verständnis von absolutem Patriarchat mit umfassender Gehorsamspflicht für die Frau, als auch jede Form eines Züchtigungsrechts des Ehemannes zurückgewiesen – und ich habe geschrieben:

„Mir egal ob mit einem Hölzchen, einem Tuch oder mit der bloßen Hand: Ein solches Problemlösungsverfahren hat in unserer heutigen Zeit der Bildung, der Verhandlung und der möglichen finanziellen Unabhängigkeit auch von Frauen nichts mehr zu suchen. Punkt! Aber Moment mal… Aber Moment mal… Stehen all die Dinge, die ich hier kritisiere, nicht alle genauso im Koran? Ist das denn nicht islamischer Konsens seit Urzeiten des Islams? Kann ich als Moslem denn Ansichten, die doch nur denen des Gelehrtenmainstreams entsprechen, derart dreist widersprechen? Ja, und ob ich das kann! Und ich tue dies als gläubiger und praktizierender Muslim, der überzeugt davon ist hierin die universelle Vernunft und den gut verstandenen Koran auf seiner zu Seite haben.

In meiner vierteiligen Textreihe „Gedanken zu Sure 4, Vers 34“ möchte ich nun meine Thesen belegen und im Detail darstellen, wie ich zu dieser Position komme.

Diese Textreihe ist analytisch und wissenschaftlich ausgerichtet, und nicht als Pamphlet, wie es meine besagte Polemik war. Ich habe mein Augenmerk auf Argumente und systematische Ansätze gelegt, und weniger darauf, welche Gelehrten der Tradition im Einzelnen welche Positionen vertreten haben. Letzteres ist meiner Meinung nach eher von geschichtlichem Interesse. Ich interessiere mich in erster Linie für die Systematik von Lesarten und gesamtheitliche Konzepte, wobei ich es für notwendig halte klassische, modernistische, traditionalistische und reformorientierte Autoren parallel zu untersuchen. Sie alle sind ein Teil der islamischen Kultur, und sie alle erfassen manche Dinge besser und genauer als es die Vertreter der jeweils anderen Lager tun. Darum würde ich es als Verlust sehen auf der Basis anerzogener Vorurteile nur die einen Stimmen anzuhören. Ich habe mich zugleich bemüht zu zeigen, dass mein Zugang zu den patriarchalisch geprägten Versen des Korans durchaus Anknüpfungspunkte in der islamischen Tradition hat.

Ich bitte derweil die Textlängen zu entschuldigen (mein Editor ist zweimal aufgrund der Textlänge abgestürzt – nur Eddy [danke!] konnte meine Texte noch retten) – aber mir war es wichtig systematisch Positionen zu entwicklen, zu vergleichen und anschließend Entscheidungen zu treffen. Auch hatte ich mir vor langer Zeit schon vorgenommen etwas zu 4:34 zu schreiben. Seitdem ist viel an neuen Sichtweisen hinzugekommen, die ich ebenfalls thematisieren wollte.

Der erste Text „Ist die muslimische Ehefrau ihrem Mann untergeordnet?“ behandelt den ersten Teil von 4:34. Darin argumentiere ich für eine Lesart des Verses, die die Vorrangrolle des Mannes, die im Vers thematisiert wird, nicht als universelle Festlegung versteht, sondern als eine von wandelbaren gesellschaftlichen Bedingungen abhängige Norm – und zwar eine Norm, deren Gültigkeit in erster Linie an die existenzielle finanzielle Abhängigkeit der Ehefrau vom Mann gebunden ist.

Der zweite Text „Darf der muslimische Mann seine Ehefrau schlagen?“ behandelt den brisanteren Teil des Verses, nämlich die ihm häufig entnommene Erlaubnis für den Mann seine Frau unter Umständen zu züchtigen. Ich stelle hier zunächst die klassische Lesart vor, die dies eben so sieht. Im Vergleich dazu stelle ich drei weitere Zugänge vor, die aus einer muslimischen Perspektive heraus das Schlagen als Möglichkeit für heute dezidiert zurückweisen – die eine Lesart interpretiert das Wörtchen für „schlagen“ im Sinne von „sich trennen“, die beiden anderen hingegen lesen zwar „schlagen“, stellen diese Norm jedoch mit vielen guten Argumenten in einen historischen Kontext, der heute nicht mehr gegeben sei. Faszinierend ist für mich, dass diese Auslegung sowohl von einem modernen Hermeneutiker wie Ömer Özsoy, als auch von einem reformorientierten, aber ansonsten völlig im klassischen Rahmen argumentierenden Rechtsgelehrten wie Hayrettin Karaman vertreten werden.

Aufgrund der Brisanz des Themas habe ich beide historisierende Ansätze untersucht um sie euch hier vorzustellen und dem Vorurteil entgegenzuwirken, dass klassische Rechtsgelehrte gar nicht anders können als traditionelle Rechtsmeinungen zu reproduzieren.

Als dritten Text habe ich dann noch eine Zusammenfassung und ein Plädoyer für den gemeinsamen Einsatz von muslimischen Männern wie Frauen zur Überwindung des veralteten und oft zu Unrecht führenden Patriarchats angefügt.

Und als vierten Text findet ihr einige grundlegende Überlegungen zu den Risiken und Grenzen neuer Islamauslegungen und schließlich noch zu einem ganz eigenen Themenbereich, nämlich zum Verhältnis des Islams zum säkularen Staat und zum deutschen Grundgesetz. Die Überlegungen hierzu werde ich später noch detaillierter ausführen.

Ich bin für jegliche Anmerkung und Kritik sehr dankbar, da ich all diese Gedanken noch weiterentwickeln will. Jedoch will ich gleich den Vorbehalt äußern, dass keiner der Texte beabsichtigt hartgesottene Islamkritiker zu überzeugen. Denn diese lassen sich erfahrungsgemäß nicht überzeugen, da viele von ihnen überzeugt davon sind den Islam viel besser zu verstehen als langjährige praktizierende Muslime. Sie sehen sich als die gerissensten Islamexperten, die raffiniertesten Koranexegeten und die tabulosesten Aufklärer der Dekade – nur schade, dass ich von deren Weisheit bis zum heutigen Tag nicht profitieren konnte.

Womöglich bin ich einfach noch nicht aufnahmefähig genug für deren vorzügliche Vernunftkraft – wenn ich mir andererseits den Hass und die Verachtung anschaue, die aus vielen ihrer Zeilen trieft, dann bin ich doch heilfroh, dass es genügend Muslime wie Nichtmuslime um mich herum gibt, mit denen ich gemeinsam dem Traum anhängen darf, dass ein respektvolles Miteinander auf Augenhöhe bei allen Unterschieden möglich ist, und zwar nicht in einer utopischen Zukunft, sondern im Hier und Jetzt – eben so wie ich es tagtäglich erlebe. Diesen Muslimen und Nichtmuslimen bin ich zu größtem Dank verpflichtet.

Ja, wir dürfen den Ernst der Diskurse nicht dem aggressiven und kompromissfeindlichen Duktus der radikalen Islamkritik opfern. Wir haben Wichtigeres und Größeres zu tun, als uns auf die Anklagebank islamkritischer Halbbildung setzen zu lassen um gegen taube Ohren zu argumentieren. Denn hier geht es um uns selbst und unsere innersten und intimsten Überzeugungen – und das, was wir eines Tages letztlich unseren Kindern vermitteln wollen.

Aber selbstverständlich ist jeder andere weiterführende Impuls auch aus nichtmuslimischer Perspektive herzlich willkommen und eine Möglichkeit für mich blinde Flecken im eigenen Denksystem zu erkennen.

Zugleich sollte wir Muslime untereinander auch nicht besserwisserisch um einen vermeintlichen ersten Platz in einem virtuellen Islamvereinnahmungswettbewerb zanken, wo doch heute weit größere Herausforderungen auf uns warten als durch kleinkarierte Wortgefechte zu „beweisen“, welcher Denker, welcher Prediger, welcher Cemaat oder welche Nation die krassesten Muslime vor Gott sind. Jeder kümmere sich zuerst um sich selbst. Denn dort wartet noch bis zum Protonenzerfall genug Arbeit auf uns.

Ferner sei noch darauf hingewiesen, dass die beiden Haupttexte vor allem islamrechtliche und koranexegetische Aspekte behandeln. Darum möge sich nicht abschrecken lassen, wer den eher gefühlskalten Ton dieser Diskurse nicht gewohnt ist. Die sozialen und politischen Seiten werden in den Texten nur am Rande berührt. Überhaupt kann man davon ausgehen, dass wohl kaum eine reale Misshandlung in einer Ehe unmittelbar eine Folge von Koranversen ist. Jedoch können es manche Koranzugänge erschweren solche Gewaltanwendungen zu ahnden und zu ächten. Ferner ist das muslimische wie nichtmuslimische Vorurteil, dass die ideale islamische Familie zwangsläufig patriarchal strukturiert sein muss, durchaus auch ein praktisches Problem, zu dessen Lösung neben dem Aufbieten von guten Vorbildern insbesondere auch viel Theoriearbeit geleistet werden muss.

Aber auch aus einem anderen Grund halte ich dieses eher theoretische Thema für lebenswichtig. Denn es geht hier darum eine systematische Theorie des Islams überhaupt zu entwerfen, die den Anforderungen der Neuzeit auf Augenhöhe zu begegnen vermag und gläubigen Muslimen Mut macht sich intensiver mit Islamzugängen zu befassen, um hinterher selbst eine fundierte Position einzunehmen, die sie mit ihrem Glauben, ihrem Gewissen und ihrer Vernunft vereinbaren können. Dieser Anspruch geht weit über das rhapsodische Zitieren passender Koranverse hinaus und stellt hohe Anforderungen an das Denken in größtmöglichen Zusammenhängen, was zwangsläufig eine theoretische Tätigkeit ist (die aber dramatische praktische Konsequenzen haben kann).

Ich erwarte nicht, dass meine Argumente jeden überzeugen – aber es wäre mir die größte Ehre, wenn ich meinen Leserinnen und Lesern vielleicht hier oder dort Anregungen und Ideen für ihre eigene Suche geben kann. Denn nichts anderes ist das hier: eine Suche nach mehr Zusammenhang und Verständnis, nach mehr Klarheit und Sicherheit. Wenn man sich in seiner Suche mitteilt, kann man vielleicht auch anderen Suchern Möglichkeiten zeigen, die sie vielleicht bislang nicht kannten.

Letztlich geht es mir bei den ausführlichen Auseinandersetzungen mit weniger gemütlichen Themen wie dem Patriarchat vor allem auch darum künstlich erzeugte Probleme zu identifizieren und zu beseitigen um den Blick auf den eigentlichen Kern des Islams freizumachen, nämlich auf ein Leben in Spiritualität, Moral und Vernunfttätigkeit – und in der Ergötzung an allen Facetten von Gottes Schöpfung, von den Quarks und Gluonen, über Amseln und Eichhörnchen, über den Menschen bis zu den Galaxien und Superhaufen. Ich will einstimmen in den Chor der Schöpfung, die Gottes Namen preist in ihren eigenen mathematischen oder symbolischen Sprachen, selbstvergessen, um nicht zu sagen bis über beide Ohren verliebt in die majestätische Wurzel alles Seienden. Darum geht es letztlich, und um nichts anderes…

Mir bleibt es abschließend noch mich bei meinem Schöpfer für die großartigen Möglichkeiten zu bedanken, dank derer ich das Thema über mehrere Jahre in verschiedenste Richtungen untersuchen konnte, ohne auch nur einen Moment das Gefühl zu bekommen, dass es nicht im Sinne meiner Religion gewesen wäre immer wieder und wieder die selben Fragen zu stellen und nach Antworten zu ringen. Wenn ich auf meinem Weg Fehler begangen haben sollte, dann flüchte ich mich in die Barmherzigkeit Gottes – und ich bezeuge, dass ich mein Bestes gegeben habe und auch weiterhin geben werde den Willen Gottes zu verstehen, der sich nach meinem Glauben in der Vernunft, in der Schöpfung und in der Offenbarung manifestiert. In diesem Sinne…

„Preis sei Dir, wir haben nur Wissen von dem, was Du uns lehrst; siehe, du bist der Wissende, der Weise…“ (2:32)