Eine Streitfrage in der islamischen Theologie: Wie viele Atome konstituieren einen Körper?

Worüber debattierten islamische Theologen in Basra und in Bagdad im 9. Jahrhundert auf ihrer Suche nach einem Verständnis für Allahs Schöpfung?

Beispielsweise über folgende Frage:

“Wie viele Atome müssen miteinander verbunden sein, damit sie einen ersten wahrnehmbaren Körper bilden?”

Die Frage war nicht zuletzt deswegen interessant, weil die meisten islamischen Theologen im 9. Jahrhundert nicht nur von einer atomistischen Struktur der physikalischen Geschöpfe ausgingen, sondern auch davon, dass diese Atome keine Ausdehnung besitzen, also wie mathematische Punkte gedacht werden müssen (im Unterschied zu den Atomen der altgriechischen Atomisten und nicht ganz unähnlich zum Konzept der Elementarteilchen in der heutigen Quantenfeldtheorie). Ein einzelnes Atom galt für sich als zunächst nicht wahrnehmbar. Ein Problem stellte sich nun bei der Frage, wie ausdehnungslose Atome sich gegenseitig berühren können und wie die aus ihnen gebildeten Körper überhaupt so etwas wie ein Volumen einnehmen können.

Folgende Antworten wurden diskutiert (vgl. Josef van Ess, Gesellschaft und Theologie im 2./3. Jahrhundert Hidschra, S. 459 f.):

a) mindestens 8 Atome müssen zusammenkommen – dann können sie wie die Ecken eines Würfels einen Körper mit minimalem Volumen bilden (Meinung des Theologen Mu’ammar), aus denen dann größere Körper konstruiert werden können.

b) mindestens 6 Atome müssen zusammenkommen – wenn man sich ein Raumgitter vorstellt und sich in einem Schnittpunkt dieses Gitters das Zentrum des zu bildenden Minimalkörpers denkt, dann entsprechen die um dieses Zentrums verteilten 6 Atome den Richtungen oben – unten- vorne – hinten – links – rechts (Meinung des Theologen Abu al-Hudhayl)

c) mindestens 36 Atome müssen zusammenkommen – diese sind in sechs mal sechs “Pakete” verteilt. Die einzelnen 6er-Pakete entsprechen der Struktur aus b). Damit daraus eine nach außen koordinierten Gestalt wird, müssen jedoch sechs von diesen Sechserpaketen verteilt werden auf die sechs Raumrichtungen. Die sechs Atome aus b) werden also ersetzt durch sechs Sechserpakete. Damit bildet also ein solches “Molekül” den Grundbaustein der physikalischen Welt. (Meinung des Theologen Hisham al-Fuwati)

d) Im Grunde genügt schon zwei Atome, da ein Körper per Definition eine Zusammensetzung aus Atomen darstellt. Wahrnehmbarkeit ist hier nicht das primäre Kriterium (Meinung des Theologen al-Iskafi – diese Meinung setzte sich später bei den Ash’ariten durch)

e) Im Prinzip reicht ein einziges Atom – denn bereits in einem Atom ist das Potenzial Bindungen mit anderen Atomen bereits angelegt. (Meinung des Theologen Abu-l-Husayn al-Salihi)

Dies war der Hintergrund der “Natur-Theologie” der mu’tazilitischen Islamgelehrten, vor dem die Ash’ariten ihren Atomismus weiterentwickelten.


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