Die Auslegung von 2:29 im Späte-Erde-Szenario

In 2:29 heißt es:

Er ist es, Der für euch alles, was auf der Erde ist, erschuf und Sich hierauf (ṯumma) dem Himmel zuwandte und ihn dann zu sieben Himmeln formte.“ (Sure 2, Vers 29)

Der Wortlaut deutet also auf eine Schöpfungsabfolge Erdausstattung-Himmel hin, wie wir sie im Späte-Erde-Szenario bisher problemlos vermieden haben. Darum erfordert diese Passage eine Klärung. Zum Vergleich nochmals 41:11-12:

Hierauf wandte Er sich dem Himmel zu, während er noch aus Rauch bestand, und sagte dann zu ihm und zur Erde: ‘Kommt beide her, freiwillig, oder widerwillig. Sie sagten: ‘Wir kommen in Gehorsam’. So führte Er sie als sieben Himmel in zwei Tagen aus.“ (41:11-12)

Trotz der ähnlichen Formulierung zu 2:29 liefert 41:11 eine entscheidende zusätzliche Information, die in 2:29 fehlt, nämlich, dass im Zuge der Erschaffung des Himmels ein Befehl an Himmel und Erde ausging gemeinsam im Kontext einer Rauchwolke in Erscheinung zu treten. Das hatten wir als Beleg dafür gedeutet, dass die Erde erst hier physikalische Realität wurde. Darum muss im Sinne der Kohärenz unter Beachtung der Prioritäten der Passagen auch 2:29 im Einklang dazu ausgelegt werden, sodass wir die Auslegung der letzteren Passage an unser Späte-Erde-Szenario anpassen wollen.

Es sprechen einige Gründe für eine Priorisierung in diese Richtung: Von den betrachteten Passagen in den Suren 2, 41 und 79 ist 2:29 die kürzeste und liefert am wenigsten Informationen (bzgl. der geschaffenen Erdinhalte, Ausgangspunkt und Ende des konkreten Schöpfungsaktes am Himmel, zeitliche Verhältnisse etc.). Damit ist sie hinsichtlich Details zum Schöpfungsablauf die vieldeutigste der drei Passagen und bietet sich am ehesten für eine interpretative Einpassung an. Dazu sind drei Wege denkbar:

(1) Aufhebung der Zeitordnung in 2:29

Der nahe liegende Weg besteht darin das ṯumma aus 2:29 nicht zeitlich nachordnend („dann“), sondern rein aufzählend verstehen („auch“/“ferner“). Eine solche Verwendung von ṯumma kommt auch in anderen Koranpassagen durchaus vor. Dass dies auch in 2:29 zumindest möglich ist, sahen wir in der Diskussion ar-Rāzīs, der eine solche Deutung als die „wahre Antwort“ auf den Verdacht eines Widerspruchs zwischen den Schöpfungspassagen sah.

Jedoch müsste noch begründet werden, warum wir das ṯumma in 41:11 im Unterschied zu 2:29 und trotz ähnlicher Formulierung dann doch zeitordnend verstehen wollen. Eine solche Unterscheidung kann wie oben erläutert mit dem unterschiedlichen Situationskontext (gleichzeitiges Erscheinen von Himmel und Erde in 41:11 im Unterschied zu 2:29) begründet werden. Der ähnliche Satzeinstieg („dann wandte er sich zum Himmel“), und dass beiderseits von der Gestaltung der sieben Himmel die Rede ist, belegt also noch nicht, dass in 2:29 und 41:11-12 der selbe konkrete Schöpfungsprozess gemeint ist. Die Himmelsgestaltung aus 2:29 könnte demnach also zu einem beliebigen, durchaus auch früheren Zeitpunkt stattgefunden haben.

Für diese atemporale Deutung von ṯumma sprechen einige Besonderheiten der Schöpfunsverse. Zum einen ist in 2:29 die Rede davon, dass Allah die sieben Himmel formte (fa-sawwāhunna). Im Unterschied dazu ist in 41:12 von einer Vollendung oder Ausführung der sieben Himmel die Rede (fa-qaḍāhunna). Es gibt jedoch eine andere koranische Passage, in der wie in 2:29 vom Formen des Himmels die Rede ist, nämlich 79:28. Dort heißt es von der Schöpfung des Himmels „und er formte ihn“ (fa-sawwāhā). Es ist aufgrund der Verwendung des selben Schöpfungsbegriffs zwar nicht zwingend, aber durchaus denkbar, dass 2:29 ein Detail zu 79:28 transportiert, nämlich dass die Formung des Himmels in diesem Vers als eine Formung zu sieben Himmeln zu verstehen ist. Und wie bereits diskutiert findet dieser Teil der Himmelschöpfung in Sure 79 nicht am Ende, sondern am Anfang vor der Erschaffung der Erde und ihrer Inhalte statt, womit auch die Formung der sieben Himmel aus 2:29 ein Prozess eher zu den Anfangszeiten der Schöpfung wäre. Insgesamt betrachtet hätte Gott also in den ersten Phasen der Schöpfung die sieben Himmel geformt (79:28 und 2:29) und etwa ab dem fünften Tag der Schöpfung vollendet (41:12).

Für diese Deutung spricht auch, dass 2:29 mit nur zwei Schöpfungsaspekten im Vergleich zu den anderen Schöpfungspassagen und sonstigen Berichten im Koran eine untypisch kleine Anzahl von Informationen für eine zeitlich geordnete Aufzählung beinhaltet. Damit hängt auch die Beobachtung zusammen, dass der Vers unmittelbar vor 2:29 vom Leben und Tod der Menschen berichtet, also von Dingen, die eindeutig erst nach der Erschaffung von Himmel und Erde möglich sind. Auch diese spricht dagegen die vorliegende Passage zeitlich geordnet zu verstehen.

Nun folgen die zwei Möglichkeiten das ṯumma doch zeitlich auszulegen und trotzdem das Späte-Erde-Szenario beizubehalten.

(2) Atomistische Deutung der Erdinhalte von 2:29 parallel zu 41:9-12

Eine etwas spekulative Möglichkeit, die jedoch gut zu unserem heutigen physikalischen Kenntnisstand passt, wäre folgende: Dass Gott gemäß 2:29 alles, was auf der Erde ist, schuf, bedeutet nicht die Erschaffung konkreter Objekte (die ja nicht genannt werden), sondern der Stoffe, aus denen sie bestehen, d. h. ihrer Atome oder Elementarteilchen. Da die Möglichkeit der heutigen makroskopischen Objekte sehr sensibel von Details ihrer Atome bzw. Elementarteilchenphysik abhängt, ist es nicht verkehrt den Beginn der ursprünglichen Erschaffung dieser Objekte auf die Zeit der Erschaffung ihrer Rohstoffe lange vor der Entstehung der Erde zu legen. Dass hier speziell der Mensch als Zweck genannt wird, verdeutlicht weniger, dass er der einzige ist, der davon profitiert (siehe z. B. „für euch und euer Vieh“ in 79:33), sondern dass die Elemente in ihrer kollektiven Gesamtheit (ǧamīʿan aus 2:29) so geschaffen wurden, dass Lebewesen wie der Mensch erst möglich wurden.[1]

Dass die Formung der sieben Himmel diesem Schöpfungsakt zeitlich folgt, könnte bedeuten, dass Gott die geschaffene Materie zur Grundlage der sieben Himmel gemacht hat. Oder man fasst diese Formung gar als kongruent zu 41:12 auf, ohne dass hier der Rauch und das Erscheinen der Erde nochmals explizit genannt wären. In jedem Fall kann mit einer solchen Auslegung das ṯumma aus diesem Vers weiterhin genauso wie in 41:9-12 zeitlich verstanden werden. 2:29 wäre dann eine stark gekürzte Umformulierung einiger Aspekte von 41:9-12, da dort ja auch die Erde und insbesondere ihre Ausstattung lange vor ihrem eigentlichen Erscheinen geplant wurde (Tage 1-4), also dass sie und ihre Inhalte in den ersten vier Tagen schon in imaginärer und rudimentärer Form geschaffen wurden.

Im Grunde genommen entspricht diese Argumentation einer Anwendung der These Ar-Rāzīs, dass Erschaffen (ḫalq) zunächst nur ein bestimmendes Planen (taqdīr) und noch nicht das eigentliche Hervorbringen (takwīn) beinhaltet, auf 2:29. Dies würde auf ein vergleichbares Ergebnis führen.

(3) Unterteilung in mehr Phasen durch Unterbestimmtheit von Informationen in 2:29

Eine andere Möglichkeit die Auslegung von 2:29 an das Späte-Erde-Szenario anzupassen besteht darin die dort genannten Schöpfungsaspekte so zu interpretieren, dass sie die zeitliche Ordnung unseres Szenarios berücksichtigen. Konkret hieße dies beispielsweise die Formung der sieben Himmel als einen Vorgang zu verstehen, der ganz am Ende der Schöpfung, nachdem die Erdinhalte erschienen sind, als Abschluss der hier nicht näher beschrieben Himmelsschöpfung erfolgt. So gesehen hätten sich nach der Hervorbringung der Erde aus der Rauchwolke zu Beginn der fünften Tages der Schöpfung zunächst die potenziellen Erdinhalte aktualisiert, d. h. Ozeane, Berge, Pflanzen und Tiere wären in das Dasein getreten. Die abschließende Formung der sieben Himmel wäre dann ein Prozess am Ende der letzten zwei Schöpfungstage gewesen, als die Himmel vollendet wurden. Die Formulierung „dann wandte er sich zum Himmel“ wäre dann auf zwei Zeitpunkte bezogen, nämlich einmal bevor die Erde erschien (41:11) und dann noch einmal nachdem die Erdinhalte realisiert waren (2:29). Da die Zuwendung Gottes zum Himmel sicher nicht als einmaliges kosmisches Ereignis zu verstehen ist, sondern als sprachliche Einleitung der Beschreibung einer ohnehin fortwährenden Schöpfung, wäre diese Dopplung theologisch wohl eher unbedenklich.

Diskussion der drei Möglichkeiten

Die letztgenannte Möglichkeit (3) scheint trotz ihrer logischen Möglichkeit einen zu starken Ad-hoc-Charakter zu haben. Im Prinzip wird dabei alles, was Passungsprobleme machen könnte, einfach per Definition oder Dopplung passend gemacht.

Möglichkeit (1), also die Aufhebung der Zeitordnung, wäre sicher die pragmatischste und am wenigsten spekulative der drei Möglichkeiten, da sie durch Aufhebung der Zeitordnung den Informationsgehalt von 2:29 derart reduziert, dass gar keine Notwendigkeit einer Einpassung mehr besteht. Zugleich wäre sie die traditionsreichste Möglichkeit, wie wir im Kapitel über die Diskussion des Zeitordnungsproblems gesehen haben, wenngleich sie bei uns nur bei diesem einen Vers konsequent zu Einsatz käme. Auch wenn das ein Stück weit plausibel gemacht werden kann, bleibt ein Rest von externer Setzung.

Die atomistisch argumentierende Möglichkeit (2) ist inhaltlich voraussetzungsreich, da sie ohne das Späte-Erde-Szenario nicht auskommt. Aber sie wäre, nachdem wir plausibel gemacht haben, dass die Erde in 41:9-12 vier Tage lang nur virtuell geschaffen wurde, eigentlich die konsequentere, zumal dann nicht nur an dieser einen Stelle eine Ausnahme für die Auslegung des ṯumma gemacht werden müsste.

Vermutlich müsste man sich zwischen (1) und (2) entscheiden, wobei mir persönlich die atomistische Deutung (2) attraktiver erscheint, je länger ich mich damit befasse (was nichts heißen muss). Die Theorie funktioniert würde aber auch mit (1) sehr gut funktionieren. Bei (3) hingegen bleibt der Verdacht einer allzugroßen Beliebigkeit.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.

Anmerkungen

[1] Verse wie 2:29 lassen sich sowohl im Sinne des schwachen, als auch des starken anthropischen Prinzips deuten. Ersteres besagt, dass wir aus rein logischen Gründen schon, wenn wir schon leben, eine Welt vorfinden, in der wir überleben können. Letzteres hingegen besagt über eine Feststellung logischer Notwendigkeiten hinaus, dass die physikalische Wirklichkeit von Anbeginn der Welt gezielt so eingerichtet war, dass eines Tages menschenähnliches Leben entstehen musste. Das starke anthropische Prinzip trifft also eine metaphysische Aussage über Teleologie in der Natur (ohne zugleich auf deren Beweisbarkeit pochen zu müssen). Eine Diskussion des anthropischen Prinzips soll an anderer Stelle erfolgen.