Die von Nawid Kermani Getöteten

Einst schrieben islamische Mystiker ein Buch namens “Die vom Koran Getöteten”. Es handelte laut Navid Kermani von Sufis, die durch Koranrezitationen dermaßen entzückt waren, dass sie vor Rührung starben.

Davon inspiriert schrieb Navid Kermani ein Buch namens “Die von Neil Young Getöteten”, in dem er erzählt, wie seine unter Koliken leidende neu geborene Tochter erst dann mit dem Weinen aufhörte, als der verzweifelte Vater Musik von Neil Young auflegte.

Heute erkläre ich mich offiziell zu den “Von Navid Kermani Getöteten”. Ich habe mir eben seine ganze Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2015 angehört und bin überwältigt, begeistert, traurig und wütend. So wie man sich nach einer anständigen Rede fühlen sollte.

Neben den vielen thematischen Ebenen, die Kermani meisterhaft miteinander vernetzt und dabei nie seinen roten Faden verliert, haben mich vor allem seine Worte über die heute verschollenen islamischen Traditionen in den unterschiedlichsten Bereichen von Kunst, Kultur und Religion beeindruckt.

Ganz wie er sagt, ist Sentimentalität (und auch Melancholie) das Grundgefühl, das auch mich begleitet, wenn ich mich mit den Geistesgrößen der islamischen Geschichte befasse.

Genau genommen ist dieses Gefühl zum Kotzen.

Das Gefühl, dass viele meiner größten Inspirationen seit fast einem Jahrtausend tot sind, bedrückt mich und wirft nach Kermanis Rede für mich einmal mehr die Frage auf, für was genau wir gegenwärtigen Muslimen eigentlich stehen, und wie lange wir den kultur- und geschichtslosen Status Quo eigentlich noch auf uns sitzen lassen wollen. Aber das ist ein anderes Thema…

Lange Rede, kurzer Sinn: Wer diese Rede verpasst, ist selber schuld!

(Die Rede ist hier zu finden)

 


Kommentare

Die von Nawid Kermani Getöteten — 1 Kommentar

  1. Ja, die Rede war wirklich groß.
    Wenn das viele gläubige Muslime so empfunden haben sollten,wäre das ja bereits ein hoffnungsvolles Zeichen.

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