Die Naturgesetze und die Gewohnheiten Gottes

Der Glaube an einen Schöpfergott speist sich entgegen einem verbreiteten Vorurteil nicht aus dem Versuch rätselhafte Naturerscheinungen zu erklären. Zumindest dem abrahamischen Monotheismus würde eine solche Logik widersprechen. Denn dieser will mit Gott gar nicht etwa die Entstehung von Blitzen erklären, sondern sieht in Gott die treibende Kraft hinter dem Weltganzen überhaupt. Die gesamte Natur vom Kleinsten bis zum Größten gilt ihm als Ausdruck einer einzigen schöpferischen Macht, was historisch zur Idee einer Einheit der Natur in Himmel und auf der Erde führte.

Doch wie soll man sich das Wirken eines allmächtigen Gottes in einer solch geordneten Welt verständlich machen? Eine von vielen Antworten darauf wurde vor über einem Jahrtausend in der rationalen Kalām-Theologie des Islams entwickelt. Demnach besteht die Natur aus punktförmigen Atomen, deren physikalische Eigenschaften in jedem Moment von Gott neu erschaffen werden. Die Zeit wiederum fließt nicht, sondern es gibt kürzeste Zeiteinheiten, in denen die Eigenschaften der Atome stets neu erzeugt werden. Ebenso gibt es kleinste Raumeinheiten, die leer oder mit Atomen besetzt sind. Gemessen am rein spekulativen Charakter dieser Ideen klingen die physikalischen Konzepte dahinter erstaunlich modern.

Das Naturgeschehen wird damit nun so erklärt, dass Gott den aktuellen Zustand eines jeden Atoms zum Anlass nimmt um dessen nächsten Zustand zu erschaffen, beispielsweise in der benachbarten Raumzelle, oder mit neuen Eigenschaften. So entsteht ein Eindruck von Bewegung und Veränderung, während in Wirklichkeit in jedem Moment die ganze Welt erneuert wird. Diese Erneuerung erfolgt nicht beliebig oder chaotisch, sondern nach Regelmäßigkeiten, deren mathematische Ordnung und Harmonie ein Ausdruck der Weisheit Gottes ist.

Die Regelmäßigkeiten in der Schöpfung erscheinen uns als Naturgesetze. Die Kalām-Theologen hingegen bezeichnen diese metaphorisch als Gewohnheiten Gottes – Gewohnheiten, die eine harmonische und einfache, zugleich aber auch außerordentlich vielfältige Natur ermöglichen, zu der letztlich auch wir gehören. Ähnliche Gedanken findet man auch im islamischen Sufismus, wo die Welt als Ort der Erscheinungen der Namen Gottes aufgefasst wird.

Gemeinsam ist diesen Vorstellungen, dass sie Gott auch in den scheinbar einfachsten Dingen des Alltags als permanenten Schöpfer sehen. Sie verdeutlichen, dass sich ein Schöpfer und die gesetzesartige Struktur der Natur nicht ausschließen. Nicht zuletzt erinnern sie uns daran, dass jeder Moment, der uns in dieser Welt geschenkt wird, ein völlig neuer ist, also eine immer wiederkehrende Möglichkeit eines Neuanfangs, die auch als solche genutzt werden möchte.

(Mein Beitrag vom 10.10.2014 in „Islam in Deutschland“ auf SWRinfo)