Die große Erzählung

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Ramadan. Der Ramadan gilt Muslimen als Monat des Korans – ganz in diesem Sinne möchte ich dies zum Anlass nehmen hier in den nächsten Tagen mit euch einige Koranverse zu teilen, die mich selbst schon immer sehr inspiriert haben, und deren Gesamtschau meinen Blick auf den Koran und meine Art von ihm zu profitieren ausmacht.

Mir ist heute wieder bewusst geworden, wie entscheidend sich die Perspektive auf ein Werk wie den Koran oder die Bibel verändert, wenn man an dieses Buch glaubt. Nun wissen meine Leserinnen und Leser, dass ich den Koran gerne analytisch angehe, den Wortlaut vor dem Hintergrund exegetischer Überlegungen untersuche, historische und textuelle Kontexte für entscheidend halte und die These für plausibel erachte, dass man oft hinter den Wortlaut blicken und nach den höheren Zwecken von Aussagen Ausschau halten muss um zu verstehen, was der Koranautor mit einer Passage eigentlich intendiert.

Aber all diese vielleicht als kritisch-islamisch bezeichenbaren Reflexionen ändern nichts an der Tatsache, dass der Koran für mich Wort Gottes ist und bleibt.

So habe ich ihn lieben, manchmal an ihm verzweifeln und ihn von einer höheren Warte aus erneut lieben gelernt.

Und es ist mir eine große Freude zu sehen, dass ich den Koran sowohl als Wort Gottes ehren und im Geiste des Gottedieners rezitieren, als auch ihn analytisch mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen kann. Beides – der religiöse und der wissenschaftliche Ansatz – sind unterschiedliche Perspektiven, die ihren eigenen Regeln gehorchen, sich gegenseitig ergänzen, und manchmal auch im Spannungsfeld zueinander stehen.

Eben vor diesem Spannungsfeld haben Gläubige großen Respekt – oft wird dieser Respekt so groß, dass sie sich scheuen sich überhaupt noch auf dieses Spannungsfeld einzulassen.

Aber ich meine, dass die Intention des Koranautors die ist, dass sich Gläubige eben auf beiden Wegen mit dem Koran befasst. Natürlich ist es ein inneres Ziel des Gläubigen beide Ebenen – Glaube und Vernunft – in Gleichtakt zu bringen, bisweilen sogar zur teilweisen oder vollständigen Übereinstimmung.

Aber für einen solchen Erfolg gibt es weder ein schnelles Patentrezept, noch eine Gewissheit, dass man ihn erreicht.

Denn sobald die Vernunft ins Spiel kommt, belasten wir unser Verhältnis zum Koran mit unserer eigenen gewaltigen Historizität und können gar nicht mehr anders als uns selbst im Koran zu suchen und Schatten unserer selbst wiederzufinden – und da wir alle sehr unterschiedliche Geschichten mitbringen, ist auch die Übereinstimmung von Vernunft und Glaube nichts, was sich allgemeinverbindlich in Form von Thesen fixieren ließe, sondern stets eine einmalige großartige Erzählung unseres eigenen Verhältnisses zu Gott, zur Welt und zur Religion.

Eben diese Erzählung ist es, für die ich mich hier interessiere – mein persönlicher Weg mit dem Koran und der Vernunft.

Ja, Koran und Vernunft sind meine beiden Maßstäbe, an denen ich mein religiöses Ich messe.

Alles andere sind wichtige, aber untergeordnete Details, mit denen ich diese knappe Auflistung nicht aufblähen muss.

Ist ein solches religiöses Weltbild tragfähig, dass sich aus zwei so verschiedenen Dingen speist?

Und verspotte ich nicht den Ernst und die Komplexität jeglicher fundierter Beschäftigung mit religiösen Texten und rationaler Wissenschaft, wenn ich diese hier schlagwortartig en passant zu meinen Leitmotiven erkläre?

Nun – ich formuliere hier im Moment kein wissenschaftliches System, sondern suche nach der großen Erzählung, als deren Teil ich mich sehe. Ich übe mich also im Mut zur großen Erzählung. Dieser Mut ist eine der größten Geschenke, die die Religion dem Menschen machen kann.

Dabei ist jede große Erzählung jedoch stets meine eigene und ganz persönliche Geschichte, die ich nicht verleugnen kann, und erst recht gar nicht will.

Und vielleicht reizt dies ja den einen oder anderen dazu sich selbst Gedanken über seine eigene große Erzählung zu machen, ohne unter die Last einer untragbaren Beweispflicht, oder der Verpflichtung zu Vollständigkeit und Gründlichkeit zu versinken. Vielleicht – oder gar mit Sicherheit? – treffen wir uns ja an einigen wichtigen Wegmarken.

Es ist das Spiel mit Motiven und Kontrasten, und die Beobachtung unserer eigenen Reaktionen darauf, das uns deutlich werden lässt, wo wir wirklich stehen.

Was wir den Leuten hinterher erzählen ist jedoch meist derart analytisch verfremdet und dem allgemeinen Diskurs angepasst, dass es alles Mögliche ist, außer die große Erzählung, der wir lauschen, wenn wir alleine sind – der Erzählung, an die wir in letzter Konsequenz glauben, wenn keine Instanz uns mehr zur Zensur nötigt, keine Rechenschaft vor Geschöpfen gefordert ist und nur noch eine angenehm erschaudernde Ahnung von dem Höchsten und Absoluten bleibt, das sich uns in seiner stillen und erhabenen Gegenwart offenbart…

In diesem Sinne…