Persönliche Anekdote zur 6-Tage-Schöpfung

Als Elftklässler hatte ich drei Lieblingsbeschäftigungen: das Komponieren von Metal-Songs für meine Band, das stundenlange Diskutieren mit Leuten jedweder Couleur und den Versuch die Vereinbarkeit meines Glaubens mit der Naturwissenschaft zu beweisen. Diese kleine Geschichte handelt von einem Super-GAU, der sich während meiner Beschäftigung mit dem Thema Astrophysik im Koran ereignete, und davon, wie ich da wieder heil herauskam. Zugleich ist diese Anekdote zu verstehen als Auftakt und Auslöser einer Textreihe zum Thema Naturwissenschaft und Koran, wie es sich mir heute fast zwei Jahrzehnte nach meinen ersten Erfahrungen damit darstellt.

Zum Thema: Mitte der Neunziger schleppte ich wöchentlich populärwissenschaftliche Bücher aus der Stadtbibliothek nach Hause, in denen das Alter unseres Universums mit 10 bis 20 Milliarden Jahren angegeben wurde, während man unserer Erde und dem Sonnensystem meistens deutlich präziser ein Alter von 4,5 Milliarden nachsagte. Fest stand damals also, dass unsere Erde ein eher spätes Produkt der Geschichte unseres Universums war, das selbst wiederum aus einem gigantischen Urknall vor wie gesagt 10 bis 20 Milliarden geboren worden war.

Bei meiner Beschäftigung mit dem Koran wiederum – einst angestoßen durch ein geniales Koranwunder-Buch des seligen Arztes Dr. Haluk Nurbaki – war ich auf einen Vers gestoßen, den ich hervorragend mit der Urknalltheorie und der Entstehung des Lebens im Ur-Ozean in Verbindung bringen konnte: „Sehen die Leugner denn nicht, dass die Himmel einst zusammenhingen, und dass Wir sie getrennt haben? Aus dem Wasser brachten wir alles Lebendige hervor. Werden sie denn nicht glauben?“ (Koranvers 21:30). Es ist kaum auszumessen, wie sehr mich dieser Vers prägte und tief in mir die Überzeugung einer Vereinbarkeit von islamischem Glaube und Rationalität einließ.

Leider führte mich mein Enthusiasmus schon kurz nachdem ich begann unabhängig von Dr. Nurbaki im Koran zu forschen in eine Sackgasse. Denn an anderer Stelle im Koran fand ich eine Schöpfungsreihenfolge von Erde, Erdausstattung und Himmel vor, die der Astrophysik deutlich widersprach. Demnach hatte Gott zu Beginn seines 6-Tage-Schöpfungswerks in den ersten zwei Tagen die Erde, in zwei weiteren Tagen deren Ausstattung und in den zwei letzten Tagen die sieben Himmel aus Rauch geschaffen (41:9-12). Auch wenn man das Wort „Tag“ gut als lange Periode verstehen konnte, so blieb doch die das Problem einer wissenschaftlich kaum haltbaren Schöpfungsreihenfolge.

Hinzu kam, dass diese detaillierte Schilderung im Widerspruch zur Schöpfungsreihenfolge im Bericht aus Sure 79 stand. Dort war erst von einer Erhöhung des Himmels mit anschließender Ausbreitung und Ausstattung der Erde die Rede. Damit lagen also mehrere und sich zunächst widersprechende koranische Schöpfungsberichte vor, was für ein Buch, dass selbstsicher auf seine Freiheit von Widersprüchen hinwies, gar nicht gut war (4:82). „Ich finde hier keine Logik. Es widerspricht mehrfach der Naturwissenschaft, es widerspricht vielen anderen Koranversen“, kritzelte ich damals angenervt in mein Tagebuch. Das einzig Beruhigende war, dass sich die Schöpfungsreihenfolge in Sure 79 im Vergleich mit der Naturwissenschaft als unproblematisch erwies.

Lange plagten mich diese beiden Probleme – wissenschaftlich unhaltbare Schöpfungsreihenfolge in Sure 41 und Widerspruch zu Sure 79 – zu deren Beantwortung ich weit und breit keine Unterstützung fand und mich zunehmend überfordert fühlte. Doch oft kommen einem die rettenden Ideen nun mal erst dann, wenn die Lage völlig verloren scheint. Es muss nach einer Nacht dunkelster Grübelei gewesen sein, als mir tagsüber ein mehrere dutzend Male schon gelesenes, aber offensichtlich überlesenes Detail aus Sure 41 einfiel, das ich sofort genauer anschauen musste. Und tatsächlich: Da hieß es nach dem Bericht von der viertägigen Erschaffung der Erde über den Beginn des fünften Tages: „Dann wandte Er [also Gott] sich zum Himmel, der Rauch war, und sprach zu ihm und zur Erde: ‘Kommt, ob freiwillig, oder widerwillig!’ Und sie sprachen: ‘Wir kommen freiwillig’“ (41:11). Der Befehl zum Erscheinen aus der Rauchwolke richtete sich also nicht nur an den lokalen Himmel, sondern auch an die Erde, von der es doch zuvor unstrittig schien, dass sie laut Sure 41 schon lange vor dem Himmel da war.

Dieses eine Detail änderte nun alles: Die vier Tage lang geschaffene Erde war zu Beginn des fünften Tages also in irgendeinem Sinne noch gar nicht physikalisch real. Erst zu Beginn des fünften Tages erschien sie zusammen mit einem Teil des Himmels aus einer Rauchwolke. Das würde bedeuten, dass die während vier kosmischer Tage vorbereitete Erde also doch erst später zu physikalischer Wirklichkeit wurde, genau so, wie die Astrophysik es lehrte. Auch der Widerspruch zu Sure 79 war  verschwunden, da man beide Berichte nun widerspruchsfrei übereinander legen konnte und sich die Details nunmehr hervorragend ergänzten. Zum Anfang der Schöpfung erhöhte demnach Gott den Himmel (79:27-28), während er parallel dazu die noch unsichtbare Erde vorbereitete (erste vier Tage in 41:9-10). Dann befahl er der Erde und einem Teil des Himmels zu erscheinen, und zwar aus einer Rauchwolke (ergänze: aus dem interstellaren Nebel, von dem die Astrophysik berichtet) (41:11), was in Sure 79 als erste reale „Hinbreitung der Erde“ beschrieben war (79:30). Und in den letzten beiden Tagen wurde die reale Ausgestaltung der nunmehr erschienen Erde konkretisiert (79:31-33), während gleichzeitig dazu die sieben Himmel vollendet wurden (41:12).

Auch weitere Details ergaben nun Sinn: In den letzten zwei Tagen schuf Gott die sieben Himmel nicht etwa erst neu, sondern „Er vollendete sie so zu sieben Himmeln“, wobei das bezugslose Pronomen ‘sie’ darauf hindeutet, dass da oben schon etwas war, das zu sieben Himmeln vollendet werden konnte (41:12). Der Gedanke, dass da schon zuvor ein geschaffener bzw. erhöhter Himmel war, folgte ja auch direkt aus 79:27-28. Bemerkenswert war auch, dass nicht etwa alle Himmel zu Beginn des fünften Tages noch Rauch waren (obwohl sie in 42:12 Erwähnung finden), sondern nur „der“ Himmel (42:11), was an dieser Stelle womöglich auf einen der Erde nahen Teilbereich des Universums hindeutet. Auch an anderen Stellen unterscheidet der Koran schließlich zwischen den Himmeln als Weltganzem und einem nahegelegenen Himmelbereich im Singular, etwa wenn es heißt, dass Gott die Himmel und die Erde schuf und aus dem Himmel Wasser herabkommen ließ (14:32).

Gekrönt wurde dieses „Späte-Erde“-Szenario natürlich durch meinen Lieblings-“Urknall“-Vers 21:30, der ja lehrte, dass zu Beginn der Schöpfung das gesamte Universum eine zusammenhängende Masse war, die von Gott getrennt wurde, sprich: die durch regelartige Schöpfungsvollzüge Allahs, die wir Naturgesetze nennen, vom strukturlosen Anfangszustand der Welt zur ihrer komplexen Gegenwart mit intelligentem und bewussten Leben geführt worden war. In meinem Tagebuch hieß es nun: „Die Erschaffung in 6 Tagen ist genial, wenn man einfach mal das liest, was da steht.“

Elhamdulillah! Das war es. Das musste es sein.

Nachdem die hier aufgeworfenen Fragen also vorerst geklärt waren, bot sich nun eine einfache Rechnung an, sofern man annimmt, dass die sechs Schöpfungstage alle gleich lang waren: Wenn die Erde, wie ich von der Astro- und Geophysik wusste, ca. 4,5 Milliarden Jahre alt war, und wenn laut Koran die Erde erst zu Beginn des fünften Tages, also des letzten Drittels des Alters des Universums entstanden war, dann müsste das Universum doch dreimal so alt sein wie die Erde und und unser Sonnensystem, also ca. 13,5 Milliarden Jahre. Das lag im Bereich der mir damals bekannten astrophysikalisch gewonnenen Schätzungsgrenzen von 10 und 20 Milliarden Jahren. Ein weiterer Pluspunkt für diese Deutung!

Es war nun einige Monate ruhig um mein Herzensthema geworden. So ging ich eines Abends mit einigen Kameraden aus meinem Astronomiekurs zu einem öffentlichen Vortrag über moderne Kosmologie. Der hoch engagierte und an der Forschungsfront recherchierende Referent berichtete, dass einige offene Frage des Kosmologie heute klarer geworden wären, unter anderem die Frage nach dem Alter des Universums.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wie alt war das Universum also? Die Antwort schlug wie ein Blitz in mir ein: etwas über 13 Milliarden Jahre!

Volltreffer!

Ich dachte, ich würde gleich vom Stuhl fallen. Jedenfalls musste ich mir verkneifen vor Freude nicht irgendwas völlig Unpassendes durch den Saal zu rufen. Mein Tagebuch verzeichnete nunmehr: „Die zeitlichen Verhältnisse decken sich.“

Seit diesen Tagen sind gute 19 Jahre vergangen. Währenddessen wurde das Alter des Universums mit immer präziseren Vermessungen erst auf 13,7 Milliarden Jahre und zuletzt auf 13,8 Milliarden Jahre hoch korrigiert. Das Erdalter wird heute mit ca. 4,6 Milliarden Jahren angegeben. Auch mit diesen Zahlen bewährt sich die mit einfachen Methoden aus dem Koran gewonnene Einschätzung, dass die Erde zu Beginn des letzten Drittels des Alters des Universums aus einer Rauchwolke in Erscheinung trat, auf exzellente Weise.

Mal ehrlich: Was könnte man sich als naturwissenschaftlich interessierter junger Muslim mehr wünschen als eine kosmologische Prognose aus der eigenen heiligen Schrift, die sich bestätigt und auch nach zwei Jahrzehnten der Präzisionskosmologie bewährt? Was könnte die eigene Überzeugung von der Rationalität des eigenen Glaubens mehr festigen als eine widerlegbare Vorhersage, die alle Umbrüche der Astrophysik überlebt?

Und doch ist diese zugegebenerweise etwas pathetisch gehaltene Geschichte natürlich nicht schon das Ende, da sich in den zwei Jahrzehnten sowohl mein Bild von der Naturwissenschaft, als auch von der Koranexegese verändert und weiterentwickelt hat. Weder kann ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Urheber des Korans die von mir benutzten Verse wirklich so meint, wie ich sie verstehe, noch wäre es wahr zu behaupten, dass mehrheitlich vertretene Ergebnisse der Naturwissenschaft unumstößlich, geschweige denn in Fachkreisen unumstritten sind. Beide Bereiche – Koranexegese und Naturwissenschaft – sind höchst komplexe und traditionsreiche Tätigkeiten des menschlichen Geistes, die nur selten so einfach ein harmonisches Ganzes in sich oder gar miteinander ergeben. Auch ist der Versuch koranische Aussagen unmittelbar mit naturwissenschaftlichen Theorien zu vergleichen zu Recht umstritten.

Ich will in einer Artikelserie sowohl diese grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis von Koran und Naturwissenschaft aufgreifen, als auch versuchen die oben vorgestellte Interpretation zur 6-Tage-Schöpfung koranexegetisch, aber auch naturwissenschaftlich plausibel zu machen und sie diskutieren, ohne sie jedoch als die einzig sinnvolle oder gar zwingend aus dem Koran ableitbare Deutung auszugeben. Dabei werde ich mich in einigen zentralen Fragen vor allem auf den Koran-Kommentar des naturwissenschaftlich versierten Gelehrten Faḫruddīn ar-Rāzī (gestorben 1209 n. Chr.) stützen, der eine Reihe meiner eher spontan aufgekommenen Ideen zur 6-Tage-Schöpfung im Koran schon vor gut 800 Jahren viel präziser ausformuliert und begründet hat.

Aus den genannten Gründen halte ich es nicht für sinnvoll mögliche Passungen zwischen Koranaussagen und Wissenschaft, wie die oben beschriebene, pauschal als Koran-Wunder zu deklarieren, wenngleich ich Verständnis dafür habe, wenn andere das tun. Um ein Wunder im klassischen Sinn zu sein, erfordern solche Auslegungen für meinen Geschmack immer noch zu viel Interpretation und Vorannahmen. Ich sehe heute im oben Beschriebenen eine verblüffende Übereinstimmung zwischen Teilaspekten einer für mich nahe liegend scheinenden Lesart der Koranpassage 41:9-12 und einer aktuell von großen Teilen der wissenschaftlichen Community anerkannten Theorie zur Geschichte unseres Universums. Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger. Eben deshalb möchte ich hier nicht zu viel relativieren, auch wenn ich heute ohne solche „Wunder“ glauben könnte, auch wenn ich weiß, dass die damaligen Erkenntnisse vielleicht nur ein glückliches Zusammenspiel von Missverständnissen gewesen sein könnten, auch wenn ich weiß, dass die naturwissenschaftliche Basis meiner Überlegungen morgen schon überholt sein könnte: In der Mitte der Neunziger waren solche Erfahrungen mit dem Koran sehr wohl so etwas ein subjektives Beglaubigungswunder des Korans für mich, das mein positives Verhältnis zu ihm und meinen tiefen Glauben an die Moralität und Rationalität der Essenz des Islams immens geprägt hat. Ein Kleinreden wäre undankbar angesichts der vielen unvergesslichen Momente des Zweifelns, Hoffens und Feierns, die ich als Jugendlicher mit diesem und ähnlichen Koranthemen hatte, und die mich weit in meine Gebete, Tagebücher und Songtexte hinein begleitet haben – Erfahrungen, die bis zum heutigen Tag meine Liebe und Leidenschaft für Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie anfachen und mich dabei trotz der Marginalität meiner Position immer wieder davon träumen lassen den Hauch einer Ahnung von den größten und erhabensten Zusammenhängen in der Welt zu spüren.

 

Weitere Texte zum Thema befinden sich im Dossier “Koranische Kosmologie”.